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Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u.Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

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Mittwoch, den 1. Juni

Gegen die Berliner Weltausstellung machen sich nun allgemach, nachdem die erste Hochflut der Begeisterung verlaufen ist, die man der neuen groß artigen Idee entgegcnbrachte,Bedenkenderschwerwiegendsten Art geltend. Es sind dies Bedenken, die eigenthümlicher­weise in dem bekannten lauwarmen Schreiben des Reichskanzlers au den Berliner Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes mit keiner Silbe berührt worden sind, die aber dennoch bei der schließlichen Entscheidung über die Frage nicht ohne Einfluß bleiben werden.

Diese Bedenken beziehen sich auf die sozialen Folgen, die eine Berliner Weltausstellung nach sich ziehen würde. Während nämlich abgewartet werden muß, ob die er­warteten günstigen Resultate für die deutsche Industrie und den deutschen Handel wirklich eintreten, die man sich verspricht, bleiben die schlimmen sozialen Folgen sicherlich nicht aus. Und damit muß gerechnet werden.

Schon die Inangriffnahme der gewaltigen baulichen Neuschöpfungen, die als Vorbedingung einer Weltaus­stellung unerläßlich sind, werden, wie dieSchles. Ztg." sehr richtig ausführt, jahrelang bis zur Vellendung dieser Bauten i eue Arbeitermassen nach der Reichshauptstadt locken und deren Arbeitskraft den Provinzen und vor­nehmlich der Landwirthschaft entziehen, die namentlich im Osten der Monarchie ohnehin infolge des zu­nehmenden Arbeitermangels in die bedrängteste Lage gerathen ist. Daß diese zugezogenen Schaaren nach Schluß der Ausstellung Berlin wieder verlassen und ihre bisherigen Arbeitsorte wieder aufsuchen sollten, ist keines Wegs anzunehmen. Die Erfahrung lehrt das Gegentheil. Sobald sich ländliche Arbeiter erst in das großstädtische Proletariat eingegliedert haben, sind sie für die Land­wirthschaft verloren. Diesen Vorgang sehen wir auch ohne Weltausstellung schon jetzt in von Jahr zu Jahr wachsendem Umfange sich vollziehen. Da nun aber die aus Anlaß der Weltausstellung nach Berlin geströmten Arbeiterschaaren nach Schluß der Ausstellung jedenfalls nicht mehr in der bisherigen Weise beschäftigt werden könnten, so wäre eine dauernde wesentliche Vermehrung des beschäftigungslosen Proletariats der Residenz unaus­bleiblich; dieses Proletariat ist bereits gegenwärtig eine Kalamität für Berlin, deren Beseitigung die städtischen Behörden noch im letzten Winter mit im Ganzen ge­ringem Erfolge beschäftigt hat.

DerArbeitsmangel" in Berlin und derArbeiter­mangel" auf dem Lande würden nach Schluß der Aus­stellung stärker als je zuvor Hervortreken und eine andere Folge wäre das Ueberwucheru der Bauspekulation, das sich schon jetzt, wo der Gedanke sich kaum zu einem Plan verdichtet hat, in der unangenehmsten Weise be­merkbar macht. Ohnehin schon leidet die Reichshaupt­stadt an den Folgen ihres rapiden Anwachsens in den letzten Jahrzehnten. In den Großstadtverhältnissen Berlins treten die Wirkungen der gewaltigen Ver­änderungen deutlich zu Tage, welche die letzten 25 Jahre in dem politischen Leben und in der internationalen Stellung des deutschen Volkes zu Wege gebracht haben. Plötzlich und nahezu unvermittelt ist Deutschland von einem geographischen Begriff zur Bedeutung einer maß­gebenden Großmacht emporgestiegen und ebenso rapid ist Berlin aus einer mäßig großen Landesresidenz zu einer Weltstadt ersten Ranges emporgewachsen. Jahr­zehnte w rden dahingehen, ehe Deutschland in aus­dauernder organischer Einzelarbeit sich seinen neuen natio nalen Besitz dauernd gesichert haben wird, und ebenfalls Jahrzehnte lang muß es dauern, bis Berlin die ihm infolge der gewaltigen Veränderungen in der politischen Machtstellung der Nation locker einzefügtenBevölkerungs und Kapitalmassen zu einem organischen und historisch berechtigten Ganzen wird zusammengeschweißt haben. Das Ungesunde, Pilzartige im Emporwachsen Berlins tritt dem aufmerksamen Beobachter in der Hauptstadt des Reiches auf Schritt und Tritt entgegen, namentlich in den Wohnungsverhältnissen. Ist es nicht charakte­ristisch, daß hohe Würdenträger des Staates und Hofes, die Vertreter alter und reichbegüterter Geschlechter, deren Namen auf den Ruhmesblättern der Geschichte Preußens verzeichnet stehen, die zweiten und dritten Stockwerke bewohnen, während in der ersten Etage sich die Fami.ien reichgewordener Viehhändler aus dem Osten, ehemaliger Gemüsegärtner und aus der Provinz zugezogener Börsenjobber eingemiethet haben?

