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^F 87. Samstag, den 29. Oktober 1892.
Die Militärvorlage.
Unter der Voraussetzung, daß die Militärvorlage erst gegen Ende des Jahres an den Reichstag kommen werde, war vor einiger Zeit von einer authentischen Veröffentlichung über die Ziele und Zwecke der Heeres- reform die Rede. Man war aber davon abgekommen, nachdem ein früherer Termin der parlamentarischen Verhandlung in's Auge gefaßt war. Bis zur Versammlung des Reichstags sollte der Entwurf nebst Begründung geheim bleiben. Die öffentliche Meinung war bereits über die Absicht, die Wehrpflicht aller Tauglichen durchzuführen und zur Verminderung der Kosten und zur Erleichterung der persönlichen Militärlast die Dienst- zeit der Infanterie abzukürzen, im Allgemeinen unterrichtet, und es war somit eine plötzliche Ueberraschung, die dem Gelingen des Werkes schwerlich zu Stätten gekommen wäre, ausgeschlossen. Nun ist aber doch der Wortlaut des Entwurfs und der Begründung im Aus- zuge in die Presse gekommen, weshalb wir den wesentlichen Inhalt hier folgen lassen.
Die Friedenspräsenzstärke wird auf die Zeit vom 1. Oktober 1893 bis 31. März 1899 auf 49'2,068 durchschnittlich festgesetzt. Gegenwärtig beträgt sie bis zum 1. April 1894 486,409; in dieser Zahl sind jedoch die Unteroffiziere eingeschlossen, während sie in der neuen Zahl 492,068 nicht enthalten sind. Künftig sollen die Unteroffiziere ebenso wie die Offiziere alljährlich im Etat erscheinen. Fünfjährige Perioden der Feststellung der Friedenspräsenz entsprechen den Perioden der Volkszählungen und der allgemeinen Wahlen. Die jährliche Rekrutenzahl erhöht sich auf 235,000 Mann (1890 wurden rund 182,000 Mann ausgehoben). Dazu treten noch 9,000 Einjährige. Die Etatsvermehrung umfaßt im ganzen 2,138 Offiziere, 234 Militärärzte, 209 Büchsenmacher und Waffenmeister, 23 Roßärzte, 1 Sattler, 11,847 Unteroffiziere, 72,037 Gemeine, 6,130 Dienstpferde.
Die hierin enthaltene Steigerung der Wehrkraft ist wie folgt begründet: Das Ucbergewicht, das wir in der Vergangenheit der von uns zuerst eingeführten allgemeinen Wehrpflicht verdankten, ist geschwunden, denn wir sind mittlerweile in der Durchführung dieser Pflicht von unsern Nachbarn überholt worden. In Frankreich ist durch Gesetz vom 15. Juli 1889 die allgemeine Wehrpflicht in durchgreifendster Weise zur Vollendun! gebracht. Die französische Friedenspräsenzbärke der letzten drei Jahre beträgt durchschnittlich bl9,000 Mann, die Rekrutenquote für 1890 rund 230,000 Mann, die Zahl der in 25 Jahrgängen — nach Abzug von 25 pCt. Ausfall — vorhandenen ausgebildeten Mannschaften rund 4,053,000 Mann. Gleich rastlos arbeitet Rußland, dessen Friedenspräsenzstärke 1889 rund 926,000, 1892 bereits 987,000 Mann betrug. Nur etwa 100,000 Mann der Sollstärke stehen in Asien. Die Rekrutenquote 1891 beträgt 281,000 Mann, wovon etwa 24,000 auf Asien fallen. Die Zahl der ausgebildeten Mannschaften beträgt in 23 Jahrgängen — mit 25 pCt. Ausfall — rund 4,556,000 Mann. Solchen Verhältnissen gegenüber haben wir nur ein Mittel, unsere Sicherheit und Unabhängigkeit zu bewahren: die volle Ausnutzung unserer nationalen Wehrkraft. Es muß eine Organisation geschaffen werden, welche alle wirklich Diensttauglichen aufnimmt, dann erst kann in der Erwartung, daß es gelingt, die Armee in ihrer Tüchtigkeit zu erhalten, Deutschland einem Angriff mit Ruhe entgegenschen. Voraussetzung hierfür ist, daß wir die bisherige schrittweise Weiterentwickelung unserer Organisation aufgeben und den großen, gerechten, patriotischen Grundgedanken unserer Wehrverfassung soweit durchführen, als es die personellen, wirthschaftlichen und finanziellen Kräfte deS Deutschen Reichs gestatten.
