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Mittwoch, beit 14. September

Die Kolumbusfeier.

Italien, Spanien und Amerika feiern in diesem Jahre durch zum Theil großartige festliche Veranstaltungen die vor vierhundert Jahren erfolgte Entdeckung Amerikas durch den Genueser Christoph Kolumbus.

Die Gefühle, mit denen die Feier begangen wird, werden in Spanien und in Genua getheilte sein. In letzter Zeit hat sich ein Konkurrenz Geburtsort in der Nähe Genuas gemeldet, dessen Ansprüche durch archiva lischt Beweise aus Spanien wirksam unterstützt werden. Indessen hat die Dogenstadt Genua 400 Jahre hindurch als die Vaterstadt Kolumbus' gegolten und sie läßt sich jetzt ihr traditionelles Recht nicht nehmen ; sie feiert ihren großen Sohn, König Kunibert kam zu dem Feste und die meisten Seestaaten entsandten Geschwader oder einzelne Schiffe zur Feier.

In Spanien haben die Festlichkeiten lang schon be­gonnen und zwar zum Gedächtniß an die erste Ausfahrt des Kolumbus am 3. August 1492. Die Idee, daß die Erde eine Kugelgestalt habe und daß man sie mithin umfahren könne, hatte damals besonders in gelehrten Kreisen bereits feste Wurzel gefaßt und Kolumbus ge­dachte auf diese Weise China und Indien von der Ost­seite her zu erreichen. Am 12. Oktober landete er auf der Insel Guanahani, die er San Salvador nannte. Welche Insel des westindischen Archipels das in Wirklich­keit war, läßt sich heute mit Sicherheit nicht mehr fest­stellen. Auf die weiteren Ueberfahrten, die Kolumbus unternahm, wurden noch viele andere Inseln und auch das Festland von Südamerika (die Mündung des Orinoko) entdeckt. Ferdinand von Aragonien und dessen Gattin Jsabella von Kastilien hatten die Mittel zur ersten Entdeckungsreise hergegeben, hatten Kolumbus zum Großadmiral des Ozeans, sowie zum Vicekönig aller von ihm zu entdeckenden Länder ernannt, ihm auch ein Zehntel aller Einkünfte für sich und seine Erben zugesichert. Anfänglich war es mit denEinkünften" nur außerordentlich spärlich bestellt; die Auslagen für die Expeditionen kamen nicht ein. Als aber das Ge­schäft sich einträglicher gestaltete, fand man Vorwände gegen den Entdecker, dem man nun glaubte zu viel ver­sprochen zu haben; es war sein tragisches Geschick, daß er in Ketten nach Spanien zurückgebracht wurde. Zwar sprach ihn das Gericht frei, und er wurde am Königs­hofe auch wieder mit allen Ehren ausgenommen aber der Mohr hatte seine Arbeit gethan"; er konnte gehen.

Bald nach seiner vierten Rückkehr aus dem heutigen Westindien starb der kühne Entdecker am 21. Mai 1506 in Valladolid; 1572 starb auch, nachdem seine beiden Söhne zuvor mit dem Tod abgegangen waren, sein letzter Erbe, sein Neffe Diego; damit war das Königreich aller Pflichten gegen die Familie des Entdeckers quitt. DasMutterland" Spanien räuberte im Laufe der Zeit Amerika nach Möglichkeit aus. Dem Golddurst der Pizarros und Cortcz' fielen Reiche von hoher Kultur, wie Peru und Mexiko, zum Raube. Die Einwohner wurden nach europäischer Artzivilisiert", d. h. zu Sklaven gemacht und nach und nach ausgerottet. Der scheußliche Negerhandel kam in Aufnahme alles zur Bereicherung der spanischen Unternehmer. Unter Philipp II. begann der Verfall der Machtstellung Spaniens, das heute außer Cuba nur noch einige kleinere Kolonien in Amerika besitzt. Deshalb wird man in Spanien die Kolumbusfeier nicht mit besonders frohem Herzen begehen.

