WilchternnMung
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Samstag, den 31. Dezember
1892
Zöoiliiemciits Kiiitadixig.
Gestellungen auf das 1. Quartal 1893 (Januar, Februar, März) der
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Für Neujahr.
Prosit Neujahr! Tausendfältig klingt's von Mund zu Mund oder flicgt's einem auf einer Neujahrskarte am 1. Januar in's Haus. Im Mittelalter freilich nicht an diesem Tage, sondern am 25. März; erst im 16. Jahrhundert ist der 1. Januar, ein Erbtheil des römischen Kalenders, wieder zu allgemeiner Geltung gelangt. Vom 5. Jahrhundert an feierte man den Jahresanfang am 1. März, und die Republik Venedig rechnete so bis zu ihrem Untergang, während man in Frankreich, wo man früher den Jahresanfang am 25. Dezember gefeiert hatte, seit dem 13. Jahrhundert das Jahr mit Ostern begann. In Byzanz und Italien dagegen fing man das Jahr am 1. September an.
Heute ist's allgemein der 1. Januar, ein ganz willkürliches Datum, so willkürlich wie die Hoffnungen und Wünsche der Menschen, die sich an diesen Tag knüpfen. Nichts ist anders im Lauf der Natur und der Welt, weil zufällig Ncujahrstag ist, und doch ist's gut, daß der Jahresanfang gefeiert wird. Denn er ruft jedem Menschen zu: Wieder ein Jahr vorüber! und aus jeder aufrichtigen Menschenbrust tönt als Echo die Frage: Was ist Dir das vergangene Jahr gewesen für Dich selbst, für Deine äußeren Verhältnisse, für Deinen inneren Menschen, für Dein Wachsen und Werden, für Deine Vorbereitung auf die Ewigkeit, wo tausend Jahre sind wie ein Tag, der gestern vergangen?
Den einen ist das Jahr schnell verflogen in Glück und Segen, den anderen langsam dahingeschlichen in Leid und Kummer; beide aber begrüßen das neue Jahr mit neuer Hoffnung: Die einen, daß das kommende sei, wie Das vergangene, die anderen, daß mit der Jahreswende sich auch ihr Geschick wende. — Prosit Neujahr! Ja, gesegnet sei das neue Jahr einem Jeden! wer möchte das nicht wünschen! Aber den Segen holst Du nicht aus Deinem Geldsack oder aus einer Lohn- erhöhung, und auch das Neujahisgeschcnk, das Jeder bekommen haben möge, der auf ein solches hoffen konnte, ist keine Bürgschaft des kommenden Segens. Zwei Quellen aber hat ein gutes neues Jahr: Deinen Gott und Dich selbst. „Denn der Segen kommt von oben" — es ist ein Wort unseres Schiller, und es ist ihm ernst damit gewesen — willst Du Dich Deines großen Dichters-schämen ? Oder hat sich nicht sein Wort viel fach im abgelaufenen Jahr an Dir bewahrheitet? Hub hast Du das nicht gefunden, merk auf im kommenden Jahr, Du wirst es mannigfach spüren.
Die andere Quelle aber sprudelt in Dir selbst: wenn Dll Dein Glück nicht in Dir findest, in Deinem eigenen Herzen, so kann es Dir niemand geben. Das Herz aber hat nach den Worten eines Kirchenvaters keine Ruhe, es ruhe denn in Gott. Und daher Deine Zufriedenheit, Gleichmuth, Standhaftigkeit, das kommende Jahr bringe, was es bringe.
Die ältesten Neujahrskarten stammen aus dem Anfang des 15, Jahrhunderts. Es sind grobe Holzschnitte, nicht die feinen Kärtchen von heutzutage, aber auch nicht mit all' den Nichtigkeiten unserer Neujahrskarten. In der Regel ist auf denselben das Christuskind zu sehen, mit einem Band in den Händen, auf dem zn lesen: „Ein gut sälig ior" oder etwas dergleichen. Dieses gute, selige Jahr, das uns das Christuskind gebracht hat, wünschen wir allen unsern Lesern. Und so: Prosit Neujahr!
Deutsches Reich.
Berlin, 28. Dez. Die kaiserlichen Majestäten leben in der gegenwärtigen Zeit sehr zurückgezogen im Neuen Palais bei Potsdam, Der Kaiser hat in den letzten Tagen mehrere ihm persönlich nahestehende Personen empfangen. Die große Ncujqhrscour im Berliner Schlosse beginnt Sonntag Vormittag 10 Uhr.
