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Mittwoch, den 21. Dezember

1892.

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Vestellmigen auf das 1. Quartal 1893 (Januar, Februar, März) der

J^*Sdiliiciikriier Zeitung

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Rekrutemntttter und Landwehrfrauen.

Der Reichskanzler berief sich neulich in der Etats- debatte auf die Rckrutcnmütler und Landwchrfraucn; die würden es gewiß sehr wohl verstehen, daß künftig einerseits alle Fußtruppen nur zwei Jahre dienen und daß andererseits nicht mehr Tausende und Abertausende junger kriegstüchtiger Leute hinter dem Ofen bleiben sollen, während die älteren Lnndwchrlcntc, meist Familien­väter, sofort gegen den Feind marschiren müssen.

Der Abg. Richter glaubt dagegen, wenigstens die Rekrutenmütter für seinen Standpunkt in Anspruch nehmen zu können. Er rechnet so: Eine Mutter, die einen Sohn hat, der jetzt drei Jahre dienen muß und künftig zwei Jahre dienen soll, werde sich natürlich über die Neuerung freuen; eine andere Mutter, die ihren Einzigen, der jetzt frei war, künftig dienen sehen soll, werde nicht zustimmen. Nun da ist doch wenigstens angegeben, daß die eine Mutter ein starkes Interesse für die Militärvorlage haben muß. Was aber die andere mit dem militärfreien Söhne betrifft, so wird sie wohl denken, daß dem Jungen für sein ganzes Leben lang die Schule beim Heere recht gut thun wird. Ist der Sohn aber ihr einziger Ernährer, ist er ihr unentbehrlich, so kaun sie ihn reklamiren, später so gut wie jetzt, das bleibt sich ganz gleich.

Der Abg. Richter gebrauchte dann folgendes Bei­spiel: Eine Mutter hat vier Söhne. Der eine ist Kavallerist, für den macht die Militärvorlage keinen Unterschied. Der zweite ist Infanterist, dient jetzt 34/s Monate, nach der Vorlage nur 24 Monate, der gewinnt also. Der dritte ist Dispositionsurlauber, hat also22/s Monate gedient, soll aber künftig 24 Monate dienen. Der vierte endlich ist jetzt über­zählig oder zur Ersatzreserve geschrieben, künftig dient er seine zwei Jahre. Die Mutter hat also das Un­glück wenn es eins wäre eine Reihe von Monaten zu verlieren. Im Grunde läuft das Beispiel auf Achn- liches hinaus, wie das Beispiel von der Mutter mit dem einen jetzt vom Militärdienst befreiten Sohne.

Natürlich steht von vornherein fest, daß, wenn jährlich 60,000 Rekruten mehr zu der Fahne kommen, 60,000 Söhne mehr ihrem Berufe entzogen werden. Diese 60,000 waren bisher bevorzugt, während an 200,000 Andere im gleichen Alter jährlich zum vollen Dienst eingezogen wurden. Die Mütter dieser 200,000 haben gewiß soviel Gerechtigkeitssinn, daß sie es billig finden, wenn ein Tauglicher so wie der andere dem Vaterlande beim Heere dienen soll. Und wird nicht sehr oft der Fall vorliegen, daß eine Mutter jetzt schon ihre sämmt­lichen Söhne zu den Fahnen stellt? Die wird sich unter allen Umständen über die Abkürzung der Dienstzeit freuen, die nach der Schätzung Richters jährlich 00,000 Soldaten zu Gute kommen wird. Irgend welche Garantie hat keine Mutter, daß einer oder der andere ihrer tauglichen Söhne vom Dienste frei bleibe. Daß man Rücksicht auf soldatenreiche Familien nimmt, daß die Söhne nach und nach eingestellt werden, das soll künftig gerade so bleiben wie jetzt. Endlich aber wird auch jede Rekrutenmutter den großen Vortheil zu schätzen wissen, der darin liegt, daß künftig jeder Zweifel über die Dauer der Dienstzeit des einzelnen Fußsoldaten, ob er zu den Dispositionsurlaubern gehören wird oder nicht, wegfällt, daß Eltern, Arbeitgeber, wie die Söhne selbst, im Voraus wissen: Nach zwei Jahren ist der Dienst zu Ende.

