MüchternerZeitung
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Samstag, den 14. Mai
Der unreelle Zwischenhandel mit Vieh, seine Ursachen; Vorschläge zur Abhilfe.
(Schluß.)
Was leistet denn nun dem unreellen Zwischenhandel mit Vieh Vorschub? Das ist zunächst das Fehlen ein s einheitlichen Gewä^rschaftsgesctzcs durch das ganze Deutsche Reich! Jetzt hat jeder kleine Staat, wenn er überhaupt ein derartiges Gesetz hat, ein sehr mangelhaftes, das den heutigen Verkehrs- und Handelsverhältnissen nicht mehr entspricht^ meistentheils wird nach dem gemeinen Recht entschieden, das aber auch so viele Grenzen und Aus- führungen hat, daß jeder Landwirth, sei er nun Großgrundbesitzer ober Bauer, gern vermeidet, damit in Berührung zu kommen; er steckt lieber den Schaden ein, als daß er sich lange in Prozesse einläßt, die oft zweifelhaften Ausg»ng haben können. Es kommt hinzu, daß die Angabe der Gewährsfristen eine zu komplizierte ist, daß der bei weitem größte Prozentsatz der Landwirthe ihren Zweck überhaupt nicht kennt, während der Händler sich lediglich damit beschäftigt, die Gewährsfristen sämmtlicher Staaten, Provinzen und ev. Bezirke kennen zu lernen; er studin förmlich darauf, er weiß genau, wo er fehlerhaftes Vieh billig ersten kann, und wo er es zum Nachtheil des Käufers wieder losschlagen kann, er macht sich (ein Gewissen daraus. Es ist deshalb der Landwirth in handelsrechtlicher Beziehung nicht genügend gegen den Betrug beim Kauf und Tausch von Vieh geschützt.
Es begünstigt aber auch der Mangel an barem Gelde den unreellen Zwischenhandel; wie ich Ihnen aber schon vorher sagte, kennt der Zwischenhändler, sei er nun Jude oder Christ, die Verhältnisse eines Jeden innerhalb seines Bezirkes, er weiß, wo jeden der Schuh drückt; mit dem größten Entgegenkommen weiß er sich das Verträum der Landwirthe zu erwerben; er ist zähe wie Leder und läßt nicht eher nach, bis das erste Geschäftchen, vielleicht zu seinem Nachtheil, gemacht ist; Geld spielt keine Rolle, er giebt sich den Anschein, als mache er Geschäfte nur der Ehre halber. Kann der Landwirth nun aber nicht zahlen, so sitzt der Händler bald fest, er bringt Vieh in und aus den Ställen. natürlich niemals werthvolleres, der Landwirth kann ihm nicht entgegentreten, er verliert den Muth, sein Geschäft geht statt vorwärts rückwärts, bis er schließlich mit dem weißen Stock von Haus und Hof zieht. Wie das gemacht wird und wie das geht, haben wir ja in allerletzter Zeit hier in der Umgegend genügend erfahren.
Darum aber, und das ist sehr zu bedauern, fehlt auch das Zusammenhalten und das Vertrauen der Land Wirthe untereinander. Wie mancher Landwirth möchte gern ein zum Verkauf stehendes Stück Vieh erwerben, er hat auch darum gehandelt, der Verkäufer glaubt es aber für den gebotenen Preis nicht abgeben zu können, weil er sich übervortheilt glaubt; da muß erst der Zwischenhändler dazwischen kommen, der ersteht es vielleicht noch um einen geringeren Preis, um es nun an den ersten Kaufliebhaber abzugeben; oder aber der Käufer hat kein baares Geld liegen, der Verkäufer will sich durch den Verkauf des Thieres baares Geld verschaffen, so muß er von dem Verkauf Abstand nehmen, weil ihm das Vertrauen fehlt, sich irgend einem Berufsgenossen zu offenbaren, der ihm die nöthige Summe vorzuschießen in der Lage wäre, oder aber, der ihn veranlaßte, seine Verhältnisse klar zu legen und bei irgend einer guten Kasse das Geld zu ei heben; hier spielt auch die Scham eine traurige Note. Dies sind die hauptsächlichsten Gründe, die dem unreellen Zwischenhandel Vorschub leisten und die event, gemeingefährlich werden können. Wollten wir nun noch nach Privatgründen sehen, so würde das ein Thema ohne Ende sein, ich bin aber der Ansicht, daß das Jeder mit sich selbst abzumachen hat, und daß er vielleicht durch den Schaden, den er durch Unachtsamkeit und Bequemlichkeit erleidet, klug wird.
Ist es denn nun möglich, daß hier eine Besserung eintritt? Da muß man unbedingt sagen: „Ja". Den ersten Schritt dazu müssen aber die Landwirthe selbst thun, sie müssen sich zusammenscharen gegen einen Feind, der ihre Existenz bedroht, der ihnen das, was sie sich sauer erworben, frevelhaft entlockt, d. h. in erster Reihe ist hier Selbsthülfe erforderlich, nicht aber des Einzelnen, sondern der gesammten Landwirthe, und dazu gehört wiederum ein festes Vertrauen untereinander. Es darf z, B. kein Landwirth glauben, daß sein Berufsgenosse
Deutsches Reich.