Alle diese treibhausartigen Erscheinungen, die vcr- hältnißmäßig schnell eingetreten sind und die sich noch keineswegseingebürgert" haben, würden durch den ge­waltigen Zustrom neuer Arbeiter- und neuer Kapitals­massen, wie sie eine Weltausstellung bedingt, nur noch in gesteigertem Maße sich zeigen und der vorübergehende Nutzen, den Gasthofs- und Kneipenbesitzer, sowie ein beträchtlicher Theil der Berliner Geschäftsleute von den Fremden haben würden, kann denn doch nicht gegen die schweren sozialen Schädigungen und Gefahren ein­getauscht werden, die gerade eine Weltausstellung in Berlin im Gefolge haben müßte. Der Plan will daher mindestens noch sehr r-iflich überlegt sein, ehe Reichs-, Staats- und kommunale Behörden freudigen Herzens zustimmen und aus dem allgemeinen Steuersäckel zum Gelingen beitragen sollen.

Deutsches Reich.

Berlin, 30. Mai. Der Kaiser tritt am 29. Juni auf der NachtHohenzollern" von Kiel aus seine Nord­landsreise an, von der er am 4. August zurückzukehren beabsichtigt. Der PanzerSiegfried" und das Trans- ponschiffPelikan" begleit-n die kaiserliche Nacht.

Die junge Königin und mit ihr die Königin- Regentin Emma der Niederlande, die am Sonnabend Abend von Heidelberg kommend, in Frankfurt a. M. an­gelangt sind, sind am Montag in Berlin eingetroffen Die Frau Herzogin von Edinburgh befindet sich mit ihren Prinzessinnen-Töchtern bereits seit Sonnabend Vor mi'tag in Berlin zum Besuch am kaiserlichen Hof und das italienische Königspaar wird, wie jetzt bestimmt ver­lautet, noch in der ersten Hälfte des Juni dort erwartet.

Der mehr als 40jährige Erbgroßherzog von Luxemburg hat sich mit der Prinzessin Louise von Däne­mark, Tochter der Kronprinzen, verlobt. Der Erbgroß Herzog ist das letzte männliche Mitglied des nassauischen HerzogshauseS.

Als zukünftiger Oberbürgermeister von Berlin wird heute in erster Linie der Prinz Heinrich von Schönaick-Karolath genannt.

Aus Eydtkuhnen wird gemeldet: Russische Auswanderer haben hier den Typhus eingeschleppt. Es sind bereits zahlreiche Todesfälle vorgekommen. Sämmtliche hiesige Schulen sind geschlossen. Die Behörde trifft an der Grenze umfassende Maßregeln gegen die Weiterverbreitung der Epidemie.

Halle. Ganz eigenartige, Aufsehen erregende Schmuck­gegenstände sind gegenwärtig in dem Schaufenster des Juweliers Georg Dunke in Halle ausgestellt. Die Sachen bestehen aus einer breiten goldenen Herrenkette, an welcher sich ein massiv gegossenes Pferd als Anhängsel befindet, aus goldenen Sporen, in welche statt der Räder Zwanzig- markstücke eingesetzt sind, und aus zwölf goldenen Knöpfen. Die sehr fein ausgeführten Schmuckgegenstände haben einen Werth von 3000 Mark. Und wer ist der Glück­liche, der sich solche Kleinigkeiten leisten kann? Ein in der Nähe von Halle wohnender Zigeunerhauptmann.

In Erfurt nimmt die Geschäftslosigkeit in erschrecken­der Weise zu. Erst kürzlich haben wieder zwei große Fabriken ihren Betrieb eingestellt; es sind dadurch zahl­reiche Familien brodlos geworden.

In Braubach verunglückten auf dem Silberwerk sieben Arbeiter, welche mit dem Ausputzen des großen Kaminschachtes beschäftigt waren, dadurch, daß sich ein großer Theil des darin befindlichen Rußes loslöste und die Arbeiter verschüttete. Sofortige Hilfe rettete die Unglücklichen vor dem sicheren Tode, jedoch drang das Blut denselben aus Mund und Nase und was das Schrecklichste war, alle hatten das Augenlicht verloren. Man hofft jedoch, daß den Verunglückten die Sehkraft wieder hergestellt wird.

In Laichingen (Württemberg) starb der Gastwirth I. G. Schmid, genanntKuttelbeck". Der furiose Herr wurde seinem letzten Willen gemäß im Sarge auf Exemplare desDemokratischen Beobachters' und desNeuen Alb- Boten" gebettet und, statt in ein Sterbekleid, in eine schwarz-roth-goldene Fahne gehüllt.

Marburg, 26. Mai. Der Warburger Wald wurde heute vorbehaltlich der Königlichen Regierung an Herrn Eisenhüttenwerksbesitzer Wentzel in Mägdesprung am Harz für 1,100,000 Mark verkauft. Das Stadtverordneten- Eollegium beschloß gleichzeitig den gi summten Kaufpreis

für immer festzulegen und falls sich günstige Gelegenheit bietet in Grundvermögen wieder anzulegen.

