Er cheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. .Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf
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Samstag, den 16. April
1892.
auf ^'^ »Schlüchterner Zeitung" U werden noch fortwährend von allen -. --^^----j Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Die landwirthschaftliche Buchführung.
Unmerklich ändern sich die Lebensverhältnisse und die Bedingungen, unter denen das Dasein des Menschen besteht; langsam zwar, aber doch unanf- haltsam weicht die alte Gewohnheit den Anforderungen der neuen Zeit, unmerklich werden auch sie nach und nach zur Gepflogenheit und man merkt den gewaltigen Unterschied von Jetzt imb Sonst erst, wenn man mit Jahrhunderten zu rechnen beginnt. In den Städten, wo der Verkehr der Menschen unter einander ein lebhafterer, der Austausch von Meinungen und Erfahrungen ein größerer, der Einfluß der Wissenschaft ein rascherer das Nebeneinander der Gegensätze ein die Kritik mehr herausfordernderes, das gegenseitige Abschlcifen und Ergänzen ein wirksameres ist, wechseln ja auch Lebens gewohnheiten und Anschauungen rascher und leichter: auf dem Lande dagegen, wo alles ruhiger, einfacher, eintöniger und auch schwerer erreichbar, wo ein Wechsel der Menschen und ihrer Berufsarten seltener ist, hat das Hergebrachte einen festeren Stand. Und wie die schlimmen Seiten der Kultur dort so gut wie gar keinen Eingang finden, so ist auch guten und zweckmäßigen Neuerungen nur langsam und sehr schwer Eintritt in die geheiligten Räume der alten Gepflogenheiten zu verschaffen. Wie lange ist es her, daß man auf dem Land außer im Gasthof, wo nur daS kleine Blatt der Kreisstadt auflag, und außer vielleicht im Pfarr- und Schulhaus nirgends eine Zeitung antraf? Noch heute, da doch der Landbewohner bei den Wahlen sein Recht sehr eifrig ausübt, hat er vielfach kein Verständnis dafür, daß er auch die Pflicht hat, sich auf eine selbstständige Ausübung dieses Rechtes durch das Lesen einer Zeitung gebührend vorzubereiten; theils hat er keine Zeit, theils scheut er die Ausgabe (Ausnahmen natürlich vorbehalten), und wie es mit dem Lesen ist, so ist es mit dem Schreiben und Rechnen. Jede schriftliche Arbeit, auch die einfachste, wird durch Winkeladvokaten oder sonstige dritte Personen angefertigt, die dem Landmann viel Geld für ihre geringe Mühe abnehmen.
Noch schlimmer aber ist es mit dem wirthschaftlichen Rechnen, mit einer geordneten Buchführung auf dem Lande bestellt. Wie es einzelne Landwirthe gibt, die ihre Zeitung lesen, die ihre schriftlichen Arbeiten hübsch selbst anfertigen, so gibt es selbstverständlich auch Einzelne, die schon länger zur Einsicht gekommen sind, daß ihnen eine ins Spezielle eingehende Buchführung unentbehrlich ist, wollen sie einen klaren Einblick in ihre Verhältnisse haben, wollen sie wissen, wo der Grund in ihrer Wirthschaft liegt, warum sie vorwärts oder zurück kommen, und wo sie also ihre Thätigkeit einzusetzen haben, um ihren Wirthschaftsbetrieb zu heben oder auf feiner Höhe zu erhalten. Allein ihre Zahl ist eine ganz verschwindend geringe. Und doch bedarf gerade die Landwirthschaft bei ihrer Vielseitigkeit ganz besonders nöthig der genauen Buchführung; schon die Pflicht der Selbsteinschätzung in der Steuer, oder das Recht, eine vorge- nommeue Einschätzung zu prüfen, eventl. anzufechten, weist gebieterisch den Landmann darauf hin, durch eine genaue Buchführung einen genauen Einblick in alle Einzelheiten seines Wirthschaftsbetriebes sich zu verschaffen und auf diefe Weise zu erforschen, welcher Betrieb rentabel, welcher unzweckmäßig, was zu thun und was zu unterlassen ist, überhaupt wie hoch sein Einkommen in der That sich beläuft nnd aus welchen Theilen seines Wirthschaftsbetriebes er dasselbe eigentlich bezieht, denn das Letztere dürften zur Zeit die meisten kleinen Landwirthe überhaupt nicht sicher wissen.
