SchlüchternerMung
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JS 33. Samstag, den 23. April 1892.
Sla1istikderNatural-BcrpfiegungStza1iotten *)
Dieselbe beruht auf amtlicher, dem Centralvorstaude deutscher Arbeiterkolonien durch Ausfüllung eines Fragebogens ertheilter Auskunft der Regierungspräsidien in den größeren und der Centralbehörden in den übrigen deutschen Staaten und ergiebt folgende Resultate:
Ohne Verpflegungsstationen sind von den 26 deutschen Staaten nur 4, Mecklenburg Schwerin, Reuß jüngere Linie, Hamburg und Lübeck; ihnen reihen sich an die Reichslande mit nur einer Station in Metz.
Von den größeren Bezirken in den einzelnen Staaten sind stationslos die Regierungsbezirke Aurich, Stade, Oberpfalz, das Großherzogthum Oldenburg und die Stadt Berlin; ihnen reihen sich an der Bezirk der Kreishauptmannschaft Leipzig mit nur einer und der Regierungsbezirk Osnabrück mit nur 2 Stationen. Berlin, Leipzig und Reuß sind Enclaven, die übrigen Bezirke von Mecklenburg bis Osnabrück einerseits, die Reichslande andererseits bleiben zwei große zusammenhängende stationslose Grenzgebiete. Das Stationsgebiet umfaßt 486 658 Quadratkilometer mit 42 890 037, das stationslose oder fast stationslose 53945 O. Klm, mit 6 529 805 Seelen. Innerhalb des Stationsgebietes kommt eine Station auf 248,68 Q.-Klm. und auf 21907 Seelen, somit kommen auf 1000 Q.-Klm. 4,02 Stationen und auf WO 100 Seelen 1,50 Stationen. In einzelnen Bezirken ist das Stationsnetz viel zu eng, in anderen zu weit. Eine arithmetische Normalziffer läßt sich nicht feststellen, weil das Bedürfniß je nach der Dichtigkeit der Bevölkerung, der Lage der Städte und der Zahl der die einzelnen Bezirke durchquerenden Landstraßen ein verschiedenes ist. Im Jahre 1890 zählte Deutschland im ganzen 1957 Stationen, von denen 1255 von Kreisen, 452 von Gemeinden, 250 von Vereinen unterhalten wurden. Untergebracht waren 1073 in Gasthäusern, 252 in christlichen Herbergen zur Heimat, 632 in besonders dazu gemieteten oder hergegebenen Lokalitäten. Mit Arbeitsnachweis waren verbunden 1158, nicht verbunden 799 Stationen. Arbeit auf der Station selbst forderten 1116, forderten nicht 841 Stationen. Der Verfasser legt großes Gewicht auf die Stationsarbeit, weil unentgeltliche Verpflegung und Beköstigung ohne Arbeitsleistung das zwecklose Umherwandern, das leichtsinnige Aufgeben einer guten Arbeits- oder Dienststelle erleichtert und namentlich den Handwerksmeistern in kleinen Städten, Flecken und Dörfern zu der Klage Veranlassung giebt, es werde ihnen erschwert, G.sellen zu bekommen, indem letztere auf der Stationsstraße kostenlos von einer großen Stadt zur andern wandern und den Aufenthalt in den wenig Vergnügungen bietenden kleinen Orten verschmähen.
