Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. ,.Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf
IMpIhttlrtPtl QUf bie "Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen --------------- Postanstalten und Landbriefträgern owie von der Expedition entgegen genommen.
Kleinhandel und Schleudergeschäfte.
Wer das kleingeschäftliche Leben der früheren Jahrzehnte mit dem heutigen vergleicht, der steht vor einer Umwälzung welche die ernsteste Besoraniß um das Bestehen vieler Geschäftstreibenden erweckt. In früheren Jahren bestand unter den Laden-Inhabern, Kaufleuten und Kauffrauen in den Groß- und Kleinstädten ein gewisses nachbarlich-freundschaftliches Verhältniß. Der Kaufmann besorgte seine Einkäufe bei bewährten achtbaren Fabrikanten oder Großhändlern, hielt immer darauf, gute, reelle Waare zu bekommen und konnte so seine Kundschaft ebenfalls wieder zufriedenstellend bedienen, so daß eine sogenannte feste Kundschaft an das Geschäftshaus gefesselt wurde. Im Norden Deutschlands wurde der Kleinhandel fast ausschließlich durch männliche Angestellte betrieben, dagegen hatten die Rheinlande und der Süden die Frauenthätigkeit in den Ladengeschäften weit mehr eingeführt. Die Heranbildung des Personals geschah auf bester Grundlage, weil der ganze Geschäftsbetrieb ein ehrlicher war.
' Wie sieht es nun heute im Kleinhandel aus? Ein neuer unsolider Geist einer Klasse von Gewerbetreibenden hat einen Vernichtungskampf gegen das Bestehende begonnen. Wir sehen am Rhein, in Süddeutschland und in den Reichslanden geschäftliche Wandervögel bedenklicher Art in immer größerer Zahl sich einfinden. Reisepioniere werden voraus geschickt, mit kleinen Einkäufen ermitteln diese die ortsüblichen Preise ui den Läden, um bann- den Schlachtplan entwerfen zu können, Ein großer Laden wird gemiethet, marktschreierische Flugblätter fliegen in alle Häuser; diese sind, besonders für die kaufende Frauenwelt, schlau zurecht gemacht. Die immer kluge Frau und das Fräulein Tochter sind die ersten, die hinlaufen, um diesen neuen Volksbeglückern das baare Handgeld zu bringen, wenn sie oft auch noch bei ihren früheren Lieferanten tief in der Kreide find. „Nur gegen Baarzahlung", „Kleinverkauf zu Fabrikpreisen", ist der erste Lockruf, dann folgt eine lange Preisliste, worin wieder schlauer Weise einzelne tägliche Bedarfsartikel sehr billig, oft zum oder unter Selbstkostenpreis angeführt werden. In den Schaufenstern legt man auf die Waaren Preise, die wieder ausfallend billig sind. Will nun die Käuferin den ausgelegten Gegenstand kaufen, dann heißt es nicht selten kurz: die Fensterauslage wird nicht gestört, und werden dann andere täuschend ähnliche Waaren vorgezeigt mit beträchtlich höheren Preisen, welche auch meistens in der Ueberrumpelung ausgeschwätzt werden. Die in diesen Geschäften geführten Waaren jeglicher Art sind meistens minderwerthig, kurz im Maß und zum großen Theil aus Ramsch Einkäufen oder aus Konkurs-Lagern herrührend. Dann folgen eine Menge Reklame-Artikel, worin heute die Fabrikation groß ist, z. B. Broschen u. s. w. werden mit 2 Psg. verkauft, das Groß davon kostet 2 Mk. Dieses Erzeugniß wird aus Weizenmehl gemacht, geformt, gefärbt und dann im Ofen wie ein Brod gebacken! Wo viel davon lagert, ist ein Besuch von Mäusen und andern, Ungeziefer sicher zu erwarten.
Die meisten Waaren sind für diese neuen Schleudergeschäfte billig hergestellt, der betr. Fabrikant und seine Arbeiter und Arbeiterinnen werden bis aufs Blut mit den Preisen gedrückt, von einem reellen Verdienst ist keine Rede mehr, und was ist die Folge? Unzufriedenheit in allen für diese Geschäfte arbeitenden Fabriken, Hungerlöhne für die jugendlichen Arbeiter und Arbeite- r innen und Verelendung weiter Volkskreise. Es gibt bald keinen Artikel der Kurz, Weiß-, Woll- und Manufakturwaarcu-Branche mehr, der nicht extra billig und schlecht, im Maße gekürzt, in der Breite geschmälert und in den Rohstoffen versudelt wird, um diesen Geschäften als Reklamemittel zu dienen. Es würde zu weit führen, hier alle Einzelheiten aufzuführen, vielleicht geschieht dies später einmal. Sehr häufig kennzeichnet sich diese Art von Geschäften dadurch, daß dieselben in Konkurs gerathen, und morgen unter derselben Firma eines Theilhabers von Neuem eröffnen, daß also der eigene Konkurs gewissermaßm zu den gewöhnlichen Geschäftsprakt ken zu gehören scheint.
