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35 59. Samstag, den 23. Juli 1892.
SRoWhttliiWtt ouf d-e „Schlüchterner Zeitung" iPVHtuUnylil werden noch fortwährend von allen ------------- -------- Postanstalten »ndLandbrieftrügern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Zur nordischen Kaiserreise wird aus Tromsoe gemeldet: Die bereits erwähnte Walfischjagd, an der der Kaiser theilnahm, begann Morgens 6 '/a Uhr. Um 7 Uhr war der Wal angeschossen, um 7 */a Uhr lag er längsseits des Schiffes. Der Kaiser nahm mit dem allergrößien Interesse an dem ganzen Borgange Theil. Der Wurf auf den Walfisch geschah unter 19 Grad und 30 Minuten östlicher Länge und 70 Grad 20 Min. nördlicher Breite. Der Kaiser warf eine Flasche mit einem eigenhändig geschriebenen Bericht in's Meer. Am Samstag besichtigte der Kaiser den Wal auf dem Strande und erfreute sich sodann auf dem höchsten Gipfel der Insel an der herrlichen Aussicht. Der Vertreter der Gesellschaft, welcher der Walfischsänger gehört, brächte ein §od) auf den deutschen Kaiser aus, auf welches der Monarch mit Dank und Anerkennung für die gemachten Veranstaltungen erwiderte. Bor der Tafel wurde eine photographische Aufnahme gemacht. Der Harpunier erhielt von dem Kaiser eine goldene Erinnerungsmedaille.
— Der Jagdschauplatz, auf dem neulich der Kaiser einige Rennthiere erlegte, liegt auf der kleinen Insel Andamsoe, die südlich von Helgoe in der Nähe von Tromsoe liegt. Das Eiland ist Eigenthum des Herrn Christian Figenschau, des Schwagers des bekannten ethnograph schen Reifenden Adrian Jacobsen. Herr Figenschau hat, wie wir einer diesbezüglichen Mit theilung des „B. Snt.^L" entnehmen, auf an ihn ergangene behördliche Anfrage bereitwilligst bte Erschließung seiner Jagdgründe zugesagt, so daß der Kaiser den gewünschten Pirschgang unternehmen konnte. Die Jagd auf die Rennthiere jener Insel ist ungemein beschwerlich, und dies erklärt sich aus der Bodenbildung und dem Mangel an Bäumem. Nur an der Küste gedeiht kümmerlich ein wenig Strauchwerk. Moos und Flechten überziehen weite Strecken, aus denen hin und wieder Steine und Felsbiöcke hervorragen. In ihrem Schutze muß sich der Jäger kriechend an das sehr scheue Wild anpirschen; natürlich gegen den Wind. Da man aber auf Biertelstundenweite gesehen ist, wenn man aufrecht steht, bleibt nichts übrig, als mittelst eines Bootes den der Windseite entgegengesetzten Theil der Insel aufzusuchen und von dort aus zum Schuß zu kommen suchen. Daß etwa Treiber verwendet werden könnten, erscheint nach der schon beschriebenen Boden bildung ausgeschlossen. Man würde damit höchstens ein Ausbrechen der Thiere erreichen, die im Nothfall eben auch die See annehmen und sich durch Schwimmen dem Berfolger zu entziehen suchen. Um so größer ist der Erfolg des Kaiserlichen Schützen, der innerhalb zweier Tage drei Rennthiere zur Strecke bringen konnte.
— Ueber die Aussichten der Philologen in Preußen wird geschrieben: Nach den amtlichen Angaben haben in den letzten zehn Jahren 5l 70 Kandidaten das Examen für das höhere Lehramt in Preußen bestanden, während in demselben Zeitraume nur rund 2000 zur definitiven Anstellung als ordentliche Lehrer gelangien. Darnach würde ein Ueberschuß von mehr als 3000 Kandidaten vorhanden sein, wenn nicht sehr viele, durch Noth gedrängt, es vorgezogen hätten, in andere Stellungen, sei es an Mittelschulen, Seminarien, höheren Töchterschulen oder Privatinstituten, ein ihrer Vorbildung und ihren Wünschen gewiß nicht entsprechendes Unterkommen zu suchen. Thatsächlich sind nach den Angaben des Kultusministeriums augenblicklich noch über 1900 Kandidaten vorhanden, die auf Austeilung im Staatsdienste warten, eine Summe, die für mehr als neun Jahre, wenn gar kein Zuwachs hinzukäme, den Bedarf vollständig decken würde. Danach kann der jetzige Abiturient sich ungefähr ausrechnen, daß er in diesem Jahrhundert nicht mehr
zur Anstellung gelangen wird.