In Amerika selbst feiern natürlich nur die einge­wanderten Weißen das Fest. Nicht ein einziges der Urvölker ist zur Kultur erzogen worden; die meisten sind bis auf verschwindende Bruchtheile ausgerottet, sind der Kultur zum Opfer gefallen. DasFeuerwasser"_ und die Feuerwaffen der weißen Männer haben sie ruiniert und das von einigen Stämmen äußerlich angenommene Christenthum bietet ihnen dafür natürlich keinen Ersatz.

Für die Entwicklung der Menschheit ist die Ent- deckung Amerikas ein hochbedeutender Fortschritt gewesen, dem sich höchstens noch die 50 Jahr früher erfolgte Er­findung der Buchdruckerkunst ebenbürtig an die Seite stellen läßt. Deshalb wird auch die zivilisierte Welt das Andenken des kühnen Genueser stets hoch in Ehren halten.

Der Ausfall der Kaisermanöver.

Der Ausfall der Kaisermanöver in den Reichslanden sowie in Württemberg und Baden wird zwar in den betheiligten militärischen Kreisen, zumal sie für die

Offiziere Beförderungen, Ordensauszeichnnngcn rc. im Gefolge haben, stets eine willkommene Unterbrechung des gewöhnlichen Dienstes sind, unangenehm empfunden werden, im Bolk aber wird man diese Vorsichtsmaßregel gewiß freudig begrüßen. Der Gesundheitszustand der Truppen, unter denen, abgesehen von einigen vereinzelten durch die Nähe Hamburgs leicht erklärlichen Fällen im Lockstedter Lager noch nirgends die Cholera ausgetreten ist, ist ein so vorzüglicher, daß deshalb die Manöver nicht abbestellt zu w rd.m brauchten. An maßgebender Stelle hat man sich aber offenbar gesagt, daß die gute Kontrolle über die Truppen, welche jetzt in der Garnison möglich ist, in den Kantonnementsquartieren der Manöver­truppen nicht so streng gehandhabt werden kann, daß dort viel eher Erkrankungen vorkommen können und daß dann, da dort Isolierung, Desinfektion rc. kaum genügend durchgeführt werden könnte, die Gefahr der Weiter- verbreitung der Krankheit eine viel größere ist. Die nach den Manöver zur Entlassung gelangenden Reservisten würden zudem die Krankheit dann noch in ihre Familien und so in das ganze Land hinein tragen. Man wird also den Monarchen, die hier das entscheidende Wort gesprochen haben, insbesondere dem Staifer, der die Jniatiative ergriffen hat, nur Dank wissen können, daß sie über die einseitigen militärischen Interessen das Gesammtwohl des Volkes gestellt haben. Unsere Truppen werden darum nicht minder schlagfertig sein, weil einmal das Kaisermanöver ausfällt, weit größer aber wäre die dem Heer drohende Gefahr, daß der Würgengel der Cholera Tausende braver Truppen hinwegraffen könnte. Von Coblenz aus, wo vereinzelte Fälle asiatischer Cholera vorgekommen sind, ist bei der dort erfolgten strengen Isolierung der wenigen Kranken ein Ucbergreifen auf die Truppen nicht zu befürchten, bekanntlich herrscht aber die Cholera, sowie Typhus rc. auch in Nancy, Luneville, Chalons rc., von wo aus eine Uebertragung auf die in Elsaß Lothringen manövrierenden Truppen leicht erfolgen könnte. Also nicht wegen der vorhandenen Cholera, sondern wegen der drohenden Gefahr sind die Manöver für das 8. und 16., sowie für das 13. und 14. Armeekorps aufgegeben worden. Hätten doch auch die Herren in Hamburg, statt nur ihre handelspolitischen Inet reffen im Auge zu behalten, eine solche Umsicht und Vorsicht walten lassen, dann wäre der größten deutschen Handelsstadt gewiß viel Unglück erspart geblieben.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser hat den preußischen Gesandten in München Grafen zu Eulenburg empfangen und dann zur Tafel gezogen. Alsdann hat der Kaiser wieder mit dem Generalstabs-Chef und mit dem Chef des Civil- kabinets gearbeitet.

