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SchlüchternerZeitung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. ,,Jllnstrirtem Familienfreund" vierteljührl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf

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Samstag, den 9. Juli

1892.

i^lUhtttrtOti auf b,e "Schlüchterner Zeitung" fUUUliyiII werden noch fortwährend von aller

"------ Postanstalten und Landbriefträgern owie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin Aus Hofkreisen wird besannt, daß der Kaiser auf feiner ^urlaubsreife bislang sich außerordentlich gut befindet und eine erfolgreiche Erholung des Monarchen durch lie Re se erwartet werden darf. Für den Spät­sommer ist, wie bekannt, ein Besuch des Kaisers bei feiner Großmutter, der Königin von England, geplant, Ob der Kaiser in diesem Jahre eine Reise nach Oesterreich unternimmt, steht einstweilen noch nicht fest; dagegen gilt als sicher eine Herbstreise des Kaiser nach den Reichslanden mit Aufenthalt auf der neuerworbenen Besitzung II ville. Jn Drontheim begab sich am Dienstag der Kaiser auf die Jacht Lehnsahn des E'bgroßherzogs von Oldenburg, um die Erbgroßherzogin zu begrüßen. Nachher nahmen die erbgroßherzoglichen Herrschaften nebstTochter an dem Abendessen auf dem Kaiseradler theil.

6. Juli. Die gemischte Deputation zur Förde­rung des Projektes der Weltausstellung in Berlin hat heute unter Vorsitz des Bürgermeisters Zelle beschlossen, den Kommunalbehördcn die Bewilligung einer Summe von 10 Millionen Mk. für den Garantiefonds zu em­pfehlen. Als Ausstellungsjahr wurde spätestens das Jahr 1898 in Aussicht genommen. Von diesen Be­schlüssen soll dem Reichskanzler, dem deutschen Handels- tag, sowie den Aeltestcn der Berliner Kaufmannschaft Kenntniß gegeben werden. In München fand gestern Abend eine Versammlung von Industriellen behufs Besprechung einer Weltausstellung in Berlin statt. Alle Anwesenden waren darin einig, daß das deutsche Reich ohne Rücksicht auf Frankreich eine Ausstellung im Jahre 1898 abhalten müsse. Ein Zurückweichen würde in Süddeutschland keinen günstigen Eindruck machen. Wie aus Paris telegraphirt wird, stimmte dieJnitiativ- kommission der Deputirten-Kammer einhellig dem Antrag Deloncles zu, im Jahre 1900 eine Weltausstellung in Paris zu verunstalten.

DerReichsanzeiger" veröffentlicht die Ab­berufung des Botschafters von Stumm aus Madrid. Herr von Stumm, der zum Wirklichen Geheimen Rath ernannt und vorbehaltlich künftiger Wiederverwendung in den einstweiligen Ruhestand versetzt ist, hat Madrid bereits verlassen.

DerReichs-Anzeiger" veröffentlicht die Protest­note, die der deutsche Gesandte in Lissabon der dortigen Regierung wegen Schädigung der deutschen Gläubiger Portugals übersandt hat, sowie die kühl ablehnende Ant­wort der portugiesischen Regierung darauf. Was nun weiter? Die Veröffentlichung der Aktenstücke zeigt, wie dasB. T." zutreffend bemerkt, daß zwischen Deutsch­land und Portugal die Dinge ein sehr ernstes Ansehen gewonnen haben. Die Antwort des portugiesischen Ministers läßt sich in die Worte zusammenfassen:Wo nichts ist, hat auch der Kaiser von Deutschland fein Recht verloren." Und kraft dieses Bettlerstolzes glaubt der Portugiese seinen Verpflichtungen den Deutschen gegen­über ledig zu sein. Allein die Herren in Lissabon ver­gessen, daß Portugal auch noch gewisse Kolonien besitzt, die nöthigenfalls ein ganz hübsches Pfandobjekt abzugeben vermöchten. Man darf begierig sein, wie die deutsche Reichsregierung diese portugiesische Ablehnung zu be­antworten gedenkt.

