ZchlWernerMung
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Jf 72.
Mittwoch, den 7. September
1892.
Die Todsünden Rußland».
Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt. Der Spruch ist wahr, aber auf Rußland angewandt, würde es richtiger heißen: »wenn es dem faulen, dummen Nachbar nicht gefällt". Eine soeben erschienene Schrift des Rußlandkenners Hermann Roskoschny ist ein grauenerregender Rund- gang durch das schmutzerfüllte Hinterhaus Europas, in dem die Heerde der Seuchen für Menschen, Thiere und Gewächse zu suchen sind, die von dort aus tagtäglich ihre Ansteckungsstoffe zu uns herübersenden. Der Verfasser nennt diese Uebelstände die Todsünden Rußlands, weil sie das größte Verbrechen sind, dessen sich ein Staat oder eine Gemeinde gegen ihre Angehörigen schuldig machen könne.
In lebhafter Darlegung schildert er zunächst, wie Rußland ununterbrochen von Seuchen heimgesucht ist, deren Kunde nur selten ins Ausland dringt; so herrscht dort stets Hungertyphus, Unterleibstyphus, Scharlach, Ruhr, Dyphtherie, Rothlauf, Keuchhusten, eine Summe von Erkrankungen, deren Entstehungs- und Verbreitungsursachen mit denen der großen Epidemien und der Cholera gleichbedeutend sind. Und die Ursachen sind immer dieselben: Verdorbenes Trinkwass r, die Ablagerung von Auswurfstoffen aller Art inmitten der Städte, die Verpestung des Bodens und der Luft, der Genuß verfaulter Nahrungsmittel, insbesondere von Fischen, und die Zusammenpferchung der ärmeren Volksklassen in Räumlichkeiten, die mehr Ställen als menschlichen Wohnungen gleichen. In all' diesem leistet aber daS Wolgagebiet Unglaubliches. An der Haupthandelsstraße des europäischen Rußlands finden die von Asien vordringenden Epidemien einen günstigen Boden, von wo sie sich im Sturmschritt über Europa verbreiten.
Neben Luft, Wasser und Wohnungen bilden b^ Lebensmittel in Rußland eine der Verbreitung der Cholera günstige Disposition. An der Wolga und am Ob nährt sich der arme Mann hauptsächlich vom Fischen. Diese werden aber so schlenderhaft zubereitet, daß große Mengen davon verderben. Das gibt aber dann billige Nahrung, nach der die Armen gern greifen. „Tausende", sagt Roskoschny, „leben in Rußland von Fischen, die bereits in Fäulniß übergegangen sind. Sie haben sich so sehr daran gewöhnt, daß sie solche Fische sogar den frischen vorziehen und ihren Fäulnißgeruch ebenso schätzen, wie der Wildpretliebhaber den Wildgeruch. Vor Fäulniß k zerpröckelnde Fische, übelriechendes Fleisch, faule Eier, alles findet unter den Arbeitern Käufer, mag es noch so verdorben, noch so ekelerregend sein. Sehr oft werden die Arbeiter gezwungen, solche Lebensmitteln zu kaufen, - beziehungsweise in Zahlung anzunehmen. In den Ortschaften, in denen Hausin usttien bestehen, die ja unter dem Druck der allgemeinen Noth immer mehr ihre Selbständigkeit einbüßen und in Abhängigkeit von einzelnen reichen Unternehmern gerathen, gibt der Händler oder Unternehmer dem Arbeiter sehr oft nur einen Theil des Waarenpreises oder Arbeitslohnes in baarem Geld, für den Rest aber eine Anweisung auf die dem Arbeiter nöthigen Rohstoffe, auf Lebensmittel, woran er abermals und viel verdient, da er für hohe Preise nur mittelmäßige Waare liefert. Der Arbeiter kann aber schließlich noch froh sein, wenn er nur mittelmäßige Waare erhält, denn die gewissenlosen Händler kaufen häufig zu Spottpreisen völlig verdorbene Lebensmittel und zwingen dann den von ihnen abhängigen Arbeiter, sie zu dem Preis guter Waare in Zahlung zu nehmen. Auf diese Weise wird der Keim böser Krankheiten in unzählige Familien getragen; die, durch auftreibende Tag- und Nachtarbeit erschöpft, wenig widerstandsfähig sind. Dazu kommt noch eine ganz unglaubliche Un- reinlichkcit in den Lebensmittelverkaufsläden".
