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Samstag, den 27. August
Deutsches Reich.
Berlin. Zur A ußenmg des Kaisers über die Dienstzeit bringt der „Hainburgische Korr." noch eine andere Lesart. Hiernach habe der Kaiser bemerkt, daß er, so lange der Reichstag zu großen militärischen Bewilligungen nicht bereit sei, an dem bewährten System seines Großvaters nicht rütite!» lassen wolle. Die Aeußerung sei keine unbedingte Ablehnung jeder Aenderung der Dienstzeit gewesen und habe bezweckt, die zum Theil sehr kühnen Erörterungen über eine noch nicht feststehende Militärvorlage abzuschneiden.
— Das preußische Kriegsministerium hat, wie verlautet, an die Generalkommandos eine Verfügung: „Maßregeln gegen die Verbreitung der Cholera" erlassen, die im Großen und Ganzen in demselben Sinne gehalten ist, wie die Verfügung des Kultusministers Dr. Bosse vom 28. Juli d. Js. über denselben Gegenstand, im Einzelnen aber noch eingehender Vorschriften enthält.
— In Berlin soll ebenfalls am Mittwoch noch ein Cholerafall mit tödtlichem Ausgang vorgekommen sein.
— Infolge des Auftretens der Cholera in Hamburg hat das kaiserliche Gesundheitsamt angeordnet, daß von heute ab sämmtliche von Hamburg, bezw. Altona mit der Bahn eintreffende Gepäckstücke einer sorgfältigen Desinfektion an Ort uud Stelle unterzogen werden.
— Ueber eine Soldatenmißhandlung, welche bereits vor dem Militärgericht anhängig gemacht worden ist, berichtet die „Deutsche Warte" folgendes: „Am Montag gegen 12 Uhr Mittags in der größten Sonnengluthitze passirte die Ortschaft Diedersdorf (Kreis Teltow) ein Trupp Soldaten, etwa 30 Mann des Garde-Feld- Artillerie-Regimenls unter Führung eines Sergeanten zu Pferde. Die Mannschaften begleiten einen sogenannten Krümperwagen und liefen sämmtlich barfüßig in oem heißen Brandenburger Sand einher, einer derselben trug die Stiefel seiner Kameraden, welche durch einen Bindfaden zusammengebunden waren. Die armen zu Tode ermatteten Fußartilleristen erregten das tiefste Mitgefühl unserer Bewohner und wie wir hörten, kam der Trupp schon eine Stunde Weges von Großbeeren in diesem Aufzuge, angefeuert durch schneidige Redensarten ihres vorgesetzten Sergeanten, welche man vergeblich in Alberti's Komplimentirbuch sucht, dahermarschirt. — Ein Zivilist, der ein feuriges Pferd ritt, war durch den Anblick derart beleidigt, daß er seinem Pferde die Sporen gab und im Galopp zum Kommando nach Großbeeren sprengte, wo er Anzeige von dem Borfall erstattete. Darauf kamen im Carriere drei berittene Osfiziei e mit Windeseile durch Diedersdorf geritten und hotten auch den sonderbaren Trupp der barfüßigen Vaterlandes».rthcidiger hinter dem Dorf noch ein. Als der Sergeant die Offiziere in der Ferne sah, kommandirte er seinen Leuten: „Stiefel an- ziehen!" — doch kam dieser Befehl zu spät. „Will Seine Majestät, daß seine Soldaten barfüßig gehen?" herrschte der eine Offizier den Sergeanten an. — Die Soldaten mußten ihr Schuhzeug wieder anziehen, der Sergeant aber wurde sofort abgelöst und vom Platze weg unter militärischer Eskorte über Mahlow nach Berlin in den Untersuchungsarrest abgeführt.
