SchluchternerMung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf
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Amtliches.
Zur Aufstellung der Hebeliste der Kreisabgaben sind die Gemeindesteuerlisten der Gemeinden nöthig und werden die Herren Bürgermeister zn deren Einsendung bis zum 10. d. Mts. Hierdurch aufgefordert.
Schlächtern, den 3. Juni 1892.
Der Vorsitzende des Kreis Ausschusses: Roth,
Geheimer Regierungsrath.
Kostenanschlag für Herstellung des ZukunftsstaateS.
Im Jahre 1868 oder 1869 hat Herr Bebel den ungefähren Bedarf an Menschenlöpfen berechnet, welche seiner Schätzung nach zur Herstellung des sozialdemo- kratischen Zukunftsstaates erforderlich sein dürften. „Wir brauchen hunderttausend Köpfe, dann ist alles fertig!" So hat, wie wenigstens also Dr. Hans Blum mittheilt, („Die Lügen unserer Sozialdemokratie", S. 329) Bebel, der Oberbaumeister der neuen Welt, sich dem sächsischen Abgeordneten Dr. Götz, Leipzig-Lindenau, gegenüber ausgesprochen. Mit dieser Kleinigkeit würde sich der findige Baumeister begnügen und sich dafür anheischig machen, ohne weitere Nachforderung das „Himmelreich auf Erden", den Zukunftsstaat mit allem Zubehör von Atheismus und freier Liebe fix und fertig herzustellen. Wer die Schwierigkeiten eines solchen Bauunternehmens nicht kennt, dem mag die ausbedungene Summe von hunderttausend Menschenköpfen allerdings als etwas hochgegriffen erscheinen. Wir aber müssen gestehen, daß wir die beantragte Pauschalsumme Bcbels sehr mäßig finden, wenn wir den Preis vergleichen, den ein anderer Volksbeglücker und Vorfahre des Sozialdemokraten- generales für eine Leistung ganz ähnlicher Art verlangt hat. Ein Held der großen französischen Revolution, der genau wie unser sächsischer Drechslermeister das Reich der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aufrichten und die Vernunft und die echte Menschenliebe auf den Thron heben wollte, Marat unrühmlichen Andenkens, hat auch vorausberechnet, wie viel Menschenköpfe etwa unter dem Beile fallen müßten, bis das allgemeine Völkerglück seinen Anfang nehmen könnte. Dieser Revolutionsmann hat aber den Verbrauch von abgeschnittenen Menschenköpfen fast dreimal so hoch als der bescheidene Bebel angesetzt. In seinem Blatte, das er so sinnreich und sachgemäß den „Volksfreund" nannte, forderte er die Männer der Freiheit mit zündenden Worten auf, noch zweihundertsiebzigtausend Köpfe abzu- schlagen, nachdem das Volk von Paris, dieser Zögling des echten Menschenthums, ohnedies schon 6 Tage lang in den Straßen und Häusern nach Herzenslust gemordet hatte. Marat hatte bereits eine Liste entworfen mit 30,000 Namen, deren Trägern er die Köpfe herunter- zunehmen gedachte. Die Jungfrau Charlotte Coroay tödtete aber diesen Freiheitsh.lden meuchlings im Bade, ehe er sein volksfreundliches Vorhaben durchführen konnte. Diese 30,000 Namen im Todtenregister Marats waren offenbar nur der Vortrab jener 270,000 Schlacht, opfer, deren Blut der edle Volkserlöser in echter Bruder und Menschenliebe verlangt hatte. 270,000 Menschenköpfe gegen 100,000! Das ist doch ein Unterschied! Die einmalhunderttausend verstümmelten Leichen, die Bebel verlangt, bedeuten doch eine sehr merkliche Preisermäßigung, ein namhaftes Abgebot gegen die Marat'sche Forderung von 270,000 Todtenschädeln. Gewiß würde Bebel, trotz seiner minderen Ansprüche, die Welt nicht weniger beglücken, als sein Kollege Marat, der Rechner der Köpfmaschine. Man sieht, wie die Zeiten vorwärts schreiten, wie Alles kürzer, praktischer und bequemer eingerichtet wird als früher. Auch die Revolution weiß man heute schonender und liebenswürdiger zu gestalten. Blos 100,000 Menschenköpfe — dann ist Alles fertig. In der That, das klingt sehr einfach im Munde der Leute, welche die Kriege verabscheuen und dieselben auf das Schuldkonto der kapitalistischen Gesellschaft setzen.
Deutsches Reich.
