SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „KreisWatt" u. „JUustnrtem Familienfreund" Vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Mittwoch, den 26. Oktober
Deutsches Reich.
Berlin, 24. Oktober. Am deutschen Kaiserhofe in Potsdam wurde am Sonnabend unter Betheiligung zahl-I reicher fürstlicher Güste der 34. Geburtstag der Kaiserin Augusta Viktoria und die Taufe der jüngstgeboren Prinzessin begangen, welche die Namen Viktoria Luise Adelheid Mathilde Charlotte erhielt. Rufname der Prinzessin ist Viktoria. Der Taufe folgte Defiliercour vor der Kaiserin und Galatafel. Am Sonntag wohnten die kaiserlichen Majestäten mit allen fürstlichen Gästen dem Gottesdienste in der Friedenskirche bei. Mittags empfing der Kaiser den seines Alters wegen aus dem diplomatischen Dienst scheidenden österreichisch-ungarischen Botschafter Grafen Szechenyi, worauf die fürstlichen Herrschaften einer Einladung des Kaisers und der Kaiserin zur Tafel folgten. Die meisten fürstlichen Taufgäste haben Sonntag Abend Potsdam wieder verlassen.
— Lei der Taufe der kaiserlichen Prinzessin haben folgende Fürstlichkeiten Patenstellen übernommen: die Königin von England, die Kaiserin Friedrich, die Königin-Regentin von Spanien, der König und die Königin von Württemberg, der Großherzog und die Großherzogin von Baden, die Großfürstin Katharina von Rußland, der Großherzog und die Großherzogin von Mecklenburg-Strelitz, die Großherzogin-Mutter von Mecklenburg-Schwerin mit der Prinzessin Elisabeth, Prinz und Prinzessin Leopold von Bayern, Prinz und Prinzessin Karl Theodor in Bayern, Herzog und Herzogin Karl Ferdinand von Schleswig-Holstein-Glücksburg. Die persönlich zur Taufe erschinencn Herrschaften hatten im Stadtschloß von Potsdam Wohnung genommen. Die Königin von England ließ sich durch den großbritannischen Botschafter, Sir Edward Malet, und dessen Gemahlin vertreten, dielKönizin-Regentin von Spanien durch ihren Botschafter Grafen Vanuelos. Der Taufakt selch, deu der stellvertretende Schloßpfarrer Dryander vollzog, fand in der Jaspisgalcrie statt , die Festtafel im Marmorsal desNeuen Palais.
— Ueber einen Unfall des Kaisers, der glücklicherweise ohne weitere Folgen geblieben ist, wird gemeldet: Als am Freitag Nachmittag kurz vor 1 Uhr der Wagen des Kaisers die Bcllevuestraße auf der Fahrt nach dem Potsdamer Bahnyof in Berlin passirte, kreuzte auf der südlichen Seite des Potsdamer Platzes ein mit zwei Pferden bespanntes Schlächter-Break, welches die König- grätzerstraße entlang kam, derart dessen Weg, daß der kaiserliche Kutscher nur durch schleuniges Zuückreißen der Pferde einen Zusammenstoß abwehrte. Der neben dem Kaiser sitzende Adjutant wurde von einemPferoekopf gestreift. Der Kaiser setzte unverletzt seine Fahrt fort. Der Führer des Schlächterbreaks wurde zur Wache gebracht, wo seine Personalien festgestellt wurden.
— Eine Extra-Ausgabe des „Reichanzeigers" bringt folgende Mittheilung: Berlin, 22. Oktober 1892. Seine Majestät der Kaiser und König haben aus Anlaß der Geburt der Prinzessin-Tochter Allcrgnädigst geruht, einer Anzahl weiblicher Personen, welche sich gegen die Strafgesetze vergangen hatten, die verwirkten, noch unvoll- streckten Freiheits- und Geldstrafen zu erlassen. Zu Ausführung dieses Allerhöchsten Gnadenaktes, welcher mehr als 400 wegen Verbrechen und Vergehen verur- theilte Personen aus allen Theilen der Monarchie um- ’ faßt, sind die in Strafhaft befindlichen Verurtheilten heute Morgen in Freiheit gesetzt worden.