Aus ähnlichen Gründen ist der Verfasser ein Gegner der Unterbringung der Stationen in Gasthäusern. In der einheitlichen Organisation der Arbeits-Nachweisestellen und speziell in der Herstellung einer Verbindung zwischen denselben sieht er ein bedeutendes Moment der zukünftigen Entwickelung. Es wird zu viel unnütz hin- und hcrge- wandert. Leute, die in Köln keine Arbeit gefunden haben, wandern nach Hamburg, um Arbeit zu suchen, und begegnen unterwegs Genossen derselben Branche, die mit gleichem Schicksal und zu gleichem Zwecke von Hamburg nach Köln wandern. Die Noth nach Arbeitern ist gegenwärtig größer, wie die Noth nach Arbeit. In Düsseldorf und Hannover seit kurzer Zeit etablirte Cen- tral-Arbeits-Nachweisebüreaus haben überraschende Erfolge erzielt. Auf sämmtlichen Stationen zusammen sind im Jahre 1890 in Deutschland 1936 091 Nachtquartiere , 1 662 606 Frühstücksporlionen, 972 490 Mittagsportionen, 1 871591 Abendbrotportionen verabfolgt worden. Verfasser freut sich, daß so viele mittellose Wandersleute, ohne betteln zu müssen, ein ordentliches und barmherziges Nachtquartier erhalten haben, das sie vor den Gefahren der Schnapsschränke bewahrte. Er klagt aber darüber, daß, wie die Differenz zwischen den Zahlen erweist, nicht auf allen Stationen Herberge und volle Tagesverpflegung verabfolgt wird und somit immer noch die Versuchung zum Betteln bleibt.
Dividirt man mit 365 in die Gesammtsumme der Nachtquartiere, so erhält man annähernd die Zahl der
E. v on Mas sow, Statistik bet Naturat-Verpflegungs- stationen, 20 Seiten. Gegen Einsendung von 10 Pf. per Exemplar und 3 Pf. Postgebühr an die Buchdruckerei W. Bertelsmann, Gadderbaum bei Viele eld erfolgt Franko-Zusendung. Im Buch-
im Tagesdurchschnitt verpflegten Individuen, sie beträgt für ganz Deutschland 5304 und für die einzelne Station 2,71. Um festzustellen, wie hoch sich in besonderen Nothzeiten die Frequenz steigert, hat der Verfasser die Zahl der in einer bestimmten Nacht (15./16. Dezember) beherbergten Personen ermittelt, sie beträgt 9216, das macht pro Station 4,71. Man hat früher die Zahl der arbeitslosen Bettler in Deutschland auf 200000 geschätzt; war diese Schätzung auch viel zu hoch, so ist die Abnahme doch sicherlich eine sehr bedeutende und spricht für die gute Wirkung der Stationen. Denselben Beweis liefert die ständige Abnahme der in den einzelnen Jahren mit Korreklionshaft belegten Individuen. Sie ist von 23093 im Jahre 1885 auf 13583 im Jahre 1890 heruntergegangen, hat also um 9510 abgenommen. Noch bedeutender ist die Abnahme, wenn man einige Jahre weiter zurückgreift, was dem Verfasser nur für den Preußischen Staat möglich war. Für diesen stellen sich die betreffenden Zahlen für 1882 und 1890 bei beständiger Abnahme auf 23 808 und 8 605. Der Verfasser vindizirt diesen Erfolg nicht den Stationen allein, sondern den wirthschaftlichen Verhältnissen und hauptsächlich den Arbeitcrlolonien, glaubt aber mit Recht, daß auch die Stationen wirksam dazu beigetragen haben.