— Der Regierungs-Präsident Rothe in Kassel ist zum Unterstaatssekretär in das landwirthschaftliche Ministerium in Berlin berufen worden und hat diesem Rufe entsprochen.
— 27. Dez. Die Militärposten beziehen seit einigen Tagen ihre Posten ohne scharfe Patronen; diese werden künftig in den Wachtlokalen unter Verschluß aufbewahrt, sodaß nur auf Befehl des Wachthabenden scharf geschossen werden kann. Die Posten an wichtigen Punkten, so namentlich die, welche zur Bewachung von Gefangenen- Anstalten ausgestellt sind, werden nach wie vor mit scharfen Patronen ausgerüstet fein.
— Der Prediger und Schriftsteller Dr. Paulus Casfel (1820 als Saul Cassel in Glogan geboren) ist am 23. Dez. in Friedenan bei Berlin gestorben. Ein bedeutender Gelehrter, ein selbständiger Denker, ein überaus fruchtbarer Schriftsteller, ein eifriger Förderer der Judenmission (er war selbst getaufter Jude) ist in ihm dahingegangen.
Die Cholera in Hamburg. In der Zeit vom 24. bis 27. Dezember Mittags sind nach dem Reichsanzeiger in Hamburg 2 Neuerkrankungen an Cholera vorgekommen. Bei weiteren 4 Personen, welche in den letzten Tagen erkrankt waren, ist nachträglich Cholera festgestellt worden.
Zwischen der Firma Friedrich Krupp in Essen und dem Grusonwerk in Magdeburg ist eine Association im Gang. Der Vertrag, den die Aktionäre von Gruson annehmeu sollen, lautet: I. Die Firma Krupp garantiert den Aktionären des Grusonwerks für die Dauer von 25 Jahren eine jährliche Dividende von 9 Prozent und verpflichtet sich, dieselbe eventuell aus eigenen Mitteln zu zahlen, wogegen ihr der etwaige Neberschuß des Reingewinns zusällt. 2. Der Firma Krupp wird das Recht eingeräumt, die gesammten Aktiva und Passiva der Gruson-Gesellschaft zu jeder Zeit gegen Zahlung von 24 000 000 Mark bezw. Uebernahme der sämtlichen Aktien des Grusonwerks zum Kurs von 200 Prozent zu erwerben. 3. Bei Ablauf des Vertrags ist die Firma Krupp verpflichtet, die Aktiva und Passiva der Gruson-Gesellschaft gegen Zahlung von 19200 U00 Mk. bezw. Uebernahme der sämtlichen Aktien zum Kurs von 160 Prozent zu übernehmen, insofern die Gesellschaft es nicht vorzieht, den Betrieb ihres Unternehmens für eigene Rechnung fortzuführen, worüber sie zwei Jahre vor Ablauf des Kontrakts sich zu erklären hat.
Der praktische Arzt Dr. med. v. Tischendorf in Leipzig wurde wegen mehrfachen gegen die Ortskranken- kasse verübten Betrugs zu acht Monaten Gefängniß verurtheilt.
Von der kaiserlichen Forstverwaltung in Elsaß- Lsthringen wird bestätigt, daß aus ihren Beständen das Holz für Boulangers Kriegsbaracken an der deutschen Grenze geliefert worden ist. Die Mehrzahl dieser Baracken, welche Frankreich eine kolossale Summe Geldes gekostet haben, ist übrigens nnbenützt verfault. Ihre Belegung ist von der französischen Militärverwaltung schon seit mehreren Jahren als gesundheitsschädlich verboten. Diese Holzliefcrnng ist übrigens kein Geheimniß gewesen, sondern war überall an der Grenze bekannt.
Ausland.