Die angegebene Zahl der Friedenspräsenzstärke ,st ausgestellt unter der im Gesetz ausgesprochenen Voraussetzung, daß die Mannschaften der Fußtruppen im Allgemeinen zu einem zweijährigen aktiven Dienst bei der Fahne herangezogen werden. Es ist das kein Bruch mit der Vergangenheit; im Grundsatz soll die verfassungsmäßige dreijährige Dienstpflicht aufrecht erhalten werden, aber für durchführbar wird eine kürzere Dienstzeit bei den Fußtruppen gehalten, insofern durch die Organisation die Sicherheit geboten wird, die Ausbildung intensiver zu gestalten als bisher. Zu diesem Zweck werden einerseits die Etatsstärken erhöht, andererseits Formationen geschaffen werden müssen, die den Truppen einen Theil
der bisherigen Arbeit abnehmen. Wenn unter gewöhnlichen Verhältnissen die Mannschaften der Fußtruppen nach zweijähriger Dienstzeit zur Disposition beurlaubt werden sollen, so muß doch die Möglichkeit gewahrt bleiben, Leute in den Fällen des §. 18 des Militär- strafgesetzbuches eintretendenfalls bis zum Ablauf des dritten Jahres im Dienst zurückbehalten zu können. Der citirte §. 19 des Militärstrafgesetzbuches lautet: „Die Zeit einer Freiheitsstrafe von mehr als sechs Wochen wird auf die gesetzliche Dienstzeit im flehenden Heere oder in der Flotte nicht angerechnet." Die Rekruten- vakanz — die Zeit zwischen der Enilaffung der Reserven im September und die Einstellung der Rekruten im November — hört auf; die Rekruten werden Anfang Oktober eingestellt. Auch die bisherige Ausbilduni der Erfatzreservisten fällt weg.
Die Erhöhung der Zahl der Cadres ergibt sich aus Folgendem: Nach dem jetzt geltenden Militärgesetz von 1890 zahlt das deutsche Heer: Infanterie 538 Bataillone (nach der Vorlage künftig 7 l 1), Kavallerie 465 Eskadrons (künftig 477), Feldartillerie 434 Batterien (künftig 494), Fußartillerie 31 Bataillone (künftig 37), Pioniere 20 Bataillone (künftig 24), Train 21 Bataillone (künftig ebenfalls 21). Es würden somit neu formirt werden : 173 Bataillone Infanterie, d. h. im Allgemeinen vierte Bataillone bei den Jnfanterieregimentern, ferner 12 Eskadrons Kavallerie, 60 Batterien Feldartillerie, 6 Bataillone Fußartillerie, 4 Bataillone Pioniere; außerdem kamen noch 7 Bataillone der jetzt im Militärgesetz nicht besonders aufgeführten Eisenbahntruppen in Betracht.
