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36 68. Mittwoch, den 24. August
1892.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat, wie Berliner Blätter berichten, nach der Parade am Donuerstaa eine Ansprache an die Generale und anderen höheren Officiere gehalten, worin er erklärte, alle Gerüchte über die bevorstehende Einführung der zweijährigen Dienstzeit seien unbegründet; er wolle lieber eine kleinere Armee mit längerer, als eine größere mit kürzerer Dienstzeit.
— Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sich der Reichstag schon in seiner nächsten Session mit einem Gesetzentwürfe, betreffend die Ausdehnung der Unfallversicherung auf das Handwerk und auf die Seefischerei zu beschäftigen haben. Die Vorarbeiten zur gesetzlichen Regelung dieser außerordentlich schwierigen Frage sind in vollem Gange.
* — Der preußische Minister für Landwirthschaft hat angesichts des Umsichgreifens der Maul- und Klauenseuche weitergehende Schutzmaßregeln veranlaßt. Danach können die Regierungspräsidenten das Treiben von Schweinen auf öffentlichen Wegen über die Grenzen des Gemeindebezirks hinaus bis Ende des Jahres verbieten und für alles gewerbsmäßig zum Transport von Vieh benutzte Fuhrwerk eine gründliche Reinigung und Desinfektion des Fuhrwerks nach jedesmaligem Geb auch vorschreiben.
— Eine sommerliche Anwandlung ist es wohl, welche die „Nordd. Allg. Ztg." veranlaßt, eine aus den Kreisen des „Wests. Merkur" stammende „alte Weissagung" weiter zu verbreiten. Es sind, wie wir zur Erheiterung in stiller Zeit mittheilen wollen, zwei Verszeilen, deren erste lautet: Per te elata semel res bis marcescit eundem. Zu Deutsch: Einmal ist der Staat durch Dich emporgehoben und wieder durch Dich kommt er zwei Mal ins Welken. Der zweite Vers gibt wieder einigen Trost; er lautet: Aeni plectentur gallusque ursusque capri vi. Zu Deutsch: Durch die Kraft des ehernen Widders werden der Hahn (gallus, kann aber auch den Franzosen bedeuten) und der Bär (jedenfalls der russische) in die Pfanne gehauen werden.
Aus Ostpreußen. Die badische Regierung hat vor einigen Monaten eine Kommission zur Besichtigung der Ansiedelungsgüter in der Provinz Posen ernannt, um an Ort und Stelle die dortigen Verhältnisse kennen zu lernen und zu prüfen. Von dem Ausfalle dieser Besichtigung wollte die großherzogliche Regierung ihren Entschluß abhängig machen, ob und inwieweit sie den badischen Auswanderern die Ansiedelung in Posen empfehlen konnte. Anfangs dieses Monats hat nun die Regieruncskommission ihren eingehenden Bericht erstattet, welcher sich über jene AnsiedelungSgüter im Allgemeinen sehr günstig ausspricht. Ein aus Nordamerika zurück gekehrter westfälischer Ackerbauer, der sich in Ossowo angesiedelt hatte, erklärte jenem Belicht zufolge, daß hier die Landerwerbsbedingungen wesentlich günstiger seien als in dem nordameritanischen Westen, wo namentlich die sehr mißlichen Arbeiter- und Absatzverhältnisse dem Gedeihen der Landwirthschaften sehr hinderlich sind. Auf eines der AnsiedelungSgüter hatten sich die westfälischen Zuzügler sogar auch ihre heimischen Bauhandwerker mitgebracht. Trotz der ungünstigen Ernteergebnisse der letzten Jahre zeigten sich die neuen Ansiedelungen in einem guten, verheißungsvollen Stande. Besonders hervorhebenswerth scheint es der Kommission, daß auch einzelnen Tagelöhnern, die sich einige Ersparnisse zurückgelegt haben, durch die Ansiedelaugskommission die Möglichkeit ei? es Gbroe/oeä an Grund und Boden gegeben wird. Ein Ansiedler in Wojciechowo, der mit einem Kapital von 2600 Mk. dorthin kam, hat ein Gut von 42 Morgen im Besitze, für das er 237 Mark Miethe zahlt und zu dessen vollständiger Einrichtung er ein Er- gänzungsdarlehen von 800 Mark zu verzinsen und ab- zulösen hat. Besonders bewährt hat sich die Einrichtung der örtlich eingesetzten Verwalter, welche den neuen Ansiedlern über die Schwierigkeiten der ersten Betriebs jahre hinweghelfen. Die badische Kommission hat ihr Urtheil über jene Ausiedelungskommission dahin zusammen- gefaßt, daß die Organisation und die Geschäftsführung als eine mustergiltige bezeichnet werden muß und daß die Leitung des großartigen Unternehmens von dem besten sozialen und politischen Verständniß Zeugniß ablege. Dagegen mußte die badische Kommission zu der Erkenntniß gelangen, daß es sich für badische Auswanderer nicht empfehle, sich auf schlesischen Rentengütern nieder- zulassen, weil hier die Bedingungen wesentlich ungünstiger'
liegen, als in Posen, wo, bei dankbarerem Boden, die Erwertspreise ungleich niedriger seien.
