K°rts- si Kanna,
Erzählung von C. V. Hellen.
„Was soll ich denn den ganzen Taa thun?" sagte Fritz, „ich tauge nickt zum Schmarotzer, Vater."
„Du sollst das Gespann haben, der Knecht geht morgen, damit hast du Arbeit genug, ich will aber nicht, daß mein Sohn Tagelöhnerarbeit thut, verstanden?"
Fritz freute sich über die Aussicht, die vier guten, braunen Pferde fortan zu regieren, ärgerte sich aber über die Art des Alten und sagte nur kurzweg: „Ja, Vater."
„Ferner will ich, daß du dich demnächst verheirathest." fuhr der Alte fort, als sei die Angelegenheit eben so leicht zu erledigen als die andere. „Du wirst des Schulzen Tochter nehm.m, sie ist das erste Mädchen im Dorf, eine stramme, arbeitsfähige Person, und obgleich der Hof augenblicklich etwas herunter ist, bekommst du ihn doch und kannst ausbessern, denn es ist gutes Land. Du hast Geld und darum wird sich der Schulze nicht lange besinnen, ich werde morgen mit ihm reden."
„Das werdet Ihr nicht, Vater!" rief Fritz auffahrend.
„Oho, Müsse, darnach werde ich Ihn nicht fragen."
Fritz schritt unruhig im Zimmer auf und ab. Er kannte sein heftiges Temperament und wollte sich dem Vater gegenüber im Zaum halten. Jetzt stand er still und sagte so ruhig er konnte: „Ich will Euch zu Gefallen und zu Diensten sein, Vater, soweit ich weiß und soweit ich kann, mit Leib und Leben, wie es einem guten Sohne zukommt, aber das sage ich Euch, verheirathen lasse ich mich nicht!"
Er sprach so bestimmt und sah dem Vater dabei so festen Blickes ins Gesicht, daß dieser merkte, er müsse die Sache anders angreifen, um zum Ziele zu kommen.
„Ich will dich nicht drängen, Fritz," sagte er, „so mein' ich es nicht, sieh dir das Mädchen an, sie wird dir schon gefallen, du kennst jetzt meinen Willen."
Fritz wollte noch etwas sagen: „Vater —" begann er.
„Jetzt nichts mehr darüber!" unterbrach dieser, er schob dem Sohne ein Paket Papiere hin, „rechne das nach, da hast's ja gelernt, ich kann schlecht bei Abend die Zahlen unterscheiden."
Fritz machte sich daran und so war die Sache vorerst abgethan. —
in.
Die Zeit verging und der Winter kam heran. Fritz lebte sich nach und nach in die heimischen Verhältnisse ein. Er war thätig und fleißig im Stall und auf dem Felde, in Hof und Scheune. Er und der Vater gingen jeder seinen eigenen Weg. Letzterer war oft tagelang fort und trieb allerlei in der Stadt oder auf dem Lande, wonach Fritz nicht fragte und wovon der Alte auch keine Auskunft gab. Von der Schulzentochter und der Heirath war nicht mehr die Rede. Hanna sah Fritz täglich. Sie redete ihn indessen niemals, an, .und wenn er sich ihr räderte, hatte sie eine freundliche, aber bestimmte Art, sich ihm zu entziehen. Traurig sah er ihr dann oft nach, wenn sie mit kurzem Gruß seine heitere Anrede erwidernd ihren Eimer zum Brunnen trug und nicht zugab, daß er ihr denselben abnahm. Dennoch wußte er eine Weise, ihr nahe zu kommen. Wenn er es nämlich irgend machen konnte, schaffte er eine Erquickung für die Mutter herbei. In solchem Fall klopfte er zuversichtlich an die runde Thür im Hmterflur, er hörte dann mit pochendem Herzen den raschen Schritt auf den sandbestreuten rothen Backsteinen des Fußbodens, die Thür ward geöffnet und Hanna stand vor ihm.