— Der Organ der „jungen" oder „unabhängigen" Sozialdemokratie, der „Sozialift", predigt, daß es jevem Menschen, „der dazu moralisch frei genug ist", zustcht, „in höherem Interesse feierlichst, also auch unter Eid, die Unwahrheit zu sagen. Einem richtigen Sozial- demokraten dürfe keine Einrichtung der bürgerlichen Gesellschaft Heilig sein. Darauf antwortet der „Vorwärts", das offizielle Organ der deutschen Sozial- demokrati": „So, da haben also die Hans Blum, Staatsanwalt Romen und die „Kreuzztg." den Beweis für ihre Behauptung erbracht aus dem „sozialdemokratischen Lager" selbst. Wir werden und können es - unsern Lesern nicht verdenk-n, wenn sie sich d esen Beweis zu Nutze machen. An jene Sozialdemokraten aber, welche heute sich zu den Anhängern des „Sozialist zählen denen aber der Sinn für Wahrheit, Ehre und Sitte noch nicht abhanden gekommen ist, wie dies bei der Redaktion des „Sozialift" und der von ihr gepredigten Schindcrha. ncsmoral der Fall ist, möchten wir die Frage richten, ob sie noch länger das Treiben solcher Lotterbuben unterstützen wollen?
Die Cholera in Hamburz! Trotz aller vorbeugenden Maßregeln der deutschen Behörden ist es leider nicht gelungen, den schlimmen Gast, die Cholera, fernzuhalien- Ihr Auftreten in Hamburg-Attona ist conftatiert. Da
hilft kein Beschönigen und Vertuschen. Die Hauptsache bleibt, daß die Gefahr durch besonnener Verhalten der Bepö.kerung lokalisiert oder in Verbreitung und Auftreten beschränkt werden kann. Rationelle, mäßige Lebensweise, kalte Abreibungen, häufiger Wäschewechsel, Meiden von irgendwelchen Schädlichkeiten, das etwa sind die wirksamen Schutzmittel gegen das Umsichgreifen der Seuche. Dem „Hamb. Korr." zufolge sind am Montag 126 ckoleraähnliche Erkrankungen vorgekommen, wovon viele tödtlich verliefen. Bei mehreren Erkrankten sei die Cholera as'atica conftatiert. Die Medizinalbehörde und die Pol zei haben Maßregeln getroffen behufs Lokalisierung der Krankheit auf die am stärksten betroffenen Theile der Altstadt. Namens des Kaiserlichen Gesundheitsamtes bezaben sich die Doktoren Koch und Raths nach Hamburg, um sich über die Natur der Krank heit und über etwaige Bekämpfungsmaßregeln mit den dortigen Behö den zu benehmen. Nach Meldungen aus Hamburg forderte die Cholera dort bereits 200 Opfer.
In Hamburg sind in der einen Nacht von Dienstag auf Mittwoch circa 200 Cholerafälle vorgekommen. Der Charakter der Seuche ist sehr böse, da ca. 60—700/» der Erkrankten in kurzer Zeit sterben.
Altona. Einen werthvollen Fund machte ein Eisenbahuschaffner dieser Tage in dem Coup6 eines von Elmshorn in Altona eingetroffenen Wagens dritter Classe. In demselben lag nämlich ein Packet mit Eß waaren, unter denen sich jedoch auch ein Portefeuille mit StaMspapieren in der Höhe von 40,000 Mark befand. Als Eigenthümer des Fundobjektes wurde bald ein Marschbauer ermittelt, der telegraphisch den Verlust seines Packeis mit Apfelpfannkuchen und Krabben — nicht aber den Verlust des Geldes gemeldet hatte. Den Verlust des Steteren hatte er, wie er gleichgültig meinte, deswegen nicht angemeldet, damit nicht Jedermann von seiner günstigen Vermögenslage erführe! Sein Gleich- muth soll ihn auch dann nicht verlassen haben, als ihm sein Eigenthum wieder erstattet wurde.
— Auch in Altona ist bei mehreren Todesfällen asiatische Cholera festgestellt worden.