Berlin. Die Broschüre „Judenflinten", von dem durch seine sonstigen Agitationen bekannten Rektor Ahlwardt herausgegeben, hat ihrer verblüffenden Behauptungen wegen ein gewisses Aufsehen erregt, wenngleich man die darin gemachten Angaben von vornherein für mindestens stark übertrieben halten mußte. Daß ein ganzes Heer von königlichen Beamten, Offizieren und von Arbeitern der Gewehrfabrik von Ludwig Loewe n. Comp. sich durch Bestechen bereit finden lassen sollte, seine Pflichten auf das schmählichste zu verletzen, schien unglaublich; ebensowenig die Angabe, daß die von der Fabrik gelieferten 425,000 Gewehre „unbrauchbar" seien. Demgegenüber veröffentlicht der „Reichsanzeiger" eine offizielle Kundgebung, wonach das Hauptmaterial zu den Gewehren, der Lauf (Laufstube), vom Staate geliefert worden ist; daß sich bei der amtlichen Prüfung vor der Abnahme ebensowenig wie jetzt nach anderthalbjährigem praktischen Gebrauch der Gewehre besondere Mängel nicht bemerkbar gemacht haben, daß endlich gegen die in der Broschüre Ange- schuldigten die gerichtliche Untersuchung eingclcitet und dem Staatsanwalt Mittheilung gemacht worden sei.
* — Die Sozialdemokraten und das Nationaldenk- mal auf dem Niederwald. Das sozialdemokratische Cen- tralorgan in Berlin bringt eine Reihe von Einzelberichten
sich über Verhältnisse aufhält, die er ihm anvertraut, er darf nicht glauben, daß der Händler eher darüber schweigt, der sich außerdem noch das erwünschte Schweigen theuer bezahlen läßt. Um das Vertrauen aber mehr und mehr zu wecken, ist die Gründung von Darlehns- kassen nach Raiffeisen'schem oder Schultze Delitz'schem System in das Auge zu fassen, die ihren Mitgliedern jederzeit Geld verschaffen können, und die, wo sie bestehen, segensreich wirken. Ferner müssen die Landwirthe aber auch versuchen, unter Umgehung des Zwischenhändlers das Vieh selbst in den Ställen oder auf den Märkten zu kaufen, von welch' letzteren zu diesem Zweck immer mehr auch an kleineren Orten einzurichten sein würden; so wie jetzt der Zwischenhändler Hauptperson auf den Märkten ist, der nach der einen Seite tue Preise drückt, nach der andern steigert, so müßten es in Zukunft die Landwirthe selbst sein, die unter Um gehung des Zwischenhandels sich ihren Bedarf an Vieh erstehen. Ist aber der Zwischenhandel absolut nicht zu umgehen, nun da kaufe oder verkaufe mau nur gegen Schlußscheine, man ist dann wenigsten gegen spätere Reklamationen gedeckt; es handelt sich doch beim Viehhandel gewiß um ansehnliche Beträge, wir pflegen doch gewöhnlich schon bei weit geringeren Werthgegenständen die Verträge schriftlich abzuschließen, nun, da frage ich feie, warum geschieht dies hier nicht? Da der Abschluß mit Schlußscheinen für den Einzelnen aber unmöglich, sogar vielleicht mit Nachtheilen verknüpft ist, so suche man die Versicherungsvereine dafür zu gewinne», daß sie; dieAufnahme von M tzliedern davon abhängig machen und einen dementsprechenden Paragraphen in ihren Statuten aufnehmen, ebenso die landwirthschaftlichen Vereine, deren Mitglieder sich dazu verpflichten. Haben wir gesehen, was durch Selbsthülfe zu geschehen hat, so yat aber auch der Staat seine Verpflichtung, Abhülfe zu schaffen und die bedrohte Landwirthschaft zu schützen und zwar nicht zum geringsten Theil; dazu gehört:
1) daß er ein einheitliches Gewährschaftsgesetz schafft, das gemeinverständlich ist, und absolut gar keinen Zweifel irgend welcher Art auskommen läßt; 2) daß er die Gesetzgebung dahin ergänzt, daß Kauf oder Tausch von Vieh nur gegen allgemeine Schlußscheine statt finden darf, aus oben angeführten Gründen; 3) ferner, daß er zu prüfen habe, ob die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen über Viehhandel und Umherziehen nicht aufzuheben und durch andere mehr den Verhältnissen entsprechende zu ersetzen sind.
Wenn auf diese Weise der Landmann sich selbst hilft, ferner der Staat durch entsprechende Gesetzgebung seine Hülfe nicht versagt, so darf mit Sicherheit erwartet werden, daß der unreelle Zwischenhandel in die gebührenden Grenzen gewiesen wird, der alte, ehrliche deutsche Handel, bei welchem ein Handschlag so viel galt als ein Eid, sich aber wieder ausbreitet, zum Segen für den Einzelnen, das ganze Volk und Vaterland.