Mit wahrer Wonne sah er, wie sich ihr ernstes Antlitz erhellte, wie ein Lächeln es verklärte und die dunklen Augen ihm mit einem so warmen Blick des Dankes und der Freude entgegenleuchteten. — Er setzte
sich an das Bett der Kranken, die ihm mit leises Stimme von seiner verstorbenen Mutter sprach, welche sie noch wohl gekannt. Sein Auge suchte indessen den Platz, wo Hanna, unfern des Ofens, ihr Spinnrad hatte, und es fleißig surren ließ. Je weiter der Winter vorschritt, um so öfter ging Fritz zur Stadt, und wenn er mit dem Dämmern zurück kam, ließ er sich kaum Zeit eine flüchtige Mahlzeit zu genießen, ehe er das Hinterstübchen auf- suchte. Immer zog er dann mit der willkommenen Gabe ein gedrucktes Blatt aus der Tasche, und während ihm Hanna den Kienipan hielt, las er mit frohlockender Stimme die Nach ächten von der großen Armee des Kaisers, welche im fernen Rußland die grimme Kälte und den Hunger als schlimmere Feinde gefunden, denn Russen und Kosaken.
Eines Tages brächte er einen Säbel heim. Er nahm ihn mit ins Hinterstübchen. „Hanna," sagte er, „ich lasse ihn hier, bei euch sucht niemand nach Waffen, es ist nicht nöthig, daß man im Hause darum weiß. Sie legte ihn sorglich in ben braunen Hol^koffer, der ihre wenigen Kleider barg. Oefters holte er ihn dann abenos und ging damit zum Schulzen, und während der Vater schmunzelnd meinte, sein Fritz sitze dort bei der dicken Marie und beginne die Werbung, stand dieser mit den jungen Männern des Dorfes in der leeren Scheune des Schulzen, welche sorglich nach außen geschloffen und durch ein paar Thranlampen matt erhellt war, und übte sich im Gebrauch der Waffen.
So kam das Weihnachtsfest heran. Schon hatte man die Kunde vernommen, daß der stolze Kaiser der Franzosen bei Nacht und Nebel die Armee verlassen und im einfachen Schlitten im Fluge die deutschen Lande durcheilt habe, um nach Frankreich zurückzukehren, und hin und wieder hörte man von den Jammergestalten, als welche die Ueberreste des übermüthigen Heeres den Ostgrenzen Preußens bereits sich näherten. Mächtiger regte diese Kunde die Herzen und Gemüther auf, aber mit ernstem Sinn dachte der deutsche Mann an die Schwere des Kampsts, welcher ihm b -Vorstand, ehe das Joch schmählicher Knechtschaft gebrochen sein würde. Er sah sich um nach dem Halt, der in solchen Zeiten Hand und Herz stähit für das Ringen auf Leben und Tod.
Wenn auch der Geist der Lüge und vermeintlichen Aufklärung seit einem Jahrhundert die Klugen und Weisen, auch des deutschen Volkes, bethört hatte, es lebte tief in demselben noch ein Brünnlein stillen heiligen Lebens aus Gott. Das drängte nun gewaltsam empor. Das begann zu schwellen und zu sprudeln und die Herzen zu beleben mit warmem Hauch. So war denn auch an dem Christ- abend des Jahres 1812 das Dorfkirchlein von Schönow bis auf die letzte Bank gefüllt. Jedes hatte sich ein Licht- stümpschen mitgebracht und brausend und andächtig klangen die alten schönen Weihnachtslieder, trotz der "grimmen Kälte, aus dem schl chwn Kirchlein, dahin über die verschneiten Hügel des Kirchhofes, und die hell erleuchteten Fenster bückten gar festlich in die dunkle, kalte Winternacht hinaus.
Auch Hanna saß bescheiden im schlichten Festkleid auf der letzten Bank, aber als der stattliche Bauernsohn mit dem lockigen blonden Haar in die Kirche trat und seine Pelzmütze ehrerbietig lüftete, ging er die ganze Reihe hinunter, wo ihm manch hübsches 'Mädchengesicht gar freundlich zuwinkte und setzte sich auf der "Seite der Männer ihr gerade gegenüber, so daß sie nur der Gang trennte, und als sie nach Schluß des Gottesdienstes über den Kirchhof schritt, war er wieder neben ihr. Sie waren ziemlich die letzten gewesen, welche die Kirche verließen und die Dorfleute zerstreuten sich schnell, weil jeder der Wärme des eigenen Herdes zustrcbte.
(Fortsetzung folgt.)
Rebattion u. B-rias d. LeigchriswuveretuÄ «. hülle) in Berlin. — Druckerei des Lonumasdialtes (8. q-ß.) SW. Alte Jatsbftr. 1»