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Mittwoch, den 25. Mai
Zum Himmclfahvisseste.
In dem ruhelosen Arbeits- und Genußleben der Gegenwart, unter dem Rasseln der Maschinen und dem Pfeifen der Lokomotiven, unter dem Zank und Zorn und Kampfgeschrei der Parteien werden die Kirchen- glocken, die das nahestehende Himmelfahrtsfest anknndigen, von Millionen überhört. Diese Glockensprache, die jedes Kind verstehen müßte, ist unverständlich geworden, ja fatal, und könnten Viele wie sie wollten, sie wurden den Glocken den Mund stopfen oder ihnen die Zunge aus dem Halse reißen. „Knurre nicht, Glocke! Zu den irdischen Tönen, die jetzt meine ganze Seele umfassen, will der himmlische Laut nicht passen." Aber gerade darum tönen die Himmelfahrtsglocken ihren Ruf in die Welt hinaus. Er lautet und läutet: Sursum corda,! zu deutsch: Empor die Herzen!
Dieses „Empor!" ist dem Unglauben der Stein des Anstoßes. Zum Himmel empor? Was ist der Himmel? Ein endloser Raum, ein Ocean von Nichts, durch welchen Sonnen und Sterne kreisen. In dieses Nickis soll Christus emporgcfahren sein? Ist dies der Himmel, von dessen Seligkeit ihr träumt? Laßt leichtgläubige Schwärmer, Dummköpfe und betrogene Betrüger von ihm phantasireu! Uns macht man nichts weiß; Wir bleiben auf der Erde. Sie ist unser, und wohl uns, wenn wir ihren Freudenbecher bis auf die Nagelprobe auslrivk n. Ein Narr, wer für das aschgraue Himmelsphantom auch nur ein Haarbreit des lachenden Erdglücks sich abschwiudeln läßt.
„Es wächst hienicden Brod genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust, Und Zuckerechsen n cht minder.
Ja Zuckererbstn für Jedermann, Sobald die Schotten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen."
Das ist Heinrich Heine's frivole Weisheit und die seiner Sinnesgenossen. Summa: der Himmel ist eine Null, und Christi Himmelfahrt weit weniger als eine Null. Gottlob, daß es Einen gibt, der nicht lügt, sondern der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Der redet anders vom HimmU. Er hat uns beten gelehrt: „Bater unser, der du bist im Himmel, — dein Reich komme, — dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden." „Es wird Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße thut, vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen." „Freuet euch, daß eure Namen im Himmel geschrieben sind."
* Der Himmel ist nicht der leere Raum über uns, sondern die von allen Schranken des Raumes freie, alles Oben und Unten durchdringende Welt des unsichtbaren, heiligen, barmherzigen, in Christo geoffenbarten Gottes, das Ziel und die ewige Heimath derer, die durch Ihn Kinder Gottes geworden siud. DerDornengekrönte, auf den Tod Angeklagte, Verspottete und Gegeißelte hat vor seinem Richter feierlich bezeugt: „Ich bin ein König." Der Auferstandene ist in sein Königreich ein- gekehrt, nicht um von den Seinen zu scheiden, sondern um bei ihnen zu bleiben und sie sich nachzuziehen. „Muß ich nicht sein in dem was meines Vaters ist?" „Wo ich bin, soll mein Diener auch sein." „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben." Wie groß, wie herrlich erscheint das Erdenl-ben in diesem Lichte! Alle Arbeit und Kampf ein Dienst dem ewigen Könige. Alles Wandern durch Höhen und Tiefen eine Wallfahrt nach der ewigen Heimath! Das ist der Werth des Erdenledens, das die Quelle einer ewigen Hoffnung. Darum läuten die Himmelfahrts- ^ glockenauf's Neue: Sursum corda! zu deutsch: Empor die Herzen! r—.
Deutsches Reich.
i Berlin. Kaiser Wilhelm ist am 21. d. von Schlobitten nach Prökelwitz weitergereist; die Rückkehr nach Potsdam dürfte erst am 28. d. erfolgen.
— Während es in der letzten Zeit in den Zeitungen allgemein hieß, die Wilitairvorlage sei einstweilen zurück gestellt, schreibt die „Post": Wir haben Grund anzunehmen, daß die Behandlung der Sache bereits bei der Feststell- ung der Einzelheiten des Planes und den weiteren unumgänglich damit verbundenen Konsequenzen angelangt ist Die Vermehrung wird nur taktische Einheiten der Fuß
truppen umfass n, diese aber im umfangreichsten Maßstabe, entsprechend den vom Herrn Reichskanzler in der Reichs- tagssitzung vom 27. November v. I. gemachten Anden hingen über die Ausnutzung der steigenden Bevölkeruncs- ziffer des Reiches zur Stärkung der Wehrkraft. In diesem Sinne unterbleibt auch jede Aufstellung höherer Stäbe, insbesondere ist-von einer Bildung neuer Armee- Korps keine Rede, dies würde ohnehin dem Grund-Charakter unserer Heeres - Verfassung widersprechen. Der ganz allmälige llebergang zur zweijährigen Dienstzeit mit Ausschluß der berittenen Waffen steht in Aussicht, jedoch ist nicht ausgeschlossen, daß für Leute mangelhafter Führung oder ungenügenden Ausbildungsgrades das Retentions-Recht für ein drittes Jahr aufrecht erhalten wird. In lokaler Hinsicht werden sich die Folgen der in Aussicht stehenden Maßnahmen über das ganze Reich erstrecken.
