Im Kanne der Trunksucht.
In Lodz in Polen ist vor kurzem folgender grauenvolle Familienmord vorgekommen. Ein Fabrikarbeiter namens Ebert, der von seiner Frau wegen zu späten Nach- Hausekommens aus der Schenke unfreundlich empfangen wurde, versetzte ihr im Aerger darüber einige Hammerschläge auf den Kopf, übergoß sie dann, da er die Frau für tot hielt, mit Petroleum und zündete dasselbe an, worauf er in den Stall ging und sich erhängte. Der Petroleumgeruch lockte jedoch bald Leute herbei; die Frau wurde noch lebend aus dem brennenden Bett gerissen, den Mann aber fand man, ebenfalls noch lebend, aber bewußtlos am Boden liegen. Der Strick war nämlich gerissen, ehe Ebert ganz tot war, und so wurden Mann und Frau ins Hospital gebracht, das unglückliche Kind aus dieser Ehe aber fand Unterkommen bei fremden Leuten.
Graf Tolstoi.
Graf Leo Tolstoi hat sein ganzes Vermögen sowie seine zahlreichen Güter schon jetzt unter seine vier Kinder vertheilt. Die Abneigung gegen Geld und Besitzthum, welche Tolstoi in seinen jüngsten Schriften klar durchblicken ließ, hat ihn jetzt veranlaßt, auf alle seine Besitzrechte zu Gunsten seiner Kinder zu verzichten. Er gehört nunmehr, wie er selbst sagte, der besitzlosen Klasse an und gedenkt, wie die „Moskowskija Gazeta" meldet, in strengster Zurückgezogenheit auf dem Gute JaSnaja Pol- jana den Rest seiner Jahre zu verleben. Er soll dort nach der „Neuen Fr. Pr." einen großen, rein künstlerischen Roman vollenden, dessen erster Theil bereits druckfertig ist. Dem russischen Volke jedoch hat Tolstoi seine Dienste nicht entzogen; er bereist noch jetzt zahlreiche von der Mißernte betroffene Gegenden, um den Nothleidenden Hilfe zu erweisen.
Aberglaube«.
Ein Bewohner von Fraserburgh macht englischen Blättern folgende Angaben über den bei den schottischen Fischern noch immer herrschenden Aberglauben. Bei Beginn des Heringsfanges erregt der erste gefangene Hering das größte Interesse: ist er ein Männchen (Milchner), so wird ein spärlicher, ist er dagegen ein weiblicher (Rogener), so wird reichlicher Fang erwartet. Der Schnabel des Schiffes darf nie gegen die Sonne gekehrt werden. Gewisse Thiere gelten als unglückverheißend, z. B. Hasen, Kaninchen und Schweine, und dürfen an Bord nicht genannt werden. Merkwürdigerweise gilt das Gleiche von — Geistlichen. An benachbarte Fahrzeuge leiht der Fischer ungern etwas, weil das Glück mit dem geliehenen Gegenstand fortgeht. Geben sie z. B. ein Zündhölzchen her, so brechen sie ein Stückchen davon ab und behalten dies, um damit das Glück zu behalten.
N«r für einen Augenblick.
Königin Elisabeth, die kluge und ehrgeizige Frau auf dem Throne Englands, lag auf ihrem Sterbebette. Welch eine Angst spiegelte sich auf diesem sonst so stolzen Angesicht, die Angst der Seele, in welcher sie jetzt rief: „Millionen für einen Augenblick Zeit I" —• Unglückselige Frau! Dort lag sie sterbend auf ihren seidenen Kissen —• was nützte ihr ein Königreich, in welckiem „die Sonne nicht unterging," was die Pracht ihrer Perlen und Edelsteine und die 10000 Kleider in ihren Schränken — alles hat jetzt keinen Werth für sie, die vergebens um „einen Augenblick Zeit" fleht. Sie starb 70 Jahre alt. Wie viele wähnen auf ihrem Sterbebette noch Zeit zu haben, sich zu Gott zu wenden. Aber wenn die Beziehung zu ihm im Leben gefehlt hat, so kann auch im letzten Augenblick das Stückchen Herzens draht nicht mit der himmlischen Leitung verbunden werden. St.
Der gläubige Mann.
Sonntagswangeltum: Matth. 8, 1—13.
Matth. 8, 10. Da das Jcsus hörte, verwunderte er sich und sprach zu denen, b;c ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch, solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.
Viele haben sich daran gewöhnt, das Christenthum nur noch als eine Sache für Frauen und Kinder und höchstens für Sterbende anzusehen. Wo sind die Männer? möchten wir fragen, wenn wir in den Gottesdiensten und beim heiligen Abendmahl so überwiegend die Frauen sehen. Wo sind die Männer, wenn in unserem öffentlichen Leben ein offenes Bekenntniß zur Sache des Reiches Gottes noth thut? Wo sind die Männer, wenn es gilt, Christi Schmach zu tragen, oder in den Werken christlicher Barmherzigkeit ein Vorbild zu geben, Opfer zu bringen, neue Wege einzuschlagen? Ist es nicht, als gingen die Interessen der Männer nicht mehr auf Christum, sondern mehr und mehr zurück zu den Dingen dieser Welt, zur Schlichtung von mein und dein, zu den äußeren Ordnungen und Aufgaben des Lebens?
Ist denn das Reich Gottes heutzutage weniger wichtig, als es von jeher gewesen? Braucht denn das Mannesherz keinen Gott und Glauben mehr, um einen sicheren Gang durch das Leben, innere Zufriedenheit und fröhliche Zuversicht zu gewinnen? Giebt es wirklich so viele Charaktere unter dem heutigen Geschlecht, die demselben durch Umsicht und Thatkraft voranleuchten, daß wir der Schule zum Ernst der göttlichen Erziehung, zu Tapferkeit, Muth und Wahrheit entbehren könnten? Hat denn der Dichter von Manneswürde und Mannesthat Unrecht gehabt, als er sagte: „Wer ist ein Mann? Der beten kann und Gott dem Herrn vertraut!"
Der Hauptmann von Kapernaum war ein gläubiger Mann. Sein Herz hing nicht an den Dingen dieser Welt, sondern suchte Gott; darum war auch seine Art nicht von dieser Welt, sondern dem göttlichen Leben und dem Glauben entsprechend. Daß er nicht ein Heide geblieben, sondern durch die Frömmigkeit der Jsraeliten sich angezogen fühlte, war die erste Folge seines nach Höherem strebenden Herzens. Er liebte Israel als den Träger der Wahrheit und baute Schulen, um mit seinem Reichthums den Mitmenschen zu nützen und Gott zu dienen; aber dies alles wäre noch nicht ein Zeichen wahrhaft gläubigen Sinnes. Mehr als die Erbauung von Schulen wiegt der Umstand, daß er seine Knechte väterlich behandelte; und mehr als äußeres Halten zu den Frommen wiegt die Thatsache, daß er sich nicht bei Menschen aufhielt, sondern Jesum selbst aufsuchte.
Die Liebe, die Heiligkeit, die Sarlftmuth und der Ernst in Jesu Worten und Werken hatten es ihm angethan. Seines Gleichen fand er unter allen Lehrern in Israel nicht; vor ihm demüthigt er sich bis in den Staub, obgleich er doch ein vornehmer Hauptmann war, der in Kapernaum viel zu sagen hatte, während Jesus äußerlich angesehen so arm und gering gegen ihn erschien. „Herr, ich bin nicht werth, daß du unter mein Dach gehest," spricht er zu ihm. Das zeugt von einer seltenen Demuth!