Die Kosten werden veranschlagt auf 64 Millionen Mark fortlaufende Ausgaben — für 1892,93 werden nur 56,4 Millionen Mark gefordert — und auf 66,8 Millionen Mark einmalige Ausgaben, wovon auf das nächste Etatsjahr als erste Rate 61 Millionen Mark entfallen.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat sich am Mittwoch Abend um 7 Uhr mittelst Sondcrzugcs nach Liebenberg begeben, um dort, einer Einladung des Grafen zu Eulenburg entsprechend, sich an den von diesem für die beiden nächsten Tage verunstalteten großen Jagden zu be- theiligen. Am Sonnabend Abend kehrt der Kaiser mittels Sonderzuges über Berlin nach dem Neuen Palais bei Potsdam zurück. — Das Jagdergebniß der Hofjagden bei Blankenburg war am Dienstag folgendes: Es erlegten in den beiden Treiben bei Todtenerde und im Hessenhay bei Blankenburg der Kaiser: 6 Hirsche, 2 Rehböcke, 1 Dachs, 70 Sauen, der Herzog von Altenburg 6 Hirsche, 13 Sauen, der Erbgroßherzog von Sachsen-Weimar 3 Hirsche. 30 Sauen, der Regent 3 Hirsche, 5 Sauen, der Fürst zu Stolberg- Wernigerode 23 Sauen und General v. Blumenthal 7 Sauen: zusammen wurden in beiden Revieren 209 Stück Wild erlegt.
— Die Vermählung der Prinzessin Margarethe, der jüngsten Schwester des Kaisers, mit dem Prinzen Friedrich Karl von Hessen ist, der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge, endgültig auf den 25. Januar nächsten Jahres, dem 35. Hochzeitstage der Kaiserin Friedrich, anberuumt.
* — 167,389 Altersrenten sind bis zum 30. September im ganzen deutschen Reich bewilligt, worden, ferner wurden 11,477 Ansprüche auf Invalidenrente anerkannt.
— Jubiläum der Pickelhaube. Die „Post" macht darauf aufmerksam, daß die preußische Armee am 25. Oktober dieses Jahres ihre Uniform 50 Jahre trug. Vom -k5. Oktober 1842 datirt die alle, höchste Bestimmung, wonach statt der bisherigen Czakos Helme und statt der Montiruugen Waffenröcke eingeführt wurden.
* — Die Hauptänderung, welche die Wuchergesetznovelle bestimmt, besteht namentlich darin, daß man nicht bloß, wie bisher, den Wucher unter Strafe stellt, welcher sich auf ein Kreditgeschäft bezieht, sondern auch denjenigen, welcher in einem Rechtsgeschäft irgend welcher anderen Art zum Ausdruck kommt. Allerdirlgs will man im letzteren Falle die Strafe nur dann aussprechen, wenn diese Geschäfte gewerbs- oder gewohnheitsmäßig abgeschlossen werden. Sodann will die Novelle der Unsitte entgegentreten, wonach bei öffentlichen Versteigerungen den Bietern oder anderen Personen, um diese zum Bieten auzuregen, unentgeltlich geistige Getränke ver
abfolgt werden. Schließlich soll eine Bestimmung getroffen werden, wonach, wer gewerbsmäßig Geld- oder Kreditgeschäfte treibt, verpflichtet ist, dem Schuldner alljährlich einen Rechnungsauszug zu unterbreiten.
— 25. Okt. Den Morgenblättern zufolge, entdeckte die Moabiter Polizei eine jugendliche Räuberbande, deren Hauptmann acht Jahre alt sei und deren älteste Mitglieder kaum 12 Jahre zählten. Die jugendliche Bande habe eine ganze Anzahl Einbrüche in kaufmännische Geschäfte verübt. Elf sind bereits verhaftet worden.
Hamburg, 25. Oktober. Auf der norwegischen Bark „Exquit" ist die Cholera ausgebrochcu. Das Schiff ist unter Quarantäne gestellt, und es sind alle sonstigen Vorsichtsmaßregeln getroffen worden. — Aus Altona werden eine Cholcraerkrankung und ein Todesfall gemeldet.