— In Berlin hatte am Freitag Abend eil zwanzigjähriges junges Mädchen in den Anlagen des Friedrichshains ein kleines Kind, das einige Einkäufe besorgen sollte, beraubt. Der Vorgang war aber von dem
patrouillierenden Schutzmann sowie einten Passanten beobachtet worden. Die Diebin wollte, um einen Vor-;
Die Diebin wollte, um einen Vor-1 zur Verfügung stellen wollen, wird in einem Cirkular sprung zu gewinnen, den bei der Büste des alten Fritz sämtlich erklärt, daß die Wittwen und Waisen dieser
befindlichen Teich durcheilen, verlor aber das Gleichgewicht und fiel rücklings ins Wasser und ertrank vor den Augen einer zahlreichen Menschenmenge, von der aber Niemand gewagt hatte, der mit dem Tode Ringenden zu Hilfe zu kommen. — Die in Berlin verhaftete Näherin Agnes Wabnitz wird jetzt im Gefängniß zwangs weise ernährt, da ihr Gesundheitszustand bei längerem Fasten Gefahr lief. Während zwei Beamte die Gefangene halten, flößt ein dritter ihr miltelst eines Gummischlanches die in eine breiartige Form gebrachte Nahrung ein. -- Eine Brieftasche mit einem Werthinhalt von über 350 000 Mk. wurde am Freitag Mittag im Kassenflur des Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters vom Kassierer Gustav Schulze gefunden. Der Besitzer dieses Kapitals, ein russischer Staatsrath, meldete sich alsbald und händigte dem Finder eine beträchtliche Vergütung ein.
Hamburg, 17. Juli. Hier wurde eine weiwer- zweigte Diebesbande entdeckt, welche aus den Hafenspeichern sehr bedeutende Mengen Kaffees gestohlen hat. Verschiedene oberländische Schiffer und hiesige Händler, welche das gestohlene Gut beförderten, resp, aufkauften, sind in der Angelegenheit verwickelt.
Aachen, 16. Juli. Zwei viel versprechende Burschen standen gestern vor der Strafkammer. Es waren die ibjährigen Handlungslehrlinge Michael K. und Carl G., die sich wegen mehrfachen Diebstahls und wegen Raubes zu verantworten hatten. Am Ostermontag waren die beiden Angeklagten in die Wohnung eines allen Ehepaars in der Pontstraße, das einen Handel mit Bügeln und Mehlwürmern treibt, gekommen, überfielen die allein im Zimmer anwesende 82jährige Frau, banden sie mit einem Strick, den sie ihr um den Hals und die zum Hals emporgezogenen Hände legten, und machten sich hierauf daran, die im Zimmer hängenden Käfige ihres Inhalts an Canarienoögeln zu berauben, wobei sie dieselben in grausamer Weise behandelten. An der vollständigen Ausraubung des Zimmers wurden die Burschen gestört, jedoch nahmen sie 14 Vögel und mehrere mit Eiern belegte Nester mit. Der Gerichtshof erachtete beide Angeklagte des Raubes und Diebstahls für schuldig und verurtheilte den K. zu 2 Jahren, den G. zu 1 '/a Jahren Gefängniß.
Aus Stuttgart berichtet der „Beobachter", daß in der letzten Zeit aus den dortigen Kasernen Soldaten Nachts mehrfach sich entfernten. Er erzählt dann folgende drollige Geschichte: Einer von der schon gezeichneten Gattung freiheitsliebender Soldaten verschwand aus dem Kasirnenfrieden, seine „Pritsche" verschmähend. Der Nachtdesirteur wurde attrapirt. Nun mußte er seinem Richterkollegium zeigen, auf welchem ungewöhnlichen Wege es ihm trotz Wachtposten und eisernem Zaune gelungen war, in's Freie zu gelangen. Die Kommission stand im Hofe und sah mit an, wie der klettergewandte Schlingel am Blitzableiter sachte abwärts rutschte, wie er sich der Hofeinsriedigung näherte und wie er hinter derselben verschwand, und zwar ganz so, wie er es seither bei seinen unbewachten nächtlichen Ausflügen gehalten hatte. Die Militär-Kommission hatte jetzt ein sehr deutliches Bild des Fluchtweges wie der Flucht- technik des Jnkulpaten. Aber dieser selbst erschien nach vergeblichem Warten und Nachsuchen —- nicht mehr. Er hatte die Demonstration benutzt, um thatsächlich das Weite zu suchen, und die Kommission wußte nun, wie man aus der Kaserne durchbrennen kann, selbst unter Beaufsichtigung. Ob der Kletterkünstler wieder beige- brachl ist oder sich gestellt hat, vermögen wir nicht zu sagen.
Ausland.
Wien, 18. Juli. Unter dem Vorsitz des Ministers Zaleski hat gestern eine Cholera Enquete über weitere Maßregeln gegen die Einschleppung der Seuche statt- gefunden. Die Enquete ward eigens einberufen, weil Nachrichten kamen, wonach auch die offiziellen russischen Meldungen noch nicht die ganze Wahrheit enthalten, die Cholera weit schlimmer auftrete, als bisher bekannt ist, und auch schon die an der russischen Grenze lagernden Truppen ergriffen habe. An die Landesbehörden von Galizien und der Bukowina sind neuerliche Weisungen betreffs sofortiger weitestgehender Vorkehrungen ergangen. Da sämmtliche öffentlichen Krankenanstalten Wiens soeben
die Aerzte befragt haben, ob sie sich als Choleraärzte
Aushilfsärzke Anspruch auf Pensionen und Erziehungsbeiträge, gleich den im Staatsdienste angestellten Aerzten haben. Ferner ist den Aerzten in Aussicht gestellt, daß sie später bei Bewerbungen um Staatsanstellungen vorzugsweise Berücksichtigung finden werden. Zahlreiche Aerzte, zumeist aus dem Rudolphspital, haben bereits dem Aufrufe Folge geleistet.
