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Samstag, den 3. September
Effigaia«»^^
Zum Sedantage.
Die Schlacht von S edan wird für alle Zeiten eine hervorragende Stelle in der Kriegsgeschichte einnehmen. Meisterhaft und bedauernswcrtd war die Strategie unseres großen Molike, der durch den bekannten erstaunlich lühnen Rechtsmarsch der deutschen Truppen die gewaltige Entscheidung in jenen Tagen herbeiführte; meisterhaft und bewundernswerth war ebenso die energische Durchführung dieses großartigen Kriegsplanes durch das deutsche Heer, das freudig auch die mühevollste Aufgabe erfüllte; und groß erscheint der Tag von Sedan in der Geschichte auch hinsichtlich der an demselben errungenen beispiellosen Erfolge. Der Kaiser gefangen, Napoleon in unseren Händen — so klang damals der Judelrus von Mund zu Munde — und mit ihm eine ganze Armee, 100,000 Mann, 39 Generäle, viele Offiziere, dazu Feldgeschütze, Feldzeichen und Kriegsmaterial.
Plan hat oftmals schon innerhalb und außerhalb Deutschlands die Feier des Sedantages zu verdächtigen gesucht: sie sei des deutschen, des christlichen Volkes nicht würdig; es sei die Feier einer entsetzlichen Schlacht, eines schauerlichen Blutvergießens. Wer so reden kann, versteht die- Sedanfeier nicht, oder es ist der schlechte Ausdruck seines Grolles, seines Mangels an wirklicher Vaterlandsliebe. Was wir an dem großen Tage feiern, ist nicht die Schlacht, ist nicht das Blutvergießen, ist nicht der Kanonendonner und der Kugelregen und das Schwertgeklirr. Weiß Gott, daß die demschen Heerführer das Schwert gezogen haben, nicht um Schlachten« rühm zu erlangen! Weiß Gott, daß die Deutschen lang genug feindseligem Uebermuth des Nachbarvolkes ruhig zugeschaut haben; erst dann hieß es: Zu den Waffen , als eine andere Lösung nicht mehr möglich, als wioer' Willen der Krieg uns aufgezwungen worden war! Nicht Bluivergießen feiern wir. Was uns den Tag von Sedan zu einem großen Ehrentag in der Geschichte des deutschen Volkes macht, ist die Thatsache, daß es der große Entscheidungstag des ganzen Krieges gewesen, den Gott der Herr uns geschenkt hat. Ein Franzose als Korrespondent einer großen Zeitung schrieb damals unmittelbar nach Beendigung der Schlacht von Sedan Worte großartigster Bewunderung über das deutsche Heer: „Diese Leute habe eine Ruhe und ein Vertrauen, das nichts erschüttert. Man dachte, sie betrachteten sich als die Vollstrecker eines göttlichen Willens. Man fühlt sich nicht erniedrigt, von einem solchen Volke besiegt zu fein."
Darum ruft der heutige Tag dem deutschen Volke zu: Vergiß dein Sedan nicht! Bleibe allzeit Helden- wüthig ohne Leidenschaftlichkeit, auch im Kriege pflege " die Tugenden des Friedens, nimm alles, Demüthigung und Eihebung, als Fügung deines Gottes, wie dein erster Kaiser Wilhelm 1. dich so schön gelehrt! „Welch' eine Wendung durch Gottes Führung! das klinge fort und fort in deinen Ohren. Und darum halte fest deinen Glauben an den lebendigen Gott, tritt dem Unglauben und dem frechen Sport keck und kühn entgegen und laß dir nicht dein Heiligstes rauben, das dich zu großen Thaten befähigt hat. So wird die Sedanfeier dem deutschen Volke stets zur Ehre und zum Segen werden!
Bei der Wiederkehr des 2. September schauen wir vor uns ein Bild des Sieges und der Ehren, das seines Gleichen sucht in der Geschichte der Völker und freuen uns wieder der herrlichen Früchte, die jene große Zeit zur Reise brächte. — Wohl ist es ganz natürlich, daß, je weiter wir uns zeitlich von jenem großen Ent- scheldungekuege entfernen, auch unser Gedächtniß batun ruhiger, klarer und innerlicher wird. Der Donner der Kanonen und das Klirren der Schwerter ist längst verstummt und an die Stelle des blutgen Kampfes mit * den Waffen ist Der friedliche Wettstreit getreten in Werkstatt und Fabrik, in Kunst und Wissenschaft.
Trotzdem schlagen unsere Herzen im patriotischen Hochgefühl, wenn der 2. September uns wieder an die Stunden erinnert, da das französische Kaiserthum unter» ging und das deutsche wieder aufgina, und aufs Neue dürfen wir uns dessen freuen, daß in gemeinsamem begeisterten Ringen Deutschland seine Kraft und seine Einheit fand. Aber erst wenn wir uns freuen im Ausblick zu Gott, sind wir sicher, daß unsere Freude kein Rahmen ist von Menschenkraft und Waffen- erfolg, sondern ein Lob der Wege Gottes; erst dann gewinnen wir für die großen Thaten von damals die rechte Demuth der Benachtung und für die Zukunft
die heiligen Entschlüsse, die aus dem Danke für empfangene Gnade entspringen.