Aus Ostpreußen. Von ärztlicher Seite wird auf einen argen Uebelstand aufmerksam gemacht. Unserem Weichselgebiete droht nämlich, wie ein Arzt aus Thorn mittheilt, eine große Gefahr durch den Verkehr der Holzflößer, welche aus den am meisten verseuchten Gegenden des Königreichs Polen, kommen um ihre Holz- massen zu Thal zu bringen. Nach amtlichen Benachrichtigungen sind 300 Flöße mit ungefähr 3000 Schiffern zu erwarten. Diese Leute sind durch ihre sorglose Lebensart, wie sie das mindestens choleruvcrdächtige Weichsel- Wasser anstandslos trinken, durch ihren unbeschreiblichen Schmutz zu einer schweren Gefahr für unser Land und unsere Bewohner geworden. Man neigt daher in den ärztlichen Kreisen jener Gegend zu der Ansicht, daß der Flößenverkehr an der Grenze bei Schillno bis auf Weiteres gesperrt werden müßte, um unabsehbares Unglück zu verhüten. Die Verhältnisse liegen in dieser Beziehung ziemlich ähnlich in der Weichselgegend, wie in Hamburg zur Zeit des Ausbruches der Epidemie.
Koblenz. Von den jungen Leuten, die vor den Prüfungskommissionen der Rheinprovinz für den einjährigen Dienst erschienen waren, sind 78 Prozent durch- gefallen. Die Zahl der Prüflinge betrug 67, davon bestanden 12. Ein kläglicheres Resultat läßt sich kaum denken.
Ueber eine eigenartige Auslegung des Gesetzes über die Sonntagsruhe seitens der Polizei in Hildesheim wird geschrieben: Vorigen Mittwoch, 19. Oktober, war hannoverscher Bußtag. Der Polizeidirektor hatte verfügt, resp, um Auskunft fragenden Herren mitgetheilt, daß sämmtliche Geschäfte, welche von evangelischen Christen geleitet würden, die Verkaufszeiten wie für den Sonntag innen zu halten hätten; dagegen Geschäfte, welche von Angehörigen anderer Konfessionen betrieben würden, könnten während des ganzen Tages verkaufen, wären aber gehalten, event, evangelisches Personal nur wie am Sonntag zu beschäftigen.
Ein Theil des zweiten Hauptgewinnes der preußischen Lotterie von 300,000 Mark ist, wie mitgetheilt wird, nach Bad Oeynhausen gefallen, und zwar an Leute, die es gebrauchen können. Ein Zehntel dieses Looses spielten nämlich der Polizeisergeant Bredemayer, Vater von zehn Kindern, zusammen mit dem beinahe ebenso kinderreichen Kaufmann Ludewig, ein ferneres Zehntel der Schuhmacher Friederich, dessen 80jähriger Vater, sein Geselle und der Bote des Schlachthauses Kasten. Das Loos selbst war aus der Kollekte von H. Neuermann in Herford entnommen.
Gotha, 23. Oktbr. Als nach der langen Sommer- dürre eine Regenperiode cintrat, haben die.Laudwirthe voransgesehen, daß die Kartoffeln „zweiwüchsig" werden würden. Den Nachwuchs haben die Ockonomen aber nicht gern, denn durch ihn werden die Kartoffeln wässerig und unhaltbar. Deshalb haben einzelne Landwirthe bei Eintritt des Regens das Kartoffelkraut abgehauen und dadurch erzielt, daß die Kartoffeln nicht weiter wuchsen. Dieses Verfahren empfiehlt sich also. Wässerige Kartoffeln müssen möglichst schnell verbraucht werden, da sie den Winter über nicht haltbar sind. Hierauf ist beim Einkauf des Winterbedarfs zu achten.
Aschasienburg, 25. Okt. Gegenwärtig weilt hier ein Eugläuder-Paar, welches die Fahrt mit der Effenbahn verschmäht und sich deshalb eines sogenannten Jah-markis- wagens bedient. Derselbe ist sehr bequem, ja comfortabel eingerichtet, mit Petroleumkochherd versehen und von sehr solider Bauart. Der Wa-en führt den Namen „the comet“. D is englische Ehepaar hat in dem Wagen die Reise von Hamburg aus angetreten und reift nach Wien. Begleitet wirb der Wagen von vier prächtigen Hunden,
WV^ Des Bnßtags Wegen erscheint die nächste Nummer erst Mittwoch Nachmittag.