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Blindheit und Taubheit.

Blindheit beruhigt und besänftigt oft das Gemüth, während bei Taubheit gewöhnlich das Gegentheil der Fall ist. Der blinde Dichter Milton sang vielleicht noch rührender, als seine Augen kein Morgenroth mehr sahen. Vielleicht wäre ohne seine Erblindung sein berühmtes Ge­dichtdas verlorene Paradies" nie entstanden. Jean Paul, schon lange halb blind, wurde schließlich von völliger Nacht umgeben, denn der schwarze Staar ist unheilbar. Trotzdem war es in seiner Seele strahlend Heller Tag. Er beschäftigte sich in seinen letzten Lebensjahren mit dem Verfassen eines Werkes, welches von der Unsterblichkeit der Seele handelt und schaute mit dem inneren Singe die andere Welt voll Seligkeit

So wie Händel, der aroße Tondichter, in späteren Jahren blind wurde, ward Beethoven von Taubheit heim­gesucht. Als sich in seinem 30. Jahre schon Taubheit bei ihm bemerklich machte, suchte er dies Gebrechen vor anderen zu verbergen. Er mied die Geselligkeitdenn," sagte er, es ist mir unmöglich, den Leuten zu sagen, daß ich taub bin. Für einen Musiker ist Taubheit eine entsetzliche Qual." Aber er nahm die Geduld zu seiner Führerin, freilich erst nach heißem, bitteren Kampf, und in der düstersten Zeit seines Lebens schuf er seine herrlichsten Werke. Vielleicht, daß gerade durch seine Tailbheit, die ihn zu dem Leben eines Einsiedlers verurtheilte, seine musikalische Kraft zunahm und sich vertiefte F. St.

Eine Probe.

Freiyerr v. Selb erzählt in den Erinnerungen aus seinem Leben: Im Harz sah ich einmal ein kleines Häus­chen, das mir vorkam wie ein Puppenhaus, doch aber für Puppen zu groß und für Menschen zu klein war. Ich fragte nach seiner Bestimmung und hörte: ein Graf Stolberg hätte dort bedeutende Bergwerke. Der Direktor derselben sagte ihm eines Tages, der Absatz sei schlecht und würde sich ansehnlich steigern, wenn die vielen Arbeiter einen geringeren Tagelohn bekämen, und die Absatzpreise iKnmtergüigen. Darauf erwiderte der Graf:Haben Sie die Arbeit der Leute wohl schon einmal verrichtet?" Als jener verneinte, sagte der Gras:Ich auch noch nicht, wir wollen es deshalb beide einmal versuchen!" Darauf nahm er eine Karre, der Direktor mußte dasselbe thun, und beide karrten nun eine Stunde lang, daß ihnen der Schweiß in Strömen herunterlief. Da setzte der Graf die Karre hin und fragte den Direktor, was er meine, "'6 man den Leuten bei solcher Arbeit wohl den Lohn schmälern dürfe? Der Direktor meinte, so schwer habe er sich die Arbeit doch nicht gedacht. Und die Bergleute be­hielten ihren bisherigen Tagelohn. Die Karre aber nahmen sie von dem Tage au nicht mehr im Gebrauch, bauten ein Häuschen und bewahren sie zum Andenken an den guten Grafen für Kinder und Kindeskinder. Die Grafen zu Stolberg sind bis heute gute Arbeiter- freunde geblieben . und haben das vortreffliche sociale Rezept:Versetze dich in die Lage der anderen" nicht vergessen. " A.

Die Melk.

In der S. Lorenzkirche in Nürnberg befindet sich ein Bild . derFrau Welt" in Stein ausgehauen. Sie ist als eine schöne Frau mit einem gar lieblichen Singestdjt dargcstellt, goldene Halsketten trägt sie, köstliches Ge­schmeide schmückt ihr Haupt, in der einen Hand trägt sie einen Korb mit köstlichen Blumen und Früchten. So stellt sich das Bild von vorne darr Nur einen Schritt braucht man weiter zu thun, um die Frauengestalt von hinten anzusehen da bietet sich dem Auge der schreck­liche Anblick eines halb verfaulten Gerippes, in welchem Schlangen umherkriechen. Das ist ein naturgetreues Bild der Welt und der zu Leidenschaft und Sünde führenden Freuden. ____

Die Versöhnung.

Sonntagsepistel: Phil. 2, 611.

Phil. 2, 5. 7. Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war. Er. äußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward gleich wie ein anderer Mensch und an Geberden als ein Mensch erfunden.

Die stille Woche führt uns unter Jesu Kreuz, damit wir das Wort von der Versöhnung vernehmen und uns aneignen. Lauter als alle Predigten redet das Haupt voll Blut und Wunden mit seiner Dornenkrone. Ernst und fragend scheint es in die Tiefen unseres Herzens und Seelenlebens hinein und hört nie wieder auf, uns anzuschanen. Wir müssen ihm antworten; wir müssen uns demüthig unter das Kreuz von Golgatha stellen und die Ver­gebung unserer Sünden suchen. Denn es ist das Erbarmen Gottes, das uns in Jesu Marterbild anschaut, es ist die Versöhnung, die uns zu Theil geworden, und ohne die wir verloren gehen in der Menge unserer selbstgewählten Wege. Indem das göttliche Mitleid sich über uns Menschen erbarmte und uns Sünder an Gottes Herz rief, um uns zu versöhnen, zu segnen, zu trösten, hat es im größten Leid die größte Liebe bewährt und ist die Kraft ge­worden, uns zu retten.

Welch eine Selbsterniedrigung der allergrößten Liebe, als die Zeit erfüllet war und Gott seinen Sohn sandte. Denn Gott war in Christo und ver­söhnte die Welt mit ihm selber und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. In Christo beten wir die Selbsterniedrigung und Selbst­entäußerung des heiligen Gottes an, die unausdenk­bare und unaussprechliche Macht des Mitleids, welches die verlorene Welt mit ihren Gottesarmen umschlingt und hinaufhebt an Gottes Herz, ihr neue Liebe unb neues Leben zu geben.

Jesus Christus äußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an." Sein ganzes Erscheinen und Leben war eine einzige Opferthat, die Selbst­verleugnung der göttlichen und reinen Liebe um der Sünder willen. Keiner seiner Tage war ohne dieses Liebesopfer. Was hat er vom Widerstreben der Sünder, vom Undank der Welt, von der Trägheit und Thorheit der Seinen gelitten. Wie mußte er entsagen auf Schritt und Tritt, Hoffnungen aufgeben, Menschen verlieren, alles Rohe und Gemeine, die Sünden seiner Zeit und seiner Treuen leiden, mußte verspottet und verachtet werden wegen der Knechts­gestalt, durch die doch allein der demüthige Gott zu Menschen reden will und kann.

Die Krone aller Leiden des Herrn waren sein Opfer am Kreuz, seine Thränen und sein Geschrei, seine Schmach und sein Verlassensein von Gott. Ge­rade diese Tiefe seiner Selbstverleugnung und Selbst­erniedrigung war die Vollendung seines Werkes, der Triumph der ewigen Liebe über die Ungerechtigkeit der Welt. Denn hier erscheint kein Helventhum, das nur im Diesseits den Sieg hofft und dem der Tod die Grenze steckt, sondern ein Heldenthum, das sowohl die Sünde als auch deren Folge, das Leiden und den Tod, überwindet.

Wer hat, der kann auch geben. Dem Opfer entspricht das Werk, die geschehene Versöhnung; der großen That der Liebe entspricht die große Bedeutung