Es ist wahr, Großes ist geschehen in jener großen Zeit! Schlag auf Schlag wurden die Siege erfochten; Armeen über Armeen des Feindes zogen gefangen ein in die Thore der deutschen Festungen; der Herrscher, der unser Volk zu demüthigen gedachte, verlor selbst Reich und Krone; alle Anstrengungen des unzweifelhaft tapferen Feindes scheiterten an der deutschen Zähigkeit; alle Widrigkeiten von Wind und Wetter wurden überwunden mit fröhlichem Sinne; groß und schmerzlich waren die Opfer, aber über alles Erwarten herrlich war der Erfolg; was unter Blut und Thränen so oft ersehnt, die Einigung des Vaterlandes, es wurde Wahrheit; Deutschland war nicht mehr der Amboß, auf welchem andere Völker Ketten schlugen, sondern der Hammer, der sich eine Kaiserkrone schmiedete, und diese Krone schmückte das Haupt eines Herrschers, der ehrwürdig und geliebt wie selten einer des Schwertes wartete.
Ja, reich an Siegen war unser Volk und Heer, aber was das Schönste dabei war, man erkannte damals, daß es des Herrn Siege waren. Ihm gab man die Ehre als dem Führer im Streit; fein Walten spürte man, wenn unser Volk das Werkzeug wurde, durch welch.s er Lug und Trug, Selbstüberhebung und nationalen Uebermuth zerschmetterte. Uns Allen voran in dieser demüthigen Erkenntniß ging Kaiser Wilhelm; bei den großartigsten Erfolgen beugte er sich vor dem Herrn aller Herren, nach den ruhmreichsten Siegen richtete er den Blick des Dankes nach oben. Insbesondere nahm er den Erfolg von Sedan als ein göttliches Gnadengeschenk hin und schrieb darüber wörtlich: „Wenn ich diesen weltgeschichtlichen Akt betrachte, so beuge ich mich vor Gott, der allein mich, mein Heer und meine Verbündeten ausersehen, das Geschehene zu vollbringen und uns zu Werkzeugen seines Wrüens gemacht hat."
Wie steht es heute? Wir wollen uns unsere patrio- tischn Festtage nicht durch Wehklagen trüben. Aber vor unser Volk sollen sie, so oft sie erscheinen, als ernste Mahner und Prediger treten, die es Hinweisen auf das, was ihm noththut.
Auch ein gerechter, auch ein siegreicher Krieg macht es offenbar, wie Gott seinen richtenden Arm erhebt wider alles unheilige Wesen; nun denn, so wollen wir auch in Zeiten des Friedens tapfer streiten gegen Alles, was nicht aus ihm ist, und mit Hellem Blick und festem Herzen aus der Wacht stehen für die Heiltgthümer christlichen Glaubens und Lebens.
Der Kampf von Sedan, so riesengroß er war, ist doch nur Kinderspiel gegen das gewaltige Ringen der beiden Weltanschauungen mit einander, des Glaubens und des Unglaubens. Unser größter Dichter nennt Diesen Kampf das Thema der Weltgeschichte, heute ist derselbe auch das Thema unserer vaterländischen Geschichte. Wer wird Sieger bleiben ? Das kommt auf uns an. Deutsches Volk, hüte dich, daß du nicht ab- wendcst von dem, der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet, der dich getragen hat auf Adlers- flügeln und dich groß und stark gemacht. Und wenn die Glocken am Sedantag feierlich zusammenklingen, dann laute das Echo in allen deutschen Herzen: „Gott war mit uns, ihm sei die Ehre!"
Deutsches Reich.
Berlin, 31. Aug. Die „Nordd. Allg. Ztg." meldet in später ausgegebenen Exemplaren, Se. Maj. der Kaiser habe beschlossen, den Jagdausflug nach Gorenburg aufzugeben, und habe bereits den König Oscar von Schweden davon benachrichtigt. Für den Entschluß des Kaisers sei die Rücksicht auf das Vorhandensein der Cholera an einigen Punkten Deutschlands ^maßgebend gewesen, da der Kaiser unter diesen Umständen die Heimath nicht verlassen wolle.
