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SchlüchternerMung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mit^eisblatt" u. ^Jüustiirtcm Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Ps

^ 92. Mittwoch, den 16. November 1892.

Eine sozialistische Geschichte.

In den verschiedensten Ländern der Erde sind schon Versuche unternommen worden, eine kommunistische Welt im Kleinen nach den Grundsätzen der Gleichheit und Brüderlichkeit in's Leben zu rufen, und allenthalben sind sie früher oder später gescheuert. Jetzt wird wieder aus Australien von einem sozialistischen Unternehmen berichtet, das unter den günstigsten Bedingungen begann und sich doch alsbald als undurchführbar, weil gegen die Gesetze der menschlichen Natur verstoßend, erwies.

Ein deutscher Einwanderer hatte vor zehn Jahren in Neusüdwales eine einsame Gegend entdeckt, deren Boden ihm reich an Mineralien zu sein schien. Die Vermuthung bestätigte sich, er gründete eine große Ge­sellschaft, die an die Ausbeutung ging und den größten Erfolg erzielte. In wunderbare Schnelle entstand in der früheren Einöde eine volkreiche Sradt. Die glück­lichen Unrernehmer beschlossen nun vor zwei Jahren, ihre mehr als 3000 Arbeiter ebenfalls zu glücklichen Menschen zu machen, und überließen ihnen im Vertrauen auf ihre Einsicht und ihren Fleiß die Festsetzung der Arbeitsbedingungen. Die Vertreter der Arbeiter be­stimmten nun, daß alle den gleichen Arbeitslohn ohne Rücksicht auf die Unterschiede in der Geschicklichkeit und im Fleiße erhalten sollten, ganz wie es von unseren Zukunftsaposteln den Arbeitern verheißen wird. Auch die Arbeitszeit wurde herabgesetzt und da auch die Auf­sicht sehr mangelhaft war, so sank die tägliche Arbeits­leistung unter die Hälfte der früheren Leistu- g herab. Natürlich hörten die Werke auf zu rentiren und hätten trotz ihres natürlichen Reichthums Zubußen erfordert, wenn die Wirlhschast so fort gegangen wäre.

Aber der Rückkehr zu einem verständigeren System, der Wiedereinführung von Lohntarifen, die dem Fleißigen mehr gewährten als dem Lässigen, widersetzten sich die an das bequeme Leben gewöhnten Arbeiter. Es kam zum Bruch mit den E genlhümern und zu heftigen Kämpfen, als diese andere Arbeiter einstellen wollten. Die Sache kam schließlich auch vor das Parlament von Neusüdwales und stellte sich hier so ungünstig für die Arbeiter dar, daß selbst ein Theil der Arbeitervertreter gegen ihre Genossen stimmte.

Man könnte nun sagen, daß das sozialistische Ex­periment au der Halbheit zu Grunde gegangen sei, daß die Arbeiter nicht auch das Eigenthum der Werke er­halten hätten. Aber es wäre wohl noch schlimmer ge­gangen, wenn der Kommunismus ganz durchzuführen versucht worden wäre. Denn Jeder hätte sich dann noch mehr auf die Arbeit des Andern verlassen und es wäre dann erst recht zu heftigen Kämpfen um die Aussicht und Herrschaft gekommen.

Die Jesuiten als Retter vor der Goeialbemkrati'.

Im Widerspruch mit der bestehenden Gesetzgebung waren auf dem Gladbachersocialpolitischen Kursus" auch die Jesuiten Heinrich Pesch, Kathrein und Alexander Baumgariner. Was von der staatsrettenden Thätigkeit der Jesuiten zu halten ist, zeigt ein Artikel des Jesuiten Kathrein in denStimmen aus Maria Laach" über die Aufgaben der Staatsgewalt und ihre Grenzen", worin folgendes gesagt wird:

