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SchlüchternerMung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. »Jllustrirtem Familienfreund" Vierteljahr!. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf

_____ Mittwoch, den 22. Juni 1892.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser erhielt am Montag, den 20., Abend den Besuch des italienischen Königpaares, das bis Freitag im Neuen Palais verweilen wird. Dienstag findet im Lustgarten zu Potsdam große Parade statt und Abends werden sämmtliche Musikkorps der Berliner, Spandauer und Potsdammer Garnison den Zapfenstreich ausführen. Mittwoch reist der Kaiser mit dem König von Italien nach Jüterbog, um Arlilleriesäncßvcrsuchen beizuwohnen. Abends sind sämmtliche Herrschaften in der Galaoper zu Berlin.

16. Juni. Im Ersatzjahr 1890/91 sind in Preußen 117 194 Mannschaften in das Landheer und in die Marine eingestellt worden. Hiervon waren mit Schulbildung 116 209, ohne Schulbildung 985 = 0,84 Proz. 112 251 hatten Schulbildung in der deutschen Sprache, 3958 Schulbildung in einer nicht- deutschen Sprache erhalten.

Prinz Ludwig von Bayern ist zum Präsidenten der deutschen Londwirthschastsgesellschaft für das nächste Jahr gewählt worden.

Sicherem Vernehmen nach ist nunmehr den Be- rufsgenosfenschaflen höhern Orts die Genehmigung ertheilt, ein Zehntel ihres Reservefonds zum Bau von Kranken Häusern zu verwenden. In .Halle soll, nach der Saale Ztg., noch in diesem Jahre mit dem Bau eines solchen begonnen werden. Nach § 46 des obgeänderten Kränken Versicherungsgesetzes vom 1b. Juni 1883 = 10. April 1892 können sich auch Ortskrankenkassen innerhalb des Bezirks einer Aufsichtsbehörde durch übereinstimmende Beschlüsse der beteiligten Kommunalverbände und der Genera Versammlung der betheiltgten Kassen zu einem Verbände, zum Zweck der Anlage und des Betrieb.s gemeinsamer Anstalten zur Heilung und Verpflegung ertränkter Mitglieder, sowie zur Fürsorge für Rekonvales zenten, vereinigen.

* Zur Ausführung des Klebegesetzes. Die Kon­ferenz, welche gegenwärtig im Reichsversicherungsamt tagt, hat die Aufgabe, die rechnerischen Grundlagen der gegenwärtigen Beitragssätze zu prüfen. Die Versicherungs­anstalten können nämlich auch andere Beitragssätze, als sie das Gesetz vorschreibt, beschließen. Es scheint, daß man schon jetzt vielfach die Ueberzeugung gewinnt, daß die jetzigen Beitragssätze zu niedrig sind gegenüber den Rentenverbindlichkeiten, welche die Versicherungsanstalten entgehen.

* DerSraaisanzeiger" hat die von den be- theiligten Ministern erlassene Anweisung, betr. die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe, mit dem Auftrage an die Oberpräsidenten veröffentlicht, die Feststellung der fünf Stunden, in denen regelmäßig die Beschäftigung an Sonn- und Festtagen zu gestatten ist, vor dem 1. Juli herbeizuführen. Die Feststellung der fünf Stunden soll für alle Zweige des Handelsgewerbes einheitlich sein und entweder auf die Stunden von 7 Uhr Vormittags bis 2 Uhr Nachmittags (mit einer zweistündigen Unter­brechung für den Hauptgoltesdienst) oder 6 hg bezw. 6 bis 1'/- bezw. 1 Uhr Nachmittags fallen. Auch da, wo zwei Stunden für den Hauptgottesdienst nicht ge­nügen, kann der Schluß der Beschäftigungszeit nicht über halb 3 Uhr Nachmittags gelegt werden. Für die Zeitungsspedileure können die Stunden von 49 Uhr Vormittags gelegt werden. Für den Handel mit Blumen und Kränzen mnß der Schluß spätestens 4 Uhr Nach­mittags, für den gesammten Handelsverkehr in Bade­orten, Luftkurorten und Plätzen mit starkem Touristenverkehr bis 5 Uhr Nachmittags erfolgen. Ausnahmebestimmungen für den Handel mit Tabak und Cigarren, Colonial- waaren, Confitüren werden nicht zugelassen. Die Be­stimmungen treffen auch die Automaten, fowie die Con- ditoren, Kleinhändler mit Branntwein, sowie andere Kauf­leute, welche gleichzUtig eine Schankgenehmigung besitzen.