Die soliden für das tägliche Brod arbeitenden kleineren Geschäftsleute können diesen Wucherpflanzen gegenüber nicht mehr bestehen, sie werden erdrückt und die neuen Großmacher wollen meistens, wenn das Jahr herum ist, auch nichts verdient haben und keine ent- sprechenden Steuern bezahlen. Wäre es nicht recht und billig, alle diese Schleuderer auf der Grundlage des Geschäfts - Umschlages mit 5 pCt. Gewinn — der Prozentsatz könnte ja noch genauer bestimmt werden — zur Steuer zu veranlagen? Geschieht dieses, dann wird der kleine Wettbewerb auch wieder leichter wirthschaften können und das Schleudern in etwas behindert werden. Ist es vom christlichen Standpunkt zu verantworten, diesen in einer großen Verzweigung wirthschaftenden Schleudergeschäften immer mehr Kapital zuzuführen, damit dieselben in der nächsten Stadt den gleichen VernichtungSkampf beginnen zu können?
Ihr Frauen! an euch ist es, die Antwort zu geben, ihr habt es meistens in der Hand; hier ist ein gutes Stück der fokalen Frage zu lösen. Kaufet bei bewährte» soliden Geschäften, kaufet reell und gut und nicht billig und schlecht! Wenn ihr eure Kleider u. s. w. in reellen Geschäften nicht gleich billig erhalten könnt, oder wenn ihr bei den weniger reellen Eintags-Geschäften für denselben Preis besser scheinende Waaren kaufen könnt — so bescheidet euch! Das ist in diesem Falle wahrhaft ein gutes Werk! (K. V.)
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat bei seinem Besuch auf dem Digermulkollen ein Gedenkzeichen, einen Stein mit Inschrift, aufstellen lassen. Der Aufenthalt dort oben währte 4’ 2 Stunden. Das Wetter war günstig und der Kaiser in bester Stimmung. Bekanntlich hat der Kaiser auch auf seiner vorjährigen Reise auf dem Nordkap einen Gcdenksteiin errichten lassen.
— 9. Jul. Die Manöverflotte ist angewiesen worden, am 21. ds. Mts. von der Außenrhede der Jagde nach Christiansund zu segeln, um den Kaiser zu erwarten und auf der Rückfahrt zu begleite».
— Die ursprünglich auf Montag angesetzte Abreise der kaiserlichen Prinzen nach Wilhelmshöhe ist noch auf kurze Zeit verschoben worden.
* — Die Hochzeit Sr. Hoheit des Prinzen Friedrich Karl von Hessen mit Ihrer Königl. Hoheit der Prinzessin Margaretha von Preußen soll, wie aus Frankfurt gemeldet wird, im Monat November cr. stattfinden.
— Fürst Bismark hat zum Leidwesen seiner wahren Freunde nicht geschwiegen. Er hat Herrn Pindter, seinen ehemaligen Hauptoffiziosus furchtbar heruntergerissen, natürlich den Reichskanzler dabei gemeint und verstieg sich schließlich, die Verstellung dabei aufgebend, zu der Behauptung, Graf Caprivi habe schon lange als Kandidat des Centrums nach dem Reichs- kanzlerposten getrachtet. Auf die erste und bisher einzige sachliche Anklage erwiderte der „Reichsanzeiger" prompt aber durchaus ruhig, sie sei nicht wahr. Der Reichskanzler Graf v. Caprivi habe bis zu dem Augenblick, in dem der Kaiser ihn zum Reichskanzler ernannte, nie nach einer politischen Wirksamkeit gestrebt und nie Beziehungen — auch nicht antibismarckische — zu irgend einer politischen Partei gehabt oder gesucht. — Heute veröffentlicht der „Reichsauzeiger" einen Erlaß vom 23. Mai 1890 an sämmtliche Kaiserliche und Königliche Botschaften und Gesandtschaften, worin darauf aufmerksam gemacht wird, daß durch die Presse Stimmungen und Anschauungen des Herzogs von Lauenburg veröffentlicht werden, die auch die auswärtige Politik berührten und im Auslande schädliche Mißdeutungen erfahren könnten. Der Kaiser sei indessen der Meinung, daß entweder von selbst eine ruhigere Stimmung eintreten, oder das Ausland den thatsächlichen Werth jener Aeußerungen richtig würdigen werde. Es sei nicht zu befürchten, daß aus der Verbreitung subjektiver, mehr oder weniger richtig aufgefaßter, theilweise zweifellos absichtlich entstellter und zum Theil zu Personen von anerkannter Feindschaft gegen Deutschland gethaner Aeußerungen ein dauernder Schaden entstehen könne. Der Kaiser unterscheide zwischen dm früheren und dem jetzigen Bismarck und wolle alles vermieden sehen, was das Bild des größten Staatsmannes trüben könnte. Indem ich Sie ermächtige, sich erforderlichen Falls demgemäß zu äußern, füge ich die Hoffnung hinzu, es
