Der Nanama-Prokeß.
Die Enthüllungen im Panama-Prozeß haben das Ansehen der französischen Republik im hohen Grade erschüttert. Nachdem es Ferdinand von Lesseps gelungen war, durch den Suezkanal das Rothe und das Mittelländische Meer zu verbinden und einen direkten Seeweg nach Indien herzustellen, traute dem „großen Franzosen" jedermann die Kraft zu, ein noch weit größeres und kühneres Unternehmen durchzuführen, nämlich die Durch- stechung der Landenge von Panama, welche Nord- und Südamerika verbindet. Durch den Kanal sollte der Atlantische und der Stille Ocean verbunden werden.
Bei diesem Unternehmen wurden kolossale Schwindeleien von hoch und niedrig verübt, um aus den Taschen des französischen Volks 600 Millionen heraus- zuschwindeln. 104 Abgeordnete, darunter mehrere Minister, wurden bestochen, um durch die Gesetzgebung den Sachverhalt zu verschleiern, Millionen steckten die Zeitungs-Redakteure ein, um durch schön gefärbte Berichte das Publikum zu betrügen. Unglaubliche Dinge hat die UntersuchungsKommission ans Licht gebracht, namentlich über die Zustände, wie es in Panama selber zugegangen ist. Dort sind Hunderte von Millionen verschwendet worden. Wer nämlich glaubt, daß man sich wirklich in Panama mit der Durchstechung des Kanals viel beschäftigte, der irrt sich. Freilich fehlte es weder an Menschenkräften, noch an Material — ja, es war genug vorhanden, um zwei, drei Kanäle zu bauen. Man fand dort ein ganzes Heer von Ingenieuren (darunter allerdings ziemlich viele frühere Schauspieler, Bankiers, Beamte, Kaufleute u. s. w.), ganze Haufen von Maschinen, und zwar kamen jeden Tag besser, schneller arbeitende, einfachere an, so daß die alten in die Rumpelkammer wandern mußten. Aber die großen Unternehmer vertheilten ihr Gebiet an verschiedene kleinere Unternehmer, diese ihrerseits wieder unter verschiedene Werkmeister und diese unter einzelne Arbeiter.
Und nun begann der Tanz. Gearbeitet wurde so gut wie gar nicht, sondern immer nur Grund und Boden gekauft und dann wieder mit Gewinn verkauft. Leute, die ohne Heller in Panama angekommen waren, kehrten auf diese Weise schon nach sechs bis acht Monaten mit gefüllten Taschen nach Europa zurück, ohne auch nur eine Schaufel angerührt zu haben. Von Kontrole war keine Rede! Wenn die Herren de Lesfeps, die Kommission der Handelskammer u. s. w. nach Panama kamen, wurden sie mit Triumphbogen, jungen Mädchen in Weißen Kleidern, Feuerwerk und dergleichen empfangen. Das genügte, und die Herren kehrten dann zurück, überzeugt, daß in Panama alles vortrefflich gehe.
Jeden Tag kamen Hunderte von Abenteurern an, welche nur die Reise nach Panama gemacht hatten, um sich die Taschen zu füllen. Daher auch die allgemeine Räuberei und Plünderet! Der eine rechnete statt 8 Kubikmeter, welche wirklich ausgegraben waren, 12 Kubikmeter, der andere ließ sich noch Löhne für Arbeiter auszahlen, die schon vor Wochen gestorben waren, aber den Hauptschwindel machten die, welche die Lieferungen und Käufe zu beaufsichtigen hatten. Für 10 Millionen Material wurde schließlich als altes Eisen für 240 000 Francs verkauft. Ein anderes Mal wurde fünf Meter tief unter der Erde eine Lokomotive eingegraben gesunden. Sie befand sich hier in einzelnen Stücken in 5 Kisten verpackt. Die Stücke waren ganz neu und brauchten nur zusammengestellt zu werden. Und so ging’S überall zu!
Das Urtheil im Panama-Prozeß ist in Paris gefällt worden, es lautet auf „schuldig". Verurtheilt wurden: Ferdinand v. Lesseps und Charles v. Lesseps zu je fünf Jahren Gefängniß und je 3000 Francs Geldbuße, Fontäne, Baron Cottu und Eiffel zu je zwei Jahren Gefängniß, die beiden ersteren außerdem zu je 3000 Francs, Eiffel M 20000 Francs Geldbuße. So sind denn der „große Franzose" Ferdinand v. Lesseps, der 87jährige Greis, und
Herr Eiffel, der als Erbauer des Eisfelthurms auf der Pariser Weltausstellung der Eitelkeit seiner Landsleute ein Denkmal schuf, auf welches bisher die ganze Nation mit unbeschreiblichem Stolz blickte, so sind diese beiden Männer zu gemeinen Verbrechern gestempelt.
