SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. ,,Jllustrirtcm Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf
jf 66. Mittwoch, den 17. August 1892.
Zur Gustav Adolf-Feier
rüstet sich unser stilles Städtchen, um sie seinerseits würdig zu begehen. Ein geistliches Fest soll hier gefeiert werden ohne große Gepränge und ohne den Lärm, der bei anderen Festlichkeiten leicht den eigentlichen Zweck überlönt und vergessen läßt. Froh und heiter will auch hier unsere Stimmung sein, aber ernst zugleich und würdig der Sache, der sie gilt; Herz und Gemüth sollen befriedigt werden. Gilt es doch eine Feier der Nächstenliebe, der werkthäsigen und hilfsbereiten Liebe, die im Stillen um des Guten willen mit eigenen Opfern schafft und Lohn und Befriedigung in sich selber findet. Ein Friedensfest ist es, das wir feiern wollen. Zum Kriege zwar kam jener edle König, an den uns diese Tage erinnern, aus dem Norden, aber die Noth seiner deutschen Glaubensbrüder rief ihn herüber und Schutz und geistlichen Frieden ihnen zu verschaffen war sein Ziel: gegen die Noth der zerstreuten evangelischen Christen kämpst auch mit irdischen, aber friedlichen Mitteln der gewaltige Bund, der seinen Namen führt und geistlichen Frieden und Zufriedenheit will auch er ihnen geben. Wahrlich, mit keinem besseren Namen könnte er sich nennen, als mit dem jenes großen Königs und Menschen, dessen lebendige Frömmigkeit sich in bitterernsten Thaten bewährte und der an die heilige Sache, für die er eintrat, auf blutiger Wahlstatt sein Leben setzte, ein hohes Muster für jeden, der noch ein Herz hat für das Wohl und Wehe seiner Nächsten. Nicht bedarss mehr heutzutage solcher Leistungen und nur wenig braucht der Einzelne von seinen äußeren Gütern zu opfern! In der gemeinsamen Theilnahme liegt hier die Macht, die Großes schafft und auch eine schwache Leistung des Einzelnen zum Werthe des Ganzen erhebt.
Wie eine friedliche Insel der Seligen ist solche Nächstenliebe, in der sich die Herzen einmüthig begegnen, und eine Ahnung dieser Seligkeit vermag Jeder zu spüren, der an dieser Liebesarbeit theilnimmt.
Kein bequemer und ein schier unendlicher Weg ist es, den sie geht, und nur von einem erhöhten Punkt als diesem Wege geht bei unserer Feier der Blick rückwärts und vorwärts. Gewaltiges ist hierin schon geleistet und mancher dauernde Segen gestiftet. Das vermag Genugthuung zu gewähren, und zugleich Trost und Stärkung für die noch zn durchwandernde Strecke, deren Ende nicht abzusehen; denn so lange diese Welt besteht, wird solche Noth zu lindern sein, und wird sich lindern lassen, wie bisher. Wer sich noch menschliches Mitgefühl bewahrt hat und fremde Noth zu verstehen vermag, der wird von Herzen mithelfen an dieser Sache und auch wenn er anderen Bekenntnisses ist, wird er als Mensch diesen Friedensfeste seine Achtung nicht versagen Es ist eine große und gute Sache, der unsere Feie? gilt und werth der weitesten Unterstützung. Darum legt auch unser Städtchen, das als Festort ausersehen, sein Feierkleid an; der Schmuck seiner Straßen und Häuser, die frohe Theilnahme seiner Bewohner und der Klang seiner Glocken mögen allen, die in diesen Tagen als Gäste bei uns weilen, zurufen:
Herzlich willkommen!
Deutsches Weich.