Ueber ein Dynamit-Attentat in Dublin wird des Näheren berichtet: Die Explosion fand am Sonnabend Abend um 11 Uhr statt. Exchange Court, wo sich die Bureaux der Geheimpolizei befinden, ist eine enge Sackgasse. Im Parterre des Gebäudes befinden sich die Räume der Geheimpolizei, während den ersten Stock Hinterzimmer der Bureaux des Obersekretärs für Irland einnehmen. Anfangs glaubte man, daß das Attentat speziell gegen die Geheimpolizei gerichtet gewesen sei, doch ist die enge Gasse wohl deshalb gewählt worden,
weil die Zerstörung dort eine besonders große sein mußte. Die Wache hatte ein junger Polizei-Offizier Namens Synnott, welcher kurz vorher aus dem Hospital, wo er drei Wochen gelegen hatte, entlassen worden war. Kurz vor 4 Uhr war der Geheimpolizist Dawzon über den Platz und den schmalen Gang vor dem Gebände geschritten, ohne etwas Auffälliges zu bemerken; einige Minuten später kam desselben Weges der Polizist Green und er glaubt, wie er später ausgesagt hat, ein Packet und einen brennenden Zigarrenstummel auf der Straße liegen gesehen zu haben. Eine Minute nach 11 Uhr schloß der wachthabende Polizist Montgomery das Thor, als eine furchtbare Explosion daS ganze Gebäude bis in seine Grundfesten erschütterte. Inmitten herab- fallender Glas- und Holzspliter eilte der Polizist auf ben Platz und fand dort, etwa 5 Meter von der Thür entfernt, einen verstümmelten Körper. Es war Synnot, welcher von zwei anderen herbeieilenden Polizisten und zwei Civilisten in eine nahe gelegene Klinik gebracht wurde. Man nahm ihm ein Bein und einen Arm ab, allein er ist bald darauf gestorben, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. Synnot scheint, während er über den Hof ging, mit dem Fuße die Höllenmaschine berührt und dadurch die Explosion hervor- gerufen zu haben.
NewyStk, 27. Dezember. Alle hier von Europa ankommenden Dampfer berichten über schweres Unwetter unb strengste Kälte. Fast alle sind eisbedeckt. Viele Dampfschiffe sind überfällig.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 30. Dezember.
* — Wie wir hören, so hat die Gründung von Volksbibliotheken im Kreise Schlüchtern in letzter Zeit so guten Fortgang genommen, daß bald in allen evangelischen Pfarrdörfern eine Bibliothek vorhanden sein wird. Augenblicklich fehlen nur noch die Gemeinden Hintersteinau und Neuengronau. Es steht zu erwarten, daß mich hier die Herren Pfarrer die Sache in die Hand nehmen. Später wird es hoffentlich möglich werden, durch Mitwirkung der Lehrer und im Anschluß an die Schulen auch für die Filialgemeinden des Kreises entsprechende Volksschulbibliotheken ins Leben zu rufen und dadurch dem allgemein gewordenen Drang nach geistiger Fortbildung, der heute überall sich regt, eine gesunde Nahrung zu bieten. In die Volksbibliothek sollte man deshalb jedes gute und für weitere Kreise werthvolle Buch geben, für vas man selbst keinen rechten Gebrauch mehr hat. Wenn man die Hunderttausende von vorzüglichen Schriften, die in den Hausbibliotheken unbenutzt stehen, weil entweder ein neueres, besseres Werk angeschafft worden ober das Interesse an dem Inhalt für den Besitzer erschöpft ist, dorthin versenden wollte, wo es an gutem Lesestoff fehlt, so würden diese ungelesen verstaubenden Bücher noch mannigfachen Segen stiften. In den meisten kleinen Ortschaften bestehen noch keine öffentlichen Bibliotheken und sind auch ohne fremde Hilfe nicht einzurichten. Der Schundlitteratur kann der Boden allein durch Verbreitung guter Schriften abgegrabeu werden. Die Herren Pfarrer rc. nehmen darum Zuwendungen von guten Volks- und Jugendschriften jeder Art gerne entgegen. Mehrere 100 Bände gingen im Laufe des letzten Jahres ein und konnten zur Begründung und Erweiterung von Volks- und Jugendbibliotheken in Dörfern rc. verwendet werden. Aber die Nachfrage übersteigt die zur Verfügung stehenden Mittel erheblich. Deshalb wenden wir uns jetzt an alle Freunde der Volksbelehrung und Volksbildung mit der Bitte um Zuwendung von Büchern, die für einen weiteren Leserkreis berechnet sind, vor allem auch von Jugendschriften, womit in ärmeren Dorfschulen der Grund zu einer Schülerbibliothek gelegt werden kann. Wo neue Bücher zu Weihnachten ins Hans gekommen sind, da ist manches ältere gute Werk entbehrlich geworden und findet wohl auch keinen rechten Platz mehr. Alle diese Schriften gebe man in die Volksbibliotheken.
r. Aus dem Kreise Schlüchtern, 26. Dez. Gewiß ist das hochheilige Weihnachtsfest dasjenige, das in dem Herzen eines Christen die heiligsten Gefühle am meisten wadjruft. Wahrhaft empörend ist es deshalb, wenn jüdische Handelsleute an diesem hehren Feste ihr Geschäft betreiben und somit den religiösen Gefühlen der Christen Hohn sprechen. Am Abend des ersten hl. Weihnachts-