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Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. .JÜustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf
_— " ~ Mittwoch, den 30. März 1892.
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H8M^ „ScfifüÄterner Zeitung" *^^ß
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Schlüchtern, im März 1892. Der Herausgeber.
Die Gesellschaften mit beschränkter Haftung.
Am Montag hat der Reichstag einen Gesetzentwurf in dritter Lesung angenommen, der die Errichtung einer neuen Gesellschaftsform für das Erwerbsleben ermöglicht. Solcher Gesellschaftsformen haben wir bereits mehrere. Die Aktiengesellschaften nehmen darunter den bedeutendsten Raum ein. Neben ihnen bestanden bis vor Kurzem die Kommanditgesellschaften, die offenen Handelsgesellschaften sowie die Erwerbs- und Wirthschaftsgenossenschaften mit Solidarhaft. Erst vor wenigen Jahren sind zu diesen Gesellschaftsformen zwei neue gekommen, die besonders konstruierte Kolonialgesellschaft, die schon nach ihrem Namen. für einen ganz bestimmten Zweck geschaffen wurde, und die Genossenschaften mit beschränkter Haftpflicht.
Als der Plan von Schultze-Delitzsch verwirklicht werden sollte, war auch der Gedanke einer Theilung der Genossenschaften in solche mit unbeschränkter und mit beschränkter Haftpflicht vorhanden. Man ließ ihn jedoch damals fallen, weil man das Interesse der Gläubiger bei Ge nossenschaftn mit beschränkter Haftpflicht nicht genügend gewahrt glaubte. Wie Unrecht man aber damals mit dieser Anschauung hatte, zeigt am besten der Umstand, daß gegenwärtig gerade die damals verschmähte Genossenschaftsform in Aufnahme gekommen ist, hauptsäch- lich bei den Kreditgenossenschaften. Indessen auch mit diesen neuen Gesellschaftsformen war dem Bedürfnis, das in dieser Beziehung bestand, nicht genügt. Das hat sich bei den verschiedensten Vorgängen gezeigt und Unternehmungen mannigfacher Art haben sehr wider ihren Willen zu einer der bestehenden Gesellschaftsformen greifen müssen, obwohl sie einer Gesellschaftsform bedurft hätten, die ihnen eine Beschränkung auf eine kleine Anzahl von Theilnehmeru und eine Vermeidung der Solidarhaft ermöglichte. Auch im industriellen Leben spielte diese Frage eine Rolle, namentlich dort, wo ein Etab lissement aus einer Hand auf mehrere Familienglieder überging und damit eine andere geschäftliche Außenseite annehmen mußte. Allen diesen Unternehmungen wird die neue Gesellschaftsform sehr gelegen kommen. Es ist kein Zweifel, daß alle, die nothgedrungen entweder die Aktiengesellschaft oder eine andere Form haben wählen müssen, diese nach Veröffentlichung des neuen Gesetzes, die alsbald zu erwarten steht, abwerfen und sich in Gesellschaften mit beschränkter Haftpflicht um- wandeln werden. Die Abänderung wird ihnen nach der Absicht der Gesetzgeber in jeder Beziehung erleichtert werden. Allerdings werden die Stempelgebühren für den Gesellschaftsvertrag, der für die neue Gesellschaft errichtet werden soll, gezahlt werden müssen, dagegen werden die etwaigen Uebertragungen von Immobilien und dergl. von der alten auf die neue Gesellschaft ohne solche Stempelabgaben erfolgen können.
Es steht danach zu erwarten, daß ebenso wie die neuen Genossenschaften mit beschränkter Haftpflicht auch die Gesellschaften mit beschränkter Haftung bald zu großer Blüthe gedeihen werden. Das Erwerbsleben der deutschen Nation wird davon nur Vortheile haben. Je weiter sich dasselbe nämlich ausdehnt, um so mannigfaltigere Gestaltungen müssen die einzelnen Erwerbsformen annehmen können, damit den auflebenden Unternehmungsbedürfnissen auch die Möglichkeit der ausgedehntesten Bethätigung gewährleistet wird. Unternehmungen, die bisher in eine ihnen nicht passende Form gezwängt worden sind, konnten ihre Kraft nicht voll entfalten. Das neue Gesetz bringt darin eine Aenderung ; das Erwerbsleben wird deshalb sicherlich von demselben einen beträchtlichen Impuls erhalten.
Deutsche- Reich.