Mit dem 1. Juli d. I. ist gemäß dem Be­schlusse des Bundesraths vom 17. v. M. die neue Branntwein-Gebührenordnung (Centralbl. Nr. 25 vom 17. Juni 1892) in Kraft getreten, und kommen alle entgegenstehenden Bestimmungen von diesem Zeitpunkt an außer Anwendung. Der Finanzminister hat demzu folge mittelst Rundschreibens vom 27. Juni d. J. die Provinzial-Steuer-Direktoren aufgefordert, die Steuer­stellen ihres Verwaltungsbezirks mit Anweisung zur Ausführung der Gebühren-Ordnung zu versehen.

Die Durchführung der Sonntagsruhe für die Groß- und Klein-Jndustrie dürfte sich bis zum 1. Januar N. I. verzögern, da die Umfragen wegen der zu ge­währenden Ausnahmen noch nicht beendet sind. Um Schank-, Gastwirthschafts- und Verkehrs-Gewerbe bleibt es vorläufig beim Alten, da diese Materie späterer ge­setzlicher Regelung vorbehalten ist. Arzneiwaaren dürfen

wie bisher verkauft werden, weil für diesen Verkauf die Gewerbe-Ordnung überhaupt nicht gilt.

Wie s. Z. die von den Sozialdemokraten ge­gründete Genossenschafts Hutfabrik in Berlin, so hat jetzt auch ihre dortige Genossenschaftsbäckerei ein gründ­liches Fiasko gemacht. Die BerlinerVolkstribüne" entschuldigt nun den Mißerfolg des Unternehmens, das uns einen Vorgeschmack von den Herrlichkeiten des sozialistischen Zukunftsstaates geben sollte, mit folgenden Worten:Die Genossenschaftsbäckerei hat gegenwärtig ihre Kinderkrankheiten zu bestehen. Die Mitglieder und Genossen brauchen sich deßwegen aber nicht kopfscheu machen zu lassen. Der alte Aufsichtsrath hat nieder­gelegt, ein neuer wurde bereits gewählt." Man kann wirklich neugierig sein, wie nunmehr derneue" Auf­sichtsrath dieKinderkrankheiten", deren Charakter sich als ein recht bösartiger gezeigt hat, in Behandlung nehmen wird!

Aus Stuttgart schreibt man: Auf Antrag des Justizministers hat der König dem Bäckergesellen Pius Entress von Rottenburg, der vom Landgericht Rottweil irrthümlich wegen Diebstahls zu 4 Jahren und 14 Tagen Zuchthaus verurteilt worden war und neun Monate dieser Strafe unschuldig verbüßte, aus dem Garatiefonds eine Entschädigung von eintausend Mark zugewiesen.

Jm Badischen wurde kürzlich ein junger kräftiger Bmqche wegen gewohnheitsmäßigen Bettelns festgc- nommen. Am Tage zuvor hatte er in Durlach einen Brief an eine gewisseliebe Frau Wirthin" in seiner Heimath Coblenz gerichtet, den man bei ihm vorfand und dessen Letensphilosophie ihn der Veröffentlichung werth macht. Der Brief lautet:Im vorigen Monat ging ich vom Hause fort auf die Wanderschaft. Ich bin gewesen in (hier werden zwanzig bis dreißig Städte und Ortschaften genannt). Jetzt bin ich in Durlach bei Karlsruhe. Es ist mir seitdem sehr gut gegangen; gearbeitet habe ich nirgends. Wo ich hingekommen bin, haben mir die Leute gern etwas gegeben. Ich bringe alle Tage zwei bis drei Mark zusammen. Bier und Wein sind sehr wohlfeil. Da saufe ich genug, ich habe mir schon einen ordentlichen Bierleib angetrunken . . . Wenn ich da durchgemacht habe, dann gehe ich auf Straßburg und Metz zu." Der Brief schließt mit dem Reime:Die Welt ist unbeschreiblich schön, man muß sich nur darauf versteh'»."

