ßcrtf. 4] Kanua.
Erzählung von E. v. Hellen.
Hanna hatte heute. einen schweren Tag hinter sich, die Mutter. war sehr krank gewesen und als das Mädchen dem Bauern mit einer Schürze voll Torf begegnete, welche sie am Nachmittag noch in den Kamin ihres Stäbchens schütten wollte, hatte er ihr mit rohen Schelt- worten verwiesen, so viel einzuheizen, und sie mußte seufzend den Torf zurück tragen. Fritz hatte dann freilich durch den Hirtenhannes eine ganze diarre des schönsten Holzes vom Schulzen holen lassen für sie, aber als er jetzt neben ihr hcraina, zog sich sein Herz doch noch schmerzlich zusammen, wenn er an die Worte des Vaters dachte.
„Hanna," sagte er, „ich begreife nicht, wie du immer so still bleiben kannst, wenn der Vater so schrecklich auf dich einschät, ich sticke fast, wenn ich es höre; nimm mein Versprechen, mich nicht darcinzumischen, zurück. Ich kann es nicht länger mit ansehen, wie er dich behandelt, und ich will auch nicht."
„Ich bitte dich, Fritz," sagte sie flehend und stand dicht an der Kirchhofsprorte still, „ich bitte dich, rede nicht so, ich halte dich fest bei deinem Wort und weiß, daß du es mir halten wirst. Ich habe ein wunderbares Mittel entdeckt," fuhr sie fort, „um schweigen zu können."
„Nun," fragte er gespannt, Jage es mir, denn ich begreiw nicht, wie du es kannst."
„Um Jesu willen, heißt es," sagte sie einfach. „Hat unser Herr und Heiland sich soviel gefallen lassen um meinetwillen, müßte ich mich doch schämen, wenn ich einige zornige Worte nicht um seinetwillen ertragen könnte."
„Hanna," rief der Mann bewegt, „du bist ein Mädchen, wie ich keines sonst kenne!" — Er schwieg, und beide schritten dem Gehöft am Ende des Dorfes' -u. Unfern desselben zog sich ein Bretterzaun an der Dorfstraße hin, über welchen beschneites Buschwerk herabhing, hier, kurz bevor sie den Schutz desselben gegen den scharfen Nordost verließen, stand Fritz noch einmal still. Sein Herz. pochte hörbar, und Hannas Hand ergreifend, sagte , er: „Weißt du, daß ich in nächster Zeit verreisen, muß, Hanna?"
„Nein," sagte sie betroffen aufblickend, „wohin willst du, Fritz?"
„Ich kann es dir nickt sagen," erwiderte er, „es ist die Sache des Vaterlandes, die meinen Dienst fordert."
„Bleibst du lange?" fragte sie bang.
„Vielleicht einige Wochen," erwiderte er, „Hanna, ich möchte dich um etwas bitten, ehe ich gehe," fügte er stockend hinzu. - ; :
„Sage es nur, Fritz, wenn es bei mir steht."
„Bei dir und einzig bei dir, mein geliebtes Mädchen," sagte er warm, „du mußt es ja lange wissen- wie üeb du mir bist. Vom ersten Tage an, da ich dich im Walde traf, hast du mein Herz, gewonnen; sag mir, ob du mein sein willst, ob ich d^ch heimführen darf als mein geliebtes Weib."
Er legte den Arm um die schlanke Gestalt und er fühlte, wie sie bebte, als sie sich leise ihm zu entwinden strebte. „Fritz, um Gotteswillen," stammelte sie „was sprichst du? Laß mich — laß mich — gehen."
„Wie, Hanna." rief er bestürzt, „du willst nicht, du bist mir nicht gut? Ach," fuhr er traurig fort, „ich dachte es mir lange. Immer trachtest du mir aus dem. Wege zu gehen, immer hatt bit mich gemieden, und ich habe dich doch so sehr, sehr lieb, Hanna!" —
Das war doch zu viel, auch für ihre Standhaftigkeit, seine treuherzige Stimme bebte, und er stand mit gesenktem Haupre vor ihr. Sie wußte kaum, was sie that, aber sie faßte seine Hand wieder und flüsterte: „Fritz, ich — ich kann nicht anders, denke an deinen Vater!"