Cuxhafen, 19. August. Eine Trauung, welche wohl zu den allerseltensten zu rechnen ist, wurde heute in unserer Nähe vollzogen. Die Wes. Ztg. schreibt hierüber: Bei wundervollem Sonnenschein und spiegelglatter See verließ heute Nachmittag ein größerer Schlepper den Hafen; an Bord desselben befanden sich ein norwegischer Kapitan, dessen Braut und ein Geistlicher aus Norwegen, welcher das Paar draußen auf offener See trauen sollte. Da die Trauung auf deutscheni Boden nicht statlfinden konnte, so fuhr man über die deutsche Grenze hinaus, und außerhalb des ersten Elb- feuerschiffcs fand die feierliche Handlung statt. Nach einem kurzen Aufenthalt auf dem freien Meere wandte sich der Dampfer wieder der Elbe zu.
Landsberg a W, 21. August. Unser Thürmer hat sich an dem zu seiner Wohnung führenden Aufzuge erhängt. Fmh Morgens konnte man die Leiche am Thurme der Marienkirche hängen sehen. Um die Leiche los zu bekommen, mußte das aufgerollte Tau bis zur Erde herunter gelassen werden. Der arme Mann sollte entlassen werden.
Erfurt, 2L. August. Der Wassermangel beginnt bereits den Eisenbahnbetrieb zu bebinbern. Auf der Strecke Fröttstedt-Friedrichroda sehen sich die Lokomotivführer außer Stande, geeignetes Wasser für die Lokomotiven zu beschaffen. Infolge dessen hat die Direktion Erfurt beschlossen, durch Tenderlokomotchen bis auf Weiteres das nöthige Wasser von Gotha aus nach Frött- stedt befördern zu lassen.
Ein reizendes Curiosum trug sich in Raumburg anläßlich der bevorstehenden Einquartierung zu. Der Jude Abraham hatte eine Kühe geschlachtet und ließ bekannt geben, daß er das Pfund Fleisch für nur 50 P'g. ver kaufe. Da kommt nun der Jsaak, der auch ein Rind geschlachtet und läßt durch den Stadtdiener proklamieren: Ich lasse das Pfund für 45 P'g.; sollte aber Abraham auch für 45 Pfg. verkaufen, so schlage ich es schon für 40 Pfg. los. Nur schade, daß Jsaak mit seiner Bekanntmachung etwas zu spät kam; Abraham hatte bereits sein Fleisch an den Mann gebracht.
In tausend Aengsten befand sich dieser Tage in Eisenach ein Tourist, dem bei einem etwas plötzlichen Abstieg von den Bergen seine „Unaussprechlichen" geplatzt waren, Da er auf der Reise nicht im Besitz eines
zweiten Exemplares war, so wandte er sich in seiner Noth an den Oberkellner seines Gasthofes. Selbstverständlich wußte dieser Rath: der Tourist mußte in's Bett, und die „Unaussprechlichen" zum Schneider. Schon war die dunkle Nacht herangekommen, da erwachte unser Reisender und wie ein Alp lag's ihm auf der Seele: er hatte nicht nur die „Unaussprechlichen", er hatte mit ihnen auch sei ganzes Geld wegge^eben. Die schlimmsten Gedanken folterten sein Hirn und mit dem Schlafen war es vorbei. Mit dem ersten Morgengrauen klingelte er nach dem Kellner. Mit b kannter affenartiger Behendigkeit erschien derselbe, voll Triumphes die „Unaussprechlichen" präsentierend. Hastig nimmt der Gast sein teueres Kleinod entgegen, und mit zitternder Hand greift er in die Tasche — sein Geld ist da! Und der ganze Spaß mit all der Angst kostete nur 1 Reichsmark. Hocherfreut über all die Ehrlichkeit verlängerte er seinen Aufenthalt in Eisenach und bringt noch durch Veröffentlichung der schönen Geschichte allen Beteiligten seinen Dank zum Ausdruck.