21. Juni. Der Raubmörder Wetzel ist heute Morgen früh um 6 Uhr im Gefängniß zu Plötzevsee, wo er internirt ist, hingerichtet worden.

Posen, 16. Juni. Die Ansiedelungs-Kommission kaufte vom Grafen Leo v. Skorzewski dessen im Kreise Schwetz gelegene Herrschaft Bukowiec mit den Vorwerken Branitz und FranJorf und dem Rittergute Schwienko. Das Gesammtareal umfaßt 2253 Hek ar, der Kaufpreis beträgt 930,OuO Mark.

Der militärische FesselballonCaprivi", welcher in Thorn stationirt ist, hat sich am Dienstag während des Sturmes losgerissen und flog mit zwei Unteroffizieren

in der Gondel davon. Bei Zlotterie wurde ein ver­geblicher Landungsversuch gemacht und schon befürchteten die Insassen, von dem rebellischen Lusballon wider ihren Willen über die nahe russische Grenze entführt zu werden, als es ihren energischen Bemühungen schließlich doch noch gelang, auf preußischem Boden zu landen.

Bautzen, 15. Juni. Dieser Tage sollte in einem benachbarten Dorfe die Hochzeit eines sehr wohlhabenden Paares statifinden. Alles war fertig, das Hochzeitsmahl Herge richtet, und das Brautpaar schickte sich an, den Gang auf das Standesamt in Begleitung der Hochzeits­gäste zu thun. Beim Austritt aus dem Wohnzimmer blieb zufällig die Braut am Thürhacken hängen, und riß ein gewaltiges Dreieck in ihr Hochzeitskleid. Alles war bestürzt über das schlimme Vorzeichen. Nothdürftig wurde der Riß zugenäht. Als aber beim Eintritt in das Zimmer des Standesbeamten der gleiche Unfall vor- kam, und die Braut wieder an einem Nagel hängen blieb, war kein Halten mehr. Die Braut weigerte sich entschieden. Die Hochzeit unterblieb.

Der Bürgermeister Horn von Torgau dachte bei der Vertheilung von städtischen Stipendien als zärtlicher Vater zuerst an seine Söhne, denen er nicht weniger als 8000 M. Stipendien zuwies. Dafür erhielt er wegen Untreue 6 Wochen Gefängniß, die Strafkammer in Halle sprach^.ihn aber frei, da das Bewußtsein der Rechts­widrigkeit sich nicht feststellen lasse.

In Marienwerder fand der Frkf. Ztg. zufolge, ein Zusammenstoß zwischen vierzig Artilleristen und Schutz­leuten statt. Die Polizisten mußten fliehen.

Magdeburg. Die Sergeanten Fink und Möhring von der Fußartillerie wollten in der Kasernenstube ein Sprenggeschoß entladen, wobei dasselbe explodirte. Möhring wurde den Kopf abgerissen. Fink und ein Feldwebel wurden schwer verletzt.

