SchlüchternerZeitung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „JllMrirtem Familienfreund" Vierteljahr!. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg
.N 103
Samstag, den 24. Dezember
1892
MomreMettls-Eittl'udunlj.
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Unter dem Weihnachtsbaum.
Es gibt kein Fest, das so tief und fest im Herzen unseres Volkes eingewurzelt wäre, wie das Weihnachtssest. Das deutsche Volk würde aufhören zu sein, was es ist, wenn es aushörte, Weihnacht zu feiern. Längst ehe in Deutschlands Gauen das Evangclio von Christo verkündigt war und noch das Dunkel des Heidenthums sie bedeckte, gab es ein deutsches „Wynachten" (wy heißt Heilig), das ahnungsvoll die Keime der künftigen Christ- feier in sich barg. Von den damaligen Volksfesten war keines froher und herrlicher als „Wynachten". Es galt der Königin des Erdlebens, der Sonne, die, wenn der Dezember seinem Ende sich nahet, am tiefsten steht und fast zu erlöschen droht, aber dann im Erlöschen sich plötzlich zu verjüngen anhebt und wie von Neuem geboren wird. Der kürzeste Tag wird zum Anfang einer zu herrlichem Wachsthum aufsteigenden Sonnenzeit. Dieses Geburtsfest der Sonne wurde von den alten Deutschen mit Gebeten und Opfern gefeiert. Die Bäume, vornehmlich die winter- grünen Tannen, wurden mit Fackeln, Lampen und Kerzen geschmückt und die Wohnungen mit „Wywasser" (Weihwasser) besprengt, das man um Mitternacht aus' heiligen Quellen schöpfte und das Jahr durch zum Weihegebrauche aufbewahrte. Dazu sang man Jubel- lieder, welche das neugeborene Sonnenkind feierten, musizirte fröhlich und beschenkte sich mit Gaben, so
Wie stets, werden bei dieser Gelegenheit auch diesmal alle kommandierenden Generale zur Cour erscheinen.
— Im Reichstage nahm die erste Lesung der Militär- vorlage vier Tage in Anspruch. Ein sicheres Urtheil darüber, wie schließlich die Entscheidung fallen wird, läßt sich aus den Verhandlungen noch nicht gewinnen. Die Redner aller Parteien, mit Ausnahme des Freiherrn V. Stumm von der Reichspartei, hoben Bedenken gegen die Bewilligung der Vorlage, so wie sie ist in ihrem ganzen Umfange, hervor. Dabei äußerten sich die Redner der Conservativen und der Nationalliberalcu entgegenkommend. Auch der Führer des Centrums, Freiherr v. Huene, sprach die entschiedene Hoffnung auf eine Verständigung aus. Indessen wurde seine Erklärung, daß das Centrum einerseits nicht alle Forderungen bewilligen -wolle und andererseits sich verpflichtet halte, alles zur Durchführung der zweijährigen Dienstzeit Nöthige im Rahmen der gegenwärtigen Präsenzstärke anzuuehmen, später bunt) Reden des bayrischen Abgeordneten Grafen Prcysing und des Abgeordneten Lieber abzuschwächen gesucht. Namentlich nach der Rede Liebers schien es, als wolle das Centrum oder
ein größerer Theil desselben das Hinausgehen über jene
Fürstbischof Dr. Kopp von Vr^slau reist, wie der „Köln. Ztg." berichtet wird, wegen seiner Ernennung zum Kardinal und) Rom.
Aus Schlesien. Eine Schönheitskonkurrenz unter den Lehrern scheint der Magistrat zu Gleiwitz ver- anstalten zu wollen. Derselbe hat dem ,dortigen Leiter der Simultanschnle der „Schl. Volksztg." zufolge den Beschluß des städtischen Schulausschufses übermittelt, wonach die Lehrer zur Einreichung ihrer Photographie zu den Dienstakten aufgefordert werden sollen mit dem * Ersuchen, dies bei den Lehrern der sämmtlichen städtischen Elementarschulen veranlassen, die Photographien sammeln und binnen 4 Wochen einreichen zn wollen. — Bisher ist ein derartiges Sammeln von Photographien auf öffentliche Anordnung nur Leuten gegenüber üblich gc- weM, die sich des zweifelhaften Vorzugs freier Wohnung und Verpflegung in den staatlichen Zwangsalistalten erfreuten. Die Lehrer in Gleiwitz werden nur insofern anders behandelt, als sie die erforderten Photographien mif-agene Kosten Hersteller, lassen 'müssen.