Berlin, 15. August. Am heutigen Morgen gegen 7 Uhr stieg der Kaiser und König beim Marmorpalais zu Pferde und begab sich zu den Brigadc-Exerciren der 2. und der 4. Garde-Kavallerie-Brigade rc. nach dem Bornstädter Felde. Von dort nach dem Marmorpalais zurückgekehrt, hörte Se. Majestät den Vortrag des Chefs des Civil-Kabinets und empfing den Fürsten Stolberg.
* — Der Reichsanzeiger veröffentlicht die Kaiserliche Entschließung aus den Vortrag des Reichskanzlers, betreffend das Project einer Weltausstellung für 1900 in Berlin. Dieselbe lehnt ein weiteres Eingehen auf die Sache in Rücksicht auf das laue Verhalten der Interessenten und die ablehnenden Ansichten der meisten Bundesstaaten ab. Damit ist das Project einer Weltausstellung in Berlin begraben.
* — Ernteaussichten in Preußen. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht in seiner neuesten Nummer die Zusammenstellung des statistischen Bureaus über die Ergebnisse der Ermittelung der Ernteaussichten in Preußen von Ende Juli des Jahres. Dieselben stellen sich, in Prozent.» einer Mittelernte ausgedrückt, im Durchschnitt
für den Monat, wie folgt dar: Die Hauptfrüchte für die Ernährung — Winterweizen, Winterroagen und Kartoffeln — stellen eine Mittelernte bezw. etwas mehr als Mittelernte nach den Ergebnissen von Ende Juli in Aussicht. Gegen das Vorjahr stehen sie in Winterweizen, Winterrogaen, Winterraps und Rüben erheblich besser. Dagegen sind sie schleckten in den anderen Fruchtarten. Nach Provinzen stellt sich das diesjährige Ergebniß für die wichtigeren Fruchtarten in Prozenten einer Mittelernte für Hessen-Nassau: Winterweizen 91, Winterrogaen l0I, Sommergerste 96, Hafer 82, Erbsen 81, Ackerbohnen 81, Buchweizen 75, Kartoffeln 98. Westfalen: Winterweizen 97. Winterrogen 107, Sommergerste 94, Hafer 75, Erbsen 93, Ackerbohnen 94, Buchweizen 82, Kartoffeln 106. Rheinland: Winterweizen 98, Winterrogaen 109, Sommergerste 97, Hafer 91, Erbsen 95, Ackerbohnen 82, Buchweizen 89, Kartoffeln 100.
— Das Urtheil in dem Tepotunterschlagungsprozeß gegen Kommerzienrath Wolfs und Genossen ist heute ergangen. Wolff wurde wegen Unterschlagung und Untreue in 65 Fällen zu zehn Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrenverlnst, der Bankier Leipziger wegen gewerbs- und gewohnheitsmäßiger Hehlerei gleichfalls zu zehn Jahren Zuchthaus und fünfjährigem Ehrenverlust verurth-ilt. Der Prokurist Wolff's, Szamatolski dagegen freigesprochen. Ein Antrag der Vertheidigung, Wolff gegen eine Caution von 20000 Mk. aus der Untersuchungshaft zu entlassen (gegen Wolff schwebt noch das Verfahren wegen betrügerischen Bankerotts) wurde Seitens des Gerichtshofes abgelehnt.
* — Die Sammlungen für den jüdischen Schlächter Buschhoff zu Xanten haben nach dem „Berl. Tgbl." über 80,000 Mark ergeben.
Spandau, 11. August. In der hiesigen Gewehrfabrik werden schon seit geraumer Zeit Probegewehre von erheblich kleineren, als dem gegenwärtig in der Armee eingeführten Kaliber hergestellt. Man ist bis zu einem Kaliber 5,5 Millimeter herabgegangen. Mit all den Proben veranstaltet die Gewehr Prüfungskommission fort- gesetzt Schießversuche; irgend welche Entscheidung ist noch nicht getroffen. Bei der Fabrikation stieß die Bohrung der Läufe zur Erreichung der ganz enaen Kaliber auf technische Schwierigkeiten. Dieselben sind indeß in neuerer Zeit überwunden worden. In hiesigen fachmännischen Kreisen glaubt man aber nicht, daß man in nächster Zeit mit der Herstellung eines neuen Armeegewehrs Vorgehen werde. Für den Bedarf werden in allen stattlichen Gewehrfabriken bis auf Weiteres noch die bisherigen Gewehre fabrizirt.