In diesen Tagen gelangte ein junger Mann aus Afrika in Magdeburg an, der in der dortigen Fremden­legion gedient hatte und als Deserteur davon gekommen ist. Er ist zweimal desertirt. Beim ersten Male wurde er, als Araber verkleidet, gefaßt, beim zweiten Male ist er als spanischer Kolonist und versehen mit Geld und falschem Paß glücklich nach Spanien und von da nach Italien entronnen. Er warnt jeden jungen Mann und hauptsächlich Handwerksburschen, die Frankreich bereisen, sich von den deutschsprechenden Gendarmen zum Eintritt in die Fremdenlegion überreden zu lassen. Der Dienst und die Wüstenmärsche sind bedeutend schlimmer als Aehnlichcs bei uns, ebenso die Strafen; die geringste Strafe ist gewöhnlich 15 Tage Arrest, wobei täglich sechs Stunden auf einem besonders dazu eingerichteten Platz, der mit spitzen Steinen bestreut ist, exerzirt wird. Nach sechsmonatlichem Dienste werden die Mannschaften von Oran aus in Schiffen zu 12001500 Mann nach Tonkin gesandt, wovon gewöhnlich nur 20 pCt. lebend, aber auch diese vollständig fieberkrank, zurück­kehren. Der Dienst in Tonkin ist fürchterlich, Mann­schaften in Abtheilungen von 150200 Mann stark bleiben 2030 Tage unterwegs, müssen täglich drei bis fünf Mal durch übelriechende Gewässer bis an die Brust marschiren und sind der Gefahr ausgesetzt, dabei von Krokodilen gefressen oder von Tigern und Piraten überfallen zu werden.

Naumburg, 17. Juni. Ein umfangreicher Wein- fälschungSprozeß stand gestern vor hiesiger Strafkammer zur Verhandlung an. Der Kaufmann Paul Herrfurth aus Kirchscheidungen war in den Jahren 1887 1889 bei dem Wein^utsbesitzer Hörbuch in Niederlahnstein als Buchhalter in Stellung und fand als wißbegieriger junger Mann an der Weinfabrikation besonderen Ge­fallen. Er schickte seinen Eltern, dem Landwirthe Karl Herrfurth und dessen Ehefrau Henriette zu Kirchscheid- ungeu Rezepte, wonach sie dieWcinfabrikation" betreiben sollten. Unter hochtönenden Namen:Klosterberger, Kön-gsbacher, Lahnsteiner u. s. w." wurde nun da" edle Naß unter die Leute gebracht, und das Geschäft blühte zur Zufriedenheit der Alten. Im Jahre 1889 übernahm Paul Herrfurth das väterliche Gut und setzte zugleich mit seinem Bruder Karl Herrfurth das Wein­geschäft in Kompagnie fort, das auf einen großen Um­satz schließen ließ, denn im Keller hat sich ein förmliches Labatorium vorgefundur. Unter der FlaggeGebrüder Herrfurth" wurden die Fabrikate an Private und Gast- wir he in großer Menge verkauft. Durch Zwistigkeiten kam das unlautere Treiben an den Tag. Der Gerichts­

hof verurtheilte den Landwirth Karl Herrfurth sen. zu sechs Wochen Gefängniß und 300 Mark Geldstrafe, seine Ehefrau zu drei Wochen Gefängniß und 100 Mk. Geldstrafe wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittel­gesetz, Paul Herrfurth jun. außerdem noch wegen An­stiftung dazu zu sechs Monaten Gefängniß und 1000 Mark Geldstrafe.

Coburg. Bei einer Uebung der freiwilligen Feuer­wehr brach die 21 Meter hohe Leiter und führte so den Tod des braven Obersteigers Beyer und eine schwere Verletzung des Steigers Ebert herbei. Eine Besichtigung der Leiter seitens der Behörde im Beisein des Sohnes des Lieferanten fand gest.rn statt. Man nimmt an, daß die Last der Steiger und des gefüllten Schlauches bei dem herrschenden Wind zu groß war und soeben Bruch verursachte.

München, 17. Juni. Der Raubmörder Schindler, welcher erst vor wenigen Tagen zu lebenslänglichem Zuchthaus vom Prinzregenten begnadigt wurde, ermordete einen Zellengenossen vermittelst einer Schneiderscheere.