Mainz, 15. Dezember. Eine Pfründnerin des Jn- validenhcMfes hat sich gestern auf eigene Art das Leben genommen; sie gerietst durch Zufall tu den Besitz einer gefüllten Petrolcumkannc und trank den Inhalt voll- Itänbig aus. Die Frau wurde in das Hospital verbracht, es gelang aber nicht, sie am Leben zu erhalten.
Würzdurg. Daß man bei schriftlichen Bestellungen gut thut, den Bestellzettel vor dem Abfenden nochmals ourchzulcsen, mußte ein Rentner in Würzburg erfahren. Derselbe hatte bei einem westfälischen Lieferanten 3 Bratgänse bestellt und war uid)t wenig erstaunt, als er mit der Bahn eine Eilgutsendung von 80 Stück em-
pfing. Auf sofortige Anfrage beim Versender erhielt er . Rechnung über 300 Stück mit dem Anfügcu, daß die
Verpflichtung nicht für zulässig erachten, also namentlich weiteren 220 Stück im Laufe der nächsten Tage abge- auch bei der gegenwärtigen Präsenzzahl stehen bleiben, Mdet würden. Es^stellte sich heraus, daß der Rentner
gut man sie hatte. Aus jenen Zeiten stammt die bis heute in manchen Gegenden noch nicht verklungene Sage, daß in der Weihnacht eine Minute lang alle Wasser zu Wein würden, und daß die Glocken versunkener Kirchen und Kapellen lief unter der Erde läuteten. Auch ist die Sage noch nicht ausgestorben, daß die Sonne in der Weihnacht zwei Freudensprünge macht und darauf ihren Lauf ändert, und in diesem heiligen Augenblicke auch das Vieh in den Ställen und die Thiere des Waldes anbetend auf die Knie fallen.
Als nun das Evangelium von dem Heiland der Welt, dessen Geburt in heiliger Nacht den Hirten auf dem Felde verkündet wurde, wie ein Morgenruf durchs deutsche Land erklang und die nach Licht dürstenden Herzen unserer Väter ihm zufielen, da wurden jene Gebräuche der heidnischen „Wynacht" mit sinniger Wandelung in die Feier der deutschen Weihnachten übertragen. Aus den Hainen und von den Bergen zog das Christfest in die Kirchen und in die Häuser uüd Familien, die Hüterinnen deutschen Geistes - und deutscher Gottesfurcht. Der mit Lichtern geschmückte Tannenbaum gibt Kunde von der alle Sünden- und Todesnacht besiegenden unverwelklichen Gottesliebe, und das Kind in der Krippe zu Bethlehem, das Geschenk Gottes an die sündige Menschheit, füllt unsere Hände mit Gaben an die Kinder und streckt die Hände nach uns aus, daß wir umkehren und Gottes Kinder werden. Wie in dem berühmten Bilde des italienischen Meisters geht von dem Christkinde ein Sonnenlicht aus, das die Nacht zum Tage macht. „Ich bin das Licht der Welt!" Das ist der Weihnachtsruf unseres Heilandes. Möchte unser Volk und jeder von uns ihm folgen!
Das ist ungefähr der Standpunkt der freisinnigen Partei. Allein ohne eine beträchtliche Erhöhung der
I aus Versehen 300 Stück bestellt hatte.
Deutsches Reich.
Berlin. Am Mittwoch Vormittage empfing der Kaiser von 9'- Uhr ab zu Vorträgen im Neuen Palais zunächst den Kriegsminister General der Infanterie v. Kaltenborn-Stachau, sowie den Chef des Jngenieur- tind Pionir-Korps und General-Inspekteur der Festungen Generallieutenant Golz und den General-Inspekteur der Fuß-Artillerie General der Artillerie Sallbach und ferner den^Chef des Militär-Kabinets General der Infanterie v. Hahuke. Später arbeitete Se. Majestät noch einige Zeit allein. Die Neujahrsgratulation am Kaiserhofe wird am 1, Januar den üblichen Verlauf nehmen.