Er hatte sie sogleich verstanden. „Du also hast nichts
gegen mich," jubelte er und zog sie nun an sich, ihr Gesicht mit Küssen bedeckend, „du nicht! o, dann ist alles gut, das andere ist meine Sache. O, Hai na, ich bin nun unausspreckl ch glücklich."
Da schob sie ihn mit fester d^and zurück. „Des Vaters Segen baut den Kindern Häuser," sagte sie sehr erng. „Ich habe dich lieb, Fritz, ach, wie lieb. Dem Vater gibt uns Obdach und Unterhalt."
„Für deine redliche Arbeit," rief Fritz dazwischen.
„Wenn auch, ohne seine Einwilligung werde ich niemals dein Weib!"
„Hanna!" rief er, aber sie hatte mit raschen Schritten das Haus erreicht und verschwand in der Thür. Beide ahnten nicht, daß drüben am dunklen Fenster der Wohnstube der Bauer stand und alles, gesehen hatte, denn die beiden Gestalten hoben sich, trotz der Dunkelheit, durch den weithin leuchtenden Schnee ganz deutlich von dem Zaun ab.
IV.
Im Dorfe fuhr häufig ein Handelsmann aus und ein. Er kaufte, was es zu kaufen gab und dem aalglatten behenden Männlein war es gelungen, sich mit Vortheil durch Freund und Feind hindurchzuwinden. Am Tage nach dem Weihnachtsfest glitt sein Pianwägelchen auf Schlittenhufen gebunden lautlos durch den Wald vor Schönow. In "den Dorfstraßen Pflegte der Krämer eine alte Handglocke zu schwenken. Mitten im Walde tönte plötzlich aus dem Holz ein scharfer Pfiff und er hielt sein Gefährt an, steckte seinen Kopf, über welchen eine schäbige, alte Mütze so tief herabgezogen saß, daß sie nur die lange, spitze, rothe Nase sehen ließ, unter dem Plan hervor und krabbelte aus seinem Schlitten. Der müde Gaul stand schon von selbst still, und so stieg der Handelsmann die Seite des Hohlweges rasch hinauf und stand oben zwischen den beschneiten Tannen. Aus denselben trat jetzt, ganz in einen großen Mantel gehüllt, der alte Bauer Rinow an den Krämer heran. „Nun, wie geht's, wie steht's, Herr Amtmann," sagte das Männlein, das jedem einen Titel gab, die Mütze ziehend, „habt Ihr heute etwas für mich?"
„Da ist ein Bries," erwiderte der Bauer mürrisch, „es ist immer dieselbe Sache, und mir ist das Ding nun bald über, Kneepke, weiß Er das. Die Herren Franzosen bezahlen jetzt schlecht und ich habe nicht Lust, mir ihretwegen von meinen Landsleuten den Kopf zerschlagen und das Haus darüber anstecken, zu lassen. Ich sage Ihm, es wühlt allenthalben und ehe wir's uns versehen, wird der Betteltanz losgehen."
„Soll ich das etwa Sr. Gnaden dem Herrn Kommissär Dumoulin in B. bestellen?" frug das Männlein mit einem schlauen Seitenblick.
„Wenn Er so dumm sein will, rede Er, was Er will," sagte der andere grob. „Wo hat. Er mein Geld."
„Nun, nun, nicht so hitzig, Herr Amtmann, hier, es ist alles. in Ordnung," sagte der Krämer, ein gefülltes Lederbeutelchen aus d r Tasche ziehend.
„Kerl!" rief der Bauer, die Geldstücke zählend, „das ist ja zu wenig, Er betrügt mich."
Der andere machte ein' Gesicht, als sei er tief beleidigt. „Herr Amtmann, ich bin ein ehrlicher Mann und lange genug mit Ihnen umgegangen," sagte er feierlich, „wo. können Sie mir so was vermuthen? Ich will noch heute abend bei lebendigem Leibe ber frieren, wenn ich einen Groschen mehr gekriegt habe." Er neigte sich näher zu dem Bauern, „Ihr habt ganz recht," flüsterte er, „es ist nichts nicht mehr mit die Franzosen, sie haben kein Geld nicht mehr, alles ist ihnen in Rußland abgefroren," schloß er grinsend.
Der Bauer antwortete nicht.
(Fortsetzung folgt.)
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