Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf
__ — Mittwoch, den 20. Juli ~ 1892.
Ns^"Zl«rr-,K^ °uf die „Schlüchterner Zeitung" JpifliulllllJiil werden noch fortwährend von allen
- --------------: Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Die Sonntagsruhe.
Die Einführung eines neuen Gesetzes in das praktische Leben pflegt sich nie ganz ohne Schwierigkeiten zu vollziehen ; es fällt dem Publikum nicht leicht, alten Gewohnheiten zu entsagen, und es braucht erst immer einige Zeit, ehe es sich in die durch das neue Gesetz geschaffenen Verhältnisse findet; andererseits aber läßt sich die Wirkung eines Gesetzes nicht immer im Voraus ganz übersehen. So ist es auch mit dem Gesetz über die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe, welches mit dem 1. Juli in Kraft getreten ist. DaS Gesetz, welches die Sonntagsarbeit auf fünf Stunden beschränkt, wurde erlassen, um den Arbeitnehmern im Handelsgewerbe einen größeren Schutz zu Theil werden zu lassen; zugleich dient es der größeren Heilighaltung des Sonntags. An drei Sonntagen haben wir die Wirkungen des neuen Gesetzes bereits erkennen können, und wie das bei der Natur des Gesetzes voraus- zusehen war, ist die Wirkung auf den gesammten Geschäftsverkehr eine ziemlich einschneidende. Bisher war in den mittleren und größeren Städten der Verkehr in den Ladengeschäften am Sonntage bei den alten Vorschriften für die Sonntagsruhe ein verhältnißmäßig reger nicht nur in der fretgegebenen Zeit, bei offenen Thüren, sondern auch bei verhängten Schaufenstern und durch die Hinterthür wurde verkauft. Jetzt ist das mit einem Schlage anders. Fünf Stunden lang darf nur mehr am Sonntage der Laden offen gehalten werden, die übrige Zeit muß er streng geschlossen fein; wer gegen diese Vorschrift verstößt, setzt sich empfindlichen Strafen aus, und die Polizeiorgane wachen scharf darüber, daß keine Uebertretungen vorkommen. Das Bild, welches die Straßen der Stadt jetzt am Sonntage bieten, ist ein sehr verändertes; den größten Theil des Tages über ist jeder Geschäftsverkehr ersterben, überall sieht man geschlossene Läden — nnr das eigentliche sonntägliche Leben fluthet nach wie vor lebhaft. Es kann nicht überraschen, wenn die neuen Gesetzesbestimmungen über die Sonntagsruhe in der Geschäftswelt anfänglich drückend empfunden werden, und in der That hört man denn auch von vielen Seiten Klagen. Es wird geklagt, daß das Gesetz in vielen Geschäftsbranchen einen Einnahmeausfall am Sonntage verursacht, der unausgeglichen bleibt. Die meisten dieser Klagen werden sicher mit der Zeit von selbst verstummen, sobald nämlich das kaufende Publikum, namentlich das vom Lande, gelernt hat, mit dem Faktor der Sonntagsruhe zu rechnen und seine bisher am Sonntag gemachten Einkäufe in die Woche verlegt; dann werden diejenigen Geschäftsinhaber, deren Sonntagseinnahme sich verringert hat, durch ver- mehrte Einnahmen in der Woche entschädigt werden. Indeß läßt sich nicht verkennen, daß manche der in die Öffentlichkeit gelangten Klagen der Begründung und Berechtigung doch nicht ganz entbehren. Verschiedene Geschäfte stehen in so engem Zusammenhang mit dem eigentlichen Sonntagsverkehr, daß sie von demselben nicht gut abgeschlossen werden können, wie es die neuen $or schriften über die Sonntagsruhe gebieten, und zwar vereinigt sich hier das materielle Interesse der Geschäfts- leute mit dem Bedürfnißinteresse des Publikums. Beim Cigarrenhändler ist der Zuspruch am Sonntage stärker als in der Woche, das Gleiche gilt weiter vom Konditor und schließlich, wenn auch in geringerem Maaße, vom Bäcker. Auch daß die Metzger nicht noch am Abend eine oder zwei Stunden die Verkaufsläden öffnen, wird im Publikum sehr unangenehm empfunden, weniger von den Wirthen, welche aus diesem Umstände Vortheil ziehen. Da davon verlautet, daß in Folge der materiellen Schädigungen Gewerbetreibender, welche sich durch die neuen Bestimmungen über die Sonntagsruhe vielfach herausgestellt haben, regierungsseitig Berichte über die Wahrnehmungen bezüglich der Sonntagsruhe eingefordert worden sind, so darf wohl erwartet werden, daß die Beschwerden der Gewerbetreibenden und namentlich der Geschäftsinhaber der bezeichneten Branchen einer sorgfältigen Prüfung unterzogen werden, welche hoffentlich dazu führt, daß den begründeten Beschwerden Abhülfe zu Theil wird. Soweit übrigens der Arbeiterschutz in Frage kommt, ist kaum zu besorgen, daß den Ange
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser begab sich am t 5. Juli Mittags an Bord eines Walfischfänger-Dampfers. Gegen 6 Uhr Abends kamen Walfische in Sicht, von denen einer erlegt wurde. Um */a2 Uhr Nachts kehrte der Kaiser an Bord des „Kaiser-Adlers" zurück. Ein zweiter Walfischfänger Dampfer mit einem Theil des Gefolges an Bord erlegte ebenfalls einen Walfisch. Am 16. früh erstieg der Käser nebst Gefolge eine Anhöhe mit prachtvoller Aussicht auf der Insel Skaarö. Nachmittags wurde die Reise nach dem Lyngenfjord fortgesetzt, Abends um 11 Uhr ist der „Kaiser-Adler" in Tromsoe angekommen. -- Der Kaiser wird, wie nunmehr festgestellt ist, im Herbst den Manövern in den Reichslanden beiwohnen. Für die Vorbereitungen zu dem Besuch hat der Gemeinderath von Metz eine Kommission ernannt. I Während der Anwesenheit des Kaisers in Metz wird dort gleichzeitig eine auf drei Wochen berechnete größere Kunst- und Gewerbe-Ausstellung stattfinden, die nicht nur von Elsaß-Lothringen, sondern auch von Baden und der Pfalz reich beschickt werden wird. Ob der Kaiser nach Straßburg kommt, ist noch unbestimmt. Dagegen gilt es als wahrscheinlich, daß der Kaiser einen Ausflug in das neu eingehegte Jagdgebiet in den Vogesen unternimmt.