werde auch seitens der Regierung, bei der Sie accreditirt sind, den Aeußerungen der Presse über die Anschauungen Bismarcks ein aktueller Werth nicht beigelegt werden. — Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht ferner folgende Depesche Caprivi's vom 9. Juni 1892 an den Botschafter Prinz Reuß in Wien: Im Hinblick auf die bevorstehende Vermählung des Grafen Herbert Bismarck theile ich Ew. Excellenz nach Vortrag bei Sr. Majestät Folgendes ergebenst mit: Für die Gerüchte über eine Annäherung des Fürsten Bismarck an Se. Majestät den Kaiser fehlt es vor Allem an der unentbehrlichen Voraussetzung eines ersten Schrittes seitens des früheren Reichskanzlers. Die Annäherung würde aber, selbst wenn ein solcher Schritt geschähe, niemals so weit gehen können, daß die öffentliche Meinung das Recht zu der Annahme erhielte, Fürst Bismarck hätte wieder auf die Leitung der Geschäfte irgendwelchen Einfluß gewonnen. Falls der Fürst nebst Familie sich dem Hause Eurer Durchlaucht nähern sollte, ersuche ich Sie, sich auf die Erwiderung der konventionellen Formen zu beschränken, einer etwaigen Einladung zur Hochzeit jedoch auszu- weichen. Diese Verhaltungsmaßregeln gelten auch für das Botschaftspersonal. Ich füge hinzu, daß Seine Majestät von der Hochzeit keine Notiz nehmen werden. Euer Durchlaucht sind beauftragt, in der Ihnen geeignet scheinenden Weise sofort hiervon dem Grafen Kalnoky Mittheilung zu machen. Graf Caprivi.
* — Bärte für die Soldaten. Einem vor Kurzem erlassenen Befehle zufolge sollen, wie der „L. A." hört, die Soldaten von jetzt an die Bärte wachsen lassen und zwar bis zum Manöver ohne Ausnahme, da es während desselben nicht immer ausführbar ist, daß die Mannschaften rasirt zum Dienst erscheinen, wie es bisher Vorschrift war. Nach Beendigung der Herbstübungen müssen Diejenigen, welche einen starken Bartwuchs haben, den Voll- bart behalten, während für die Uebrigen nach wie vor die alte Vorschrift gilt. Die näheren Bestimmungen hierüber zu treffen, liegt den Hauplleuten ob.
* — Die Hoffnungen auf eine gute Ernte in Preußen und Deutschland müssen sich auch nach den neuesten über den Stand der Saaten vorliegenden Berichten erhalten. Wie in vielen anderen Bezirken, so haben auch in den Bezirken Düsseldorf, Königsberg, Liegnitz, Posen die Saaten gut überwintert und ist die Frühjahrs-Bestellung, wenn auch zum Theil verspätet, doch befriedigend von Stätten gegangen. Im Liegnitzer Bezirke sind die Felder wieder durch Mäusefraß beschädigt worden. Nicht günstig war die Frühjahrs- Witterung im Kasseler Bezirke, und zwar wegen lang andauernder Trockenheit. Man erwartet dort höchstens noch eine Mittelernte. Namentlich hat der englische Weizen gelitten und ist die Sommerfrucht spät aufge- gangen; auch Klee und Gras befriedigen nicht.
* — Die kleinen Zwanzigpfennigstücke, von deren Einziehung vielfach die Rede gewesen ist, werden bis auf Jahre hinaus noch im Verkehr verbleiben. Es sind freilich nach und nach für 13,003,714 M. solcher Geldstücke eingezogen und zur Prägung von Markstücken ein- geschmolzen worden. Trotzdem befanden sich nach der statistischen Uebersicht des Reichsschatzamtes zu Ende des Monats Mai d. I. noch für 22,714,208 Mark oder 113,571,040 Stück im Umlauf.
* — Ausgangs Juni d. I. war amtlichen Ermittelungen zufolge die Maul- und Klauenseuche in Preußen in 210 Kreisen und 849 Gemeinde- bezw. Gutsbezirken verbreitet.
— Einen bemerkenswerthen Vorgang planen die Berliner Cigarren-, Material-, Back- und Fleischwaaren- Händler zur Wahrung ihrer Interessen. Sie wollen nämlich darauf hinwiiken, daß auch den Gastwirthschaften der Verkauf der einschlägigen Konsum-Artikel während der Sonntagsruhe verboten wird. Die Bewegung soll nicht auf Berlin beschränkt bleiben. Als erster Schritt dieser Koalition ist eine Massenpetition an den Kaiser in Aussicht genommen.
— Eine wahre Milchnoth hat es am Sonntag, wie nachträglich bekannt wird, in Berlin in Folge der Sonntagsruhe gegeben. Die verehrten Mütter raisonuirten nicht schlecht, deren Kinder vergeblich nach der gewohnten Labung jammerten. Recht peinlichen Eindruck hat auch die Schließung der Milchhallen im Thiergarten gemacht, während Bier- und Schnapskneipen frisch und froh geöffnet blieben.