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SchWernerMung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. ,,JUustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf

^ 75, Samstag, den 17. September 1892,

Deutsches Reich.

Potsdam, 13. Septbr. Ihre Majestät die Kaiserin wurde in vergangener Nacht um halb 4 Uhr von einer Prinzessin entbunden. Die Kaiserin und die Prinzessin befinden sich den Umständen nach wohl. Wenn es auch recht hübsch gewesen wäre, wenn die Siebenzahl aus lauter Prinzen bestanden hätte, so wird doch zweifellos an höchster Stelle die kleine Abwechslung mit um so größerer Freude begrüßt worden sein, als jedes Eltern- paar ja auch gern seinMädelchen" hat; die Freude über die endliche Ankunft einer Prinzessin wird überall im Reich mit den hohen Eltern getheilt werden. Die Prinzessin beschließt nun einstweilen folgende stattliche Reihe: 1) Friedrich Wilhelm Viktor August Ernst, Kronprinz des Deutschen Reichs und Kronprinz von Preußen, geboren am ü. Mai 1882; 2) Wilhelm Eitel Friedrich Christian Karl, geb. am 7. Juli 1883; 3) Adalbert Ferdinand Berengar Viktor, geb. am 14. Juli 1884; 4) August Will)elm Heinrich Günther Viktor, geb. am 29. Januar 1887; 5) Oskar Karl Gustav Adolf, geb. am 27. Juli 1888; 6) Joachim Franz Humbelt, geb. am 27. Dezember 1890.

Berlin. Der Kaiser hat, wie verlautet, zur Linderung des Elends in Hamburg eine namhafte Summe man spricht von 30,000 Mark aus seiner Privat- schatulle angewiesen. Auch die Kaiserin hat zu der Sammlung des Vaterländischen Frauenvereins der Provinz Schleswig-Holstein zum Besten der Hamburger Nothleidenden 1000 Mark beigetragen. Die Fürstin Bismarck und die Gräfin Waldersee haben namhafte Be­träge an das Oberbürgermeisteramtzu Hamburgeingesandt. Ueber das Wachsthum der Militärausgaben im deutschen Reiche bringen einige Zeitungen o^:l>..,>- werthe Ziffern: Seit 1872 ist der Militäretat von 309 auf 510 Millionen Mark pro Jahr gestiegen; ins gesammt sind an laufenden und einmaligen Ausgaben seit dem letzten Kriege in Deutschland 11,597 Millionen für Wehrzwecke aufgewendet. Die verzinslick)e Reichs schuld ist seit 1877 von 16,3 Millionen Mark auf 1684 Millionen angeschwollen. Die Summe ist sicher bedeutend, aber doch nur etwa halb so groß, wie die, welche Frankreich seit dem Nationalkriege fit: Militär und Marine gezahlt hat.

Im Hinblick auf die Choleragefahr wird in einigen größeren Instituten in Berlin die Vaficht ge­braucht, das Geld zu waschen und erst dann awzuzahlen. Wenn man bedenkr, daß es kaum etwas schnutzigeres gibt, als das von Jedem ungefaßte Geld, so vird man jene Vorsichtsmaßregel begreiflich finden.

t Um jede mögliche Verbreitung der Cholera­gefahr durch die aus allen Theilen des Reiches eingehenden Ouittungsbüchcr zu verhüten, läß der Vor­stand der Jnvaliditäts- und Altersversicherugsanstalt Berlin, wie bereits angedeutet, seit dem 2. September, die Desinfektion aller bei ihm eingehenden Luittungs- bücher in der städtischen Desinfektionsanstalt I(Reichen- bergerstr.) vornehmen, nachdem sorgfältige Versuche ergebtn haben, daß eine Beschädigung der Ka-ten oder eine Loslösung der Marken nicht zu befinden ist. Außerdem hat das königliche Polizei-Präsidium auf Er­suchen des Vorstandes die bereits berichteten Anosnungen über die Vernichtung von Quittungskarten fliolera- kranker erlassen.