Zu förmlichen Gefechten ist es in Nordamerika gekommen. Am Dienstag wurden 6000 Ausständige ans dem Jdohodistrikt von den Truppen umzingelt und nach ihrer ttebergabe entwaffnet und interniert. Außerdem sind 1800 noch bewaffnete Ausständige im Felsengebirge umzingelt. — Ein neuer Fundort für Platina ist in Süd-Dakota in Amerika entdeckt. Das edle Metall findet sich dort meistens in quarzartigem Glanzstein eingesprengt, während es an anderen Fundorten hauptsächlich in Geschieben und Sandablagerungen vertheilt ist. Bekanntlich ist durch den gewaltigen Verbrauch, welchen das Platina in letzter Zeit bei der elektrischen Beleuchtung erfahren hat, eine mächtige Preissteigerung des Metalls eingetreten, so das neue Fundstätten desselben in hohem Grade wichtig sind.
Lokale- und Provinzielles.
Schlichtern, 22. Juli.
* — Die Aussichten der Landwirthe sind keine so glänzenden, wie sie vielseitig gepriesen werden. Heu und Klee sind zwar gut eingekommen, aber es ist die Hälfte weniger als VorigesJahr geerntet worden. Von Grummet und Kleeansatz ist wenig zu sehen, alles ist ausgedörrt; der Hafer ist kaum 1 Fuß hoch und schoßt schon. Wenn nicht bald ein durchdringender Regen ein tritt, wird es den Herbst billiges Vieh und theures Futter geben. Roggen und Weizen stehen gut, mit dem Roggenschnitt wird begonnen. Kartoffeln stehen gut.
* — Heute wurde uns eine achtfache Kornähre überbracht, welche auf einem Felde am Weizenberg gefunden wurde. Dieselbe kann bei uns angesehen werden.
* — Wie aus dem Juseratentheil dieses Blattes ersichtlich, findet die diesjährige Wanderversammlung des landwirthschaftlichen Central-Vereins vom 8. bis 12. September d. I. in Hanau statt. Da die hiermit verbundene Prämien-Thierschau für Pferde, Rindvieh und Schweine ein ziemlich genaues Bild von dem Stande der Viehzucht in den umliegenden Kreisen zeigen wird, sowie die weitere Ausstellung von den neuesten Maschinen, Garten-, Feld- und forstwirthschaftlichen Erzeugnissen, auch Geflügel, ein ebenso interessantes als belehrendes Bild zeigen wird, können wir allen Landwirthen und Freunden der Landwirthschaft zum Besuch dieser Ausstellung nur dringend rathen.
* — Zur Frage der Sonntagsruhe liegt eine be- merkenswelthe ministerielle Entscheidung vor. Der Minister des Innern hat auf eine Anfrage des Neu- roder Gastwirlys-Bereins über die Grenzen des Sonn- tags-Geschäflsbetriebes folgenden Bescheid ertheilt: „So weit den Schankwirthen Sonntags der Schankbetrieb in ihren Lokalen gestattet ist, kann ihnen auch der Verkauf von Bier, Schnaps und Eßwaaren über die Straße auf Grund der Gewerbeordnung am Sonntag nicht untersagt werden."
— Zur Frage der Sonntagsruhe. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob an Sonn- und Feiertagen Handeltreibende durch ihre Angestellten, insbesondere Lehrlinge und Hausknechte oder ständige Arbeiter, Nachmittags in den Stunden, in denen eine Abfertigung bei der hiesigen Post erfolgt, Packete einliefern oder abholen lassen dürfen. Diese Frage ist aus dem §. 105 b des Gesetzes vorn 1. Juni 1891 in Verbindung mit der Bekanntmachung vom 23. Juni d. Js. zu verneinen.
* —- Nach einer neuerdings erlassenen Ministerial- Verfügung sind die Atteste zur Erlangung eines Jagdscheins stempelpflichtig. Die Stempelgebühr beträgt 1 Mark 50 Pfg.
* — Für junge Leute dürfte die Mittheilung von großem Werth sein, daß die Truppentheile schon jetzt Dreijährig-Freiwillige für den Herbst in Dienst nehmen. Die Freiwilligen haben sich bet dem Truppentheile, in welchem sie eintreten wollen, persönlich, mit Meldeschein versehen, zu melden. Den Meldeschein erhallen die jungen Leute auf Grund einer Einwilligung des Vaters bezw. Vormundes, eines behördlichen Führungsattestes und des Geburtsscheines von der Ortspolizei. Bei