über die Maifeier aus den verschiedensten Gegenden. Aus bent Wust dieser Berichte verdient einer hervorge- hoben zu werden, der ein unnmwundencs Zeugniß ab- legt von der vaterlandsfeindlichen Gesinnung der Partei. Es wird darin uiitgctheilt, daß die Genossen von Bingen und Rüdesheim einen Ausflug nach dem Niederwald hätten machen wollen, um in jener Gegend, „wo der Chauvinismus in höchster Blüthe stehe", dem Gedanken der internationalen Solidarität des Proletariats Ausdruck zu geben. Das Wetter habe jedoch die Ausführung des Planes vereitelt unb es sei das Fest in Bingen abgehalten worden, bei welchem dann an die französischen Genossen eine Adresse beschlossen worden sei. In dieser Adresse, deren Wortlaut mitgetheilt wird, heißt es: „Die Sozialdemokraten von Bingen und Rüdesheim glauben, den internationalen Arbeiterfeiertag am besten dadurch begehen zu können, daß sie hier am Fuße des Niederwald-Monuments Protest erheben gegen die Pflege des Völkerhasses, die das edelste Gefühl des Menschen, die Nächstenliebe, systematisch untergraben würde, wenn nicht die Arbeiterklasse diesem Treiben ein energisches Halt zu- riefe. Heute am 1. Mai soll durch die von Chauvinismus verpestete Luft der Niederwaldgegend (! D. R.) ein gesunder Hauch freiheitlicher Nächstenliebe wehen, und am selben Orte, wo der sogenannte Patriotismus der „deutschen Denker" unzählige Male Orgien gefeiert hat (! D. R.) bekunden wir, daß das arbeitende Volk diesseit und jenseit der Vogesen einig ist trotz aller Verhetzung. Hier, wo die deutschen Mordpatrioten (! D. R.) ihr „Nieder mit Frankreich" brüllen, rufen wir den Proletariern jenseit der Vogesen unsern aufrichtigen Brudergruß zu." Die Sprache dieser eynischen Adresse ist so unverhüllt und klar, daß ein Commentar überflüssig ist.
— v. Mai. Die Justizkommission beschloß einstimmig, die Wünsche der Kanzleigehilfen auf Verlängerung der Kündigungsfrist nach dreijähriger Beschäftigung, wie auf Versorgung der Hinterbliebenen bei Dienstunfähigkeit zur Erwägung zu überweisen.
* — Nach einer Entscheidung des Kammergerichts dürfen Stcllenvermittler Gesinde, das schon in Diensten steht, unter keinerlei Umständen und Vorwände znm Verlassen des Dienstes und Annahme einer anderen Stellung anreizen. Eine Uebertretung dieser Bestimmung machen sich die Stellcnvcrmittler auch dann schuldig, wenn sie den bei dem Gesinde bereits vorhandenen Willen, den Dienst zu verlassen, nur bestärken.
Königsberg. Ueber einen Todesfall durch Schlangenbiß wird berichtet: Am Dienstag vergangener Woche begab sich der 10jährige Sohn eines Käthners in die Kaporn'sche Forst, um Reisig zu sammeln. Hierbei trat er mit dem nur mit Holzschuh bekleideten Fuß auf eine Kreuzotter, welche ihn sofort in den Fuß biß. Nun herrscht bei dem Landvolke der Aberglaube, daß sich die Schlange nach dem Bisse sofort nach dem nächsten Wassergraben begiebt, um sich hier zu stärken und neues Gift zu sammeln, wenn aber der Gebissene einen solche» Wassergraben früher erreicht als das Reptil, so verliere das Gift in der Bißwunde die Wirkung und bleibe gänzlich unschädlich. Der Knabe erreichte auch in der That früher einen Wassergraben, natürlich ohne daß der erwartete Erfolg eintrat; durch die Anstrengungen des Fußes beim Laufen schwoll derselbe vielmehr so schnell an, daß der Knabe bei seiner Heimkehr die entsetzlichsten Schmerzen litt. Anstatt nun für sofortige ärztliche Hilfe zu sorgen, begann man jetzt mit Hausmitteln den Fuß zu behandeln, die natürlich gleichfalls ohne Wirkung blieben. Nach achtzehnstündigen qualvollen Leiden hauchte der Knabe sein Leben aus.
Brandenburg a. H. Die „Märk. Ztg." weiß Folgendes zu berichten: Ein Tischlermeister in B. hatte einen Sarg auf Vorrath angefertigt, als seine Frau in die Werkstatt kam', ihre Freude an dem wohlgelungenen Werke bekundete und sich scherzend in seine Höhlung legte. Als sie aber wieder aufzustehen versuchte, da versagten ihr die Glieder den Dieost. Es war ihr, sagte sie später, als ob sie die kalte Hand des Todes niederwürgte. Es war wohl die Enge des Raumes im Sarge, der im letzten Augenblicke den Gebrauch der Glieder hinderte. Der Schrecken über dieses plötzliche Hemmniß zog ihr einen Schlagfluß zu. Man legte sie auf ein Lager, von dem sie sich nicht wieder erheben sollte. Sie wurde in demselben Sarge begraben.