Unsere Ausführungen haben nicht blos einen ganz katholischen Staat vor Augen, sondern jeden Staat, in welchem die katholische Kirche öffentlich in ihrem Be­stände und in ihren göttlichen Rechte garantirt ist, oder in welchem wenigstens ein bedeutender Theil der Be­völkerung der Welikirche angehört. (Also auch das deutsche Reich!) Christus hat seine Kirche zu einer wahren, vollkommenen, völlig freien und selbständigen, mithin von anderen unabhängigen Gesellschaft erhoben. Sie ist ein souveränes Königreich auf Erden, welches alle Zeiten und Länder und Völker umspannt und des halb nicht dem Staate unterworfen sein kann ... Aus diesen hier nur flüchtig angedeuteten Grundwahrheiten, welche ebenso viele ®uuben§tel)ren enthalten, an denen ein Katholik gar nicht zweifeln darf, ergeben sich sehr viele wichtige Schlußfolgerungen über das Verhältniß von Kirche und Stoat ... Die Kirche ist im Gebrauch ihrer göttlichen Rechte und Pflichten von niemand ab hängig. Es steht dem Staate nicht zu, zu bestimmen, welches die Rechte der Kirche seien, und innerhalb welcher Grenzen sie dieselben gebrauchen dürfe . . . Das in Anspruch genommene jus cavendi der Staaten,

oder das königliche Placet oder der reeursus tanquam ab absusu sind ebensoviele gehässige als rechtswidrige Eingriffe in die Rechte und Freiheiten der Kirche . . . Die Ertheilung, Leitung und Beaufsichtigung der ge­summten religiösen Erziehung und Belehrung auf allen Stufen und für alle Lebensalter ist ausschließliche Sache der Kirche . . . Doch genügt die Aufsicht über den Religionsunterricht allein nicht. In Bezug auf kirchliche Schulen steht dem Staate höchstens das Recht zu, sich zu überzeugen, ob die Wohnungen den allgemeinen gesundheitlichen Gesetzen genügen. Der staatliche Schul- zwang ist durchaus verwerft ch. Sind Lesen, Schreiben und Rechnen heute für alle ohne Ausnahme unentbehrlich? Das möchte wohl schwer zu begreifen sein . . . Noch empfindlicher als der Schulzwang greift das staatliche Schulmoropol in die natürlichen Rechte bee Eltern ein. Es ist eine entwürdigende und empörende Geistesknechtung. Der Staat muß wieder aus der Schule hinausgetrieben werden. Den geistlichen Behörden, in erster Linie dem Papste steht das Recht der kirchlichen Straf- und Disziplinargewalt zu, und in der Ausübung ihres Rechtes hängen sie von niemand auf Erden ab. Soweit indirekt mit der Exkommunikation bürgerliche Folgen verknüpft sind, hat der Staat dieselben anzuerkennen."

Solche Weisheit riecht nach dem Scheiterhaufen!

Deutsches Nkeich.

Berlin. Der Kaiser und der König von Sachsen sind am Freitag von der Jagd in Königs - Wusterhausen zurückgekehrt. Bemerkenswerth ist, daß diesem Beisammen­sein der beiden Monarchen eine große politische Be­deutung beigelegt wird. Die Besprechungen derselben sollen von entscheidendem Einfluß auf das Schicksal der Militärvorlage sein. Der Kaiser hat Sonnabend den neuen österreichischen Botschafter empfangen und gedenkt Montag in Wernigerode einzutreffen, um an den Jagden des Fürsten Stolberg theilzunchmcn.

Ein Gewährsmann derWestdeutschen All­gemeinen Zeitung" will aus absolut guter Quelle erfahren haben, daß der Aufsatz desMiliiär-Wochenblatts" über die Leistungen der Landwehr im Krieg 1870/71 an höchster Stelle sehr mißbilligt worden ist und daß die Beröffentlichung einen Wechsel in der Leitung des Blattes zur Folge haben werde. In militärischen Kreisen ist man über die Veröffentlichung um so mehr erstaunt, als die Kontrolle des Krie^sministeriums über

dasMilitär-Wochenblatt" im Allgemeinen eine scharfe

ist, ein Umstand, der gerade hervorragende Militär­schriftsteller veranlaßt hat, die Uebernahme der Redaktion

des Blattes abzulehnen.

