an 2 Pfd. Der Preis ist stark gesunken; Händler boten pro Centner nur 1,20 Mark.
Rotenburg a. d. F., 5. Oktober. Heute Abend versammelte sich die gefammte städtische Vertretung auf dem Rathhause, um endlich die Wahl eines neuen Bürgermeisters vorzunehmen. Von den 45 Kanditaten war in erster Linie Herr Bürgermeister Oesau aus Lage (Lippe) in Aussicht genommen, und so wurde der Genannte denn auch mit bedeutender Majorität gewählt. Nur zwei Stimmen fielen auf andere Persönlichkeiten. — Die Eheleute Kanzlist Andreas Wiegemesser und Frau haben in ihren letzwilligen Verfügungen auch der Stadt Rotenburg und deren wohlthätigen Zwecken gedacht und ist der Stadt ein Legat von 2000 Mk., dem hiesigen „Eliseustift" ein solches von 300 Mk. und unserer „Industrieschule" desgleichen von 150 Alk. testamentarisch ausgesetzt worden.
Witzenhausen, 7. Oktober. Eine eigenartige Entdeckung machten vorgestern die mit Ausschachten eines Brunnens in Kleinalmerode beschäftigten Arbeiter des Maurermeisters F. dahier, indem sich denselben in einer Tiefe von 12 m beim Sprengen von Felseu ein gähnender Abgrund zeigte. Erschreckt verließen die Leute die Arbeitsstätte und theilten das Geschehene ihrem gerade des Weges kommenden Meister mit, welcher nun die sich zeigende Oeffnung erweitern ließ und nachdem er sich durch ein hinabgelassenes Licht von der Unschädlichkeit der darin enthaltenen Luft überzeugt hatte, bestieg derselbe die Felsenhöhle, welche nach seiner Angabe eine Länge von ca. 18 m, eine Breite von ca. 10 m und eine Tiefe von ca. 8 m zeigte. Nach der Beschaffenheit und der beträchtlichen Tiefe unter der Erdoberfläche zu schließen, hat man es hier gewiß mit einer natürlichen Felsenhöhle zu thun.
Kassel. Unter Scherzen und Liedern nahm am Freitag voriger Woche eine Anzahl zur Reserve entlassener jünger Leute in einem von Kassel abgehenden Zug Platz, als plötzlich ein junges Mädchen in ihrer Mitte erschien, um dem Geliebten ein letztes „Lebewohl!" zu sagen. Dieser aber war offenbar nicht sehr erbaut davon und hatte versucht, ohne Abschied von der „Braut" zu gehen. Das Mädchen kam in den Wagen und legte dem jungen Mann ein wohlgewickeltes Knäblein in den Arm und verschwand, ehe er sich noch von der Ueberraschung zu erholen vermochte. Mittlerweile setzte sich auch der Zug in Bewegung und unser Reservemann mußte wohl oder übel den kleinen Erdenbürger mit nach der Heimath nehmen-
Rinteln, 5. Okt. Unsere Stadt macht jetzt einen vornehmen Eindruck, sowohl durch gut gepflegte Anlagen als auch durch die jetzt fertig gestellten Asphall- Bürgersteige. Wie aus sicherer Quelle verlautet, sollen wir noch um eine Annehmlichkeit reicher werden. Es soll eine Wasserleitung angelegt werden. Das bezügliche Projekt tauchte schon vor Jahren aus, aber unsre Stadträthe konnten sich von der Wichtigkeit einer solchen Anlage nicht überzeugen, wie es zum Theil auch heute noch der Fall ist. Erst der Rührigkeit und Energie unsres jetzigen Stadtoberhauptes gelang es, thätige Freunde zu finden. Das Wasser wird dem ungefähr eine Stunde entfernten Taubenberge entnommen. Um genügend Wasser zu erhalten, muß nach Idee des Chemikers Dr. L. ein schräger Ouerstollen angelegt werden. Die Kosten der Anlage werden sich nach oberflächlicher Berechnung auf ca. 60o00 Mk. belaufen, eine Summe, welche bei der außerordentlich guten Finanzlage unserer Stadt nicht schwer zu beschaffen sein wird. Das Wasser ist außerordentlich gut. Unsere Brunnen. dagegen enthalten eine starke Salpeterlösung. Den Hausfrauen dürfte diese Bequemlichkeit überaus angenehm sein. Auch für das Feuerlöschwesen ist die Anlage natürlich höchst bedeutungsvoll. Der Wasserdruck von oben genanntem Berge ist genügend, um in den verschiedenen Gärten hochspringende Fontänen anzulegen. Wir hoffen daher, daß das Projekt einer solchen in jeder Beziehung segensreichen Anlage realisirt werden wird.
r. Fleischpreise.