Alle diese Umstände begünstigen den verheerenden Verlauf der Seuchen und jetzt der Cholera in Rußland, das im Sommer von Millionen von herumwandernden Arbeitern, Hunderttausenden von Bettlern und wiederum Hunderttausenden von Wallfahrern nach allen Richtungen durchkreuzt wird. Diese Nomaden flüchten sich, von der Seuche bedroht oder gar befallen, in die Städte und verursachen Panik und grenzenlose Verwirrung. An regelrechte oder gar ausreichende Hilfe ist bei dem herrschenden Mangel an Aerzten und Gesundheiisbehörden nicht zu denken. Die Aerzte sind Handwerker. In ihrer Ruhe nicht gestört zu werden, das geht über alles. Für den gemeinen Mann haben sie keine Sym
pathie, sie spielen ihm gegenüber die „Herren" und be- reiten ihm nur überflüssige Plackereien. Deswegen sind sie beim Landvolk verhaßt und verrufen. Der Feloscher gilt den Dorfleuten als der wahre Helfer. Gegen die Aerzte revoltieren sie. Was jüngst in Astrachan, in Samara und anderen Orten geschehen ist, ist nicht neu. Die Aerzte wissen, was sie bei Epidemien zu erwarten haben, und deshalb nehmen sie vor der Gefahr oft am ersten Reißaus. Auch die Geistlichen sind n-cht Träger der Hygiene, sondern Förderer der Epidemien. Die Schutzmittel gegen die Seuchen stoßen bei ihnen auf nicht geringeren Widerstand als bei der Beamtenschaft. Das Volk achtet sie auch nicht.
Es ist ein grauenvolles Bild, das Roskoschny bei diesem Rundgang durch den Seuchenherd Europas entwirft. In einem Schlußkapitel gibt er noch eine Schilderung der Volksbildung oder besser Volksverdummung im russischen Reich. Die Vernachlässigung der geistigen Kultur ist nicht geringer als die der sanitären. Das Volk wehrt sich denn auch gegen seine Bedrücker. Leider ist kaum daran zu denken, daß es sich aus eigener Kraft zu menschenwürdigen Zuständen emporringt. Inzwischen bleibt das Hinterhaus Europas die grauenvolle Stätte, von der aus Tod und Vernichtung nach allen Seiten hin ausstrahlen.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat den Uebungen der Manöverflotte bei Swinemünde beigewohnt. In solcher Stärke ist die deutsche Kriegsflotte noch niemals an einer Stelle beisammen gewesen. Die ursprünglich beabsichtigt gewesene Reise nach Schweden ist aufgegeben, dagegen soll der Kaiser früher als es anfänglich hieß, nämlich bereits am 26. d. Mts. in Rominten zur Jagd -intreffen und bis gegen den 7. Oktober daselbst verbleiben. Eigentliche Hofjagden finden in Rominten nicht statt, der Kaiser wird ganz allein die Pürschjagd au, Hirsche ausüben.
— Die Kaiserin Friedrich wird die erste Hälfte des Winters in England bei ihrer Mutter zubringen und erst zu der Vermählungsfeierlichkeiten der Prinzessin Margarethe nach Berlin zurückkehren.