— Der preußische Eisenbahnminister hat bestimmt: Der Zugführer eines jeden zur Personenbeförderung dienendes Zuges ist mit einem etwa 30 ccm eines Gemisches von gleichen Theilen einfacher Opiumtinktur und Aether enthaltenden Tropfflüschchen zu versehen. Von diesem Gemische sind Personen, welche unterwegs an Cholera erkranken, durch den Schaffner, dessen Aufsicht der Wagen untersteht, in welchem sich der Erkrankte befindet, 20—30 Tropfen, am besten auf Zucker, zu verabreichen,
* — Den von der staatlichen Cholera-Commission zur Beachtung und Befolgung vorgeschlagenen Maßnahmen entnehmen wir folgende Sätze: Reines Trink- und Gebrauchswoss-r muß rechtzeitig und hinreichend beschafft werden. Als solches kann Wasser, das aus gewöhnlichen Brunnen aus dem Untergründe geschöpft wird, nicht gelten, und ist daher nicht zu benutzen, wenn einwands- freies Leitungswass-r verfügbar ist. Es empfiehlt sich die Anlage von sogenan- ten abyssinisch n Brunnen. Alle verdächtigen Brunnen sind zu schließen. Jede Verunreinigung der Wasserentnahmestellen ist auf das Strengste zu verbieten, sämmtliche Schmutzwässer müssen so rasch als möglich aus der Nähe der Häuser geschafft werden. Sie dürfen nur nach gründlich durchgeführter Desinfektion in die öffentlichen Flußläufe geleitet werden. Sämmtliche Abtrittsgruben sind vor der ausgebrochenen Epidemie zu entleeren, während derselben ist die Ausräumung thunlichst zu vermeiden. Alle öffentlichen Aborte müssen desinfizirt und in peinlichster Sauberkeit gehalten werden. Desinfektionen sollen unentgeltlich erfolgen. Belehrungen über das Wesen der Cholera und über das Verhalten während der Epidemie sollen in eindringlicher Weise zu allgemeinster Kenntniß gebracht werden. Die Gesundheitskommissionen müssen sich ununterbrochen über den örtlichen Gesundheitszustand auf dem Laufenden erhalten, sie müssen die einzelnen Häuser auf ihre Sauberkeitseinrichtungen besichtigen, auf sofortige Beseitigung von Mißständen hinwirken, verdächtige Brunnen unverzüglich schließen, in Häusern, wo Cholerafälle vorgekommen, die erforderlichen Desinfektionsmaßregeln aller Gebrauchsgegenstände anordnen. Für vernichtete Gegenstände soll erforderlichen Falls Entschädigung gewährt werden. B sonders scharf sind Krankenwärter, Wäscherinnen, Desinfektoren auf die genaue Befolgung der Desinfekrionsvorschriften hinzuweisen. Für auskömmliche ärztliche Hilfe, für Arznei- und Desinfektionsmittel ist bei Zeilen Sorge zu tragen.
— Aus vielen Orten Deutschlands werden Cholera- todesfälle gemeldet; sie betreffen fast ausnahmslos Personen, welche aus Hamburg geflüchtet sind.
In Hamburg siud in der Zeit vom 20. August bis 29. August 2600 Personen gestorben, wovon ca. 90 pCt. an der Cholera. Am 20. August waren es nur 9, und am 27. August schon 274 Todte.
Vom Harze, 28. August. Dem Harze wird in später Saison noch ein zahlreicher, indeß nicht überall gern gesehener Besuch zu Theil. In großer Menge flüchten die Hamburger nach den verschiedenen Harzorten. In einigen Orten sollen die Hotels die Aufnahme der Flüchtenden verweigern, da etwaige Cholerafälle alle Fremden sofort verscheuchen würden.
Die in Leipzig verstorbene Kaufmannswittwe Agnes Berndt hat der Stadt einundeinhalb Millionen Mk. in Baar, sowie ein großes Grundstück, Loehr's Hof, vermacht.
Essen, 29. August. Aus Anlaß der gestern erfolgten Enthüllung d.s Denkmals für Alfred Krupp hat dessen Sohn, der jetzige Besitzer der Werke, den Betrag von 500,000 Mark gestiftet, für den 100 kleine Häuser in abgeschiedener ruhiger Lage errichtet werden, die dann allen invaliden Arbeitern und deren Wittwen mietljfrei überwiesen werden sollen.
Rheda, 26. Aug. Der Holzhändler Carl Grimm hierfelbst ist von seinem Stiessohne Heinrich Haase erschlagen worden. Die Beiden bewohnten benachbarte Häuser und führten seit lange Streit über das Eigenthum an der zwischen den Gebäuden liegenden Gasse. Bei einem heftigen Wortwechsel fließ Grimm seinem L-tiefsohne ein bereit gehaltenes großes M sser in den Unterleib, so daß die Gedärme hervortraten. Der Schwergetroffene hatte aber noch die Kraft, den Gegner mit einem Stocke zu Boden zu schlagen. Der Tod GrimmS trat in Folge Schädelbruches ein, Haase liegt hoffnungslos darnieder.
Aus Lauenburg (Ostpreußen) wird der „Danziger Zeitung" berichtet: Vor vielen Jahren starb der in allen Kreisen hochangesehene Dr. med. Lorenz Wollmar hierfelbst. Das Testament bestimmte zunächst den Bau eines Gewölbes für den Verstorbenen. Der Sargdeckel wurde mit einem Schlüsselloch versehen, den Schlüssel mußte man der Leiche in die Hand geben. In das Gewölbe wurden Lebensmittel und zwei kleine Kanönett gebracht. Alles, um im Falle eines Scheintodes dem Erblasser zur Verfügung zu stehen. Seine Ländereieu werden verpachtet, und jedes Jahr am 10. August wird für eine bestimmte Summe ein kleines Fest verunstaltet,