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SchlüchternerMung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" n.Jllnstrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Samstag, den 10. Dezember

Deutsches Reich. i

Berlin. Das Kniserpaar ist in Hannover Mittwoch Nachmittag 3*/* Uhr auf dem mit Guirlanden und Fahnen prächtig geschmückten Bahnhof eingetroffen. Feierlicher Empfang war verbeten worden, es hatte sich daher nur der Polizeipräsident v. Brandt aus dem Bahnhof eingefunden. Vor dem Bahnhof und auf dem ganzen Wege bis zum Schlosse hatte sich trotz des schlechten Wetters ein äußerst zahlreiches Publikum versammelt, welches das Kaiserpaar auf der Fahrt zum Schlosse mit enthusiastischen Hochrufen begrüßte.

Dem Reichstage sind die neuen Steuervorlagen, nachdem dieselben vom Bnudcsrath definitiv genehmigt worden sind, nunmehr zugegangen. Eine Abänderung ist nur getroffen bei der Branntwcinsteuervorlage, in welcher die Steuer für fontingentirten und nich'tkontingen- tirten Spiritus je auf 55 und 75 Mark festgesetzt wird, was also beiderseits eine Erhöhung von 5 Mk. bedeutet. Die Biersteuer- und Börscnstcucrvorlagc, welche eine Verdoppelung der betr. Steuern bedeuten, haben ihre bisherige Fassung behalten.

* Das Ergebniß der diesjährigen Pferde-Vor- mustcruugen ist im Allgemeinen ein nicht so befriedigendes, wie es wohl wünschenswert!) wäre. Damit die im Kriegsfall zu stellende Zahl an Pferden in den Berichten über diePferdcvvrmusterungen nachgewiesen werden konnte, war es erforderlich, daß durchweg geringere Ansprüche an die Kriegsbrauchbarkeit gestellt wurden. Im Be­sonderen fehlten in nicht unerheblicher Zahl Reitpferde, weshalb bei dem gegenwärtigen Pferdebestande im Kriegs­fall nicht alle Truppen mit geeigneten Reitpferden kompletirt werden können. Ferner wird allgemein der Mangel an Stangenpferden betont, wodurch namentlich die Artillerie schwer getroffen würde, die besonder schwerer Pferde bedarf. Die Güte unseres Pferdematerials wird in sehr vielen Bezirken ganz bedeutend durch fehler­haften Hufbeschlag beeinträchtigt, wodurch sich Huf­krankheiten entwickeln, die sonst leistungsfähige Pferde unbrauchbar machen. Bei diesen hervorgetretenen Miß- ständen können selbstverständlich Vorschläge auf Befreiung der über 15 Jahre alten Pferde von der Gestellung keine Berücksichtigung finden, zumal bei der Verschiedenheit in der Abnutzung nicht durchweg Pferde von 15 und mehr Jahren als kriegsuubrauÄar bezeichnet verben können, ganz abgesehen von den aus der Schwierigkeit und Ungenauigkeit der Altersbestimmung sich ergebenden Unzutraglichkeiten. Die Qualität des Pferdematerials soll in erster Linie durch Vermehrung der Deckstationen und sorgfältigere Auswahl von Zuchthengsten verbessert werden. Bemerkt wird, daß der Güte des deutschen Pferdematerials eine Hmrptgefahr durch die Einfuhr russischer Pferde droht, die zwar billig sind, sich aber wegen ihrer geringen Größe nicht zu schwereren Arbeits­leistungen, wie sie an Kriegspferde gestellt werden müssen, eignen. Da bei dem ins Ungeheure angcwachsenen Bedarf an Kriegs-Ergünzuugspferden Vormusterungen in zehnjährigen Zwischenränmen nicht ausreichen, um ein richtiges Urtheil über das vorhandene Pferdematerial gewinnen zu können, so wird künftig aus Vormusterungen in kürzeren Fristen, etwa nach fünf Jahren, Bedacht genommen werden.

* Die seit einigen Jahren bei einer Reihe von Post- und Telegraphen-Anstalten des platten Landes eingerichteten sogenannten Unfall-Meldestellen, welche dazu bestimmt sind, bei eintretenden unvorhergesehenen Gefahren für Gut und Leben der Landbewohner schleunigste Hilfe bei Tag und Nacht aus Nachbarorten durch den Telegraphen Herbeizurufen, haben eine immer größere Ausbreitung gewonnen. Die Zahl der Orte mit Unfall- Meldedienst, welche Ende 18b7 erst 514 betrug, war, nach der N. A. Z., Ende 1891 bereits auf 2834 ge­stiegen und belauft sich zur Zeit auf 4500. Dieses bedeutende Anwachsen meist darauf hin, wie durch die Einrichtung des Unfall-Meldedienstes einem wirklichen Bedürfnisse abgeholfen worden ist. In den maunig- fachsten Nothlagen, bei Erkrankungen, bei Feuers- und Wassersgefahr, bei Diebstählen rc. Hat schnelle Hilfe durch den Telegraphen herbcigcrnsen werden können, die andernfalls vielleicht zu spät gekommen sein würde. Es ist deshalb zu wünschen, daß die für die Land­bewohner so segensreich wirkenden UMall-Meldestellen, deren Einrichtung auf Antrag der Ortsgemeinden von der Postvcrwaüung erfolgt, in möglichst zahlreichen Orten des platten Landes ins Leben gerufen werden.