V-m Rhein, 3. Juli. Um ihre Reise, die auf Schusters Rappen zu langsam ging, etwas zu beschleunigen, nahmen vier Handwerksburschen einen bei Mombach am Rheumfer liegenden Nachen und fuhren damit den Rhein hinunter. Sie kamen glücklich bis Coblenz; hier jedoch rannte das Fahrzeug gegen die Schiffsbrücke und schlug um. Drei Burschen ertranken, der vierte hatte sich an den Nachen geklaminert und konnte gerettet werden.

Eleve, 5. Juli. Gestern Vormittag halb 10 Uhr begannen vor dem hiesigen Schwurgericht die Verhand­lungen gegen den israelitischen Schlächter und Fabrikanten israelitischer Grabmonumente, Adolph Buschoff aus Xanten, wegen Mordes. Der objektive Thatbestand in dieser sensationellen Affaire ist in Kürze folgender: Am 29. Juni v. I., halb 7 Uhr Abends, wurde in einer dem Kaufmann Küppers zu Xanten gehörigen Frucht- scheune der etwa sechsjährige Knabe Joh. Hegmann, Sohn des Schreinermeisters Hegmann zu Xanten, todt aufgesunden. Der Hals des Knaben, welcher an dem betreffenden Tage 10 Uhr Vormittags lebend gesehen worden war, zeigte einen mit solcher Gewalt geführten Schnitt, daß noch durch die Halsknochen hindurch das Rückenmark verletzt worden war. Ein geringerer Schnitt fand sich auch am Kinn. Die Leiche war fast völlig entblutet, unter und neben derselben fanden sich aber erhebliche Blutlachen, wie denn auch fast der ganze Körper mit Blut besudelt war. An einem Anhalts- punßte, wer der Thäter gewesen und welche Motive ihn geleitet, fehlte es gänzlich, bald aber bildete sich das Gerücht, daß hier ein ritueller Mord vorliege, dem Buschoff, dessen Wohnhaus und Schlachtraum nur etwa 25 Schritte von der Mordstätte entfernt ist, nicht fern stehe. Die Nachforschungen der Behörde, welche dabei durch ein Mitglied der Berliner Kriminal-Polizei unter­stützt wurde, führten am 14. Oktober v. I. zur Ver­haftung Buschoff's und dessen Frau und Tochter, doch wurden alle drei ant 23, Dezember v. I. wieder aus der Haft entlasse», Am 8. Februar d. I., einen Tag

vor der bekannten Debatte im Abgeordnetenhaus über die Xantener Mord-Affaire, wurde Buschoff abermals verhaftet und dann auch des Mordes angcklagt, seine Frau und Tochter aber außer Verfolgung gesetzt. Die gegen letzteren Beschluß der hiesigen Strafkammer ge­richtete Beschwerde der Staatsanwaltschaft wurde vom Oberlandesgericht Köln zurückgewiesen. Zu dem Termin sind nicht weniger als 110 Zeugen geladen.

Werk in Westfalen, 4. Juli. Vor einiger Zeit wurde das 1/a Jahre alte Kind eines Oekonomen als Leicke in einem Brunnen gefunden, in welchen das Kind nicht gut von selbst gerathen sein konnte, weil derselbe verdeckt war. Die Untersuchung hat jetzt ergeben, daß das Kindermädchen, welches zur Pflege des Kindes be­stellt war, dasselbe in den Brunnen geworfen hat. Die Mörderin, welche noch kaum 18 Jahre alt ist, hat ein Geständniß abgelegt. Das Kind hat sie in den Brunnen geworfen, weil es ihr zu schwer war zum Tragen.