Den Versuch, auch den Landwehrfrauen die Militär- vorlage zu verleiden, unterließ der Abg. Richter gänzlich. Da ist auch wirklich gar nichts zu machen. Der Reichs­kanzler schützte in seiner Erwiderung am 11. November die Zahl derjenigen, die, obwohl tauglich, aber weil nicht ausgebildet, in einem Zukunftskriege hinter dem, . . , , , ,

bem Ofen sitzen bleiben würden, während die mit ihnen1 wurde nämlich neuerdings konstatiert, daß die gekauften

gleichalterigen Leute vor dem Feinde stünden, auf rund eine Million Menschen. Der Reichskanzler fuhr fort: Von diesen Menschen wollen wir jährlich 60,000 Mann (die Jungen) entstellen. Rechne ich dabei diejenigen Leute ab, die bei denn jetzigen Verfahren zur Ersatz- reserve gehen, zunächst in die Ersatzbataillone und nicht vor den Feind, weil ihre Ausbildung unvollkommen ist, so erhalte ich etwa 40,000 Mann jährlich, die ich mehr gegen den Feind bringen kann. Führe ich dies System 12 Jahre hinter einander durch, wird also die Vorlage bewilligt, so tritt nach 12 Jahren ein Zustand ein, in dem ich bei Abzug von 15 pCt. Ausfall 450,000 Mann mehr an den Feind führen kann, als bisher, oder 450,000 Junge mehr mitnehmen oder 450,000 Alte mehr zu Hause lassen kann. Nun wollen Sie gütigst bedenken, was diese Zahl sagen will. Die Stärke der ausrückenden Feldinfanterie des deutschen Heeres ohne Landwehr betrug 1870 Alles in Allem 420,000 Mann also das, was wir durch die Verjüngung erreichen, ist mehr, als die gesummte Feldinfanterie in 1870 im Norddeutschen Bunde und süddeutschen Kontingente zu­sammen betrugen."

Dns wird wohl jede Landwehrfrau verstehen, die den natürlichen Wunsch hat, daß ihr Mann so lange geschont und zu Hause gelassen wird, bis alle jüngeren Leute vor den Feind geführt worden sind.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser ist aus Letzlingen, wo er in den letzten Tagen gejagt hat, nach Potsdam znrückge- kehrt. Zu den Berliner Hoffestlichkeiten im Monat Januar wird auch der Besuch des Königs von Württem­berg erwartet. Der König von Sachsen hat sein Er­scheinen bestimmt zugesagt.

17. Dezember. DerReichsanzeiger" schreibt: Seit dem 28. November d. Js. sind dem Kaiserlichen Gesundheitsamt bis zum 10. Dezember zwei vereinzelte in den Veröffentlichungen des Kaiserlichen Gesundheits­amts mitgetheilte Neuerkrankungen an Cholera gemeldet worden und zwar aus Mona und aus Hamburg je ein Fall, welcher in letztgenannter Stadt einen tödtlichen Verlauf genommen hat und anscheinend dahin von außerhalb eingeschleppt worden war. Außerdem ist in der verflossenen Woche in Hamburg am 12. d. M. ein neuer Todesfall infolge von Cholera vorgekommen; auch wurden dort am 16. d. Mts. zwei Neuerkrankungen aus einem und demselben Hause gemeldet.

Hamburg. 17. Dez. "©erHamburgische Korre­spondent" kann authentisch mittheilen, daß die gestern an der Börse verbreiteten Gerüchte, es seien hier 20 Cholera-Erkrankungen und 4 Todesfälle vorgekommen, vollständig unbegründet gewesen sind. Veranlassung zu dem Gerücht hätte vielleicht die Räumung verdächtiger unreinlicher Massenquartiere gegeben.

Magdeburg, 13. Dezember. Bekannt ist, daß um die Elbe herum mächtige Kali- und Steinsnlzablagcrungen liegen und daß die Salzindustrie im Staßfurt-Halbcr- städter Becken zu hoher Blüthe gekommen ist. Eine Nebenwirkung dieses Aufschwungs unseres Salzbergbaues dürfte wenig bekannt sein, daß nämlich durch die Hundert­tausende von Centnern Salz, die alljährlich mit dem Betriebswasser in die Elbe abfließen, dieser Strom und seine Nebenflüsse im.Bereich unserer Gegend mehr und mehr versalzen werden nnd zwar derart, daß zeitweise das Kochwasser in den Häusern ungenießbar wird. Neuerdings ist die Klage wieder überall groß.

Erfurt. Eine eigenthümliche, aber für die betreffenden Unternehmer" jedenfalls recht einträgliche Manipulation, durch welche anscheinend seit lange die Käuferinnen auf

den Erfurter Wochenmärkten massenhaft betrogen worden find, ist jetzt aus Licht gekommen. In vielen Fällen

ButtMücke" lediglich aus einem mit Butter überzogenen Margarincklnmpcn bestanden.