— Am Freitag ist auf seinem Gut Kiekow der vielgenannte konservative Reichstagsabgev'duete v. Kleist- Retzow im Alter von 78 Jahren gestorben. Von 1851 bis 1858 war derselbe auch Oberpräsident der Rhein- provinz Er war auch von seinen politischen Gegnern als überzengungstreuer Politiker hochgeehrt. Dem Reichstage gehört derselbe seit 1877 als Vertreter des Kreises Herford-Halle an. 1883 wurde er zum wirklichen Ge- heimenrathe mit dem Titel „Excellenz" ernannt.
— Die Rangliste der preußischen Armee für das Jahr 1892, die neulich bei E. S. Mittler & Sohn in Berlin erschienen, ist ebenso wie ihre letzte Vorgängerin nach dem Stande der Armee am 1. April aufgestellt. Die Zahl der Offiziere hat sich im activen Dienststande um rund 300 erhöht, ebenso ist Sie Zahl der activen Sanitätsoffiziere um etwa 10 gestiegen. Die Gesammr- zahl der Ernennungen und Beförderungen unter Berück sichtignng inzwischen vorgegangener Abgänge betrug im activen Dienststande: 1 Generaloberst, 5 Generale, 27 Generallieutenants, 49 Generalmajors, 90 Obersten, 128 Oberstlieutenants, 302 Majors, 494 Hauptleute und Rittmeister, 6l0 Premierlieutenants, 1019 Sccondelieute- uants und 181 Sanitätsoffiziere. Die Abgänge durch Verabschiedung belaufen sich auf 2 Generale, 19 General- lieutenants, 26 Generalmajors, 49 Obersten, 34 Oberstlieutenants, 121 Majors, 141 Hauptleute und Rittmeister, 107 Premierlieutenants, 161 Secondelsintenants. Die Zahl der Inhaber des Eisernen Kreuzes, welche in der Rangliste stehen, hat in den letzten Jahren erheblich ab- genommeu. Es sind nur noch vorhanden: Inhaber des Großkreuzes 1, des Kreuzes erster Klasse 183, des Kreuzes zweiter Klasse am schwarzen Bande 3306 und des Kreuz-s zweiter Klasse am weißen Bande 464.
Hannover, 18, Mai. Heute wurde in der hiesigen Strafkammer für Berufungen ein Urtheil veröffentlicht, welches für die Gastwirthe aller deutschen Bäder von prinzipieller Wichtigkeit ist. Der „Gastwirtheverein Pyrmont" hatte gegen eine Reihe dortiger Einwohner, den Bürgermeister an der Spitze, bei der Polizei Straf- antrag gestellt wegen unbefugter Ausführung der Gastwirthschaft unter der Motivirung, daß sie keine Gewerbesteuer bezahlten, somit den wirklichen Gasthofbesitzern, die alle ihre Etablissements mit mehr oder weniger großen Opfern erworben hätten, eine unerlaubte, sie schwer schädigende Konkurrenz machten. Kläger erwirkten denn auch, daß dieselben zu einer Geldstrafe von je 3 Mk. verurtheilt wurden, sie beantragten aber richterliche Entscheidung und wurden vom Schöffengericht in Pyrmont freigesprochen. Der hiergegen eingelegten Berufung wurde heute stattgegeben und verurtheilte der Gerichtshof die Verklagten zu einer Geldstrafe von je 3 Mk. und Tragung der Kosten, weil erwiesen sei, daß sie an die von ihnen beherbergten Badegäste Wein, Schnaps und Bier mit einem entsprechenden Nutzen verkauft hätten und deshalb nach dem Neichsgewerbe- Steuergesetze verpflichtet gewesen wären, Gewerbesteuer zu bezahlen.