Fktiberg, 4. Juli. Eine wirklich böse Schwieger­mutter war die Frau Kaden aus Kleinenschönberg. Da ihre Tochter ihren gutmüthigen Mann nicht mehr leiden mochte, so suchte die Schwiegermutter diesen kurzerhand durch Pistolenschüsse zu tödten. Die That gelang indeß glücklicherweise nicht. Das Weib wurde wegen Mord­versuchs zu sieben Jahren Zuchthaus, Ehrverlust und Polizeiaufsicht vom hiesigen Schwurgericht verurtheilt.

Ratibor, 6. Juli. Wie derOberschles. Grenz- Anzeiger" meldet, sollen sich russische Soldaten einer schweren Grenzverletzung schuldig gemacht haben. Die­selben versuchten unter Führung eines Officiers preußische Unterthanen wegen angeblichen Schmuggels aus dem preußischen Grenzorte Karlshütte fortzuschleppen. Die mit Sensen und Gewehren bewaffneten Ortsbewohner konnten n-r mit Mühe die Mißhandelten befreien.

Ausland.

Rußland. DieTimes" meldet, die Cholera greife in Südrußlnnd, besonders an der Wolga-Mündung, rasch um sich. Man zählte bereits bis 33 Todesfälle. Alle Schiffe der infizirten Distrikte befinden sich in Quarantaine. In Tiflis starben am 27. Juni drei Personen, in Samarkand zählt man 46 Erkrankungen. DaS Elend der Hungerleidenden in den infizirten Distriken ist furchtbar. Die Todten bleiben Tage lang »»beerdigt. DieKöln. Zeitg." meldet aus Petersburg: Kaukasische Blätter berichten über die trostlosen Zustände in Baku und klagen besonders das Stadtamt an, welches vorher nichts gegen die Cholera gethan habe und jetzt den Kopf verliere. Ein unsagbarer Unrath lagere auf den Straßen Bakus, Tragbahren und Krankenwagen seien nicht vorhanden. Desinfectionsmittel mangelten gänzlich. Einige Aerzte verweigerten die Behandlung der Cholerakranken. Im Krankenhause liegen in Ver­wesung übergegangene Choleraleichen. In Petersburg cursirt das Gerücht, Deutschland, Oesterreich und Rumänien würden in Anbetracht der Unzulänglichkeit der russischen Sanitätsmaßregeln ihre Grenzen gegen Ruß­land vollständig absperren.

London, 7. Juli. Das JournalMoruing" will von drei in den letzten Tagen in England vorgekommenen Cholera-Fällen wissen: drei am Freitag auf einem französischen Schiffe eingetroffene Passagiere seien an der Cholera gestorben. Ein Cholerafall soll in Lambeth vorgekommen sein. Eine anderweitige Bestätigung dieser Nachricht liegt nicht vor.

Amerika.Echt amerikanisch" soll die Weltaus­stellung in Chicago eröffnet werden. Die Eröffnung am 1. Mai 1893 soll nämlich vom Marquis de Veragua, einem Nachkommen des Colnmbus, bewirkt werden. Da der Marquis jedoch zu alt ist, um persönlich nach Chicago zu kommen, wird er zu bestimmter Stunde und Minute am Eröffnungstag in Madrid auf einen elek­trischen Knopf drücken und sofort werden sich die Maschinen im Jackson-Park in Bewegung setzen.

Lokale- nud Provinzielle-.

Schlüchtern, 8. Juli.

* Der Revisor der Alters- und Jnvaliditäts- Versicherungsanstalt für Hessen-Nassau ist hier eingc- troffen und hat bereits in einzelnen Gemeinden die Quittungskarjen revidirt (s. Kreisblatt). Also für den richtigen Zustand der Quittungskarte Sorge tragen!

* Dem Pfarrer Hatten dorf zu Schlüchtern wurde die Localschulinspcction über die Stadtschule übertragen,