WüchternerMung
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Samstag, den 9. April
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Der Bauernstand unsere Rettung. (Fortsetzung).
Jetzt steht der Bauer auf seinem Grunde da: die Söhne sind bei den Soldaten, die Knechte sind in die Fabrik n gegangen; auch die Mägde haben gehört, daß man in der Stadt als Köchin oder Bedienerin zehnmal feiner lebt als in der Bäuerei, und daß man dort sein Glück machen kann. Der Bauer steht einsam da und ruft nach Arbeitern für Feld und Wiesen! Er ruft vergebens. Und weil niemand mehr zu ihm kommt, so will er auch davon. Der Bauersmensch hat eben einen Blick in die Welt gethan und gesehen, wie viel Reichthum ohne Arbeit es dort gibt, wie viel Genuß ohne Leistung, wie viel unbestrafte Liederlichkeit, wie viel siegende Schlauheit, und daß nicht mehr die innere Tüchtigkeit den Ausschlag gibt, sondern die Keckheit, die Herzlesigkeir, die Verschlagenheit. Ja wenn es so steht, da will er auch mitthun: an Klugheit, meint er, nehme er es mit manchen auf, so dumm er auch aus- schaue, und — er springt in den Wettkampf.
Die Volksschule hätte auf dem Dorfe die Mission gehabt, nicht bloß den Sinn der Jugend ins Weite und Breite zu lenken, sondern ihn auch für den bäuerlichen Beruf zu bilden, zu vertiefen und immer wieder die Liebe für den Bauernstand zu wecken und dessen hohe Ehrenhaftigkeit zu betonen. Die Geistlichkeit, die sich ja doch auch sonst so willig an weltlichen Angelegenheiten betheiligt, hätte dieselbe Aufgabe zu erfüllen. Allein dem katholischen Klerus scheint es nicht gegeben zu sein, den Bauernstand für den modernen wirthschaft- lichen Wettbewerb zu erziehen. Also sehen wir, daß unser Alpenbauer den moralischen Halt verliert, großen- thrils schon verloren hat, und daß der Bauer dorthin gedrängt wird, wo das Volk nicht mehr Volk heißt, sondern Pöbel, Proletariat.
Eine große Industrie ist ja etwas recht schönes, doch ihr die Agrikultur zum Opfer bringen — das ist sie nicht werth. Die Agrikultur hat ein älteres Anrecht auf unser deutsches Vaterland als die Industrie, und wird ihr wohl auch in Zukunft eine bessere Stütze sein.
In meinem Roman „Jakob der Letzte" habe ich den Niedergang des Bauernthums in den Alpen geschildert. Hierauf erhielt ich zahlreiche Zuschriften, daß es in vielen Gegenden Deutschlands nicht anders sei, und so nehme ich mit Schrecken wahr, daß die moderne Politik und Oekonomie mit dem freien Bauernstände systematisch aufzuräumen gedenkt. Was soll das werden?
In den übervölkerten Städten wogen Rotten durch die Straßen, schreien nach Arbeit und greifen mit räuberischer Hand nach Brod. Man ist bestrebt, ihr Begehren zu erfüllen, schafft in der Stadt allerhand Arbeiten, die an und für sich nicht nöthig wären, die nur die Gemeinde- und Staatslasten vermehren und trotzdem ganz unzulänglich sind, um die Massen mit Brot zu versorgen. Was ist das für eine Wirthschaft? Sieht es denn um Gottes willen niemand, wo Arbeit in Hülle und Fülle vorhanden ist, und zwar jene natürliche segensvolle Arbeit, die unmittelbar Brod schafft? Mit den Massen arbeitsloser Menschen aufs Land hinaus! Zurück wieder auf die Dörfer, ins Gebirge, roden, ackern und erndten, Feldbau und Viehzucht treiben. Und nicht blos die rohe Arbeitskraft hinaus; es gibt in den Städten auch so viele überschüssige Intelligenz, die ein besseres Loos verdiente, als zwischen Mauern unnützig zu verkommen oder gar gemeinschäolich thätig zu sein. Hinaus mit ihr in die freie GotteSnatur; auch das Bauernthum braucht gescheite Köpfe; ja ein Bauer, der gemischte Wuthschaft tüchtig betreiben will, muß in seiner Art mindestens so viel gelernt haben, wie irgend ein „Studierter" in der Stadt.