Brcs'au. DieSchles. Volks-Ztg.", welche in Beziehungen zum Breslauer Domkapitel steht, erfährt, daß an der Richtigkeit der Meldung, wonach der Papst in dem Januar-Konsistorium die Ernennung des Fürst­bischofs Dr. Kopp zum Kardinal vornehmen werde, nicht mehr zu zweifeln sei.

Ausland.

Rom, 6. Dezember. Der hochoffiziöseFolchetto" schreibt: Wenn auch die jüngsten Alarmnachrichten sich nicht bestätigten, so ist die Gesundheit des Papstes doch nichts weniger als erfreulich.

Aus Rom meldet ein Telegramm: DieNouva Antologin" veröffentlicht ein offenes Schreiben Bonghis an den Papst, welches großes Aufsehen erregt. Boughi, der sich als ein gläubiger Katholik bekennt, stellt den zunehmenden inneren Verfall der katholischen Geistlichkeit, sowie die zunehmende Korruption der klerikalen Presse fest, welche der Kirche mehr schade als nütze. Der Grund allen Uebels für das Papstthum sei aber der Jesuitenorden. Falls sich der Papst nicht zu einer gründlichen Reform des Klerus entschließe, sei eine Spaltung innerhalb des italienischen Katholizismus un­vermeidlich; schon jetzt seien ernste Anzeichen derselben bemerkbar. Die Rebellion werde zum offenen Ausdruck kommen, sobald die italienische Regierung es nur wolle; schon jetzt schließen sich immer mehr Italiener der vom Exkanonikus Campello begründeten freien Kirche an.

Washington, 3. Dezdr. Der jährliche Bericht des Generalstabsarztes Wymnn an den Schatzsekretär befür­wortet, daß während des Jahres 1893 jede Einwanderung nach den Vereinigten Staaten verboten werde, um den Ausbrnch der Cholera zu verhüten, der die Chicagoer Weltausstellung schädigen könnte. Es verlautet, daß der Schatzsekretär jenen Vorschlag begünstige.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 9. Dezember.

* Versetzt: der Kreisbote Riehl in Schlüchtern zum 1. Januar 1893 in gleicher Amtseigenschaft an das Landrathsamts in Homberg.

Hanau, 28. November. Das Project einer Tertiär­bahn Hanau-Büdingen hat nunmehr greifbare Gestalt angenommen. In der unter dem Vorsitz des Herrn HnndelskammerpräsiWrtcn Canthal hier im RathhauSsaal abgehaltenen Sitzung des Agitationscvmitös referirte Herr Stadt- und Handelskammersecretär Bödicker über die volkSwirthschaftlichen Vortheile des Projects, dessen Ausführung große Theile des Vogelsbergs und theilweise noch vollständig unerschlossene Gegenden in birecte Ver­bindung mit Hanau und Frankfurt a. M. bringen wird. Es wird beabsichtigt, die Strafe der Tertiärbahn von Hanau-Nordbahnhos über Langendiebach, Marköbel, Langenbergheim nach Büdingen zu legen und gleichzeitig eine Abzweigung Hanau-Rücklagen-Langenseldold zur Ausführung zu bringen. Ein Unternehmer für die Ausführung des Projeetes ist in der Person des Herrn Civil-Jngenienrs Henzel von Wiesbaden bereits gefunden. Die Anlage des ganzen Bahnprojectes ist zu ca. 600,000 Mark veranschlagt, mit den Vermessungsarbeiten soll alsbald begonnen werden. Erwähnenswert!) erscheint noch, daß die neue Tertiärbahn auch dazu bestimmt ist, einen ganz erheblichen Arbeiterverkehr zwischen Hanau und den nahe gelegenen Ortschaften zu vermitteln.

Vom Westerwald, 3. Dezember wird demNass. Bote" berichtet: Die Angst vor dem Steuergespenst verschaffte am 1. d. Mts. dem Dörfchen S. mehrere Schlachtfeste. Es war bekanntlich Zahlung der Vier­füßler und es hatte sich bei manchem Bürger die Meinung festgesetzt, daß nach der Zahl dieser Stall- bewohner die Steuerschraube in Bewegung gesetzt würde. Kaum graute der Tag, so sah man einen Mann mit Geschwindschritten in Begleitung eines Kälbleins von F. Lnad) S. eilen, um es hier nebst einem Schwein dcmKTod zu weihen. Während ein weiteres Rüsselthier auf dem Berg" verendete, legte ein dritter das Messer an den Hals der Ziege mit Worten:Lieber sterben, als für dich Steuern zahlen!" Man munkelt auch, daß Vieh vor den Augen der Kommission in geheime Winkel verborgen wurde, so meckerte z. B. eine Ziege vergnügt durch das Fenster des Speichers.