— 24. Otober. Nach einer Mittheilung der „Kölnnischen Zeitung" setzt die Militärvorlage die Friedenspräsenzstärke vom 1. Oktober 1893 bis 31. März 1899 auf 492,068 Mann im Jahresdurchschnitt fest, unter der Voraussetzung, daß die Fußtruppen im Allgemeinen zweijährige Dienstzeit haben. Die Uuteroffizierstellcn unterliegen der Feststellung durch den Reichsetat. Die Einjährig-Freiwilligen bleiben außer Anrechnung. In der Begründung ist hervorgehoben, daß die militärpolitische Lage zu unseren Ungunsten verschoben sei. Daß frühere Uebergewicht auf unserer Seite sei geschwunden. Frankreich bringe eine Kriegsstärke von 4,053,000 Mann, Rußland eine solche von 4,555,000 Mann auf. Dem gegenüber müßten alle wirklich Diensttauglichen eingestellt werden. Die Neuorganisation soll innerhalb des bestehenden Rahmens erfolgen, soweit die personellen und finanziellen Kräfte es gestatten. In gewissen Fällen des Strafgesetzbuches müsse es möglich bleiben, die Mannschaften volle drei Jahre unter der Fahne zu behalten.
— Der konservative „Reichsbote", der den Distanz ritt in scharfer Weise verurtheilt hatte, theilt jetzt mit, es seien ihm zahlreiche zustimmende Erklärungen zu seiner Haltung zugegangen. Die Entrüstung über die Zugrunderichtuug so vieler Pferde, namentlich über die Art und Weise, wie Herr v Reitzenstein sein Pferd zu Tode geritten hat. jei allgemein. Aus adeligen Kreisen wird das Blatt noch besonders ersucht, aus die verderblichen wirthschaftlichen Wirkungen des Unternehmens des fostiacen Vergnügens des Sports in Offizierskreisen hinzuweisen. ..In der Weise", heißt es in der Zuschrift, „wie jetzt Offiziere und andere Kreise beim Sport betheiligt sind, kann es nicht weiter gehen. Wirthschaftlicher Verfall des Offiziers, seiner Geschwister, Eltern, Familie sind unausbleibliche Wirkungen; von den üblen sittlichen Folgen nicht zu reden. Nur wer Gelegenheit gehabt hat, wie der Unterzeichnete, genauere Erfahrungen darin zu sammeln, weiß, wie sehr dieses Gift bereits weitere Kreise verwüstet hat und weiter wirkt."
— 20. Otober. Gegen Dr. Karl Peters richtet sich ein offener Brief des Herrn v. Eitz in der „Dünaztg." Herr v Eltz, welcher sich gegenwärtig bei dem Wißmann- dampfertranspart im Süden von Deutsch Ostafrika befindet, wirft Dr. Peters vor, daß er in voller Unkenntniß der Verhältnisse seine (v. Eltzs) ganze Arbeit am Kilimandscharo vernichtet habe, indem er König Mandara fallen ließ und sich in einem kleinen machtlosen Staat niederließ. Peters habe die befestigte Station in Moschi aufgegeben, bei d.ren rachheriger Erstürmung v. Bülow und Wolfram ihren Tod gefunden hätten. Peters habe das ganze Land gegen sich aufgebracht, indem er die Leute gezwungen habe, ihm Vieh zu liefern, Bau- materiolim heranzi shsippen, anstatt solches zu bezahlen. Durch bi fe Gewaltpolitik habe Peters es erreicht, daß er und seine Begleitung die Station nicht fünf Minuten weit ohne militärische Begleitung verlassen konnten. Peters habe das Volk nicht verstanden, den Knoten mit dem Schwerte lösen wollen und damit das schönste Land von Deutsch-Ostafrika zu einem Schauplatz des Krieges gemacht. Derselbe werde ungeheure Summen verschlingen, denn jetzt, wo die wilden Jnstikte der Wad- schagga entfesselt sind, wird dort auf unabsehbare Zeit eine starke Besatzung gehalten werden müssen. Der offene Brief schließt wie folgt: „Vor Gott und den Menschen sind L>ie verantwortlich für die Zerstörung blühender Landschaften, verantwortlich für den Tod unserer Kameraden von Bülow und Wolfram, unserer tapferen Soldaten und Hunderter der Wadschaggo. Und nun mache ich ihnen den größten Vorwurf: nicht die Nothwendigkeit zwang Sie zu Ihrem blutigen Vorgehen, Sie brauchten Thaten, damit Ihr Name in Europa nicht in Vergessenheit gerathe. Sie haben diesen Zweck erreicht, Herr Doktor, aber ich beneide Sie um diese Thaten nicht, und Deutschland kann sie Ihnen nicht danken."
