K°rts. 2-1 Ein Grenadier.
Erzählung von Prosper Hilartus.
Herr Milius sah ihnen eine Weile zu, und dann sank er langsam auf seine Knie nieder:
„Reicher Gott, der du die Vögel unter dem Himmel versorgst und uns Menschen befohlen hast zu bitten, wenn wir nehmen wollen, ich bitte dich, schaffe mir Rath und Hilfe, denn du kannst es, ich verlasse mich auf dich und deine Gnade," so flehte er, und sein Herz ward still darunter; ja, als er sich endlich erhob, schien es ihm gar nicht unmöglich, daß trotz aller Menschen Ablehnung Gott ihm doch noch die ersehnte Stelle geben könne. Er beschloß, noch einen Tag zu bleiben und erwog, daß er in seinem Reiserock noch zwei Pathenthaler besitze, die ihm seine Mutter dort eingenäht, als er das Städtchen zum letztenmal verließ. „Es ist für die Noth, Gotthold," hatte sie gesagt.
Wehmüthig schob er die Papiere zusammen, auf welchen er seine sorgfältig ausgearbeitete Predigt sauber niedergeschrieben, nahm seinen Hut von der Wand und schritt die schmale Stiege hinunter. Es war ihm Bedürfniß, hinauszuwandern, die Luft in seinem engen Gemach erschien ihm drückend, und er hatte ja leider nichts mehr zu thun.
Thorwart Möller blickte etwas verwundert von seinem Handschuh auf, dem er in Gedanken an seine alte Frau, die sich noch immer auf der Wiese allein plagen mußte, einen wahren Riesendaumen angeürickt hatte, als die lange, dünne, schwarze Gestalt in Schuhen und Strümpfen, mit dem schlichten, lang herabfallenden Haar, die Gasse herab kam. Er faßte aber höflich an seinen Hut und sagte: „Guten Morgen, Herr Pastor/ weil er den jungen Mann sofort als einen Geistlichen erkannte.
Gotthold hatte sich bisher noch keine Zeit zu Spazier- gängen gelassen und höchstens abends einmal einen Weg durch den Schloßpark gemacht; so kam es, daß er für Möller eine neue Erscheinung war. Bei dem Gruß stand er still und sagte, seinen Hut lüftend: „Guten Morgen, ich bin aber leider nicht Pastor, sondern nur Kandidat. Wohin führt diese Landstraße, wenn Er die Güte haben wollte, es mir zu sagen?"
„Sehr gern, es geht da nach der Kabelwiese/ Möller nannte unwillkürlich den Brennpunkt seiner Gedanken zuerst, „und dann nach Hamburg." Er seufzte tief auf, schob seinen Dreimaster zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Es fiel ihm ein, daß vor einiger Zeit ein Handwerksbursche auf der Landstraße vom Hitzschlag getroffen war.
„Er sieht ja so bekümmert aus," meinte Gotthold freundlich, „fehlt Ihm etwas?"
„Haben der Herr Kandidat schon mal was vom Hitzschlag gehört, ob das auch wohl noch alte Menschen an» fällt?" forschte Möller.
„Wieso, ich glaube kaum, indessen, ich bin kein Medikus, und am Ende, man sollte wohl immer auf einen plötzlichen Tod gefaßt und gewissermaßen vorbereitet sein, heißt es doch: Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen."
Das war nun nicht gerade tröstlich für den armen Mann, und er sagte daher kläglich: „Mein armes Ollmg, mein armes Ollmg!"
Gotthold stieg die rothe Steinstufe zu dem betrübten Thorwart hinan.
„Sprecht Euch aus, mein Lieber," sagte er freundlich, „habt Ihr einen Verlust erlitten, der Gott des Erbarmens hat Trost für alle Betrübten."
„Nein, nein," rief der Alte, dem es ganz ängstlich dabei zu Sinn ward, „so schlimm ist es, Gott sei Dank, nicht, aber es ist von wegen dem Heu, und daß ich ihr, nämlich meiner Alten, versprochen habe zu kommen und zu helfen,
und daß ich doch nicht weg kann, von wegen dem, daß ich nicht weiß, ob sie, nämlich unsere Prinzessin, noch vorbei kommt, denn weil nämlich Se. Hoheit schon herausgefahren sind."