Noch ärger als der Unterschied zwischen Getreide und Brodpreisen ist das Mißverhältniß zwischen Vieh- und Fleischpreisen. Die Preise für Gebäck beginnen zur Zeit wenigstens zurückzugehen, obwohl es durchaus nicht die Bäcker allein sind, die das Brod vertheuert haben. Die Vertheurer sitzen heute in der Mitte zwischen den Börsenspekulanten, zwischen den Baissiers und den Müllern und Bäckern; es sind die Großhändler, die durch ein geschickt angelegtes Kreditsystem das Bäcker- Handwerk in der Hand halten und die eigentlich die Preise machen. Bei den Fleischwaaren aber liegen wie gesagt die Dinge noch viel schlimmer. Die Vieh- produzenten sind durch die Aufhebung der Einfuhrverbote empfindlich geschädigt; ja die Schweinezucht ist durch die Erlaubniß zur Einfuhr amerikanischer Fleischwaaren auf Jahre, hinaus ruiniert. Die Viehpreffe sind bei uns zu Lande so gedrückt, daß das Produzieren namentlich im landwirthschaftlichen Kleinbetriebe kaum noch lohnend ist. Dennoch wird neuerdings ein weiteres Steigen der Fleischpreise gemeldet. Der Konsument also hat keinen Bortheil von der massenhaften Vieheinfuhr, der Landwirth hat unsäglichen Schaden dadurch und nur ein kleines Häuflein von Viehhändlern profitiert an der Aufhebung der Grenzsperren, die doch nur
Susanne.
Novelle von M. W.
(Fortsetzung.)
Sie takelte glücklich in der vollen Unschuld ihrer Jugend zu ihm auf: „Ja, ja — daran zweifle ich nicht!" erwiderte sie dann. „Richard, und — mich schmerzt ja auch nichts so sehr, als daß — Sie das Haus der Tante nicht betreten können."
„Wirklich?" fragte er und ein schönes Lächeln zuckte um die bärtigen Lippen. „Wenn das Ihr Ernst ist, Susanne," setzte er dann eifrig hinzu, während es sich wie lichter Sonnenschein über das gute Gesicht des stattlichen Mannes legte, „werde ich schon Mittel und Wege finden, daß Sie mich auch gegen den Willen der Tante anderwärts sehen und sprechen können. Momentan aber scheiden sich leider unsere Wege. Ich habe noch eine Stunde zu gehen und muß nach dem Polytechnikum. Leben Sie deshalb für jetzt wohl, liebe Susanne!" Er hielt wieder ihre Hand und drückte die schmalen Fingerchen. „Auf baldiges Wiedersehen," flüsterte er dann, während er chevaleresk seinen breitrandigen Filzhut hob. Eine Minute später war die hohe, kraftvolle Gestalt um die nächste Straßenecke gebogen. Auch Susanne beeilte sich jetzt, ihr nunmehriges Heim zu erreichen. Als sie aber nach kurzer Zeit das Vestibül des Wilden-senior'schen Hauses betrat, kam ihr das Zimmermädchen mit geheimnisvoller Miene entgegen.
„Nun, Charlotte, was giebt es?" fragte Susanne befremdet. „Sie sehen mich ja mit so seltsamen Blicken an."
„O, nicht doch, Fräulein! Aber vor einer halben Stunde, gerade, als ich hier unten die Marmorfiguren in den Nischen reinigte, ist ein Mann an der Thür gewesen und hat Sie zu sprechen gewünscht. Wie der Portier ihm sagte, das Fräulein sei ausgegangen, schien ihm das außerordentlich unangenehm zu sein. Dann aber zog er einen Brief aus der Tasche und bat, denselben nur in ihre eigenen Hände zu legen. Unser alter Thürhüter versprach ihm beim das auch. Ich trat nun schnell hinzu und erbot mich, das Schreiben — ohne
erfolgt ist, „um dem Volke das Hauptnahrungsmittel zu verbilligen."