Die Zahl der Truppentheile bei den einzelnen Waffengattungen in ihrer Vermehrung. Die Ziffern

von 1893 sind die von der Militärvorlage angestrebten Ziffern: 1872 1873 1881 1887 1890 1893 Infanterie. Bataill. 269 469 503 534 538 811 Kavallerie. Eskadrons 465 465 467 465 465 477 Feldartillerie. Ba tr. 264 300 340 364 434 494 Fußartillerie. Bataill. 29 29 31 31 31 37 Pioniere. Bataillone. 18 18 19 19 20 24 Train. Bataillone. 18 18 18 18 18 21

Der PariserMatin" veröffentlicht eine Mit­theilung, unterzeichnetEin Diplomat", wonach am

Sonnabend vor 8 Tagen ein franko-russischer Präliminar- vertrag abgeschlossen worden wäre. Die Enthüllung desDiplomaten" wird wohl nicht ernster zu nehmen sein als die vielen Meldungen, die früher schon über denselben Gegenstand von anderen Entenzüchtern in die Oeffentlichkeit gebracht worden sind. Vielleicht ist es bei derselben nur darauf abgesehen, die Mikung deS Besuches des russischen Thronfolgers am Wiener Hof etwas abzuschwächen.

Es steht, wie dieKreuz-Zeitung" meldet, zu erwarten, daß die kgl. Verordnung, die für Preußen den neuen Bußtag (am letzten Mittwoch des Kirchen­jahres) einführen wird, vielleicht schon im Januar erlassen werden wird. Dann werden auch die Pfarrer angewiesen

werden, von der Kanzel aus die Aufhebung des alten und die Feier des neuen Bußtages anzukündigen.

Dem Abgeordnetenhause sind die drei Miquel'schen

Gesetzentwürfe, betr. Steuerreform nebst einer Denkschrift zugegangen. Der Staatsanzeiger veröffentlicht dieselben im Wortlaute, der nicht weniger als vier Beilagen be ansprucht. Der erste Entwurf betrifft die Aufhebung direkter Staatssteuern, der zweite ist der Entwurf eines

Ergünzungssteuergesctzes und der dritte ist der Entwurf eines Kommunalabgavegesctzes.

Der Gesetzentwurf betreffend die Vermögenssteuer läßt die Vermögen bis zu 6000 Mk. von der Er- gäuzungsslcner frei. Bei einem steuerbaren Ver­mögen vor 6000 - 8000 Mk. beträgt die Steuer zwei Mark, für jede weitere 20u0 Mk. steigt die Steuer um eine Mark. Bei 22000 Mk. beträgt also die Ee- gänzuugssteuer neun Mark und dann bis 25000 Mk. zehn Mark, bis 300uO Mk. zwölf Mark, bis 40000 Mk. fünfzehn Mark, und bis 50u00 Mk. zwanzig Mark. Die Steuer steigt bei höherem Vermögen bis einschließ­lich 210000 Mk für jede angefangene 10000 Mk. um je fünf Mark, von mehr als 210000 Mk. bis inkl. 1020000 Mk. für jede angefangene 20000 Mk., um je zehn Mark von mehr als 102000 0 Mk. für jede ange­fangene 100 000 Mk. um je fünfzig Mark.

Bekanntlich werden die Zahlung und Verrechnung der Unfall-, Invaliden- und Altersrenten sowie der Be­trieb der Versicherungsmarken zur Altersversicherung durch die Postverwaltung bewirkt. Die Gesammlsumme der durch die Haftanstalten ausgezahlten Renten hat im Jahre 1891 betragen 36 Millionen Mark in fast 2 Millionen Einzelposten; an Versicherungsmarken sind 375 Millonen Stück im Werthe von 78 Millionen Mark abgesetzt worden. Die Abrechnung über die ausgezahlten Unfall- und Altersrenten, die tm Reichspostamt zusammen­gestellt und geprüft werden mußte, umfaßte 3,000 Bände mit 2,012,470 Belägen.