Berlin, 27. März. Der Kaiser ist Sonnabend Ab nd von Jagdschloß Hubertusstock im besten Wohlbefinden
wieder in Berlin eingetroffen und während der im | offenen Wagen stattfindenden Fahrt ins Schloß von dem sehr zahlreich versammelten Publikum mit lauten Hochrufen begrüßt worden. Abends um sieben Uhr entsprachen die kaiserlichen Majestäten einer Einladung des österreichischen Botschafters Grafen Czechenyi zur Tafel. Sonntag Vormittag waren der Kaiser und die Kaiserin beim Gottesdienst im Dome anwesend, später empfing der Monarch den bisherigen Kultusminister Grafen Zedlitz-Trützschler.
* — Dem preußischen Abgeordnetenhause ist der in der Thronrede in Aussicht gestellte Gesetzentwurf, betreffend die Aufhebung der Befreiung der ehemals reichs- unmittelbaren fürstlichen Häuser von der ordentlichen Personalsteuerung gegen Entschädigung zugegangen. Ent schädigungsberechtigt sind 13 Häuser: Die Fürsten zu Bentheim-Steinfurt; zu Salm-Salm; zu Sayn-Wittgen- stein-Hohenstein; zu Solms - Braunsfeld; zu Solms- Hohensolms-Lich; zu Wied; zu Stolberg-Wernigerode (für seine Person und die am 1. April 1892 in der Grafschaft Wernigerode lebenden Mitglieder seiner Familie); die Grafen zu Stolberg-Stolberg; zu Stolberg-Roßla; die Fürsten zu Jsenburg-Birstein; zu Jsenburg-Büringen in Wächtersbach; der Graf zu Jsenburg-Büdigen in Meerholz und der Graf zu Solms-Rödelheim für ihre Personen und die Mitglieder ihrer Familien. — Die Entschädigung soll das l3'/gfache der für 1892/93 rechtskräftig veranlagten Einkommensteuer nach gewissen Abzügen betragen.
Aus Darmstadt wird berichtet: „Gutem Vernehmen nach ist in den nächsten Tagen ein Amnestie-Erlaß d^s Großherzogs zu erwarten. Jedoch soll sich die Begnadigung nur auf solche Personen erstrecken, die rechtskräftig zur Strafe verurtheilt sind oder solche zur Zeit verbüßen. Die Oberstaatsanwaltschaft hat die ihr unterstellten Behörden angewiesen, die Personen zu bezeichnen, welche des Gnadenerlasses würdig erscheinen.
Darmstadt, 25. Mä-z. Die Geschworenen bejahten nach 1V- stündiger Berathung in dem Mordprozeß gegen Kuhmichel die auf Mord und Raub lautenden Schuldfragen, worauf der Gerichtshof den Angeklagten nach dem Anträge des Staatsanwaltes zum Tode verurtheilte.
Gießen, 17. März. Ein wohlhabender Bauersmann aus dem benachbarten Hochborn wurde beim „Kümmelblättchen" von Bauernfängern um 300 M. gerupft. Da er nunmehr auch noch eine Strafe wegen verbotenen Glücksspiels zu erwarten hat, wird er sobald nicht mehr auf den Leim gehen. Die Spitzbuben sind über alle Berge, da der Gerupfte es unterließ, sofort Anzeige zu machen.
Aus Thüringen. Der Landrath des Querfurter Kreises hat angeordnet, daß polnische und schlesische Arbeiter gleich bei ihrer Ankunft einer ärztlichen Untersuchung unterworfen werden, da es in den letzten Jahren immer häufiger vorgekommen ist, daß durch die polnischen und schlesischen Arbeiter ansteckende Krankheiten eingeschleppt worden sind. — Auf eine schlaue Idee ist dieser Tage der Vorsitzende eines Vereins, welcher sich in einem Dorf nahe bei Eisleben befindet und dessen Mitglieder bei den Versammlungen meist durch Abwesenheit zu glänzen pflegen, verfallen. Um nämlich endlich einmal eine zahlreiche Sitzung zu bewirken, ließ er bei den Mitgliedern ein Zirkular herumgehen folgenden Inhalts: „Morgen Generalversammlung. Tagesordnung: Theilung des Vereinsvermögens. Freundlichst ladet ein der Vorstand." Und siehe da: am folgenden Abend ist Mann für Mann zur Stelle, nicht ein einziger fehlt. Erst allgemeine Spannung, dann allgemeine Heiterkeit, als der Vorsitzende erklärt, er habe sich nur einen Scherz erlaubt, er habe kein anderes Mittel gewußt, um die Herren einmal sämmtlich zusammen zu bringen. Der Rest war ein sehr animierter Verlauf der Versammlung,