Berlin. In seiner vorletzten Plenarsitzung hat der Bundesrath dem Entwu fe eines neuen Eisenbahn Betriebs- Reglements unter der Bezeichnung „Verkehrsordnung für die Eisenbahnen Deutschlands" die Genehmigung ertheilt. Durch die Verkehrsordnuig erfährt auch das Frachtbrief-Formular Aenderungen, die besonders durch
Mittwoch, den 8. Juni
die neuen, für das Publikum günstigeren Bestimmungen über die Haftpflicht der Eisenbahnen bedingt wurden. Es wird sich deßhalb empfehlen, von dem bisherigen Formulare keine größeren Bestände zu halten, als ungefähr in dem Vierteljahre zwischen der Bekanntmachung und dem Inkrafttreten der Verkehrsordnung aufgebraucht roerb n können. Für das neue Frachtbrief-Formular ist die Verwendung von weißem Schreibpapier, bei Eilgut mit rothen Streifen, vorgeschrieben. Das Papier soll nach den für amtliche Papierprüfungen erlassenen Vorschriften der Festigkeitsklasse 3 und der Stoffkarte III. entsprechen, diese Beschaffenheit als Wasserzeichen führen und für je 1000 Bogen (4000 Frachtbriefe) ein Gewicht von mindestens 34 Kilo haben. Zwar wird sich der Verkaufspreis der Frachtbriefe in Folge dessen etwas höher stellen, aber die großen Unzuträglichkeiten werden aufhören, die die Verwendung billigen Papieres von mangelhafter Haltbarkeit sowohl für das Publikum als für die Eisenbahnen bisher vielfach mit sich gebracht hat. Uebrigens ist in der neuen Verkehrsordnung vorgesehen, daß für regelmäßig wiederkehrende Transporte zwischen bestimmten Orten vereinfachte Formulare zugelassen werden können.
— 1. Juni. Wegen circa zweitausend Betrugsfälle ist ein Freiherr von Koeller und dessen „Braut", Fräulein von Quitzow, in Untersuchungshaft genommen worden. Die dem Verhafteten zur Last gelegten Betrügereien sind dadurch verübt worden, daß erstere an adelige und andere Standespersonen sog. Bettelbriefe versandten, welche von falschen Vorspiegelungen wimmelten Das Geschäft scheint en gros betrieben worden zu sein, denn die Polizei, welche die ersten Ermittelungen in der Sache angestellt hat, schätzt die nachweisbaren Fälle des Betrugs auf 2000.
Aus Mainz wird gemeldet: Das hiesige zweite Nassauische Infanterie-Regiment Nr. 88 erhielt dieser Tage, an Stelle des nach Berlin versetzten Obersten Meckel, einen neuen Regimentskommandeur. Als vor einigen Tagen dieser Herr das Regiment übernahm, hielt er in Gegenwart sämmtlicher Offiziere und Mannschaften eine Ansprache, in welcher er u. A. strenge Disciplin forderte, dabei aber hervorhob, daß er jeder Soldatenschinderei und Quälerei auf das Energischste begegnen und für strenge Bestrafung der Schuldigen Sorge tragen werde. Die ganze Rede soll überhaupt auf die Mannschaften einen sehr guten Eindruck gemacht haben.
Pyrmont. Die Einwohnerschaft von Pyrmont und Oesdorf befand sich in letzter Zeit in einer Aufregung, wie solche selten erlebt worden ist. Infolge der Anzeige des hiesigen Wirthevereins, der wohl nur die Absicht gehabt zu haben scheint, das überhand genommene Pensionswesen höher besteuern und dadurch mehr einschränken zu lassen, hat das Landgericht in Hannover die überraschenden Grundsätze aufgestellt, daß Jedermann, welcher Kurgäste rc. logirt, eine Konzession als Gastwirth, und Jeder, der diesen Personen auch nur Kaffee rc. verabreicht, eine solche als Schankwirth erwirken muß. Die Erlangung dieser Konzession, deren Ausstellung den Kreisamtmännern — nach Anhörung der Ortspolizeibehörde und der Gemeindevertretung bezüglich der Bedürfnißfrage — zugewiesen ist, die aber manche Leute dem hergebrachten Usus zufolge für nicht nöthig hielten, rief eben im Publikum die große Erregung hervor, die sich nun gelegt hat, nachdem die Konz ssion zum Gast- und Schankwirthbetrieb in allen den Fällen ertheilt ist resp. erteilt wird, wo nicht die gesetzlichen Ausnahmen statthaben, und das ist unseres Wissens wohl weder in Pyrmont, noch in Oesdorf oder Holzhausen der Fall. Der Zweck also, den der Wirtheverein erreichen wollte, hat sich in das Gegentheil verkehrt, denn nun ist fast die ganze Bewohnerschaft der genannten Orte mit Konzessionen versehen, und nicht nur bört man von mehreren Inhabern größerer Pensionshäuser, daß sie nunmehr im Besitz der Konzession die ihnen dadurch verliehenen Rechte voll ausnutzen wollen, sondern man hat in auswärtigen Blättern auch mehrfach Anzeigen von hiesigen Einwohnern gelesen welche neben der Empfehlung ihrer Wohnungen den Vermerk tragen: „Auch fi den Passanten freundliche Aufnahme," was bislang in Privathäusern nicht üblich war.
Dargun, 31. Mai. In den litten Tagen der vergangenen Woche hat sich, wie man der „R.-Ztg." schreibt, in dem etwa a/4 Stunde von hier gelegenen Dorfe Glasow ein merkwürdiger Kampf zwischen Störchen und Bienen abgewickelt. Ein Stand Bienen hatte seinen
1892.