Aus Thüringen. Wie groß hie und da der Wohl­stand unter der ländlichen Bevölkerung ist, zeigt der Aufwand, der jüngst bei der Feier einer Hochzeit in Emsleben im Gothaischen gemacht worden ist. Es mußten zur Bewirthung der Güste 1 Kuh, 2 Schweine, 2 Hammel, 16 Hasen und % Ztr. Karpfen ihr Leben lassen, außerdem wurden verwendet 1« Ztr. Kotelettes und/s Ztr. Hackfleisch; 10 Ztr. Mehl, 3 Ztr. Butter und 2 Ztr. Zucker wurden außer anderen Zuthaten in Kuchen verbacken. Auch viel Durst muß während der volle drei Tage währenden Hochzeitsfeier zu löschen ge­wesen sein; denn außer einem beträchtlichen Quantum Emslebencr Gebräus und steifen Grogs wurden nicht weniger als 6 HektoliterEchtes" und 600 Flaschen Wein und Champagner vertilgt, daß auch nicht die Nagelprobe mehr zu machen war. Direkt geladen waren 100 Gäste.

Mainz, 15. Dez. Ein Fall unglaublicher Nohheit und Brutalität wurde in der gestrigen Sitzung des Schwurgerichts abgeurtheilt. Der Dienstknecht Johann Bieser aus Ober-Hillersheim, als roher und brutaler Mensch bekannt, erhielt im Mai d. I. von seinem Brodherrn, dem Schmiedemeister und Landwirth Peter- Heinz, den Auftrag, ihn und sein 12jähriges Söhnchen nach Flonhcim zu fahren. Der Knecht that dies mit großem Widerstreben, da er sich für den Tag ein Ver­gnügen machen wollte. Auf dem Wege nach Flonheim gesellt sich noch der Landwirth Schweizer zu den Fahrenden und es ging unterwegs Alles gut bis in die Gemarkung Flonheim; dort fällt nämlich die Chaussee sehr steil ab. Kurz vor der steilsten Stelle öffnete Plötzlich der Knecht die bis dahin vollständig geschlossene Bremse, rasch warf er den Zügel des Pferdes von sich und nun raste der Wagen mit einer ungeheueren Ge­schwindigkeit den Berg hinab, um schließlich in einen 2 Meter tiefen Graben hinabzustürzen. Leider geschah dabei ein schreckliches Unglück, der 12jährige Knabe war aus der Stelle todt, während die beiden Landwirthe schwer verletzt wurden. Sofort wurde der Dicnstknecht verhaftet und in Anklagezustand versetzt; bei dieser Gelegenheit stellte es sich auch heraus, daß der Ange- schuldigte im März einen Haufen Stroh im Werthe von etwa 2500 Mark in Brand gesetzt hatte. In ber gestrigen Schwurgerichts-Sitzung erkannte der Gerichts­hof auf eine Zuchthausstrafe von 8 Jahren und erklärte die Polizei- Aufsicht auf die Dauer von 10 Jahren für zulässig. Die Staatsanwaltschaft hatte nur 6 Jahre Zuchthaus beantragt.

Boppard, 14. Dezember. Wir lesen in derWestd. Allg. Ztg.": In einem aus Eleve hierher gelangten Briefe wird mitgetheilt, daß der Mörder des Knaben Hegemann aus Xanten entdeckt sei. Der Steinhauer Wesendrup aus Xanten äußerte sich in einer Wirthschaft in Kalkar in betrunkenem Zustande bei sieben Zeugen, daß Buschhoff nicht der Mörder sei, sondern er selbst. Die Aeußerung soll er auch schon früher gemacht haben. Es wurden bereits in Xanten 17 Zeugen vernommen. Wesendrup ist inzwischen hartgebrannt und wird steck­brieflich verfolgt.

Wie derKleinen Presse" unterm 11. ds. aus Aschasfenburg berichtet wird, traf mit dem Conrierzug 87 von Salzburg in einem Extrawaggon ein Hunde- Cadaver, nach Gent bestimmt, dort ein, welchen die Fürstin A. in ihre Heimath befördern ließ. Begleitet war der Wagen von vier Livrüe-Bedienten, welche das theure Kleinod zu bewachen hatten. Der Separatwagen, im Innern entsprechend ausgeschmückt, kostete an 600 M. Was das für den Dahingeschiedenen zu erbauende Mausoleum kostet, war nicht in Erfahrung zu bringen.

Mannheim, 11. Dezember. Einen eigenthümlichen Beitrag zum Submissionswesen lieferte eine hiesige Baufirma, indem sie auf den Voranschlag für den Thürmausbau der hiesigen Coneordienkirche ein Abgebot von nicht weniger als 51 Proecnt machte. Die Ar­beiten waren von der Bau-Kommission auf 114,000 Mark veranlagt, die Firma bot 56,000 Mark und erhielt den Zuschlag!

Aus Bc^gzabern, 3. Dez., wird gemeldet: Ein hiesiger, die Schweinezucht treibender Einwohner vermißte des Abends beim Nachhausekommen seine Zuchtsau, die im Stalle nirgends zu finden war. Nach längerem