Der alte Mensch.
Es hatte wieder stundenlang in Strömen geregnet. Kein Wunder, daß Martin Holz bis auf die Haut durchnäßt war, als er am Abend von seinem Botengänge heim- kehrte. „Zieh' nur schnell das nasse Zeug aus, und dann leg' dich in's Bett," mahrue die Frau — „ich bring' dir die Suppe hin." Aber das ging nun nickt so schnell mit dem Ausziehen. Die Kleider klebten am Leibe, und vor allem schienen die dicken Stiefel entschlossen zu sein, allen Angriffen standzuhalten. Martin hatte sich lange mit aller Macht bemüht, sie auszuziehm, aber vergebens. Da griffen zuletzt sechs Hände an: die Frau und die beiden kräftigen Buben Peter und Fritz; und so mußten die widerspenstigen der Uebermacht weichen. — „Mutter," meinte Martin Holz, als er später behaglich im warmen Bette lag, „ich weiß jetzt, warum in der Bibel steht: „Ziehet den alten Menschen aus!" Der sitzt auch fest, fester noch als meine nassen Stiefel, und es gilt, daran zu ziehen, unablässig und mit aller Kraft. Auch müssen andere ziehen helfen, Frau und Kinder, Freunde und Nachbarn." — „Magst wohl recht haben," nickte die Frau; „aber Gott muß selbst doch das Beste dabei thun; muß auch zuweilen fest anfoffen, daß wir ach und weh schreien, sonst würden wir den alten Menschen nutzt nimmer los."
Aufschub.
Schiebe nichts auf, entledige dich des kleinsten Auftrags sofort, denn aus einem Aufschub kann der größte Schaden kommen. — So Soffitte es einem Briefträger in London nach der abendlichen Bestellung, daß er, wieder auf der Post angelangt, noch einen Brief in seiner Tasche vorfand, den er übersehen hatte. Der Brief sah ihm wie eine ganz gewöhnliche unwichtige Drucksache aus und er behielt-ihn für den ersten Rundgang am nächsten Morgen zurück. Was war die Folge? Weil dieses Schreiben nicht zur Zeit eintraf, konnte eine große Firma ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, sie mußte die Zahlungen einstellen, und Hunderte von Arbeitern verloren die Beschäftigung. Der saumselige Briefbote selbst wurde cm= lassen, seine Familie gerieth dadurch ins Elend und das alles wegen einer einzigen Pflichtversäumniß. St.
Erfindung.
Wer von uns fünfzig Jahr alt ist, kann wohl sagen, daß er in der wichtigsten und am raschesten fortgeschrittenen Zeit der Geschichte gelebt hat. Was ist in den verflossenen fünfzig Jahren alles erfunden und zustande gebracht worden: Dampfschiffe, die den Ozean befahren, Straßen - Eisenbahnen, Telegraphen - Linien, Kabel-Verbindung zwischen der alten und neuen Welt, Telephon, Phonograph, Photographie, und eine Menge anderer Dinge. Ferner sind erfunden worden: die Anilin-Farben, das elektrische Licht, Dampfmaschinen aller Konstruktionen, chemische Feuerlösch-Apparate, Schießbaumwolle, Dynamit, Aluminium und allerhand neue Kompositionen als Ersatz für Metall. Das ist nur eine kleine Zahl aller neuen Erfindungen, die wir mit erlebt und von denen vor einem halben Jahrhundert noch kaum jemand etwas wußte. Alle diese Erfindungen haben unserer Zeit ein stolzes Selbstbewußtsein gebracht, sie haben uns aber auch davon überzeugt, daß das Glück des Menschen von ihnen nicht abhängt. In Bezug auf den inneren Frieden bleibt das Menschenherz heute noch an dieselbe Ordnung gebunden, wie vor tausend Jahren, und das ist die Ordnung Gottes: „Glaube, und hüte dich, daß du in eine Sünde willigest und thuest wider Gottes Gebot. Es ist dir gesagt, Mensch was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten, Liebe üben und demüthig sein vor deinem Sott."
Himmelfahrt.
Festevangeltum: Marct 16, 14—20.
Luc. 26, 41. Und es geschah, da er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.
Als der Heiland von seinen Jüngern schied, gab er ihnen die Verheißung, daß sie die Kraft des heiligen Geistes empfangen werden. Er weist sie nicht auf etwas, das sie von unten her erwarten können, sondern auf das, was von obenher kommt. Er richtet ihren Sinn nicht auf die Erde, sondern auf den Himmel. So sollten auch sie Himmelfahrt halten im täglichen Leben. Das ist Christenwandcl und Christensieg. Doch ach, wie seltn sind die Geisteschristen, die sich nicht auf galten lassen von der Last und Mühe des Tages, noch auch sich ver- untren lassen von dem Getümmel der Menschen! Wie kleben wir doch alle an der Erde und lassen uns niederziehen von jedem Anfall der Trübsal, als wäre nicht der Himmel unser, und als sollten wir nicht auf Christi Himmelfahrt allein auch unsere Nachfahrt gründen!
Indem Jesus von den Seinen schied, hob er die Hände auf und segnete sie. Das war des Heilandes letzte That, sein Abschied von der Welt. Indem er seine Jünger segnete, hat er in den Jüngern anch alle künftigen Geschlechter gesegnet, die an ihn glauben würden. So gilt denn sein Segen auch uns. Dies ist das Gewisse, das wir in unserem Christenleben haben: der Herr liebt uns und verläßt uns nicht. Er segnet unsere Gedanken und unsere Werke, er segnet unser Herz und Haus. Mögen liebe Hände von uns ablassen in der Stunde der Versuchung und Noth; mögen die Hände der Feinde sich wider uns kehren in der Stunde ihrer Macht: — die treuen Hände unteres Herrn sind immer einerlei. Sie werden nicht müde zu segnen, sie wollen uns heben, tragen und erretten. Hier ist eine Stütze, die nimmer wankt, hier ist eine Zuflucht, die uns täglich offen steht. Jesus mußte gen Himmel fahren und zum Vater gehen, damit er mit seinem Segen bei uns bleiben und stets gegenwärtig sein könne, und damit er uns so fürsorglich, so fürbittend, so unablässig schirmen und behüten könne, wie es nur die Hand der Allmacht und die ewige Liebe vermag.
Als die Jünger den Heiland nicht mehr sahen, hörten sie doch alsbald wieder von ihm. Wenige Augenblicke nur war er ihren Blicken entschwunden, da standen auch schon die Himmelsboten neben ihnen und sagten, daß dieser Jesus, welcher von ihnen ausgenommen sei gen Himmel, wiederkehren werde, wie sie ihn gesehen hätten gen Himmel fahren. Mit der Hoffnung des Wiedersehens stillten die Engel den Trennungsschmerz der Jünger. Sie sollten nicht sehen, aber sie sollten glauben unv hoffen. Dies ist der Weg, auf welchen auch wir gewiesen sind.
Wieviele Boten hat uns Gott schon gesandt! Bald war es Freude, bald Leid, bald war es ein Wink von oben, bald ein Eingriff seiner gewaltigen Hand. Es mußte dunkel um uns werden, es muffte eine bange Nacht der Trübsal hereinbrechen, damit wir die verheißenden Stimmen aus Gottes Wort uns zu eigen machten. „Es ist noch nicht erschienen,