„Buchführung!" Ja das klingt von fern recht abschreckend und beschwerlich, ja geradezu unmöglich, in der Nähe betrachtet aber ist diese Buchführung doch so einfach, daß sie auch von dem schlichten kleinen Bauer unschwer vorgenommen werden kann, wenn er nur die Energie hat, es einmal damit zu versuchen. Er wird gar bald Geschmack daran finden und es wird ihm bald Bedürfniß werden, wie es sein Stolz ist, Hof und Stall am Abend in musterhafter Ordnung zu wissen, dann seinen Nachbarn seine Erfahrungen und seine Bedenken guszutauschen und zu besprechen und so zu lehren und
zn lernen. So wird er sich und seine Kinder an Ordnung und gewissenhafte Geschäftsführung gewöhnen und über die klare Uebersicht seiner Verhältnisse bald die größte Befriedigung empfinden; er wird aber auch rascher vorwärts kommen. Ist erst einmal das Bewußtsein der Zweckmäßigkeit und Nothwendigkeit zur Klarheit geworden, so wird von dieser Erkenntniß zur That nur ein kleiner Schritt sein, und Sache der landwirthschaft- lichen Vereine, der Landräthe, der Kreise u. s. w. wird und muß es sein, Anleitungen zu solchen Buchführungen, bis ins Kleinste ausgearbeitete Musterformulare, den Leuten in mündlichen Vorträgen zur Kenntniß zu bringen und zum Selbststudium nach Erfassung bet Hauptgrundsätze tu gedruckten Exemplaren mit nach Hause zu geben.
Wir weisen an dieser Stelle für diejenigen, die ein Interesse daran haben und denen es bislang noch unbekannt war, darauf hin, das in Nr. 1 des in Neuwied erscheinenden landwirthschaftlichen Genossenschaftsblattes der Rcifeiscn'schcn Darlehenskassen-Vercinc cineAnleitung, wie eine landwirthschaftliche Buchführung einzurichten, sowie eine ausführliche Beispielgebung enthalten ist; dieselbe ist so klar und einfach entwickelt, daß sie mit gutem Gewissen als Muster empfohlen werden kann. Es wird nicht allzulange dauern, so wird man nicht mehr begreifen können, wie die Landwirthschaft so lange Zeit hindurch ohne Buchführung hat bestehen können.
Deutsches Reich.
Berlin. Am 20. d. M. geht der Kaiser zur Auer- Hahnjagd nach der Wartburg und kehrt am 22. nach dem Neuen Palais bei Potsdam zurück, wohin an demselben Tage die kaiserliche Familie übersiedelt. — Die Kaiserin wird den Kaiser bei seinem Besuch in Danzig, wie von dort gemeldet wird, nicht begleiten.
* — Die Kaiserin Friedrich hat sich mit der Prinzessin Margarethe zunächst^zur Feier des Geburtstages der Prinzessin Viktoria zu Schaumburg-Lippc nach Bonn begeben, wo sie etwa 8 Tage verweilen wird. Dann nimmt sie einen mehrmonatlichen Sommeraufenthalt in Hombnrg v. d. H. Der Kaiser und die Kaiserin statteten der Kaiserin Friedrich vor deren Abreise einen Abschiedsbesuch ab.
* — Wie der „Pol. Korresp." aus Berlin geschrieben wird, dürften, nachdem die Ermittelungen in Betreff der neuen Einkommensteuer abgeschlossen sind, auf Grund derselben die Arbeiten für die Fortführung der Steuerreform im Finanzministerium und die Vorlagen für die nächste Landtagstagung in Angriff genommen werden. Es handelt sich um die Umgestaltung der Grund- und Gebälldcstcuer, die voraussichtlich eine Kommunalsteuer wird, um die Reform des Kommunal-Steuerwesens und um die unterschiedliche Besteuerung des fundirten und unfundirten Einkommens. Man dürfe annehmen, daß der Wunsch, derartige große, alle Kreise berührende Gesetzentwürfe vor ihrer Einbringung im Landtage zur öffentlichen Diskussion zu stellen, auch diesmal Berücksichtigung findet.
* — Die Kommission für das bürgerliche Gesetzbuch hat den viel ai gefochtenen Grundsatz „Kauf bricht Miethe" wieder aus dem Entwurf gestrichen. Der Verkauf eines Grundstücks soll also die bestehenden Miethsverträge n cht berühren.
— Ueber die Geschoßwirkung der neuen Gewehre bei dem Belehrungsschießen der Jufanterie-Schießschule am 2. April b. I., in Gegenwart einer Anzahl höherer Offiziere und Aerzte, werden folgende interessante Ein- z lheiten mitgetheilt: Geschossen wurde auf 50 und 60 Meter Entfernung; die Zielobjekte waren verschieden, sie bestanden in Baumstämmen aus Eichen, 45 Centimeter stark und Tannenbaumstämmen ä 52 Centimeter stark; ferner aus drei hintereinander aufgestellten Eichenbalken ä 22,5 Centimeter, aus zwei hintereinander aufgestellten Eichenbalken ä 30 Centimeter, in verschiedenen Kasten aus einzölligen Kienenbrettern, 1 Meter lang, Hz Meter breit und Hz Meter hoch, verschiedentlich gefüllt mit Sand, Rasen, Dünger oder Moorerde, aus Maneilr ein und zwei Mauersteine stark, aus einer Eisenplatte, 6 mm stark, aus Bohlenwänden, 0,025 M- stark mit 0,25 M. Abstand, 0,20 M. gefüllt mit Sand. Alle diese Zielobjekte, die Kasten der Länge nach, wurden durchschlagen, wobei die Geschosse nicht verunstaltet wurden. Außerdem wurde nach Thierkörpern (Pferden, Kühen) geschossen aus Gewehren M./88 und M. 71/84 zum
Vergleiche, wie verheerend die Tr esset der alten Geweht am Knochenbau gewirkt haben gegen das G wehr M./88- Erstere zersprengten sehr häufig vollständig den getroffenen Knochen, während die Treffer des Gewehrs M./88 entweder vom Knochen abpralllen oder ihn nur durchlöcherten. Die bisher gebräuchlichen Deckungen sind bei weitem zu verstärken, und kann man annehmen, daß die jetzigen Geschosse 5 hintereinander ausgestellte Glieder durchschlagen.