— Die Cholera. Nur noch eine Neuanmeldung von Cholera lag am Donnerstag in Hamburg vor. Das eingetretene Sinken der Temperatur hat wohl die Abnahme der Epidemie begünstigt, so daß man erwarten kann, Hamburg werde nun bald ganz aus den Choleralisten verschwinden. Noch bleibt aber die schwere Aufgabe, darauf zu achten, daß die Cholera nicht wieder- kehrt. An der deutsch-russischen Grenze sind die Aufsichtsmaßregeln angesichts der Zunahme der Seuche in Russisch-Polen verschärft. Auf deutschem Boden ist im Osten noch kein selbstständig entstandener Fall bekannt geworden; ein verdächtiger Fall wird aus Thorn berichtet und einer aus Kulma.
* — Nach dem Runderlaß vom 20. Juni d. Js. erfolgt die Auszahlung der Unterstützungen für die Familien der zu Friedensübungen einberufenen Mannschaften durch die Kreiskassen. Hierunter sind, wie der „R.-Anz." hervorhebt, nach einer neueren Verfügung nicht die Königlichen Kreiskassen, sondern die Kreis Kommunal lassen zu verstehen, da nach §. 4 des hierbei zur Anwendung kommenden Gesetzes vom 28. Februar 1888 die Kasse des Lieferungsverbandes d. h. des Kreises zur Gewährung der erforderlichen Vorschüsse verpflichtet ist.
* — Die eigenthümliche Schießwirkung des Jn- fanteriegewehrs hat sich bei einem Unfall, der sich am Mittwoch auf dem Gelände von Gatow bei Spandau gelegentlich eines Gefechtsschießens der Jufanterie- Schießschule ereignete, in markanter Weise gezeigt. Die ’ Kugel hat einem Mädchen den rechten Oberarmknochen 1 durchbohrt und ist dann seitwärts quer durch den Körper
gegangen, und zwar mehr nach dem Rücken zu. Das Geschoß hat aber im Oberkörper weder einen Knochen beschädigt, noch überhaupt ein edleres Organ getroffen; der Blutverlust war nur ein geringer. Das gewissermaßen von der Kugel durchbohrte Mädchen wird voraussichtlich in vierzehn Tagen völlig wiederhergestellt fein. Diese ungewöhnliche Art der Verwundung ist der großen Durchschlagskraft und der spitzen Form des Geschosses zuzuschreiben.
Aus Essen wird verschiedenen Blättern gemeldet: Krupp kündigte zahlreichen überzähligen Arbeitern. Weitere Entlassungen stehen auch auf anderen Werken bevor. Viele Arbeiter des Ruhrkohlenreviers sehen einem schlimmen Winter entgegen.