ohne daß getheilt wurde. — Der „Salzunger Anzeiger" berichte! über folgende Naturerscheinung: „Eine ganz eigenthümliche Erscheinung machte sich am Dienstag aus unserm See bemerkbar. Gegen VaS Uhr hörte man in der Ferne ein schwaches Getöse, dem Rollen eines herankommenden Wagens gleich, welches sich aber in wenigen Sekunden auffallend steigerte und die Richtung nach dem Burgfelsen zu einschlug. Mit einem Mal sah man das Wasser des Sees in der Nähe der Halbinsel beim Fischerhäuschen in furchtbarer Wallung, verbunden mit einem starken Brausen. Es war, als wenn das Wasser förmlich kochte, und in der Mitte dieses kochenden Wassers bildete sich ein starker Sprudel, der mit einem unheimlichen Getöse alles um sich her zu verschlingen drohte. Nach Verlauf von 1—2 Minuten that sich eine Wasserstraße auf, in der sich der Sprudel in der Richt- ung nach Appolds Hotel zu quer über den See hinüber ausdehnte und alsbald verschwand, einen schwefeligen Geruch zurücklassend. — Bekanntlich wird in Satzungen seit langer Zeit das in der Tiefe der Erde, im Zechstein vorkommende Steinsalz ausgelaugt, so daß dort unterirdische Hohlräume entstehen müssen. Früher oder später müssen infolgedessen Emstürze der über dem Steinsalze liegenden Gesteinsmassen erfolgen. Ein solcher Vorgang hat sich offenbar am Mittwoch bet Salzungen abgespielt." Von anderer Seite wird darauf hingewiesen, daß ein ähnlicher Vorgang am 17. August 1828 stattgefunden hat. Auch am 1. November 1755, dem Tag des großen Erdbebens von Lissabon, ist eine auffallende Bewegung des Sees beobachtet worden.
Ein fremder Tanzlehrer, der sich Johannis nannte, eröffnete dieser Tage in Gräfenthal einen Tanzkursus mit Reprüsentations- und Anstandsunterricht, kassierte die erste Rate des Tanzgeldes ein, pumpte Bier- und LogiS- wirte, Fleischer, Bäcker u. s. w. an und verduftete alsdann bei Nacht und Nebel. Vor dem Wandervogel sei hiermit gewarnt.
Einem Bürger in Grünberg ist dieser Tage, dem „N. T-" zufolge, das fünfzehnte Mädchen geboren worden. Ein Stammhalter ist nicht vorhanden.
Leipzig, 21. März. Die Anstellung von Schulärzten ist seit dem 1. Januar d. J. hier erfolgt. Die Stadt Leipzig ist seitdem in 15 Bezirke mit je 3- bis 4000 Schulkindern eingeteilt und für jeden derselben ist ein Schularzt ernannt worden, der ein Honorar von 500 Mk. erhält. Den Schulärzten liegt die Verpflichtung ob, die sanitären Verhältnisse ihres SchulbezirkS zu beaufsichtigen.
Der von der Influenza relativ am schlimmsten Hsim- gesuchte Ort in Deutschland dürfte wohl das Dorf Wildenstein bei Crailsheim sein. In diesem Dorfe, das nach der letzten Volkszählung 495 Einwohner hatte, sind seit Neujahr 50 Personen, also der zehnte Theil der ganzen Einwohnerschaft, gestorben; nur wenige der Todesfälle sind nicht auf Influenza zurückzuführen.
Flensburg, 18. März. Von der Kanzel auf den Kutscherbock gekommen ist der frühere Prediger an der hiesigen St. Johanniskirche, der hochorthodoxe Pastor Petersen, der hier Sittlichkeitsvereine und Mägdeheime gründete, um die jungen Mädchen vor sittlichen Ge- uhren zu schützen. Derselbe war vor längerer Zeit in» Ausland geflohen, um einer Anklage wegen Verbrechen gegen die Sittlichkeit zu entgehen; er hatte nämlich viederholt unzüchtige Handlungen an unmündigen Kindern vorgenommen und war entkommen, b:vor die Staatsanwaltschaft einen Steckbrief gegen ihn erlassen hatte. Der hochwürdige Herr ist jetzt, wie ein hiesiges Blatt meldet, der Kutscher eines Newyorker Arztes geworden; eine Flensburgerin, die von Petersen konfirmirt worden ist, sah ihren einstigen Seelsorger auf dem Kutscherbock sitzen und das Gefährt des amerikanischen Arztes lenken.