— Die drei ältesten Söhne des Kaisers sind nach Wilhelmshöhe bei Cassel abgereist. Die jüngeren Prinzen werden voraussichtlich zu Anfang oder Mitte der nächsten Woche nachfolgen, um dort gleichfalls noch bis Ende August zu verweilen.
— Der Mittelstand. Der „Vorwärts" schreibt in seiner Nr. 155: „Je rascher die Mittelklassen zu Grunde gehen, je schneller sie aus ihrer Stellung herausgeworfen werden, desto mehr beschleunigt sich die Auflösung des Kapitalismus. Mit kühler Ruhe sieht die Arbeiterklasse, wie die bürgerliche Gesellschaft sich selbst vernichtet, wie ein Stützbalken nach dem anderen abfaulr und verwittert. Je rascher desto besser!" — Was die Sozialdemokratie unter Auflösung des Kapitalismus versteht, weiß man; sie meint damit die Auflösung der gegenwärtigen Staatsund Gesellschaftsordnung und die Vorbedingung zur „Diktatur des Proletariats". Giebt also das leitende sozialdemokratische Blatt hiermit selbst zu, daß mit dem Schwinden des Mittelstandes auch die heutige Gesellschaftsordnung zusammenbricht, erklärt es hiermit selbst, daß die Arbeiterklasse mit kühler Ruhe diesem Prozesse zusieht, so wird man ermessen können, welchen Werth die Versprechungen haben, durch die die Sozialdemokraten Handwerker, Bauern, Kleinhändler u. a. m. für ihre Parteizwecke zu ködern suchen. Die Sozialdemokratie hat nächst der konservativen Partei am frühesten erkannt, daß die Sicherheit des Staatsgebäudes davon abhängt, daß dessen „Stützbalken" erhalten bleiben. Während aber naturgemäß die auf Umsturz sinnende Partei alles thut, um diese Stützen, zu denen in erster Linie der Mittelstand gehört, zu unterminieren, ist die konservative Partei bedacht, dem Staate und der Monarchie die Stützen zu bewahren und zu kräftigen. Sache des Staates ist es nunmehr, diese Bestrebungen zu unterstützen; Sache des Mittelstandes aber, gegenüber den Minierarbeiten der Sozialdemokraten und der diesen den Boden bereitenden Parteien, die Augen offen zu halten.
— Der deutsche Wald. Mehr als ein Viertel des deutschen Bodens ist auch heute noch bewaldet. Von den rund 44 Millionen Hektaren Land, welche das deutsche Reich umfaßt, sind nach dem Forst- und Jagdkalender des Geh Oberforstraths Dr. Jndeich 14 Millionen Hektare Waldboden. Von dem deutschen Walde sind 32,7 pCt. Staatsforsten, 15,2 pCt. Gemeindeforsten, 1,3 pCt. Stiftungsforsten 2,5 pCt. Genossenschaftsforsten, 48,3 pCt. Privatforsten. Die waldreichsten deutschen Ländern sind Schwarzburg-Rudolstadt, in welchem der Wald 44 pCt. des Bodens bedeckt, und Sachsen- Meiningen. Am wenigsten Wald hat Oldenburg, nämlich
stellten der genannten Branchen dieser verkümmert werden würde.
Im Anschluß hieran dürfte noch der Wunsch am Platze sein, daß die neuen Gesetzesvorschriften über die Sonntagsruhe von den Behörden im Allgemeinen nicht zu strenge gehandhabt werden möchten, damit ber Ueber gang für die Geschäftswelt, nicht ein zu schroffer ist und es derselben ermöglicht wird, sich nach und nach in die neuen Verhältnisse einzuleben.
nur 9,2 pCt. seiner Fläche. Preußen bleibt mit 23,4 pCt. etwas unter dem Durchschnitt.