Aus Bochum wird der „Frkf. Ztg." geschrieben: Zu einem Arzt im benachbarten Eickel kam dieser Tage ein polnischer Bergarbeiter, um sich Raths zu holen. Der Arzt war nicht zu Hause und das Mädchen bedeutete dem Suchenden, daß der Herr Doktor wohl erst spät am Abend zurückkehren werde. Der Pole ließ sich nicht beirren. „Ich sich warten werde," meinte er gleichmüihig und ließ sich auf einen Stuhl im Wartezimmer nieder. Die Zeit verstrich und das Mädchen hatte die Anwesenheit des Fremden vergessen. Als sie am nächsten Morgen mit Eimer und Tuch ins Wartezimmer trat, erschrak sie nicht wenig: Der Pole saß noch immer auf seinem Stuhl und wartete. Seine ungewöhnliche Ausdauer wurde nunmehr schnell belohnt.
Gotha. Zu der Proceßsucht der ländlichen Bevölkerung, namentlich aber der Grundbesitzer, liefert ein vor Kurzem zum Austrag gebrachter Prozeß in dem gothaischen Orte Z. ein drastisches Beispiel. Zwischen zwei Nachbarn in dem genannten Ort entstand ein Grenzstreit. Das umstrittene Gebiet umfaßte im G^z<m' 16 Quadratmeter. Da die Angelegenheit auf gütlichem Wege nicht beizulegen war, wurde der Prozeß angestrengt, in welchem vor dem zuständigen Amtsgericht nicht weniger wie 17 Termine stattfanden und eine Anzahl Zeugen vorgeladen werden mußten. Durch Katasterbeamte wurde eine Vermessung der beiden Gehöfte vorgenommen. Die hierdurch entstandenen Gerichtskosten rc. betrugen nicht weniger wie 300 Mk. Ferner hatte der Streit einen Beleidigungsprozeß zur Folge, der vielleicht eine Jahrzehnte lange Feindschaft nach sich zieht. Und das alles nur um 16 Quadratmeter Gartenland.
Darmstadt, 21. Oktober. Die der Ermordung des Kartoffelhändlers Schulmeyer von Mörfelden Beschuldigten Schreck und Kamm haben die That vor dem Untersuchungsrichter eingestanden. Schreck hat dabei zugegeben daß er den Schuß mit dem Armeerevolver auf Schul- meyer abgegeben habe. Bei dieser Gelegenheit wurde denn auch festgestellt, daß beide Verbrecher an der That Kuhmichels keinen Antheil gehabt haben können, da beide zur fraglichen Zeit sich in Haft befanden. Die Verhandlung gegen Schreck und Kamm wird Mitte Dezember vor dem Schwurgericht stattfinden.
Ausland.
In Kopenhagen herrscht eine wahre Selbstmordmanie. In den letzten Tagen haben nicht weniger als sechs junge Damen sich das Leben genommen. Zwei haben sich in einem Fiaker durch Revolverschüsse getödtet, die dritte hat sich mit einem Rasiermesser den Hals abgeschnitten und die vierte sprang ins Wasser. Alle waren Töchter aus guten Familien. Die Gründe der Selbstmorde sind unbekannt.
Chleago, 21. October. Heute nahmen die Festlichkeiten zur Einweihung der WeltausstellungSgebäude ihren Anfang. In der Frühe des Tages wurden Artilleriesalven gelöst. Vormittags fand sodann ein großer Festzug statt. Die eigentliche Einweihungsfeier vollzog sich in glänzender Weise in der für die freien Künste und die Erzeugnisse der Manufactur bestimmten Ausstellungshalle. In diesem Saale, welcher alle in Amerika bisher vorhandenen Säle an Größe und Umfang über- trifft, hatte sich die zahlreichste Festtheiluehmerschaft eingefunden, die Amerika jemals an einer Stätte versammelt gesehen hat. Den Vorsitz der Feier führte in Abwesenheit des Präsidenten Harrison der Vicepräsident der Vereinigten Staaten Morton. Mehrere Bischöfe vollzogen die Weihe der Ausstellungsgebäude, die Weihe- ' rede hielt Chauncey Depew Namens der Vereinigten Staaten. Der deutsche Geschäftsträger übermittelte im