Die Gesammt Bruttokosten des Stationswesen haben 1317 072, der Erlös aus der Stationsarbeithat 67 610, die Nettokosten haben somit 1249 462 Mk. betragen Die Jahresdurchschnittskosteu per Jnd'ividiuum stellen sich darnach auf 235,57 Mk., die Tages-Durchschnitts- kosten auf 64,54 Pf. Meistentheils wird von dem Arbeitgeber, der den Stationsarbeiter einige Stunden beschäfligt, die Zahlung eines Lohnes nicht gefordert; man ist froh, wenn man den Leuten überhaupt Arbeit verschafft und dadurch die Müßiggänger abschreckt. In einigen Bezirken hat Main aber durch Einrichtung von organisierten Arbeitsstätten (zum Holzkleinmachen und Teppichklopfen) so bedeutende Einnahmen erzielt, daß ein Drittel bis zur Hälfte der Kosten für die Verpflegungsstation aus dem Arbeitserlös gedeckt werden, an einzelnen Orten sogar die ganzen Kosten. Die Verminderung der Korrigenden im Vergleich der beiden Zähljahre 1885 und 1890 zu Gelde berechnet und die somit ersparte Summe den Gesammtkosten für Arbeiterkolonien und Verpflegungsstationen im Jahre 1890 gegenübergestellt, ergibt einen Plus für die letzteren Kosten von nur 25000 Mk. (abgerundet). Rechnet man aber die Grrichtskosten und die Kosten der gerichtlichen Haft, welche die Korrigenden verbüßen, ehe sie ins Korrektionshaus gelangen, hinzu, so kommt eine bedeutende Ersparniß heraus. Nun hat man aber, wie bemerkt, vor etwa 12 Jahren die Zahl der Wander- bettler in Deutschland auf 200 000 und ihren täglichen Bettelerwerb auf 2 Mk. berechnet, das ergibt eine Gesammt Jahresausgabe von 146 000000 Mk. Verfasser hält diese Rechnung entschieden für zu hoch, meint aber, wenn man auch 100 Millionen absetzte, so blieben immer noch 46 Millionen übrig, welche früher an den Hausthüren und auf den Straßen verabfolgt wurden. Wenn also jetzt für Kolonien und Stationen zusammen nur 1750000 Mk. ausgegeben würden, so sei das finanzielle Resultat unter allen Umständen ein sehr günstiges, ganz abgesehen von dem sittlichen Erfolge. Der Verfasser knüpft daran den Appell an die noch stationslosen Gebiete, sich den Bestrebungen zur Bekämpfung der Wanderbettelei, von denen sie bisher ohne Betragsleistung ihrerseits profitiert haben, anzuschließen und an das gesammte Publikum das planlose Verabfolgen von Bettelpfennigen an den Hausthüren zu unterlassen, das den Empfängern zum Schaden gereiche und die Arbeit derjenigen, welche wirklich für sie zu sorgen bestrebt seien, beeinträchtige.
Deutsches Reich.
Berlin Am heutigen Vormittag hatten die kaiserlichen Majestäten von 9 Uhr ab wieder eine gemeinsame Spazierfahrt und Promenade gemacht. Am Nachmittag 4 Uhr 25 Minuten verließ der Kaiser Berlin und bc- gab sich mittelst Sonderzuges vom Anhalter Bahnhof aus zunächst von hier nach Eisenach, woselbst die Ankunft am Abend kurz vor 10 Uhr erfolgt ist. — Am 18. Mai wird sich der Kaiser nach Schlobittcn (Ostpreußen) zur Jagd begeben, dort aber nur zwei Tage bleiben und dann für acht Tage seinen gewohnten Jagd-
aufcnhalt in Pröckelwitz nehmen. Der Besuch von Thorn ist für dies Jahr nufgegcbcn; das Hofmarschallamt hat bereits eine Absage dahin gerichtet. — Donnerstag Nachmittag um 3 Uhr ist die Kaiserin mit sämmtlichen kaiserlichen Prinzen vom hiesigen königlichen Schlosse zum Sommcraufcnthalte nach dem Neuen Palais bei Potsdam übergcsiedclt, woselbst auch der Kaiser nach der Rückkehr vor seiner angetretenen Reise Aufenthalt nehmen wird.
— Eine Erhöhung der Friedensstärke des deutschen Heeres um 45 000 bis 50 000 Mann soll, wie der „Allg. Reichskorr." „von unterrichteter Seite" mitgetheilt wird, von der Militärverwaltung geplant sein. Die beabsichtigte Vermehrung der Cadrcs würde sich auf alle Waffen erstrecken, eine endgültige Entscheidung an maßgebender Stelle jedoch nicht vor Januar 1893 zu erwarten sein. Hinzugefügt wird, daß als Gegenleistung der erforderten gewaltigen Opfer die Einführung der zweijährigen Dienstzeit an zuständiger Stelle im Prinzip bereits gestanden sei.