Halle a. S., 15. Mai. In der chirurgischen Station der hiesigen Klinik wurde in vergangener Woche von Herrn Prof. v. Bramann eine höchst eigenartige und interessante Operation ausgeführt. Es handelte sich um einen Geschirrführer aus der Umgegend, bei dem sich nach einem Schlage auf den Kopf einige Zeit nach der Verletzung die Symptome einer schweren Lähmung der linken Seite zeigten. Herr Geh. Rath Prof. Hitzig, in dessen Behandlung sich der Kranke begehen hatte, diagnostizirte
einen Tumor der rechten Hirnhälfte, der nach dem Schlage entstanden wäre und nun auf der linken Seite drücke. Er überwies den Patienten Herrn Prof. v. Bramann, damit die Geschwulst operativ entfernt würde. Herr Prof. v. Bramann meißelte zunächst, wie die Saale-Z. ausführt, ein etwa 4 cm im Geviert messendes Stück heraus. Es fand sich auf der Innenseite derselben eine durch Wucherung des Knochens entstandene harte Leiste, die eine scharfe Furche im Gehirn gebildet hatte. Bei der Spaltung der harten Hirnhaut zeigte sich, daß die Geschwulst bedeutend größer war als man vermuthet hatte, es mußte daher i die Ocffnung der Schädeldecke beträchtlich erweitert werden. : Nun sah man, daß der Tumor oberflächlich 11 cm lang i und 9'/- cm breit war, die Tiefe konnte noch nicht be- stimmt werden. Da er ziemlich scharf abgegrenzt war, begann Herr Professor v. Bramann denselben, trotzdem viele Blutgefäße in seiner Nähe die Operation sehr erschwerten, herauszulösen. Es gelang ihm, die ganze erkrankte Partie ohne Verletzung der anliegenden Hirntheile zu exstirpiren. Dieselbe hatte das kolossale Gewicht von 520 g, also von beinahe einem Drittel des ganzen Hirns. Da die Beseitigung der Geschwulst natürlich eine große Höhlung im Schädel hinterlassen hatte, wurde dieselbe mit Jodoformgaze ausgestopft, die krankhaften Knochen- theile wurden noch entfernt und die Schädelhöhle wurde einstweilen geschlossen. Die Operation ging ohne Störung vor sich. Herr Professor v. Bramann sprach auch die Hoffnung aus, daß sich der Patient wieder erholen und dauernd von seiner Lähmung geheilt sein würde. Die schwierige Operation beanspruchte etwa 1'/, Stunden.
Nürnberg, 19. Mai. Zu einem „interessanten Versuche" hat die hiesige Fabrik (norm. Utendörffer) der rheinisch-westfälischen Sprengstoff-Aktiengesellschaft bei der Regierung um Erlaubniß nachgesucht. Um zu beweisen, daß die Fabrik für die Nachbarschaft ungefährlich sei, will sie unter gleichen Verhältnissen an geeignetem Platze 50 Kilogramm Knallquecksilber zur Explosion bringen. Der Magistrat bezweifelt zunächst, daß sich ein „geeigneter" Platz hier finden werde, an dem man an der Nachbarschaft die Wirkung oder Nichtwirkung der Explosion werde „studiren" können, zumal Knallquecksilber noch viel stärker wirke, als Dynamit.
Aus Baden schreibt man: Andere Länder, andere Sitten! Während in Preußen der Kultusminister Bosse gegen die Schülerverbindungen in schärfster Weise vor- geht, wird-zu kommenden Pfingsten an einem badischen Gymastum das 80jährige Jubiläum einer Schülerverbindung mit größtem Pomp gefeiert werden! Auch der Wirths- Hausbesuch ist den Schülern der oberen Klassen gestattet und Eltern und Lehrer, nicht an letzter Stelle die Herren Schüler, befinden sich anscheinend wohl dabei. — Etwas bedenklicher scheint ein Unfug, der den norddeutschen Begriffen von Zncht und Sitte geradezu Hohn spricht. Sehr häufig entwickeln sich nämlich zwischen den Schülern der oberen Klassen und den gleichaltrigen „höheren Töchtern" regelrechte Liebesverhältnisse. Als kürzlich ein Lehrer durch die beständig vor seinem Klassenzimmer Fensterparade machenden Mädchen gestört wurde und er die „Damen" mit etwas derben, deutschen Ausdrücken bezeichnete, wurde er von denHerrnEltern (höheren Beamten) beigem Oberschulrathe verklagt undsieht seiner Bestrafung entgegen.
Gießen, 19. Mai. Nach einer der hiesigen Staatsanwaltschaft zugegangenen Mittheilung wurde in dem Orte Nuppertenrod im Kreise Alsfeld ein junger Mann wegen Falschmünzerei verhaftet. Der Verhaftete hat auch bereits, wie die „Frkf. Ztg." berichtet, das ihm zur Last gelegte Verbrechen eingestanden.
Ausland
Oestcrrcich-Nngarn. Das Leben des dieser Tage verstorbenen ungarischen Ministers Gabriel Baroß erinnert an Charaktere, wie sie uns das Alterthum in Aristidrs beschreibt. Sein Vater ist heute noch Bezirksrichter in Jlava mit einem Jahresgehalt von 1500 Gulden. Nichts ist bezeichnender für Baroß, als daß er znr Zeit seiner höchsten Macht nie daran dachte, seinen Vater in ein höheres Richteramt zu bringen, wie er überhaupt nicht einen einzigen Anverwandten förderte oder ins Amt brächte. Der Mann seiner einzigen Schwester blieb nach wie vor Aufseher des Gefangenenhauses in Jlava. Da das Vermögen seiner Frau kaum hinreicht, um die zwei Kinder bescheiden zu erziehen, er selbst aber als völlig mittelloser Mann starb, so wird beabsichtigt, im Re chs-