Die beweglichen Klagen der freisinnigen Wahlen- macher über die Fleischvertheuerung sind noch in aller Erinnerung; die Vorhersagungen, daß das Fleisch nach Aufhebung der Grenzsperren „selbstverständlich" erheblich billiger sein würde, als damals, ja, daß es dann nur noch des Wegfalles der Zölle bedürfe, um uns so wohlfeiles Fleisch zu verschaffen, wie es uns aus den entlegensten österreichischen und russischen Dörfern so verlockend geschildert wurde, sind unvergessen; aber wie gewöhnlich, so ist auch diesmal das gerade Gegentheil von den freisinnigen Prophezeihungen ein« getroffen. .— Und der Deutschfreisinn sieht das alles, auch seine Anhänger müssen das Fleisch ebenso theuer wie vorher bezahlen, und trotzdem schweigen die Fleisch- „Verbilliger", trotzdem ist in der freisinnigen Presse nicht die Rede davon, den wahren Fleischvertheuern Krieg bis aufs Messer anzukündigen.
Es wage doch heute einmal ein Fortschrittsblatt oder ein Freihandelsorgan zu behaupten, die Landwirthe seien die Fleischvertheuerer. Heute, wo die Viehzüchter am liebsten die Produktion einstellen möchten, wo der landwirthschaftliche Produzent, der sein Vieh dem Fleischer direkt zu angemessenen Preisen verkaufen möchte, auf den Märkten der Großstädte keine Käufer findet, weil die Händler die Fleischer terrorisieren und unbeschränkt die Märkte beherrschen. Die Fleischvertheurer sind die Viehhändler, das sieht heute jedes Kind.
Und während die Preise für Lebensmittel unerschwinglich hohe bleiben, sind durch die vom Deutschfreisinn lärmend verlangten Zollermäßigungen die Staatseinkünfte geringer geworden. Der Ausfall muß gedeckt werden, und dieser Umstand spielt bei der Beschaffung der Mittel zur Fortführung der preußischen Steuerreform keine unbedeutende Rolle. Nun mache man sich ein Bild davon, wie es in unseren Finanzen aussähe, wenn nach dem freisinnigen Rezepte die landwirthschaftlichen Zölle ganz weggefallen wären! Wir hätten keine erheblich billigeren Lebensmittel, aber wir müßten erheblich höhere Steuern aufbringen! Und weshalb das? Damit ein geringer Prozentsatz unserer Bevölkerung im stände wäre, sich in kürzester Zeit an der Börse oder im Zwischenhandel ungeheueres Vermögen zu „verdienen".
Schwer ist es freilich, den Zwischenhandel treibenden Fleisch- und Getreidewucheren das Handwerk zu legen. Selbsthilfe allein vermag es nicht. Nach Durchführung einer Zwangsorganisation des Handwerks aber werden derartige Erscheinungen von selbst verschwinden müssen. Bis dahin dürfte es sich empfehlen, eine Vieheinfuhr- Statistik und insbesondere eine Statistik der amerikanischen Fleischzufuhren wöchentlich zu veröffentlichen und die jedesmaligen Einkaufspreise festzustellen, damit ein Vergleich zwischen Groß- und Kleinhandelspreise anzustellen möglich ist. Ferner dürfte es sich im Interesse der minder wohlhabenden Fleischer empfehlen, eine Bestimmung zu treffen, nach der das aus Amerika eingeführte, meist minderwerthige Fleisch nur mit der Bezeichnung als amerikanisches Fwisch in den Handel gebracht werden darf.
Wissen der Herrin — weiter zu befördern. Wußte ich doch, daß der Zuverlässigkeit des Portiers in solchen Dingen nicht recht zu trauen ist. Seitdem er vor einem Jahr seinen unseligen Schlaganfall gehabt, leidet der Alte an einer ganz erschrecklichen Vergeßlichkeit. Zuerst zögerte der Fremde und sah mich von oben bis unten an. Dann aber reichte er mir entschlossen das Billet. „Ich vertraue Ihrem ehrlichen Gesicht, Mamsell," sagte er — während ich ein Goldstück in meine Hand gleiten fühlte. Na, Fräulein, ich hätte auch ohne das Geschenk meine Pflicht gethan. Uebrigens liegt der Brief jetzt wohl- geborgen in Ihrem Zimmer — tiefoersteckt unter dem Toilettenspiegel."
„Aber mein Got', wer war der Mann?" fragte Susanne eischrocken.
„Ja, wenn ich das wüßte, Fräulein! — aufrichtig gestanden, sah er nicht sehr vornehm aus, aber auch nicht wie ein Dienstmavn — und — aber seien Sie mir nicht böse! ich glaube er hatte auch ein wenig über den Durst getrunken. Er roch nämlich abscheulich nach Spirituosen und taumelte, als er von der Schwelle zurücktrat. Dazu — nun, mit einem Wort — der Mann sah schäbig und unordentlich aus!"