Die Kaiserin sowie Prinz und Prinzessin Hein­rich haben je 1000 Mark zum Besten der Hamburger Nothleidenden beigetragen.

Die Gendarmen werden jetzt in einzelnen Gegenden der Mark mit Flaschen ausgerüstet, die Cholera­tropfen enthalten, sie haben diese Flasche auf allen Patrouillengängen mitzuführen, um Choleraverdächtigen, die sie antreffen, zwanzig Tropfen auf Zucker zu verabfolgen. Kindern dürfen diese Tropfen nicht ge­geben werden.

Sehr bemerkenswerth ist die vom Berliner jüdischen Gemeindevorstande ausgegangene Anregung, an dem bevorstehenden Versöhnungstage nicht nur eine mehrstündige Unterbrechung eintreten zu lassen, sondern auch allen nicht ganz Gesunden den Wegfall des Fastens zu empfehlen.

* DerStaatsanzeiger" veröffentlicht eine neue ministerielle Anordnung betr. Maßnahmen gegen Wester- Verbreitung der Cholera, denen die Beschlüsse der Reichs­kommission vom 27. und 28. August zu Grunde liegen. Die Maßnahmen besessen die rechtzeitige Anzeige von Cholerafällen, die Ueberwachung des Eisenbahnverkehrs, die besondere Ueberwachung von Flüchtlingen aus Cholera­orten , besondere Wachsamkeit über den Verkehr auf Flüssen, die Erforschung der Infektionsquellen, die Desinfektion (Vermeidung unnöthiger Vergeudung von Desinfektionsmitteln) und Massenverbreitung einer kurz gefaßten und leicht verständlichen Anweisung über das Verhalten zur Zeit einer Choleraepidemie. Letztgedachte Anweisung wird z. Zt. im kaiserlichen Gesundheitsamte ausgearbeitet. Die Regierungspräsidenten sollen dieselbe in einer den örtlichen Verhältnissen, insbesondere dem

lokalen Sprachgebrauch angepaßten Form unter die breiten Massen des Volkes zur Vertheilung gelangen lassen.