Das Berliner Polizeipräsidium hat en Ver­fügung erlassen, nach welcher die Backwaarenin den Bäckerläden vom Publikum nicht berührt oder ar ge­drückt werden dürfen. DerMcker braucht so behndelte Backwaare nicht wieder anzunehmen.

* Nach Feststellung des amtlichen statistischen Breaus sind in Hamburg bis zum io. September 13,23 Er­krankungen und 5805 Todesfälle an asiatischer Colera borgetommen, schreckliche Zahlen. (Bei einer Gesmmt- bevölkerurg des Staatsgebietes Hamburg von 64.000 Personen ergibt dies für je 1000 Personen 20, Er­krankungen und 9,1 Todesfälle. Vom Erlöschen der Seuche sind wir noch weit entfernt, trotz der Isher eingetretenen Abnahme. Man sieht aus diesen frcht- baren Zahlen, wie viel früher verheimlicht morde ist. Der Verkehr ist jetzt so außerordentlich geringen die Bahnverwaltung einen erheblichen Theil der in Hawurg eingehenden und von dort auslaufenden Züge sistirchat. Der Droschkenverkehr in der Stadt ruht fast ganz. Die freiwilligen Zeichnungen für den Nothstandsfonds aben über eine Million Mark betragen.

Hamburg, 9. Sept. ImHamb. Corresp." liest man:Das ist eine Krankheit für kleine Leute", so erklärte dieser Tage wörtlich eine Dame, als von der Cholera die Rede war,wir kümmern uns nicht darum", und gleich darauf vereinbarte sie mit ihrer Köchin einen Küch nzettel, auf dem u. A. rothe Grütze mit roher Rahmmilch und nachher zum Braten Gurkensalat figurirten. Das Kleinmädchen genoß nichts von den gefährlichen Speisen und wurde deshalb von der Köchin verspottet. Die Dame, die Köchin und die Mutter der Köchin sind bereits begraben.

Die amtlichen Veröffentlichungen über den Ver­lauf der Choleraepidemie in Hamburg heben besonders hervor, daß, abgesehen von Kindern und Greisen, haupt­sächlich bei trunksüchtigen und schwindsüchtigen Personen Die Krankheit mit dem Tode endet. Es liegt in dieser Thatsache die eindringliche Warnung mäßig im Trinken zu sein und nicht auf die vielen Anpreisungen geistiger Getränke als Schutzmittel gegen die Cholera zu achten Bald wird das Bier als besonders heilsam empfohlen, bald der Cognac oder die verschiedenen Choleraschuäpse, dann wird die alte Redensart, der beste Schutz gegen die Krankheit seiein Zoll hoch Rothwein im Magen" hervorgeholt. Alle diese Mittel sind gar kein Schutz gegen die Ansteckung und ist dringend zu empfehlen, gerade im Genuß der geistigen Getränke besonders vor­sichtig zu sein und den häufigen Gebrauch derselben zu vermeiden, da derselbe der Krankheit stets einen besonders gefährlichen Charakter verleihet.

Für die Schulverhältnisse in Mecklenburg ist ein neuerliches Vorkommniß höchst bezeichnend, über welches Die Mecklenburgische Schulzeitung Folgendes berichtet: eine adelige Dame, hat ihrem Lehrer verboten, Aufsätze, Briefe u. s. w. in der Schule anfertigen zu lassen, da dergleichen Dinge den Schülern nur zum Nachtheil ge­reichten. Es hatte sich nämlich auf dem Gute der ge dachten adeligen Dame eines der Hofmädchen mit ihrem Schatz entzweit, ihm einen groben Brief geschrieben und dafür alsdann eine Tracht Prügel erhalten. Hätte das Mädchen nicht schreiben gelernt, so hätte es keinen Brief geschrieben und auch keine Prügel empfangen, so schloß Die gnädige Frau sehr logisch, deshalb sei es eben b.sser, wenn die Kinder in der Schule das Schreiben nicht erlernten. Dieselbe Dame hat auch den geographischen Unterricht in ihrer Schule untersagt, so daß der Pastor die von ihm der Schule übergebene Karte von Deutsch­land aus der Anstalt wieder hat entfernen müssen.