„Aber, Charlotte — von solchem Menschen lassen Sie sich Geld schenken?" rief Susanne.
„Wenn er einen Brief an mein junges Fräulein hat — warum denn nicht? — Mein Fräulein wird doch mit keinem unehrlichen Menscken in Korrespondenz stehen!"
„In Kon elpoodenz stehen? — Charlotte, Sie werden beleidigend und das verbitte ich mir! Zum Ueberfluß hören Sie ja auch eben, daß ich nicht einmal ahne, wer der Fremde sein könnte."
„Nun, dann werden Sie es bald erfahren, Fräulein! Sie dürfen ja nur sofort auf Ihr Zimmer gehen. Uebrigens sind die Herrin auch garnicht zu Hause. Sie bestellten, gleich nachdem Sie fortgegangen, den Wagen und sind ausgefahren."
„So —!" Susanne athmete tief auf. Dann eilte sie an der Magd vorbei — der Treppe zu. Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. Sie fühlte sich ja nicht blos von der Unverschämtheit der widerwärtigen Person geärgert, sondern empfand auch eine beklemmende Angst vor dem Inhalt des Briefes, welcher mit so seltsamen Umständen an ihre Adresse gelangt war.
Wie eine Ewigkeit erschien es dem Mädchen dabei, bis sie das reizende, von Blumenduft durchströmte Gemach erreichte, wo sie allein die Gebieterin war, und ihre vor Aufregung bebende Hand den Brief aus dem Versteck hervorzog.
„Gott, Gott, was wird er mir künden!" flüsterte Susanne, während sie hastig das Siegel brach. — Nun aber überflogen ihre Augen das Schreiben. Eine Minute noch und mit qualvollem Weheruf sank die hochgewachsene Gestalt in den ihr zunächst stehenden Sessel.
„Das ist zuviel für mein geringes Können!" jammerte sie und rang die Hände. „Aber dennoch — dennoch muß ich ihm helfen — wer anders als ich? wenn ich im Moment auch nicht weiß, wie ich es anfangen soll. O, Gott, ich bin ja nicht im Besitz baren Geldes, die Kleinigkeit abgerechnet, die mit die Tante als Taschengeld gewährt." (Fortsetzung folgt)
Vermischtes.
— Bauer, Landwirth, Oekonom. Zu den auffälligen Erscheinungen unserer Zeit gehört auch die Thatsache, daß das urdeutsche Wort „Bauer" im mündlichen und schriftlichen Verkehr eigentlich wenig angewandt wird. Es scheint fast, als ob man sich desselben schämte. Mehr gebräuchlich für die Bezeichnung des sehr ehrenwerthen und nützlichen Bauernstandes ist „Landwirth" oder auch das Fremdwort „Oekonom", was eben auch weiter nichts als Landwirth oder Wirthschaft» bedeutet. Man liest Berichte über „landwirthschaftliche" Versammlungen, welche dieser oder jener „landwirthschaftliche" Verein abgehalten und in welchen der „Landwirth" oder „Oekonom" X. oder Z. einen Vortrag gehalten hat, nie aber ist die Rede von einer „Bauernversammlung" und noch viel weniger von einem „Bauern", der da gesprochen hätte. Es mag das darin liegen, weil die Worte Landwirth und Oekonom zeitgemäßer klingen, obgleich sie lange nicht die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Bauer haben. Dasselbe kommt nicht etwa her von „bebauen", wie man häufig annimmt, sondern von dem althochdeutschen Wort „Bur", was einen ein« gefriebigten Hof bedeutet. Diesem Wortstamm entspricht wohl auch „Nachbar", sowie die Ortsnamen auf „beuren" und „buren". In manchen Gegenden Thüringens und Frankens hat sich die ursprüngliche Form des Wortes im Volksdialekt erhalten; denn da ist der Ausdruck „Buwer" oder „Bu'r" noch sehr gebräuchlich. Bauer heißt sonach „Hofbesitzer" und ist ein viel besserer und stolzerer Name als Landwirth oder Oekonom; weil man letzteres sein kann, ohne eine Furche Feldes oder einen Quadratmeter Hofstätte eigenthümlich zu besitzen. In Westfalen und Süddeutschland gilt dieserhalb noch heutzutage das Wort „Bauer" als ein Ehrenname für den Besitzer eines Gehöftes mit dazu gehörigem Grundbesitz. Möge die Bezeichnung „Bauer" wieder mehr zu Ehren kommen, und vor allem das Fremdwort „Oekonom" aus dem mündlichen und schriftlichen Sprachgebrauch verschwinden!