Diese Erklärung ließ nun zwar an Deutlichkeit zu wünschen übrig, allein einige weitere Fragen klärten Herrn Milius über die Noth des alten Soldaten auf. Sein mitleidiges Herz sann sogleich auf Abhilfe: „Ich weiß zwar nicht, ob ich es verstehen werde, das Heu zu besorgen," meinte er schüchtern, „aber ich will hmausgehen und es versuchen, Seiner Arau zu helfen, wenn Er mir Bescheid sagt, — ich habe ja ohnehin leider nichts zu thun."
„Bewahre, Herr Kandidat," rief der Alte, „nie würde ich das zugeben, und," fügte er mit zögerndem Lächeln hinzu, „mit so weißen Händen — das würde auch nicht sehr schaffen, wenn Sie's nicht übel nehmen; da könnten Sie viel eher meinen Posten hier aushalt n, wenn sich so etwas für einen Herrn, wie Sie sind, schickte."
„Weshalb sollte es sich nicht schicken?" rief Milius erfreut, „ich gehe wahrscheinlich morgen zu diesem Thore hinaus, in die weite Welt; hier in der Stadt kennen mich nur wenige Menschen, die schwerlich des Vormittags hier vorbeikommen werden, und wenn auch, es ist ja Gottes Gebot, Liebe zu üben, und derApostel sagt: Dienet einander."
„Ja, ja," sagte Möller, „das ist alles recht gut, Herr Kandidat, aber in dem Rock —" er betrachtete den schwarzen, abgetragenen Rock des armen Milius mit einem zweifelhaften Blick, und dieser zupfte verlegen mit seinen großen, weißen Händen an den Aermeln, von denen er sich gestehen mußte, daß sie ihm seit den fünf Jahren seiner Hauslehrerschaft bedenklich ausgewachsen waren.
„Wenn Er meint," sagte er, „daß es nicht geht, so könnte ich mir vielleicht das Reisehabit anziehen, es ist von grünlich grauem Merino, es ist besser als dieser Rock."
„I, von wegen dessen, ist ja der Rock sehr schön, aber wenn Sie hier Posten stehen wollten, Herr Kandidat, müßten Sie immer ooch meine Uniform anztehen, und das kann ich Ihnen denn doch nicht zumuthen."
„Ich glaube beinahe, sie würde mir passen," sagte Milius, einen prüfenden Blick über die große, magere Gestalt des alten Soldaten werfend, „freilich, es ist für einen Boten des Friedens ein eigen Ding, das Kleid des Mars anzulegen," fügte er hinzu, ein kleines Bedenken niederkämpfend.
„Nein, mein Herr Kandidat, der Rock gehört mir, den hat noch keiner sonst angehabt, und ich bekomme alle Jahre einen neuen, meine Alte hält mich sehr proper, und dies ist eigentlich Nummer 3. Ich gebe Ihnen aber den vom vorigen Jahre, was Nummer 2 ist, kommen Sie nur, wenn Sie sonst die Gefälligkeit haben möchten," damit stieß er die Thür auf, und Milius trat in das freundliche kleine Gemach. Die Toilette war bald gemacht, und gerade als Möller die langen Haare des jungen Mannes in ein steifes Zäpfchen gedreht und fest mit einem schwarzen Band umwickelt hatte, ertönte das Posthorn, und die schwerfällige, rumplige Kutsche kam die Straffe herunter. Möller trat vor die Thür, wechselte einen Gruß mit dem Postillon und sagte zufrieden: „So, der ist nun auch vorbei, und nun wird kaum noch ein Wagen vor Nachmittag kommen. Jetzt ist es neun, Herr Kandidat, ich nehme das Mittag für Olling und mich mit heraus, so um 2 Uhr werde ich mit der Geschichte draußen wohl fertig sein. Wenn Sie sich bemühen möchten, ich stelle hier einen Stopf mit Suppe in die Kohlen, sie wird warm bleiben, wenn's gefällig wäre, mein Olling versteht die Küche, sie hat sechs Jahre bei Stadtrath Schröders gedient, ehe ich sie heirathete, und nun ganz besonders die Erbssuppe. So, und nun werde ich Ihnen noch die Griffe mit dem Gewehr zeigen. Eins, zwei, drei, da versuchen Sie einmal." (Fortsetzung folgt.)
Reoatoon u. Verlag d. Zeltschrtstenaereins (L. Halle) in Berlin — Druckerei des Sonntagsblatte® (3. Yeß) SW. Alte Jalodstr. 129.