Aber wie ist es zu machen? Was soll geschehen, auf daß ein wohlthätiger Rückzug beginne von der Stadt aufs Land? Mit den Sommerfrischen, dem Touristenwesen, von dem man sich erneutes Interesse und Vortheil für den Bauernstand versprochen hatte, ist es nichts. Das ist nur so eine Art Spielerei mit dem Bauernthum, schadet diesem, besonders moralisch, weit mehr, als es nutzt. Die landschaftlichen Schulen machen
auch nicht viel aus; für den Bauer ist die Schulbank, wenn er sie zu lauge drückt, überhaupt mit einer gewissen Gefahr verbunden, besonders zu einer Zeit, wo es jeder, der etwas gelernt zu haben glaubt, für eine Schande hält, körp.rlich zu arbeiten. Körperlich arbeiten muß aber der Bauer, und dagegen hilft keine Gelehrsamkeit und kein Hochmuth, es kommt nur darauf an, daß er es merkt und empfindet, welch ein Segen und Genuß auch in der körperlichen Arbeit liegen kann. Vielfach ist sie mehr Genuß als Anstrengung. Wenn zwei Feiertage neben einander stehen, so wird sich der richtige Bauer und Bauernknecht am zweiten Feiertage schon wieder sacht an eine Handarbeit machen, er fühtt sich daher wohl.
Aber was ist zu machen, daß der Rückzug beginne von der Stadt aufs Land? Ihr Staatsleiter und Gesetzgeber, es ist die höchste Zeit, darüber nachzudenken!
Ich habe schon darüber nachgedacht und bin zu dem Schlüsse gekommen, daß mit Zeitungsartikeln und Bankett- reden nichts gethan ist, daß die Menschen für diese wichtige Sache sich persönlich einsetzen müssen, so tapfer und opferfreudig, wie man sich gegen den Feind einsetzt fürs Vaterland. Das Opfer wäre ja endlich nicht so groß. Wenn ich ein kräftiger Stadtbürgerssohn wäre mit einem kleinen Vermögen, ich würde damit kein Geschäft anfangen weder im Gewerbe noch im Handel, ich würde mir draußen in einer schönen Gegend des Landes ein Bauerngut kaufen. In gesunder Luft bei köstlichem Wasser, bei nahrhafter einfacher Kost würde ich abwechselnd fleißig arbeiten und behaglich ruhen, würde meiner Familie leben, meinen Kindern eine glückliche Jugend auf dem Lande und ein selbständiges Daheim schaffen. Fernab von dem unheimlichen Treiben der modernen Welt würde ich im ländlichen Frieden ein echter und rechter Mensch sein können.
Und wenn mir das auch andere nachmachten, viele nachmachten, brave und gescheite Söhne der Stadt, würde es allmählig anfangen als etwas sehr Wackeres, Patriotisches, Aristokratisches zu gelten, wenn sich junge Leute dem altehrwürdigen Bauernthum widmeten und dann wäre es ja gewonnen. Das dienende Volk würde schon selber folgen. Und so wie sonst das. städtische Menschenmaterial durch Bauernblut aufgefrischt zu werden pflegt, so müßte das alte zu Grunde gegangene Bauernthum durch ein aus gebildeten Schichten stammendes junges, zeitgemäßes ersetzt werden. Der historische, in vieler Beziehung so ehrenwerthe und heimliche Bauernstand wäre freilich dahin, aber in dem jungen Bauernthum würden sich vermöge der veredelnden Einwirkung von Arbeit und Natur allmählich wieder die Tugenden dieses Standes ausbilden. Einfachheit, patriarchalischer Sinn, Liebe und Treue zur angestammten Erde, zu der Väter Sitte, Achtung uud Verehrung Gottes, diese erhaltenden Mächte gehen aus der Scholle hervor und sind deS Bauernstandes Hort.
Der menschliche Drang nach gesitteter Freiheit, nach einer festen Heimstätte für sich und die Nachkommen, nach dem natürlichen Adel, der sich in der erblichen Ständigkeit, in dem treuen Festhalten an dem Berufe seines Geschlechts begründet, ist ja doch noch nicht ganz verloren, so daß uns wenigstens die seelische Eignung und Fähigkeit nicht abgeht, das älteste gottgeheiligte Erbe der Menschheit wieder anzutreten.
Das Uebrige müssen unsere Staatsmänner, Volksfreunde besorgen. Und wenn sie in der Großstadt geweckt werden von dem Lärm des Proletariats, das durch die Straßen stürmend mit drohenden Geberden nach anderm schreit, mögen sie sich daran erinnern, daß der historisch-konservative Staat keinen mächtigeren, treuern Freund hat als einen starken Bauernstand. Einen solchen müssen sie schaffen um jeden Preis, denn von diesem angeblich so ungebildeten Stande hängt der Fortbestand unsere Gesittung ab. (E n d e.)
Stratege und Politiker.
Bei der dritten Lesung des Etats im Reichstage hielt der Abgeordnete Liebknecht eine seiner donnernden Reden, aus der wir einige Kraftstellen aumeiken wollen.