Aus Westfalen, 9. Sept. Ein Opfer der Cholera wurde, ohne daß er die Krankheit gehabt hat, ein Soldat der Garnison Bückeburg, während sein Bataillon in Lippspringe in Quartier lag. Er holte sich der Vorsicht halber sogen. Choleratropfen und trank, statt einige Tropfen zu nehmen, gleich die halbe Flasche leer. Bald stellten sich die Symptome der Vergiftung ein, welcher der Unvorsichtige trotz ärztlicher Hilfe nach zwei Tagen schrecklicher Qualen erlag.

Ein Verbrechen wurde am Dounelstag in dem Dorfe Schnee bei Dortmund verübt. Es war auf das Fenster der Wohnung des Berginvaliden Lorenz eine Dywmit- patrone gelegt und diese entzündet worden. Die Wirkung war schrecklich. Das Fenster und das Zimmer wurden zerstört und eine in der Wohnung anwesende Frau wurde schwer verletzt. Die vermeintlichen Thäter sind festge- nommen, einer ist von Nachbarn derart gelyncht worden, daß er als schwerverletzt dem Krankenhaus übergeben werden mußte. Die Ursache zu dem Verbrechen war gemeine Rachsucht.

Killn. Ein diebischer Kellner Sch., welcher dem Kölner Männer Quartett" aus dessen Vereinslokal im Fürstensaal an der Breitestraße die sämmtlichen Ehren­preise und Medaillen gestohlen hatte, ist in Kettwig abgefaßt worden. Die Medaillen hat er im Rheine versenkt, die Ehrenbecher aber versilbert!

München, 12. September. Der vor einiger Zeit unter choleraähnlichen Erscheinungen erkrankte General­lieutenant von Helvig, Kommandeur der ersten Division, verschied heule Mittag. Als Todesursache wird Unter- leibStypbus angegeben.

Aus Bayern. Herr Pfarrer Kneipp hat auch eine Teufels iUstrcibung vorgenommen, aber viel einfacher und bedeutend schneller als der bekannte Kapuzinerpater Aurelian. Und das kam so: Ein Elterupaar kam mit einem sechsjährigen Jungen zu Kneipp, nachdem kein Anderer hatte helfen können. Der Junge fluchte jedes

Wal, wenn er beten sollte und als er beliebigst war, trieb er es am Aergsten. Zwei Kleriker, Gesinnungs­genossen Pater Anreltau's, halten zu den Eltern gesagt: So ein Mensch überhaupt noch an Besessenheit glaubt, ist Euer Knabe vom Teufel besessen." Weder Arzt noch Geistlicher hatten etwas ausrichten können. Pfarrer Kneipp, der neben seiner Frömmigkeit auch eine Portion Mutterwitz besitzt, ging scheinbar auf die Idee der Be­sessenheit und Austreibung ein und trieb den Bösen aus durch eine mehrmals wiederholte Kaltwasserdouche. Der Schlingel ist seitdem artig geworden. Die Methode Kneipp in Bezug auf Teufelsaustreibung ist jedenfalls probater, als die des Paters Aurelian! Wie man aus Aschaffenburg meldet, sind einem Oekonomen in Schweinheim 4000 Mk. in blanken Thalern gestohlen worden, die er unter einem Schweinetrog aufbewahrt hatte. Gewiß ein sehr geeigneter Ort.

Eisleben, 12. Septbr. Gestern Nacht um 3 Uhr wurden namentlich in der Oberstadt starke erbbebenartige Erschütterungen verspürt. Man vermuthet den Einbruch unterirdischer Hohlräume.