* — Die Postverwaltung soll beabsichtigen, den Kurierzügen Packccwagen anzuhängen, um so die Packetbe- förderung zu beschleunigen.
München. Nach einer Meldung der „Neuesten Nachr." aus Füssen brannte in der Staatswaldung Hohenschwangau- Füssen ein District von 30 Tagwerk ab. Das Feuer ist noch nicht gelöscht. Ueber 1000 Feuerwehrleute befinden sich an der Löscharbeit.
Darmstadt, 12. April. Ein Fall von Insubordination ist gestern in der hiesigen Trainkaserne vorgekommen. Bizewachtmeistcr Mörlin bedrohte mit der blanken Waffe den Bataillonskommandeur von Dewall. Welche Veranlassung dem Vorfälle zu Grunde liegt, war mit Bc- stimmtheit nicht zu ermitteln, Thatsache ist jedoch, daß Nörlin zur Beobachtung seines geistigen Zustandes dem Garnisonslazareth überwiesen wurde.
Wernigerode. 8. April. Eine Dynamitpatrone fand heute früh bet Bahnwärter Brandt auf dem hiesigen Bahnhöfe in einer Cigarrenspitze. Das Entzünden einer in der Spitze ebenfalls steckenden Cigarre würde die sofortige Explosion und den Tod der betreffenden Person zur Folge gehabt haben. Die Patrone wurde untertucht, explodirte und riß dabei dem Umersucher die Hälfte des Daumens ab.
Dortmund, 13. April. Hier wurde heute früh 6 Uhr c.u der Wittwe des Berginvaliden Stufe und deren Sohn, dem Bergmann Wilhelm Kruse aus Lohe bei Hürde, welche wegen Gatten- resp. Vatermordes zum Tode verurtheilt waren, die Hinrichtung vollzogen.
Auf der Zeche „Himmelsfund" in Gelsenkirchen wurde bei 730 Bieter Tiefe eine Petroleumquelle aufgeschlossen. Die Aufregung ist auch auf den Nachbargruben groß, da durch den Aufschluß das Vorkommen von Petroleum im Ruhrkohlenrevier, wenngleich in großer Tiefe, tonftatirt worden.
In Sachen der Dirschauer Creditgesellschaft ließ Amtsrichter Ziemann Nachgrabungen in Zeisgendorf bei Dirschau vornehmen, wobei im Hofe oeS verhafteten Händlers Kiedrowski 34,000 Mark aufgefunden wurde».
Auf eigentümliche Weise ist in Dresden eine 25» jährige Näherin ums Leben gekommen. Man fand dieselbe mit dem Kopf auf dem Fensterbrett unmittelbar an der daselbst stehenden Nähmaschine liegend, und zwar in der We se, daß das Gesicht stark nach links rückwärts über bte linke Schulter weg gedreht war. Der am Hinterkopf aufgenestelte Zopf hing gespannt in einer Haarschlinge an einer Schraube der Maschinenfußstange und hielt die rechte Halsseite so fest an die Nähmaschinen- Platte gedrückt, daß durch diese Strangulation der Tod eingetreien ist. Die Verstorbene litt an Krämpfen, in einem solchen Anfall scheint sie infolge bet Krampfbe» wegungen mit dem Haar an der Schraube hängen geblieben zu sein.
Trier, 11. April. Heute Morgen wurde der hl. Rock in Gegenwart der Behörden versiegelt und an seinen endgültigen Aufbewahrungsort gebracht.
Remageu, 10. April. Um die nunmehr besetzte hiesige Bürgermeisterstelle hatten sich beworben: 21 Bürgermeister, 1 Schulamts-Kandidat, 6 Referendare, 3 Gerichts-Assessoren, 2 besoldete Stadträthe, 2 Polizei- Kommissare, 1 Kommis, 1 Zeitungs-Redakteur, 2 Rechtsanwälte, 2 Kreis-Sekretäre, 1 Lehrer und 1 Sparkassen» Rendant.
Lokales u»d KrosinzieÜeS. Schlächter», 14. April.
* — Die ersten Schwalben wurden vorgestern hier beobachtet. Man nimmt an, daß die Zahl der Rückkehrenden keine große und hier somit, wie vielfach in Deutschland, ein Abnehmen der Schwalben gegen die früheren Jahre zu verzeichnen ist.
* — Am 21. März verstarb zu Louisville, Kentucky. im Alter von 64 Jahren ein geborener Schlüchterner, Namens Heinrich Jacob. Derselbe, ein gelernter Schneider, wanderte im Alter von 25 Jahren nach