— Der „Reichsanzeiger" schreibt: Bei Cholera- Gefahr dürfte es zur wesentlichen Beruhigung, dienen daß die Reichsregierung und das preußische Kriegsministerium anordneten, daß die bei den Militär-Sanitäts- Behörden in größerer Menge vorhandenen Desinfektionsmittel an die Civil-Behörden abgegeben werden können, wenn die schnelle Beschaffung von Desinfektionsmitteln schwierig ist. Außerdem gestattete der Kriegsminister die Vornahme von bacteriologischen Untersuchungen in den Laboratorien der Königl. Sanitäts-Aemter und die Entsendung einer nicht unbedeutenden Zahl von vorhandenen bacteriologisch geschulten Sanitäts - Offizieren nach den gefährdeten Orten. Dem in Hamburg sich fühlbar machenden Aerztemangel sei durch Kommandnung von Militär-Aerzten abgeholfen.
* — Wie streng beispielsweise die Berliner Polizei gegen Hausbesitzer vorgeht, welche trotz Aufforderung die Desinfektion unterlassen, beweisen folgende Fälle: Zwei Hausbesitzer der Luisenstadt wurden wegen Nichtbeachtung der Desinfektionsvorschriften mit polizeilichen Strafmandaten, der eine in der Höhe von 30 Mark, der andere von 14 Tagen Haft bedacht. Letzterer ist notorisch ein vermögender Mann, den eine Geldstrafe nicht empfindlich genug treffen würde. — Vielleicht läßt sich Mancher, der das Desinfiziren trotz Androhung von Strafe unterläßt oder gar verhindert — obige Mittheilung als Warnung dienen.
Hamburg, 2. September. Die Sterblichkeit ist im Abnehmen begriffen. Die früheren Hauptherde der Cholera, die Hafengegend und Steinstraße, zeigen nur vereinzelte Fälle; dagegen kommen in den Vororten Barmbeck, Hohenfelde und Hammerbrook noch viele Todesfälle vor. Die Eisenbahnzüge haben oft kaum zehn Passagiere; Hotels, die sonst voll besetzt, haben drei oder vier Fremde. Heute wurden 20 Leichenwagen weniger gefordert. Aerzte sind massenhaft von außerhalb anwesend. Einzelne Geschäfte, wie z. B. Delicatessen, haben ganz geschlossen. Ein Nachts verstorbenes Eltern- paar hinterließ sieben Kinder. Es zeigt sich jetzt aber mehr Muth und Hoffnung. Die Temperatur ist kühl und windig. — Am heutigen Sedantage waren, wie auf Verabredung, keine Flaggen sichtbar, ausgenommen
auf dem Postgebäude und den Bahnhöfen. Ueberall herrscht eine ernste Stimmung. In den Nebenstraßen feierten die Kinder das Sedanfest in gewohnter Weise unbekümmert um die vorüberfahrenden Kranken- und Leichenwagen. In den gefüllten Kirchen galt der Gottesdienst mehr der verheerenden Krankheit, als dem Scdan- feste. Einen unheimlichen Eindruck gewähren die Nachts in langsamem Trabe fahrenden vierspännigen Wagen, womit je 40 Särge aus den städtischen Leichenhallen nach dem Friedhof in Ohlsdorf gebracht werden. — Die Hamburger Volksbank hat in Anbetracht der schweren Zeit, die über die Hamburger Bevölkerung hereingebrochen ist, eine Aufschubfrist für alle restirenden Sachen bis zum 1. Oktober gewährt, soweit die Wahrung der Rechte dies zuläßt. Andere Banken wollen diesem Beispiel folgen. — Die Polizeibehörde hat den Straßen- verkauf von Konditorwaaren und Fruchteis verboten und die Bäcker Hamburgs aufgefordert, nur gekochtes Wasser und gekochte Milch zum Backen zu verwenden. — Seit gestern werden 120 Kinder, die ihre Eltern durch die Cholera verloren haben, polizeilich untergebracht und verpflegt. — Das General-Kommando des neunten Armeekorps hat angeordnet, daß alle Einziehungen von Uebungsmannschaften aus Choleraorten unterbleiben.