Flug nach einem Rabsfeld über eine Scheune, auf der ein Storchnest mit drei Jungen sich befand. Die alten Siörchen bemerkten die vorüberfliegenden Bienen und versuchten sie zu fangen. Hierdurch in ihrem Fluge gestört, wollten sich die Bienen rächen und fielen über die Jungen im Neste her. Nach und nach entspann sich ein Kampf zwischen den sich immer mehr ansammelnden Bienen und den beiden alten Störchen. Letztere sahen aber wohl ein, daß sie der Menge unterliegen würden, und holten sich deshalb Hilfe aus der Umgegend. Es erschienen im Ganzen 13 Störche, welche sich alle auf dem Dache niederließen und nun gemeinsam den Kampf gegen die sich zu einem Schwärm vereinigenden Bienen fortführten. Das Ende war, daß die drei jungen Störche den Stichen erlagen, während die Bienen ihren Flug weiter fortsetzten.
Aus Franken, 24. Mai. Der Besitzer des Wildbades in Haßfurt, Dosch, wurde daselbst am Bahnhöfe in bem Augenblicke verhaftet, als er eben von einer Reise nach München zurückkehrte. Er wurde von Gendarmen nach Schweinfurt an das Landgericht ab geliefert. Es wird nämlich seit fast einem Jahre eine Kellnerin des Dosch vermißt und Letzterer ist verdächtig, dieselbe ermordet zu haben. Außerdem legt man ihm noch verschiedene Unterschlagungen von Kautionen und andere Schwindeleien zur Last.__
Ausland.
Oesterreich. In dem Silbererzbergwerk bei Przibram in Böhmen ist in voriger Woche ein Unglück geschehen, welches wohl das verlustreichste ist, das in Bergwerken je vorgekommen. Ein Feuer brach aus, wie man sagt, durch Böswilligkeit eines Arbeiters, und verbreitete sich schnell in den drei Schächten der Grube. Von den in der Tiefe befindlichen Leuten konnten nur wenige gerettet werden. Sie erstickten im Qualm des Feuers oder wurden bei den Explosionen der Grubengase zerrissen. Auch von den Rettungsmannschaften, die hinab fuhren, erstickten fast Alle. Die Zahl der Todten soll 400 übersteigen. Die meisten hatten eine starke Familie zu ernähren und ist deshalb auch der Jammer ein großer. In Przibram und Birkenberg hat man je ein Massengrab zur Aufnahme der Leichen hergerichtet. In einem Schachte hat man so viele einzelne Körpertheile aufgefunden, daß mehrere Wagen ganz damit gefüllt werden konnten. Die Wegschaffung der Leichen wird noch vierzehn Tage dauern. Die Wiederherstellung der Schachte erfordert eine Arbeit von 15 Monaten. Der Schaden an Material wird auf zweiundeinhalb Millionen Gulden veranschlagt. Die Brnderlade verliert den größten Theil ihres Vermögens.
London, 1. Juni. Der Streik der Durhamer Bergleute ist nach zwölfwöchiger Dauer beendet. Die Grubenbesitzer ermäßigen die Forderung einer Lohn- reduktion von 13‘/a auf 10 pEt. Die Arbeit wird sofort wieder beginnen.
Frankreich Die neuen socialistischen Gemeinderäthe entfalten eine recht nette Thätigkeit. Der von Saint-Denis z. B. ist mit Civilehe und Civilbegräbniß nicht zufrieden und will auch eine Civiltaufe haben. Derselbe hat nämlich auf den Antrag Lacizc's folgende Bestimmung beschlossen: „In einem der Bureaux des Stadthauses wird ein Verzeichniß für Civiltaufen geführt werden. In Anbetracht des Umstandes, daß die Freidenker den Clericalismus Concurrenz bieten und den Kindern, die keiner Religion angehören, eine zweite Familie gründen wollen, verlangen die Eltern, daß dieser Vorschlag sofort ausgeführt werde." — Was sich der besagte Gemeinderath unter der „Civiltaufe" denkt, darüber gibt er vorderhand keine Aufklärung. — Die Pariser Polizei hat, wie jetzt erst bekannt wird, einen wahren Geniestreich gemacht. Es war derselben nämlich geglückt, den Attentäter gegen Very zu fassen, und zwar in der Person eines stellenlosen Kellners Namens Maxen, Anstatt denselben nun dem Untersuchungsrichter zur Ab- urtheilung vorzuführen, versorgte die Polizei den Maxen reichlich mit Geld und ließ ihn frei, weil sie hoffte — ihn als Spitzel zu gewinnen. Maxen hat natürlich nichts Eiligeres zu thun gehabt, als spurlos zu verschwinden und — sich in's Fäustchen zu lachen.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 7. Juni.
—t. Man sieht das Gras wachsen. Während der Städter aus Pfingsten mit Wehmu h den dunklen Horizont