München, 19. Aug. Nach einer Mittheilung der Hiesi?en meteoroL Zentralstation war der 17. August mit 35° Celsius im Schatten für München der heißeste Tag des Jaw Hunderts.
Karlsruhe, 19. Aug. In Häfingen bei Mülhausen im Elsaß sind elf Personen an der Cholera nostras erkrankt, wer Kinder und ein Erwachsener sind bereits gestorben. Man vermuthet, die schlechte Beschaffenheit des Trinkwassers sei die vornehmliche Ursache der Erkrankungssälle. DaS Wasser soll chemisch untersucht werden.
Karlsruhe, 20. August. Bei den Gefechtsübungen der Infanterie der Karlsruher und Durlacher Garnisonen sind in Folge Hitzschlags eine große Anzahl Soldaten gefallen. Vier Todesfälle sind zu verzeichnen; Viele sind schwerkrank.
Küln, 19. Aug. Laut einer Meldung der „K. Bolksztg." aus Gemünd ist das Eifeldorf Malzbenden gänzlich abgebrannt. Wegen Wassermangel konnten erfolgreiche Löschversuche nicht unternommen werden. Unter der obdachlosen Einwohnerschaft, herrscht großes Elend.
* — 18. August. Unter den Pferden der Kölner, Deutzer und Bonner Garnisonen ist die Influenza ausgebrochen; dieselben werden daher in den bevorstehenden Manövern nicht verwandt.
Dusseldorf, 18. August. Gestern früh fünf Uhr hat im Aaper Walde ein Pistolenduell stattgefunden zwischen dem Sekonde - Lieutenant Höborn im 39. Infanterie- Regiment einerseits und dem Bildhauer Treuhold, sowie dem Maler Pcrtz andererseits. Treuhold erhielt nach dem zweiten Kugelwechsel einen Schuß in das rechte Mittelfingergelenk und einen Streifschuß am rechten Ohr, so daß er kampfunfähig wurde. Pcrtz wurde nach dem fünften Kugelwechsel schräg durch die Leber geschossen und verstarb nach einer halben Stunde auf dem Kampfplatz. Beim letzten Gange versagte dem Maler die Pstole. Der Offizier, ohne dazu verpflichtet zu sein, verzichtete solange auf einen Schuß, bis die Waffe seines Gegners wieder geladen war.
Herford, 16. August. Es sind hier in dem letzten Monat nicht weniger als 17 Häuser nebst einer großen Anzahl von Scheunen und Ställen und einer Sägemühle in Folge Brandstiftung ein Raub der Flammen geworden, ohne daß es trotz Ankündigung einer hohen Belohnung bisher gelungen ist, von dem Thäter irgend etwas zu ermitteln. Die Einwohnerschaft lebt beständig in großer Sorge, die sich auch auf den benachbarten Ort Enger übertragen hat, wo neun Wohnhäuser und ein großes Holzlager vernichtet wurden und man allen Anhalt dafür hat, daß nur Brandstiftung vorliegen kann. Der durch die Wände verursachte Schaden ist ganz bedeutend.
Jlfcld im Südharz, 18. Aug. Gestern Vormittag besichtigte im Auftraze der Oberpostdirection zu Braunschweig Baurath Neumann aus Magdeburg das hiesige neue Postgebäude. Im zweiten Stockwerk brach er durch und stürzte bis in den Kellner hinab, wobei er auf einen eisernen Träger fiel. Der Tod trat sofort ein. Der Durchbruch soll dadurch verursacht sein, daß die Latten, worauf die Schalhölzer lagern, nicht vorschriftsmäßig angenagelt gewesen sind. Die Leiche wird von hier nach Magdeburg befördert. Die Frau des Verunglückten be findet sich krank im Bade. Neumann wollte ihr nach Ausführung seines Auftrags von Jlfeld aus einen Besuch abstatten. Baurath Neumann war etwa fünfzig Jahre alt und noch nicht lange in die Stellung als Kaiserlicher Postbaurath berufen worden.
Kitzinge», 17. August. Auf Hohenfelder Flur- markung wurde von Herrn Lehrer Dittmar zu Marktsteft der „Coloradokäfer" vorgefunden und in den verschiedenen Entwickelungsstatien beobachtet.
Eine grobe Metz^erinnung besitzt der Ort Munchberg in Bayern. Der von feiten des Publikums allenthalben geforderten Herabminderung der Fleischpreise suchen nämlich die dortigen Metzger mit folgendem Inserat in einer Zeitung zu begegnen: „Von jetzt an kostet das Pfund Schweinefleisch 70 Pfg. und wenn keine Ruh ist mit der Zeitungsschreiberei, dann kostets noch mehr! Metzger-Innung".
Ausland.