Die Cholera scheint in Hamburg dauernd im Abnehmen begriffen zu sein. In den ersten 16 Tagen, seit ihrem Auftreten daselbst hat die Seuche im Ganzen 2317 Opfer gefordert.
Kiel, 2. Sept. Recht energisch geht die Kieler Polizeibehörde gegen Hamburger Flüchtlinge vor. Sie erlieg gestern eine Warnung an alle Einwohner Kiel's folgenden Inhalts: „Schon wieder ist gestern hier in einer aus Hamburg zugereisten Familie eine Erkrankung an Cholera mit tödtlichem Verlaufe vorgekommen, auch am Montag war auf einem aus Hamburg kommenden, den Kanal passirenden Schisse ein Todesfall zu verzeichnen. Aus diesen Thatsachen mögen doch die Einwohner die Warnung entnehmen, Verwandte und Bekannte aus Hamburg oder Alton« nicht aufzunehmen, sondern sie zu veranlassen, sofort in ihre Heimath zurückzukehren. Kommt bei einem Mitgliede einer sich hier oder in den zu dem Polizcibezirk gehörigen Ortschaften aufhaltenden Hamburger oder Altonaer Familie eine Erkrankung an Cholera vor, so werden die sämmtlichen übrigen Mitglieder sofort als Cholera-Verdächtige mit den Erkrankten in die Baracken oder Jfolirhäuser abgeführt."
Dortmund, 2. Sept. Den schwer heimgesuchten Hamburgern soll von hier aus Hilfe kommen. Der Vater des hier stationirten AichungSinspectors der Provinz Westfalen, Hauptmann a. D. Will, ein Arzt in Ostpreußen, hat, wie bekannt wird, dieser Tage nach hinterlassenen Schriften bei der Choleraepidemie, die in den 30er Jahren Ostpreußen heimsuchte, mit einem einfachen Mittel großartige Erfolge erzielt. Nach den Versicherungen des nunmehr verstorbenen Arztes — der Sohn bestätigt es — ist kein Kranker, der das Mittel rechtzeitig bekommen, an der Cholera gestorben. Das Mittel besteht aus Acther und Phosphor. Nach dem Gutachten des Kreisphysikus, Geheimrath Dr. Hoge- mann, ist es geeignet, die Nerventhätigkeit anzuregen, worauf es bei den Cholerakranken hauptsächlich ankommt. Herr Will hat sich nunmehr mit Herrn Gerichtschemiker Dr. Kaysser hier in Verbindung gesetzt, der das Mittel in größeren Mengen angefertigt hat. Heute geht die erste Sendung nach Hamburg ab. Möge es den versprochenen Erfolg haben.
Aschaffenburg, 1. Sept. Das billigste Schwein, das wohl je geschlachtet worden ist, hat kürzlich Herr Metzgermeister Hermann im benachbarten Dorfe Damm für 20 Pfg., sage mit Worten zwanzig Pfennig, erworben. Der Sachverhalt war, nach dem „Th. Hausfreund'" folgender: Der besagte Metzger kam in der Schuck'schen Wirthschaft mit einem als superklug bekannten Landwirth zusammen. Dieser bot dem genannten Metzger ein Schwein zum Kauf an und setzte als Bedingung fest: „Wiegt das Schwein im geschlachteten Zustande 100 Pfund, so zahlt der Käufer 100 Mk., wiegt es aber unter 100 Pfund, so erhält es derselbe um 20 Pf." Der Metzger ging auf den Vorschlag ein. Das Schwein wurde unter Zuziehung einer unparteiischen Kommission geschlachtet und gewogen: das Gewicht betrug 96 Pfund, mithin kosteten dieselben 20 Pfg.
Aus Württemberg In einer Württembergischen Oberamtsstadt wurden nach der „Deutschen Lehrerzeitung"