— Am Mittwoch Nachmittag zog ein schweres Gewitter über Berlin herauf, das mit heftigen aufeinanderfolgenden Donnerschlägen ununterbrochen von 3% bis 6 Uhr dauerte. Das Gewitter hat einen derartigen Wasserschaden angerichtet wie er in Berlin wohl noch niemals vorgekommen ist. In der Aorkstraße war die Fluth so hoch, daß die Pferde der Feuerwehr bis an die Brust im Wasser standen und der Mannschaft, die auf den Spritzen stand, das Wasser in die Stiefel lief. Die Feuerwehr wurde innerhalb zweier Stunden 32 Mal zu Hilfe gerufen.
— Zum Prozeß Buschhoff meldet der „Con- fettionär", daß die recht bedeutenden Kosten der Vertheidigung durch freiwillige Zeichnungen wohlhabender Berliner Glaubensgenossen aufgebracht worden sind. Da das Gesetz eine Entschädigung für unschuldig in Untersuchungshaft genommene Angeklagte nicht kennt, ist gleichzeitig von dieser Seite auch dafür Sorge getragen worden, daß dem Buschhoff genügende Mittel übergeben werden, um sich an einem andern Orte eine neue Existenz begründen zu können.
— 447,046 Turnvereinsmitglieder gehören jetzt, nach der neuesten Statistik, der deutschen Turnerschaft an, so daß gegen das Vorjahr wieder eine Vermehrung um 25,320 Mitglieder stattgefunden hat; die Zahl der Turnvereine ist von 4763 auf 5081 gestiegen.
— Maßregeln zur Abwehr der Cholera werden bereits von einzelnen städtischen Verwaltungen, namentlich der Grenzprovinzen, getroffen. Dieselben bezwecken vornehmlich die Durchführung einer scharfen ortspolizei lichen Kontrolle über den sanitären Zustand der öffentlichen Straßen und Plätze, der Wrfiseiläufe, Brunnen, ferner der Bahnhöfe und anderen Verkehrsccntren; des Weiteren erstreckt sich aber die polizeibehördliche Ueber wachung auch auf sämmtliche städtische Privatgrundstücke; betreffs letzterer sind die Beamten angewiesen worden, sie aus ihre ordnungsmäßige sanitäre Beschaffenheit unausgesetzt zu prüfen und im Auge zu behalten, besonders auf die regelmäße Entleerung und Desinfizierung der Abortanlagen, Rinnsteine, Müllgruben und Grundstücks- Höfe zu achten. Die Maßregeln werden mit. aller Strenge durchgeführt werden.
Dortmund, 14. Juli. Der Redakteur der „Westfälischen Reform", Bellmann, wurde heute zu 6 Monaten Gefängniß verurtheilt. Der Angeklagte hatte das Frankfurter Oberlandesgericht in der Sache des Landrichters Dr. Liebmann der Parteilichkeit beschuldigt.
Münster, 12. Juli. Im Schnapsrausch schlug hier Sonntag Nachmittag ein Maurer so unbarmherzig auf seine Frau ein, daß die Aermste besinnungslos zu- fammenfauL Ein Arbeiter, welcher hinzueilte, um die Frau vor dem Wütherich zu schützen, wurde von ihm erstochen. Der Mörder sitzt hinter Schloß und Riegel.
Darmstadt, 13. Juli. Der wegen Wechselfälschung steckbriflich verfolgte Weinhändler Härter aus Mainz wurde gestern Abend in einer hiesigen Gastwirthschaft verhaftet und in das Arresthaus ein geliefert. Als der Beschließer Reitz die Arrestzelle aufschloß, versetzte ihm Härter mit einem Messer, das er bis dahin zu verheimlichen gewußt hatte, einen Stich in die Brust, so daß Reitz sofort todt war. Als nun der Verwalter Wachtel herbeieilte, entspann sich ein Kampf, bei dem Wachtel ebenfalls einige Stiche erhielt. Derselbe hielt indeß den Mörder so lange fest, bis ihn die Militärwache überwältigte.
Zur Frage der Feuerbestattung kommt aus Straßburg eine bemerkenswerthe Nachricht. Nach der „Straßburger Post" hat der dortige Ko nsist o rial- präsident Pfarrer Leblois beim Bürgermeisteramt einen Antrag aus Errichtung einer Leichenverbrennungs- anstalt cingereicht. Begründet wird dies Gesuch durch die Ueberfüllung der Kirchhöfe, Verunreinigung des Wassers und die durch die Ausdünstung der Kirchhöfe entstehende und Krankheit erzeugende verpestete Luft. Von religiösem Standpunkte sei kein Bedenken gegen die Errichtung zu erheben. (Und unsere Geistlichen?)
— So viele furchtbare Katastrophen, wie in den jüngsten Tagen, drängen sich glücklicherweise nur selten auf einen so kurzen Zeitraum zusammen. Den großen Bränden in Christiansand, St. Johns und Mittelwalde, dem Aetna-Ausbruch, dem Unglück auf dem Genfersee