Der alte Ferdinand v. Lesseps, der ein neues Weltwunder, den Suezkanal, schuf, hat sich wenigstens hier um die Menschheit verdient gemacht. Hat jemals auf einen vielgepriesenen Helden das Wort des alten griechischen Weffen Solon, daß niemand vor seinem Tode glücklich zu preisen sei, besser gepaßt als auf ihn? Sein Sohn ist ein gemeiner Betrüger, Fontäne und Cottu waren seine Helfershelfer. Daß der Unternehmer Eiffel, welcher über dreißig Millionen bei den Kanalarbeiten „verdient" hat, mit zwei Jahren Gefängniß und 20000 Francs Geldbuße weggekommen ist, muß mit Recht Wunder nehmen.
Eine bedrängte Insel.
Zwischen Schweden und Jütland dehnt sich ein böses gefährliches Meer, das Kattegat. Es bildet an der Ostküste der jütischen Halbinsel viele Buchten und in einer derselben, der Ebeltoft-Bucht liegt die kleine Insel Hjelmen. Seit Weihnachten ist sie durch den harten Winter von allem Verkehr abgeschnitten. Denn das Treibeis hat sich in der Bucht fest zusammengepackt, und die Bewohner der Insel leben seit Wochen in schwerer Bedrängniß. Kein Postboot brächte ihnen Kunde aus der Welt draußen. Dies Unglück wäre noch zu ertragen, denn ist die Post eine Hiobspost, so erfährt der Empfänger dieselbe auch später immer noch früh genug. Eine auf der Höhe der Insel wehende Nothflagge gab ernsteren Vermuthungen Raum. Deshalb wurde ein Boot bemannt und reichlich mit Lebensmitteln versehen. Fünf muthige Männer wollten es wagen das Boot durchzusteuern, um den bedrängten Inselbewohnern Hülse zu bringen. Doch sie geriethen in treibendes Eis und dadurch selbst in die größte Lebensgefahr. Im allerletzten Augenblick gelang es der gänzlich erschöpften Mannschaft, sich ans Land zu retten. Es wurden dann neue Versuche gemacht, die armen Hjelmer zu erreichen, doch bisher vergebens. Noch weht die Noth- flagge auf der einsamen Insel im Kattegat. Drei Schiffe liegen eingefroren auf dem Riff, und die Mannschaft, 31 Personen, zehrt mit an den knappen Vorräthen, die selbst bei der größten Sparsamkeit nur ganz kurze Zeit ausreichen können.
Des Motzernilöttig» Schätze.
Nach der Einnahme von Abomey, der Hauptstadt des Neger-Reiches Dahomeh, so schreibt ein französischer Unteroffizier von dort an seine Angehörigen in PariS, waren verschiedene Rotten mit Nachsuchungen beauftragt. Statt anderer Schätze fanden dieselben in den Kellern und Unterräumen des königlichen Palastes 6 bis 7000 Ballen Stoffe aller Farben und eine Menge Anzüge für einheimische Frauen und Kriegerinnen. Der Fund war äußerst willkommen, denn während des dreimonatlichen Feldzuges hatten alle Soldaten ihr sämtliches Zeug sehr abgenutzt und zerrissen. Das Lager glich nun sofort einem Jahrmarkt. Die Zelte wurden mit Stoffen geziert, jeder suchte seinen Anzug zu vervollständigen. Die einen legten himmelblaue Frauen-Morgenkleider an, die anderen vielfarbige sogenannte Calimbss oder farbige Höschen, welche kaum bis zum Knie reichten. Die Senegalier zogen gold- und silbergestickte Boubous (Anzüge der Hofbeamten) an, während die Spahis (Reiter) die mit Bauschen verzierten Kleider der Amazonen an- zogen. Dieser allgemeine Mummenschanz brächte die größte Heiterkeit hervor, so daß die Schrecken und Leiden dieses mühseligen, gefährlichen Feldzuges einen Augenblick vergessen schienen.