Ausland.

New Uork, 28. Mai. Ueber einen Wirbelsturm in Wellington wird gemeldet: Der Sturm zog über die Stadt Abends um 9 Uhr, die Gebäude an der Haupt­straßen wurden verwüstet und zerstört, gleichwie bei einem Erdbeben, die Trümmer gerieten in Brand. Seitens der Behörden wurden die Verbindungen mit den Gasanstalten unterbrochen, um die Zerstörungen durch Gasexplosionen thunlichst zu beschränken. Die Rettungs­arbeiten werden bei Fackellicht und Laternenschein vorge­nommen. Im Hospitale sind von den Verwundeten bereits 50 gestorben. Der Wirbelsturm wüthete nament­lich in vier Straßenvierteln, in welches jedes Haus zer­stört wurde. Die Zahl der Bewohner der zerstörten Viertel war glücklicher Weise gering. Der Sturm legte Kirchen, Handelshäuser, vier Zeitungsdruckereien, eine Fabrik und eine Schule, sowie ein Hotel und zahlreiche andere Gebäude in Trümmer.

Brasilien. Der brasilianische KreuzerBahia" soll mit 600 Mann Besatzung untergegangen sein; ebenso der englische DampferDolores" mit seiner gesummten Mannschaft.

Lokales und Provinziell«-.

Schlüchtern, 31. Mai.

* Herr Stationsvorsteher Gallhöfer dahier be­geht morgen, den 1. Juni, die Feier seines 25 jährigen Dienst-Jubiläums. Genannter Herr hat sich während seiner vierjährigen Wirksamkeit auf hiesiger Station sowohl bei den Bahnbeamten, als auch bei dem ge­summten mit der Eisenbahn öfters in- Berührung kommoder Publikum allgemeinste Achtung und Beliebt­heit erworben. Möge es demselben beschieden sein, in seitheriger Rüstigkeit noch lange hier thätig zu sein.

* Am Sonntag wurde auf der rechten Seite des Friedhofs die Leiche eines Mannes aufgefunden. Man erkannte in demselben einen in Herolz beschäftigten Ar­beiter aus Sachsen, dem sein Arbeitgeber ein gutes Zeug­niß gibt. Der Grund zum Selbstmord ist unbekannt.

* Ein Butterprozeß. Vor mehreren Wochen kam folgender Fall in einem Städtchen am Rhein vor: Eine Dame kam in einen Bäckerladen und verlangte einen guten mürben Kuchen. Sie habe ein Geburts­tagsgeschenk zu machen uud wünsche, daß der Kuchen gut und nur mit Naturbutter, also nicht mit Schmalz, auch nicht mit Margarine (Kunstbutter) vermischt sei. Der Bäcker, welcher einer der Dame passenden Kuchen hatte, beschwörte hoch und theuer der Käuferin, er ver­arbeite weder Schmalz noch Kunstbutter, sondern nur reine Naturbutter. Daraufhin kaufte die Dame. Bei Genuß des Kuchens bemerkte man nun einen besonderen Beigeschmack. Die Dame erbat sich ein Stück und ließ es untersuchen, wobei sich herausstellte, daß in dem Kuchen Naturbutter, wie angegeben, nicht enthalten war. Sie brächte die Angelegenheit vor Gericht und der Bäcker wurde wegen Betrug bestraft.

* Vielfach kommen Klagen von Gartenbesitzern vor, daß Hühner rc. in fremde Gärten laufen und die Anpflanzungen abfressen. Wir machen deshalb darauf aufmerksam, daß sich eines strafbaren HutungsvergehenS schuldig macht, wer unbefugter Weise auf fremden Grund­stücken Gänse oder anderes Federvieh hütet, treibt oder laufen läßt, nach Maßgabe der Stückzahl und des ange­richteten Schadens. Gleiche Bestimmungen gelten übrigens auch für das unbefugte Hüten, Treiben und Laufenlassen von Pferden, Rindern, Schweinen, Scha en, Ziegen.

* Es ist wunderbar, wie weit es heutzutage der geschäftliche Fortschritt schon gebracht hat. Nr. 142 der Frks. Zig." (2. Morgenblatt vom 21, Mai) enthält folgendes interessante Inserat:Sichere Existenz. Eine erste Weinproducenten-Fabrik beabsichtigt, einen möglichst in der W.inbranche bewanderten ges. jungen Mann (Jsrl.) als Associe aufzunehmen rc. rc." Daß man Weinfabrizirt", d. h. schmiert ohne Hitze und Sonnen­schein nöthig zu haben, hat man schon gewußt; aber daß auch die Weinproducenten selbst schon fabricirt werden können, das ist neu und noch nicht dagewesen.

* Schließkörbe. Bei Beginn der Reisezeit wird im Interesse des Publikums darauf hingewiesen, daß die