Hamburg. Der „beste Rekord", dieses verhängniß- volle Wort, welches die großen Dampfergesellschaften, bereit Schiffe den Atlantischen Ozean befahren, nicht ruhen läßt und unausgesetzt antreibt, immer großartigere, schnellere Schiffe zu bauen, scheint wieder einmal seine Kraft in England geäußert zu haben und zwar bei den Leitern der White Star-Linie; diese läßt schon jetzt der Ruhm nicht zur Ruhe kommen, den sich die Cunardlinie mit ihren beiden großartigen Neubauten, „Campania" und „Lucania" von 183 Meter Länge und 26,000 Pferdestärken zu erwerben gedenkt. Die White Star- Linie soll nämlich, wie die Weserztg. mittheilt, jetzt mit der Absicht umgehen, zwei neue Riesendampfer bauen zu lassen, welche in Bezug auf die Länge den kolossalen „Great Eastern", der bekanntlich seiner Zeit so gründlich verkrachte, noch um 6 Meter übertreffen werden. Diese neuen Dampfer sollen nämlich volle 700 Fuß oder 213 Meter messen und bei 21,34 Meter Breite Maschinen bekommen, welche 30,000 Pferdestärken indiziren, wohl die stärksten Maschinen, welche jemals gebaut worden sind. Die „Campania" und „Lucania" werden dagegen nur 183 Meter in der Länge messen. Der „Teutonic" und der „Majestic", die bis jetzt existirenden längsten Dampfer, beide der White Star-Linie gehörend, haben eine Länge von 172,5 Meter bei einer Breite von 17,57 Meter. Die Dampfer „City of Newyork" und „City of Paris" sind nur 160,63 Meter lang und 19,20 Meter breit. Wenn man die jetzigen Riesen- dampfer mit den Oceandampfern vergleicht, welche vor 40 Jahren den Atlantischen Ocean durchfuhren, muß man sich kopfschüttelnd fragen: Wohin wird das noch führen, wann wird endlich einmal die Maximalgrenze erreicht werden und wie groß werden dann die Oceandampfer sein?
Braunschweig. 11. August. Der fürchterliche Hagelschlag vom 1. Juli v. I., der, von Nordwesten kommend, in Zeit ei'er Viertelstunde in einer Breite von 16 Km. und einer Länge von 24 Km. den mittleren Theil des Herzoathums durchzog und 73 Gemeinden betraf, hat amtlich angestellten Ermittelungen zufolge an den Feldern einen Schaden von 3,643,000 Mk. verursacht, wovon die Hagelversicherungsgesellschaften 1,400,000 Mk. ersetzt haben.
Posen, 1. August. Angesichts der Choleragefahr wurden schleunigst vor den Thoren der Stadt Biracken für Cholerakranke erbaut. Aus Rußland kommende Reisende werden an der Posen'schen Grenze ärztlich untersucht.
Neiße, 11. August. Gestern Vormittag 9 Uhr fand in der Militärschwimmanstalt, Schleuse Nr. 1 ein großes Gefechtsschwimmen statt, zu welchen Mannschaften des dritten Bataillons des 23. und 63. Infanterie-Regiments kommandirt waren. Die Freischwimmer, welche größten- theils aus Rekruten bestanden, mußten in voller Uniform von einem Ufer der Neiße bis zum anderen schwimmen. Viele Offiziere wohnten der Uebung bei. Fast am Ende der Uebung ging ein Mann unter und klammerte sich hierbei an den neben ihm schwimmenden an; dieses Anklammern setzte sich fort, so daß 10 Mann untergtngen, welche zwar ans Land gebracht werden konnten, von denen jedoch nur drei ius Leben zurückgerufen wurden.