DasBerliner Tageblatt" veröffentlicht folgenden interessanten Bericht:Die in keinem Verhältniß zu den Vieh- und Getreidepreisen stehenden hohen Fleisch- und Brodpreise halten sich sowohl in Baden wie in Württem­berg in einzelnen Distrikten fortgesetzt auf der früheren Theuerungshöhe. Selbst wo die Fleischpreise Herunter- gesetzt werden, stehen sie noch immer nicht, zu den Vieh­preisen im Verhältniß. Die Herabsetzung der Fleisch­preise erfolgte, wo es geschah, meist nur durch Selbst­hilfe. In einzelnen Ortschaften schlachten die Landwirthe, die durch den Futtermangel genöthigt fhb, ihr Vieh zu verkaufen, selbst, weil die Fleischer einen Preis bieten, der für die Landwirthschaft unannehmbar ist. Letztere lassen dann das Fleisch zu einem Drittel billiger als die Metzger aushaueu und machen dabei noch ein sehr gutes Geschäft. Durch die Selbsthilfe werden dann die Metzger gezwungen, ebenfalls mit dem Preis Herunter- zugehen. Für Kälber, welche in den letzten Jahren mit 40 und mehr Pfennigen das Pfund gekauft wurden, werden jetzt 25 und weniger Pfennige bezahlt. Aehnlich ist es beim Rind- und Schweinefleisch. Großvieh kostet jetzt per Stück 60 bis 100 Mark weniger als im Vor­jahre. In dem Städtchen Schramberg werden die Konsumenten durch Maueranschläge aufgefordert, sich so lange des Fleisch- und Wurstgenusses zu enthalten, bis die Metzger entsprechend den niedrigen Viehpreisen sich zu einem enormen Fleischabschlag herbeilassen. Die Metzger stützen sich darauf, daß sie auch einmalErnte haben müßten". Zu einem allgemeinen Fleischstreik wird es aber nicht kommen, weil die Geschäftsleute sich gewissermaßen solidarisch betrachten. Es besteht in einem gewissen Sinne ein Metzger- und Bäckerring. Die Metzger finden in den Bäckern die eifrigsten Vertheidiger. Solche Ringe dürften auch anderwärts im Stillen be­stehen und ihre Früchte zeitigen, und Aufgabe des konsumirenden Publikums muß es sein, diese auf seine Ausbeutung berechneten Ringe zu sprengen. Das Gleiche wie von den Fleichspreisen gilt von den Brodpreisen. Die Preise für Getreide sind infolge der günstigen Ernte­berichte bedeutend heruntergegangen. Beispielsweise sei erwähnt, daß an der Berliner Börse der Roggen kürzlich um 100 Mark die Tonne niedriger notirt war, als zur gleichen Zeit im Vorjahr, während der Brodpreis nur um einen Pfennig herabgegangen ist. Es scheint also, daß auch die Bäckereinmal Ernte halten" wollen."

Hamburg, 8. September. Die Einwohnerschaft Hamburgs ist sehr befriedigt über die Entlassung des Medicinalinspektors Dr. Krauß, die wahrscheinlich noch ein schlimmes Nachspiel für den Entlassenen haben wird. Große Entrüstung herrscht unter der Bevölkerung darüber, daß für die verwaisten Kinder an Cholera verstorbener Eltern, welche im Kurhause und in anderen Gebäuden untergebracht sind, öffentlich um abgelegte Kleidungsstücke gebeten wird. Die allgemeine Meinung geht dahin, daß die Stadt diese bedauernswerthen Kinder mit neuen Kleidungsstücken versehen muß. Heiterkeit in ernster Zeit erregt die merkwürdige Thatsache, daß bis jetzt acht als verstorben gemeldete Cholerakranke lebendig bei ihren Angehörigen erschienen sind. Es werden wohl noch mehr solche kommen. Es herrscht hier eine heillose Wirthschaft und allgemein ist der Wunsch, daß das kaiserliche Ge­sundheitsamt die Oberleitung des Hamburger Sanitäts­wesens übernehmen möge.

Hamburg, 9. Septbr. Wenn die amtlich veröffent­lichten Ziffern durchaus kein zutreffendes Bild von den mörderischen Verheerungen der Seuche ergaben, so liegt der Fehler darin, daß ein großer Theil der vielfach den Aerzten obliegenden Meldungen nicht erstattet wurde. Es ist aber gewiß verzeihlich, wenn sie, von der eigent­lich ärztlichen Hülfe Tag und Nacht erschöpft, dem maßlos anschwellenden Schreibwerk nicht mehr gewachsen waren, zumal bald ein Mangel an rasch auszusüllenden Formularen eingetreten war. Eine Verheimlichung der Ziffern läßt sich auf die Dauer überhaupt nicht durch­führen, hat aber auch nicht in der Absicht der Behörden gelegen. Als der Hauptsünder wird der erste Medicinal- beamte fortdauernd an den Pranger gestellt. Es soll hier wiederholt werden, daß bereits am 16. v. Mts. ein Cholerafall vorkam, jedenfalls ist der 18. August als derjenige Tag zu bezeichnen, an dem die Medicinalbehörde Kenntniß von dem Aufenthalt des unheimlichen asiatischen Gastes in Hamburgs Mauern erhielt. Erst fünf Tage