Koburg, 16. Aug. In dem nahen kleinen Dorfe Ahorn gerielh ein ca. 20 Jahre alter Bauernbursche mit seinem Vater in Streitigkeiten, die damit endeten, daß er sich zu ertränken versuchte. Als ihn aber das Wasser umgurgelte, bekam er es mit der Angst zu thun und schrie jämmerlich um Hilfe. Zum G.ück arbeiteten Leute in der Nähe, und diese zogen den jungen Tollkopf heraus, verabreichten ihm aber dann eine gehörige Tracht Prügel, die ihm wohl die Selbstmordgedanken für längere Zeit vertrieben haben wird. Probatum est!
Aus Sachsen. Grelle Streiflichter auf die traurige Lage von Handel und Industrie im Königreich Sachsen wirft eine amtliche Statistik über die Konkurse und Zwangsversteigerungen. Im Jahre 1887 betrug die Zahl der Konkurse 718, im Jahre 1891 aber schon 1434, das ist gerade die doppelte Anzahl innerhalb vier Jahren. Die Zwangsvollstreckungen stiegen in denselben Jahren von 1043 auf 1854. Auf 100,000 Einwohner kamen im Königreich Sachsen 1891 ungefähr 34 Konkurse. Sachsen marschirt auf diesem Gebiete leider an der Spitze sämmtlicher deutschen Bundesstaateu.
Ausland.
Noch immer herrscht die Cholera in Rußland. Dieselbe ist jetzt auch in Twer aufgetreten und schrecklich wüthet die Seuche auf der Route von Tobolk, wo durchschnittlich 150 Todesfälle pro Tag zu konstatiren sind. Seit dem Auftreten der Seuche in Rußland sind bis zum 8. d. Mts. 25,000 Personen der Cholera erlegen, von deren 8000 auf den Kaukasus, 50 0 auf Astrachan und 2000 auf Baku entfielen. - In Paris und Umgegend scheint die Cholera aber fortdauernd ab- zunehmen. — Auch aus Schweden werden vereinzelte Cholerafälle mit tödtlichem Ausgange gemeldet, so aus Rexholm, Serdobol und einem Orte an der finnisch- russischen Grenze.
Schlimme Nachrichten kommen aus Persien. Die Gerüchte über den Ausbruch einer pestartigen Krankheit daselbst werden jetzt offiziell bestätigt. Unlängst hat der Stab des kaukasischen Militärsbezirks den Militärverwaltungen auf dem Kaukasus mitzcthellt, daß bei Sebsewar in Persien, auf dem Wege nach Mesched, eine Krankheit .„mit allen Anzeichen der Pest" ausgebrochen sei. Die Sterblichkeit soll daselbst eine »»gemein große sein, und die Bevölkerung flüchtet nach allen Seiten. Es scheint, daß diese pestartige Krankheit sich in Persien auch schon weiter auszubreiten beginnt, denn von der Verwaltung des transkaukasischen Gebietes ist die Anordnung getroffen, daß aus Euseli und Ardabil keinerlei Passagiere auf die Schiffe ausgenommen werden dürfen. Auch andere Vorsichtsmaßregeln sind längs der Grenze angeordnet. Die Perser sollen diese Krankheit „Jar" nennen; sie besteht darin, daß beim Erkrankenden eiter- artige Blasen zuerst auf dem Gesicht und an den Füßen sich zeigen, welche dann platzen und Wunden hinterlassen, welche den Tod herbeiführen. Dr. Wershbitzki, der vor einiger Zeit von der russischen Regierung abgeschickt wurde, um diese Krankheit zu untersuchen, ist selbst ein Opfer derselben geworden.
Lokales »Kd Provinzielle-.
Schlächtern, 26. August.
* — Regen! Das himmlische Naß, nach dem wir uns so lange W ch n gesehnt haben, hat sich nun endlich in reichlicher Fülle eingestellt, und mit ihm eine weseut-