Stuttgart, 10. August. Ein aus München kommendes Fräulein, das beabsichtigt hatte, sich hier zu verehelichen und sein ganzes Vermögen bei sich trug, hat gestern das G-ldpacket mit einer großen Zahl Tausendmarkscheine verloren. Das Geld wurde bis jetzt nicht beigebracht.
Mannheim, 11. Aug. In Folge der großen Unterschleife des Soeialistenführers Häusler muß die Auflösung des 17,000 Mitglieder zählenden Medicinal- Verbands erfolgen. Haftbar für das Defizit ist der Vorstand. Die Erbitterung in Arbeiterkreisen ist groß.
Wie man hört, ist auf dein in der Nähe von Boppard gelegenen Jacobsberge nach dem Erdbeben eine heiße Quelle entstanden, die dem geöffneten Felsboden entquillt. Es scheint, daß dort der Herd der stattgehabten Erderschütterung zu suchen ist.
Neuwied, 9. August. Ueber ein Concurrenztreiben unter den Metzgern wird gemeldet: „Bis vor Kurzem kostete hier das Pfund Ochsenfleisch 70 Pfg., das Pfund Rindfleisch 60 Pfg. Vorige Woche nun machten zwei hiesige Metzger bekannt, daß sie das Rindfleisch zu 50 Pfg. abgeben. Tags darauf schon boten andere Metzger das Rindfleisch zu 45 Pfg. und Ochsenfleisch erster Güte zu 50 Pfg. an. Wieder andere Metzger machten Preisunterschiede für mageres, mittelmäßiges und fettes Fleisch. Daraufhin errichteten mehrere hiesige Metzger in einem gemeinschaftlich gemietheten Hause eine Verkaufsstelle und geben seitdem das Pfund Rindfleisch erster Güte zu 35 Pfg. Auch die Wurst wird (entgegen dem bisherigen Preise von 50 Pfg.) zu 25 Pfg. daS Pfund abgegeben. Ein ganzer Ochse und sieben Kühe sind auf diese Weise heute Morgen 8 bis N Uhr aus^ verkauft worden. Der Andrang heute Morgen war so stark, daß die Polizei die Ordnung unter den vor dem Verkaufsräume angesammelten Weibern aufrecht erhalten mußte. Eine Frau, die mit ihrem Korbe nach links und rechts Hiebe führte, um sich Zugang zum Laden zu verschaffen, wurde von der Polizei zurückgeführt. Als der Laden die Leute nicht mehr zu fassen vermochte, wurden 2 Fenster nach der Straße eingeschlagen und durch die so geschaffene Oeffnung das Fleisch an die Menge abgegeben. Heute Nachmiitag werden 12 Stück Rindvieh geschlachtet und gelangen morgen früh zum Verkaufe Dieser billige Fleischverkauf, zu welchem Unternehmen die betreffenden Metzger als Verlust je 400 Mark beigesteuert haben sollen, soll nur bezwecken, den Metzgern, die zuerst den Fleischpreis drückten, das „Drücken heimzuleuchten".
Nordh rufen, 11. August. Häufige Diebstähle auf dem Friedhof erregten hier Aufsehen. Seit einiger Zeit verschwanden von den Gräbern Holzkreuze, hölzerne Schutzkasten zur Ueberdeckung der Grabplatten und anderes Holzwerk. Gestern hatten sich nun zwei Polizei- sergeanten auf die Lauer gelegt und faßten die Diebe bei der That ab: zwei hiesige Damen von gutem Herkommen, die von ihren Geldern leben. Die eine fiel beim Abfassen sofort in Ohnmacht. Bei der Durchsuchung ihrer Häuslichkeit wurden im Holzstalle zer-