— Ueber einen Konflikt zwischen Deutschland und der amerikanischen Republik San Domingo berichtet die „Allg. Ztg." aus Berlin: San Domingo ist von den Ver. Staaten gezwungen worden, sich dem System der Gegenseitigkeitsverträge anzuschließen. Deutschland hat nun auf Grund seines Meistbegünstigungsrechts von Domingo verlangt, daß es ihm alle den Ver. Staaten gewährten Vergünstigungen ebenfalls zugestehe, und nach langem Sträuben hat Domingo sich dann in das Unvermeidliche gefügt. Mr. Phelps, der amerikanische Gesandte in Berlin, erbat sich eine Audienz beim Staatssekretär und brächte, allerdings mit dem ausdrücklichen Vermerk, daß er von sich aus, nicht im Auftrage seiner Regierung rede, die Domingo Angelegenheit zur Sprache. ES sei, so meinte er, doch nicht großmüthig, wenn ein so mächtiger Staat wie Deutschland das kleine Domingo wider dessen Willen zu Verträgen zwinge. Die Antwort des Staatssekretärs war, er hätte nicht gewußt, daß die Ver. Staate» ein Protektorat über San Domingo ausübten, im übrigen habe Deutschland nur gefordert, was sein vorher anerkanntes Recht gewesen sei. Mr. Phelps habe dann seinen Rückzug angetreteu.
— Aus Berlin witw^emeldet: Ein Mann ist am 16. April auf dem Schießplätze bei Tegel, vermuthlich bei unerlaubtem Kugelsuchen, von einer explodicenden, mit Pikrin gefüllten Granate in viele Stücke gerissen, ein zweiter an Händen und Füßen verletzt worden. Der Schwerverwundete ist ein gewisser Weber, der sich auf dem Schießplätze herumtrieb, um Vögel zu fangen. Die explodirte Granate stammte noch aus dem Jahre 1886 her. Damals wurde ein Erdwall durch mit Pikrin gefüllte Granaten beschossen. Fünf dieser Granaten waren damals unauffindbar und sind erst vor einigen Tagen bei dem Abtragen des Erdwalles wieder zum Vorschein gekommen und wie die Behörde glaubte, so versteckt worden, daß sie nicht von Unbefugten gefunden werden könnten. Trotzdem wurde eine Granate gestohlen; man vermuthet nun, daß sie dem Dieb zu schwer war und er sie deshalb an der Unglücksstätte wieder versteckte.
— Dem Vernehmen nach ist seit Kurzem in Berlin eine neue Marschordnung für die Militärmusik eingeführt worden zu dem Zwecke, das widerwärtige Vorauflaufen des Janhagels zu verhindern. Die Musik-Kapelle mar- schirt nicht mehr an der Spitze, sondern die Ordnung ist folgende: Vorauf ein Hauptmann zu Pferde, dann eine Kompagnie Soldaten, hierauf das Tambour- und Musik- Korps und schließlich wiederum Soldaten.
* — Ganz gewaltig bluten müssen doch in der Rcichshauplstadt Viele dafür, daß sie in derselben Geschäfte treiben dürfen. So hat z. B. der Anhalter Bahnhof die Summe von 130 000 Mk. Mietssteuer zu zahlen, da sein Mietswerth auf 2 Millionen Mark abgeschätzt ist, welche Summe natürlich nicht nur durch das Empfangsgebäude, sondern auch alle an der Strecke bis zur Beliner Weichbildgrenze liegenden Baulichkeiten wie Güterschuppen Maschinenhallen u. s. w. repräsentiert wird.
OPPelu. Ein hiesiger Rentier richtete sich kürzlich neu ein und verkaufte deshalb als überflüssig ein aus der Väter Urzeit stammendes, mit Roßled.w überzogenes Sopha an einem Sattler. Derselbe polsterte das Sopha auf und fand zu seinem Erstaunen im Innern des altehrwürdigen Möbelstückes eine große Anzahl Gold- und Silbermünzen von nicht unbeträchtlichem Werte. Der