Friedensstärke und ohne die geforderten vierten Bataillone und Reservebatterien wäre die Durchführung der zweijährigen Dienstzeit militärisch unmöglich, es würde die Güte der Truppen nicht zu erhalten sein, und es würde die Zersetzung der Truppentheile bei der Mobil- machung bestehen bleiben. Der Reichskanzler legte dies wiederholt ausführlich bar; besonders eingehend war namentlich seine Schilderung der Zustände bei einer Mobilmachung, aus der die Nothwendigkeit einer Erhöhung der Etatsstärke der Bataillone und der Aufstellung von Reservecadres im Frieden klar hervorging. Der freisinnige Standpunkt ist daher unannehmbar und in der Kommission wird sich nur unter Festhalten an den Grundlagen des Entwurfs eine Verständigung finden lassen. Die Freisinnige Zeitung kündigt zwar bereits das Scheitern der Vorlage an, allein es ist nicht anzunehmen, daß eine Mehrheit des Reichstags die Verantwortung dafür übernehmen werbe. Sehr wirksam sprach wider Willen für die Vorlage der Abg. Bebel, indem er die Nothwendigkeit der Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht begründete, freilich unter der Voraussetzung, daß sich unser Heer in ein Milizheer mit ganz kurzen Ausbildungsperioden verwandelte, woran natürlich für keinen besonnenen Menschen zu denken ist.
— „Aufklärung über die Militärvorlage." Unter diesem Titel ist soeben bei E. S. Mittler u. Sohn in Berlin eine Flugschrift erschienen, welche die Ziele der Militärreform volksthümlich darstellt, so daß auch der einfachste Mann leicht verstehen kann, was uns zur Verstärkung unserer Wehrmacht nöthigt, welche Schäden die Militär Vortage beseitigen will und welche Erleichterungen sie in der persönlichen Dienstlast und in der Schonung der älteren Jahrgänge der Wehrleute
Im Ort Tuugcda herrscht, ebenso wie in anderen Orten, zur Zeit großer Wassermangel. Als im Lauf der vorigen Woche ein Landwirth dort schlachten wollte, holte derselbe das hierzu nöthige Wasser am Tag vor dem Schlachttag mit seinem Geprsirr von Oesterbehrmgm und stellte die Wasserfässer in seinem Haus aus. Als aber am anderen Tag das Wasser georaucht wurde, stellte es sich heraus, oaß dasselbe in der Nacht zuvor gestohlen worden war. Dem Landwirth blieb unter solchen Umstünden nichts anderes übrig, als wieder an zuspannen und das nöthige Wasser noaunats von Oester- vehringen zu holen.
Die Gegend um Oettingen in Schwaben bietet zur Zeit das interessante Schauspiel, daß sich die Bauern »veigern, ihren Grund mio Boden zu bestellen. Ursache dieses landwirtschaftlichen Streites ist der Umstand, daß sich bei den letzten Schießübungen viele nicht explodierte Granaten dort eingcwuhtt haben sollen und die Bauern beim Pflügen ihr Leben riskieren würden. Man verlangt eine militärische Durchfuchung des Bodens und will nicht eher an die Bestellung der Felder gehen.
enthält. Ebenso wie durch ihren aufklärenden Inhalt und ihre volksthümliche patriotische Sprache isi die Schrift auch durch ihren billigen Preis zur Massenverbreitung geeignet. Das einzelne Exemplar kostet 5 Pfennige, 50 Exemplare 1 Mark, 100 Exemplare 1,50 Mark, 1000 Exemplare 10 Mark.
Königsberg i. Pr., 20. Dezember. In Mlawa sind in der vergangenen Woche 7 Choleraerkraukungen vorgekommen. Von den bis jetzt an der Seuche er-
Ausland.
Pest, 19. Dezember. In Peterwardein ist unter der Mannschaft des 29. Jnfaulerie-Regiments die Cholera in erschreckender Wesie ausgebrochen und richtet große Verheerungen an. Das Platzcommando benach- nchligte die Torontaler ComilnlSvehörden. Die von dort kommenden beurlaubten Soldaten werden einer Beobachtung unterzogen. Hier sind täglich durchschnittlich zwei Erkrankungen an Cholera zu verzeichnen und seit acht Tagen je ein Todesfall.
Piusdurg, 22. Dezember. Von dem Gewerkberem nicht angehörigen Arbeitern sind gestern wiederum drei gestorben. Es verlautet, bap von 4UUU Arbeitern, die sich nicht an dem Streik der Gewerkvereinler betheiligt haben, 2000 erkrankt und 32 an Vergiftung bereits gestorben seien. Der Magistrat hat bei allen kürzlich verstorbenen Arbeitern die Leichenfchau angeordnet.
Lokales unb Provinzielles.
Schtuchlern, 23. Dezember.
* — Die Brandsteuer für das Jahr 1803 ist vom Kominiinallandtag auf 18 Pfennige für je 100 Mark
krankten Perwuen sind 14 gestorben, 1 Erkranktet Umlage-Kapital fep^ worden. In den letzten beiden ist genesen. ^Jahren 1801 und 1802 betrug die Brandsteuer