Suhl, 13. September. Einen gescheiten Streich vollführte jüngst ein hiesiger Bürger. Derselbe bot eine Kuh zum Verkauf aus. Da aber der darauf reflektirende Metzger nicht so hoch hinaufging, wie der Eigenthümer verlangte, behielt dieser seine Kuh, schlachtete sie hierselbst und verkaufte das Fleisch an gute Freunde und getreue Nachbarn. Obgleich das Fleisch billig abgegeben wurde, so erzielte doch der Verkäufer 150 Mk. mehr für seine Kuh, als ihm der Metzger geboten hatte. Mehrere Rindviehbesitzer wollen nun diesem Beispiel folgen, denn strafbar ist der Verkauf keineswegs, da der Kuhbesitzer keinen Hano-, getrieben.

Landeshut i. Schl., 12. September. Daß eine Kirche mit allem ihrem Zubehör zwangweise verkauft wird, dürfte sicherlich zu den Seltenheiten gehören. Und doch hat sich dieser Fall auf dem hiesigen Amts­gericht zugetragen. Hier wurde nämlich die Kirche der freireligiösen Gemeinde zu Ober-Haselbach mit Orgel, Bänken, Fahne, Todtenbahren, Abendmahlsgefäßen am 3. b. Mts. versteigert. Diese Kirche war 1852 aus wohlthätigen Mitteln erbaut worden. An Zinsenzahlen war seit Jahren nicht mehr gedacht, da fast sämmtliche Mitglieder wieder zur Landeskirche übergetreten waren. Herr Karbe aus Nieder-Haselbach machte den Besitzer der ersten Hypothek, welche auf 6000 Mark lautete, ausfindig, erwarb dieselbe für 1800 Mark und be­antragte sodann den Zwangsverkauf, bei welchem ihm die Kirche sammt Predigerhaus und Garten für 500 Mk. zugesprochen wurde. Die Orgel allein hatte 1500 Mark gekostet.

Ausland.

Aus Brüssel wird geschrieben:Die fortwährend zu Thätlichkeiten ausartende Eifersucht der Bergleute und anderer Arbeiter in den beiderseitigen belgisch- französischen Grenzdistrikten nimmt eine so gefahrdrohende Gestalt an, daß man sich nur wundern muß, daß noch keine der betheiligten Regierungen eingeschritten ist. Aus den nordfranzösischen Gruben und anderen Arbeits­plätzen werden die belgischen Arbeiter hinausgetrieben, umgekehrt aus den belgischen Grenzdistriken die französischen Arbeiter, und hierbei werden fast stets die größten Ge­waltthätigkeiten verübt. In denselben übertreffen die Franzosen aber bedeutend die Belgier, welche nur Repressalien üben. In ganz Belgien herrscht darum nur eine Stimme der Entrüstung darüber, daß das Ministerium Bcernaert gar nichts zum Schutze seiner auf französischem Boden tagtäglich an Leib und Leben bedrohten Landsleute thut.

Paris, 13 Septbr. Gestern gab es bis 10 Uhr Abends 20 Cholera Todesfälle. Stanhope, der Redakteur desNewyork Herald", ließ sich im Institut Pasteur die neuentdeckte Cholera-Lymphe einimpfen. Er reift demnächst nach Hamburg, um die Wirksamkeit der Impfung zu erproben.

Von der Strafkammer zu Catania wurde dieser Tage ein Prozeß zu Ende geführt, der auf den Stand der italienischen Gymnasiallehrer ein trübes Licht wirft. Zwei Professoren waren angeklagt, gegen Zahlung erheblicher Summen etwa 20 unreifen Abiturienten das Reifezeugnis verschafft zu haben. Sie teilten den be­treffenden Schülern in Voraus die Themata der schrift­lichen Prüfungsarbeiten mit und vereinbarten mit ihnen