In Stuttgart ertränkte sich ein Ibjähr, Junge mit seiner 13jähr.Geliebten" im Neckar. Schade! Mit ungebrannter Asche, rechtzeitig und fleißig angewendet, hätte man dieLieb" austreiben und sie auf vernünftige Gedanken bringen können!

In Saarburg wollten am Montag Nachmittag zwei Ulanen in der Saar baden. Als der erste der beiden Soldaten in den Fluß sprang, ging er sofort unter, worauf der zweite seinem in Todesgefahr schwebenden Kameraden nachsprang, um ihn zu retten. Der mit dem Tode Ringende umklammerte aber seinen Retter so fest, daß dieser mit in die Tiefe gezogen wurde und ebenfalls verschwand. Ein in der Nähe weilender Offizier stürzte sich nun ebenfalls in das Wasser, konnte jedoch den Untergegangenen keine Rettung mehr bringen. Die Leichen wurden bald aus dem Wasser gezogen. Der brave Retter, der mit seinem Kameraden den Tod fand, Theodor Horsch, ist ausRuwer bei Trier gebürtig. Die unglückliche Mutter, eine Wittwe, erhielt die telegraphische Benachrichtigung von dem Tode ihres Sohnes in dem Augenblick, als bei der Ruwerner Feuersbrunst gerade ihr Haus niederbrannte.

Ausland

Wien, 20. Juni. Nach der Durchfahrt Bismarcks zogen eine Anzahl Studenten unter den Rufen:Hoch Schönerer, Hoch Bismarck, Juden nieder" nach der ab­gesperrten Wallnerstraße. Auf die Weigerung derselben, auseinander zu gehen, hieb die Sicherheitswache mit flacher Klinge ein und verhaftete dreizehn.

Newyork, 17. Juni. Ein Wirbelsturm mit heftigen Regengüssen hat gestern Nachmittag im Süden von Minnesota bedeutende Verheerungen angerichtet. In Sherburn ist das Schulgebäude zerstört worden, wobei der Lehrer und 15 Schüler umgekommen sind. Mehrere andere Häuser sind Hingerissen worden, wobei verschiedene Personen verwundet worden sind. Im Ganzen sollen 30 Personen getötet worden sein.

Newyark. Der deutsche Rechsschutzverein in New- York ist gegenwärtig mit einem Fall von weißer Sklaven­arbeit beschäftigt, der, wenn sich die bis jetzt darüber gemachten Erhebungen bestätigen, zu den haarsträubendsten seiner Art gehört. Im Dezember v. I. wurden 25 Deutsche, meist eben eingewanderte Leute, von einem Agenten angeworben, um in den Pon Phosphat- Gruben in Colleton Süd-Carolina, gegen einen Tage­lohn von 1,50 Dollar (6 Mk.) zu arbeiten. Nach ihrer Ankunft dort wurden sie von bis an die Zähne be­waffneten Aufsehern in elenden Quartieren untergebracht und am folgenden Morgen zur Arbeit in die Gruben geführt, in denen bereits eine Me -ge Griechen und. Italiener beschäftigt waren. Anstatt des versprochenen Tagelohnes erhielten sie für den Kubikfuß Phosphat 25 Cents vergütet; da es aber selbst den Kräftigsten und Gewandtesten unter ihnen nicht möglich war, mehr als drei Kubikfuß täglich zu fördern, so belief sich der Tagesverdienst im besten Falle auf 75 Cents (3 Mk.). dabei waren sie genöthigt, ihre Lebensmittel aus der von einem Kontraktor gehaltenen Kantine zu beziehen und dafür unverschämt hohe Preise zu bezahlen. Ihre Habseligkeiten waren den Leuten nach Ankunft von den Aufsehernzur Aufbewahrung" weggenommen worden. Einige der Leute verlangten bhfe zurück, wurden aber mit barschen Worten und sogar unter körperlicher Miß-