Wien, 19. August. In Jglau (Mähren) kam es gesern und vorgestern anläßlich des Besuches der jung-
czcchischen Studentenverbindung „Sazavau" aus Deutschbrod zu argen Tumulten zwischen Czechen und Deutschen, wie man sie nun schon jeden Sommer zu erleben gewohnt ist. Erstere benahmen sich äußerst provocirend, ihr Anführer Rziha rief: „Kommt her, Deutsche, ich erschlage euch." Die darob erbitterten Deutschen füllen über ihn her, schlugen ihn mit Stöcken und veranlaßten, daß er arre’irt wurde. Dies gab das Signal zu Schlägereien, die sich im Laufe des Abends mehrmals wiederholten. Gestern Abend fuhren etwa 40 Mitglieder der deutschen Vereine Jzlaus auf Einladung des dortigen deutschen Vereins in den benachbarten Ort Stecken; daselbst wurden sie von czechischen Arbeitern mit Steinen und Eisenstangen angegriffen. Als sich Die Deutschen zur Wehr setzten, eilten die Arbeiter der Glasfabrik herbei, holten glühende Eisenstangen, womit sie auf die Deutschen einhicben. Drei der letzteren wurden schwer verwundet. Man vernahm Rufe: „Schlagt die Deutschen todt!" Der Bezirkshauptmann, der Bürgermeister und die Gendarmerie begaben sich um 10 Uhr Nachts an den Schauplatz des Ueberfalls und verhafteten den Fabrikanten Morawetz, dessen Arbeiter den Ueberfall vollzogen haben, und fünf Rädelsführer.
Jnterlaken, 19. August. In Grindelwald brach gestern Nachmittag 3 Uhr eine Feuersbrunst aus, die bei furchtbarem Föhnsturm 80 Häuser, meistens Hotels, einäscherte. Der Brand dauert noch fort. Der Bahnhof und das Telegraphengebäude sind ebenfalls ein Raub der Flammen geworden. Der Schaden ist enorm. Das ganze Mobiliar und fast alles Gepäck der zahlreichen Fremden, sowie alle Vorräthe sind verbrannt.
Paris, 20. August. Ueber den derzeitigen Stand der Cholera ist Folgendes zu bezichten: Man legt sich bei den Mittheilungen über dieselbe noch immer große Reserve auf. Offiziell leugnet man noch immer die Gefahr ab und sucht die Krankheit als Brechruhr auszugeben. Nach den Untersuchungen des Professors Daremberg ist jedoch kein Zweifel, daß wir es mit der indischen Cholera zu thun haben, die nicht eingeschleppt, sondern durchaus „original" und mithin in der Pariser Bannmeile entstanden ist, da das als Trinkwasser verwandte Seinewass r durch die Kanalisation infizirt ist. Dasselbe enthält zwanzig Mal mehr organische Bestandtheile, als normal. Daremberg erklärt, daß, wenn nicht Abhilfe ein träte, in der Bannmeile Choleraheerde wie in Indien entstehen würden. Er weist nach in einem Buch, welches er eben vorbereitet, daß die Cholera seit Jahren in der Bannmeile endemisch gewesen. Die Seuche sei von Jahr zu Jahr langsam an Intensität gewachsen, bis sie in diesem Jahre 450 Todesfälle erzeugt habe. Nach den Auslassungen dieses Gelehrten liegt also in der Umgebung von Paris, wenn nicht Abhilfe eintritt, zukünftig eine ebensolche internationale Gefahr wie in Indien. Abhilfe ist wohl aber in nächster Zeit nicht möglich, da die Stadt und der Staat noch durch zehnjährige Kontrakte gebunden sind.
Aus Lüttich wird der „Köln. Ztg." berichtet: Dieser Tage schnitt sich hier eine reiche junge Dame in einem Anfälle religiösen Wahns mit einem Rasirmesser die Ohren ab, stach sich darauf mit einer Scheere ein Auge aus und suchte sich schließlich auch die Daumen von den Händen zu trennen, wobei sie überrascht wurde. Die Unglückliche glaubte ßch von bösen Geistern umgeben und ersuchte die sofort hinzugezogenen vier Aerzte, die Dämonen durch Gebet zu ver scheuchen. Erst als die Aerzte diesem Wunsche scheinbar nachkamen, ließ sie sich verbinden. Der Zustand der Irren ist hoffnungslos.
Rußland. Die Ernte-Aussichten in Süd-Rußland sind nicht die besten, aber trotzdem wird das noch bestehende Roggenausfuhrverbot aufgehoben werden, weil der Landwirthschaft zu Hause kein Verdienst erblüht. Die Veröffentlichung der Maßregel ist inzwischen in Petersburg wohl schon erfolgt.
Amerika. Nach Meldungen aus Buffalo werden die dortigen Eisenbahnen und beten gesammtes Eigenthum durch Truppsnabtheilungen bewacht, die auf einer Strecke von 25 englischen Meilen hin »ertheilt sind. Zum Schutze der D.pots sind 2000 Mann Miliz aufgestellt. Der Gouverneur des Staates New-Aork hat die gesammte Nationalgarde aufgeboteu. Der Streik breitet sich jedoch immer weiter aus. — In Oliversprings machten 1700 Bergleute einen Angriff auf das Gefängniß und befreiten, nachdem 12 Person.» gelobtet und 20 verwundet waren, 200 Gefangene.