Aus HemeliNgen wird folgende Geschichte erzählt: In einem Nachbardorfe saß vor einigen Tagen ein Ehepaar nach des Tages Last und Hitze gemüthlich am

warmen Ofen. Da wird an die Thür gepocht und herein tritt ein Fremder, der auf die Frau zugeht und fragt:Kennst Du mich nicht mehr?" Die Frau wird beim Anblick des Fremden und dem Klang seiner Stimme bleich wie der Kalk an der Wand und vermag, da sie einer Ohnmacht nahe ist, nicht zu antworten. Endlich hat sie sich so weit erholt, daß sie auf die Frage ihres Gatten:Wer ist denn das?" erwidern kann:Es ist mein erster Mann." Dieser ihr erster Mann hatte sie vor mehreren Jahren verlassen; da erhielt sie die Nachricht, er sei in Hamburg gestorben. Sie reiste dorthin, wo auf ihren Wunsch acht Tage nach dem Begräbniß die Leiche ihres Mannes, wie sie erwähnt, exhumirt wurde. Sie leistete darauf den Schwur, der Verstorbene sei wirklich ihr Mann gewesen und erhielt anstandslos den Todtenschein. So hat nun die Frau, nachdem sie seit zwei Jahren wieder verheirathet ist, zwei Männer. Der zweite Mann war sogleich bereit, seinem Vorgänger die Frau zurückzugeben, dieser lehnte aber ganz entschieden ab.

XVIÖ. Hessischer Commnnattandtag.

Kassel, 6. Dezember.

Der Communallandtag hält morgen seine siebente und voraussichtlich letzte diesjährige Sitzung. Die Be­rathungen, welche sich in der Hauptsache auf die Fest­setzung deS Jahresetats und auf die Prüfung der Jahresrcchmmgcn der Anstalten des Communal-Verbands bezogen, sind derart gefördert worden, daß der Schluß allseits erwartet wird. Für den Kreis Schlüchtern ist von besonderer Wichtigkeit ein Antrag gewesen, der am 5. d. Mts. zur Berathung stand und auf eine Unterstützung seitens des Communalverbands derjenigen Kreise, welche Kreiskrankenhänser bauen, abzielt. Dieser Antrag tautet:

Hoher Communallandtag wolle beschließen, daß unter Anerkennung des Bedürfnisses der Errichtung v o n K r e i s k r a n k e n- h ü u f c r n, der Landesausschuß ermächtigt werde, die Grundsätze der Unterstützung des Betriebs dieser Krankenhäuser zu entwerfen und dem nächsten Communallandtag vorzulegen.

Zu diesem Antrag erhielt zunächst das Wort der Be­richterstatter Dr. Endemann-Cassel.

Referent war der Ansicht, daß die Errichtung solcher Anstalten rc. von der größten Wichtigkeit für die ärmere Bevölkerung der Kreise sei. Anlaß zu dem Antrag, welcher jetzt der Berathung unterliegt, gab ein Gesuch des Landraths von Hofgeismar. Derselbe beantragte die Errichtung eines Kreiskrankenhauses unter Zuhilfe­nahme der Bkittel aus der lex Huene Seitens des Kreises und auf dessen Kosten. Das also fertiggestellte Krankenhaus solle dann dem Bezirks-Verband übergeben werden unter der Bedingung der Uebernahme der Be­triebskosten Seitens des letzteren. Der Landes-Ausschuß hat auf dies Gesuch hin beschlossen, dem Communal- landtag zu empfehlen: 1) letzteres abzulehnen, 2) seine Geneigtheit auszusprechen, bei Errichtung von Kreis- krankenhäusern Zuschüsse zu den Betriebskosten unter gewissen Voraussetzungen zu leisten. Ein solches Kreiskrankenhaus dürfte nicht über 50 Betten enthalten; je kleiner dasselbe sei, desto besser diene es seinen Zwecken. Diese Kreiskrankenhäuser sollten gewissermaßen eine Decentralisativu der Krankenpflege herbeiführen. Die Herstellung solle mit den einfachsten Mitteln und der einfachsten Ausstattung erfolgen, immerhin natürlich derart, daß die Einrichtung nicht ihren Zweck verfehlt. Durch die Kreisanstalten solle auch der immer mehr um sich greifenden Vergrößerung der Landkrankenhäuser Einhalt gethan werden. Erstere erleichterten auch den Transport der Kranken und verbilligten denselben. Von England stamme diese Einrichtung und sei auch in Bayern mit Erfolg eingeführt worden. Im diesseitigen Bezirke fei schon früher der Kreis Schlüchtern mit Er­richtung eigener Krankenhäuser vorgegangen. Die Kreis- krankenhäuser böten auch Schutz gegenüber Simulanten. Die acht bestehenden Landkrankenhäuser wären durch ihre topographische Lage geeignet, die Errichtung eigener Krankenhäuser für gewisse Kreise unnötig zu machen. Referent empfahl den Antrag des Haupt-Ausschusses zur Annahme, betonend, daß der Landtag damit bei­tragen weide, sich ein Denkmal werkthätiger Liebe in Hessen zu setzen. Der Antrag des Haupi-Ausschusses hat folgenden Wortlaut:Hoher Communallandtag