Er nannte den Militarismus das „System der Menschenschlächterei". Liebknecht hält d n militärischen Geist für gänzlich überflüssig, um Kriege zu gewinnen Das Geheimniß der Erfolge liege in der Kunst des Marschire- s und der Kunst des Schießens und in beidcy
Beziehungen nehme es jedes Milizheer mit den stehenden Heeren auf. Der Stratege Liebknecht, der den Geist der Truppen für nichts achtet und au die Kunst des Mar- schirens ohne strammen militärischen Drill glaubt, steht in diesen Behauptungen gewiß tief unter der Einsicht des schlichtesten Landwehrmannes.
Dann kam der Redner auf sein beliebtes Thema, die elsaßlothringische „Frage". Unsere Regierung habe an dem Kriege 1870/71 ebenso viel Schuld gehabt als die französische, und warum? Weil sie den Krieg 1866 geführt habe. Ganz richtig erwiderte der Abg. Richter: Wenn Deutschland sich 1866 anders oiganisilte, was ging das Napoleon an? Der Abg. Bebel hatte im November 1870 selbst im Reichstage gesagt, daß der Krieg 1870/71 einer schnöden Herausforderung gegen Deuschland entsprungen sei.
Beide Häupter der socialdemokratischen Partei stimmen aber darin überein, daß die Vereinigung Elsaß-Lothringens mit dem alten Mutterlande ein „schwerer politischer Fehler" gewesen sei. Wir hätten Frankreich zwingen sollen, das Milizsystem bei sich einzuführen. Ja, womit sollte der fortdauernde Zwang zu dieser Demüthigung bewerkstelligt werden? Und warum nicht gleich verlangen, daß Deutschland die Herrschaft der Kommune in Frankreich hätte einrichten sollen? Elsaß-Lothringen als eine „Frage" behandeln, heißt geradezu die französische Revanchesucht ermuntern und die Gefahr eines neuen Krieges, einer neuen „Menscheuschlächterei" heraufbeschwören helfen. Politisch klug ist das nicht, und patriotisch erst recht nicht. Das Bedürfniß der Socialdemokraten, den französischen „Genossen" ab und zu etwas Liebes zu sagen, entschuldigt nicht im Mindesten ein solches superkluges Aburtheilen über „Fehler" und „Fragen", die für die deutsche Nation in Wahrheit gerechte und endgiltige Errungenschaften bedeuten.
Deutsches Reich.
Berlin. Im Beisein des Kaisers findet am Sonnabend Nachmittag 5 Uhr in Potsdam die feierliche Grundsteinlegung zum Neubau der Kaserne der Leib-Eskadron des Regiments der Gardes du Korps statt. — Am 6, Mai vollendet der preußische Kronprinz sein zehntes Lebensjahr und tritt nach altem Hohen- zollernbrauch als Lieutenant in die Armee. Aus diesem Anlaß wird die alljährlich zur Osterzeit erscheinende Rang- und Quartierliste vier Wochen später ausgegeben, damit „der fünfte Lieutenant" in derselben noch Aufnahme finden kann.
— ö. April. Der Grenadier Lück vom 3. Garderegiment z. F-, der den unglücklichen Schuß auf die beiden Arbeiter abgegeben hatte, ist vom Regiments- Commandeur Obersten von Bismarck zum Gefreiten befördert worden, in Anerkennung seines correcten Benehmens als Wachtposten.
Leipzig, 5. April. Großes Aufsehen erregt hier ein in der Nacht vom 31, März auf den 1. April erfolgter Einbruch in das Pulverhaus zwischen Grimma und Groß- steinberg, wobei 15 Pfund Pulver und 48 Dynamit- patronen mit Zündhütchen und 12 Schlagpatronen gestohlen worden sind. Solls auch bei uns losgehen?
Eisenach, 5. April. Ein gräßliches Unglück hat sich gestern Vormittag auf dem Lindenhof ereignet. Das 2 */2jährige Töchterchen des Besitz:rs vom Lindenhof gelangte in augenblicklicher Abwesenheit der Mutter von seinem Stühlchen aus zum Schwefelholzbehälter an der Wand und hantirte mit Schwefelhölzern herum, die Feuer fingen uns das Kleid ergriffen, das alsbald in vollem Brand stand. Auf das Geschrei des Kindes kam die Mutter hinzu, die voller Entsetzen ihr Kind wie eine Feuersäule in der Stube stehen sah. Sie versuchte sofort mit ihren eigenen Kleidern die Flammen zu ersticken, was ihr auch gelang. Der zufällig vor- überfahrende Art, Herr Sanitätsrath Dr. Witthauer, wandte sofort alle Mittel an, um die Schinerzen des übel zugerichteten Kindes zu lindern. Das arme Wesen war fast vollständig wie geröstet. Die Haut ließ sich von den Fingern abstreichen und der Gesammtzustand war ein kaum beschreiblich entsetzlicher. In das Dia- konissenhaus gebracht, verstarb das bisher so lebens- srische Kind in der verflossenen Nacht. Wieder ein Beispiel, wie vorsichtig Eltern sein müssen, damit kleine Kinder nicht zu den Schwefelhölzern u. s. w. kommen können.