DasBerl. Tageblatt" meldet aus Breslau, ein Oderkahn, der mit 1400 Zentner Sprengpulver beladen war, gerieth unterhalb Ohlau in Brand; es gelang je­doch, den Kahn zum Sinken zu bringen, ehe Die Explosion erfolgte.

Aus Schlesien. Der seltene Fall, daß einer Frau das Ehrenbürgerrecht verliehen wird, hat sich in Striegau ereignet. Dort ist dem Fräulein v. Kramsta auf Muhran dieser Tage von einer städtischen Abordnung der Ehren- Dürgerbrief wegen ihrer werkthätigen Nächstenliebe über­reicht worden. Die neueste Stiftung des Fräulein v. Kramsta ist das Siriegauer Kinderheim.

Schirwinüt, 6. November. Die kleinste Ortschaft im Kreise und wohl auch im ganzen preußischen Staate ist das in der Weszkallcr Forst belegene Gut Löpaken. Zu der auf ihm befindlichen armseligen Hütte gehören seit zwei Jahrhunderten nur noch zwei Hektar Land. Zur Ritterzeit begründet, war es ein größeres Gut mit unfnngrcichen Aeckern und Waldungen. In der Pest- zeit am Anfänge des vorigen Jahrhunderts starben sämmtliche Angehörige des Besitzers aus. Das Gut verfiel, auf den Aeckern bildete sich ein Urwald und die Besitzung wurde fiskalisch. Auf der kleinen Parzelle hatte sich jedoch ein nicht mehr dienstfähiger Waldwart angesiedelt. Sie verblieb ihm und seinen Nachkommen an Stelle einer Pension, öo besteht die von einem einzigen Besitzer bewohnte Ortschaft noch heute, ist aber bezüglich Verwaltung der Gemeindcangclegenhciten einer benachbarten Gemeinde zugetheilt.

Stolp. Eine Bauernhochzeit, an der etwa 300 Personen lheilnahmen, wurde jüngst in dem Dorfe Gr. Brüskow bei einem Großbaueru gefeiert. D.e Feier dauerte vier Tage. Zur Bewirthung waren erforderlich: 8 Kälber, 1 Rind, 4 Schweine, 150 Hühner, 3 Centner Fische, 16 Centner Mehl, 2 Centner Butter, 700 Eier, 10 Tonnen Bier, 300 Liter Spiritussen u. s. w., fo- daß eine solche Hochzeitsfeier rund 2000 Mk. kostete, wenn man alle aus der Wirthschaft entnommenen Pro- ducke zu Marktpreisen umrechnet.

Jserlghn, 8. November. Recht unliebsame Ueber» raschungen hat die Berufungscommission zu Arnsberg einigen hiesigen Wirthen bereitet. So hatte einer der­selben sein Einkommen auf 8000 Mk. angegeben und gegen seine Einschätzung auf 18000 Mk. Berufung ein» gewgt. Der Erfolg war, daß die Berufungskommission auf Grund der Einsichtnahme der Bücher des Wirthes dessen steuerpflichtiges Einkommen auf 29,380 festsetzte. Ein anderer Wirth hatte 4000 Mk. Einkommen ange­geben, und war zu 6000 Mk. eingeschützt worden. Aus seine Berufung wurde er mit 13000 Mk. Einkommen veranlagt.

Ein iut.ressantes Schauspiel wurde in der Nähe von Sikgburg beobachtet. Durch ein Gekrächze aufmerksam gemacht, gewahrte man hoch in der 2u|t eine Krähe in heftigem Kampfe mit einem Raubvogel.