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ZchlüchternerZeitimg

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u.Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf

DeutsÄre» Reich.

Bcilin, 9. März. Der Kaiser und die Kaiserin begaben sich heute, als am Sterbetage Kaiser Wilhelms I., nach dem Mausoleum zu Charlottenburg und verweilten dort zehn Minuten am Sarge des Verblichenen. Außer dem Kaiserpaar hatten Kranzspenden niedergelegt: die Kaiserin Friedrich, Prinz Leopold, die erbprinzlich da dischen Herrschaften, die Geucraladjntanten, Generale h la snite, Flügeladjutanten, sowie das Grcnadierrcgi- ment Kanig Wilhelm I. in Liegnitz.

Daß die vier ältesten kaiserlichen Prinzen sich be­reits ein nct'es Cümn:chen durch ihrer Hände Arbeit Dcr.- dicut und dasselbe zu einem gemeinschaftlichen Geburts­tagsgeschenk für den Kaiser verwandt haben, durfte noch nicht bekannt sein. Im letzten Herbste erfuhr der Krön Prinz, das; d 3 Wild in den königlichen Forsten während der Winterzeit auch außer mit Heu mit Kastanien und Eicheln gefultirt wird. Dies brächte ihn auf einen Gedanken, welchen er sofort seinen drei ältesten Brüdern mittheilte. Tags darauf sah man sämmtliche vier Prinzen mit Körben und Schubkarren ausgerüstet in dem Parte Dom Neuen Palais umherfahren und Kastanien und Eicheln einsammeln. Diese Arbeit wurde wochenlang fortgesetzt. Dann wurde mit dem Oberjägermeister Heinze ein Abkommen dahin getroffen, daß derselbe den Scheffel Eicheln oder Kastanien für 4 Mark ankaufe. Dies ist denn auch geschehen und die Prinzen sollen bei den. Einmessen ihres Handelsartikels sehr genau zu Werke gegangen sein. Während der Sommerzeit haben die Prinzen, wie dieselbe Correspondenz, der die erste Mit­theilung eustammt, mittheilt, die kaiserliche Küche mit einer nicht unbedeutenden Menge Radieschen versorgt, die sie auf einem ihnen überwiesenen Stück Land selbst gezogen hatten.

Der Bundesrath wird sich demnächst mit einem Gesetz-Entwurf über den Schutz der Brieftauben und den Brieftaubenverkehr im Kriege zu beschäftigen haben Im wesentlichen wird mit dem Gesetz-Entwurf bezweckt, die Vorschriften der in den meisten Bundesstaaten gel­tenden Gesetze über Beschränkung des Rechts, Tauben zu halten, sowie das Recht, im Freien betroffene Tauben sich zueignen zu können, ferner das Eigenthumsrecht an Tauben, welche in ein fremdes Taubenhaus übergehen, für Militärbrieftauben außer Anwendung treten zu lassen. Ebenso sollen gesetzliche Bestimmungen über die Sperrzeiten für den Taubenflug auf Militärbrieftauben keine Anwendung finden. Im Kriege kann durch kaiser­liche Verordnung bestimmt werden, daß alle Vorschriften über Tödten oder Einfängen fremder Tauben für das Reich oder einzelne Theile desselben außer Kraft treten, sowie daß Briestaubenverwendung ohne Genehmigung der Militär-Behörden mit Gefängniß bis zu drei Monaten bestraft werden kann.

13,960 Kanonen. Bei einem ausbrechenden Kriege führt Oesterreich 1896 Geschütze in's Feld, Deutschland 3238, Rußland 3446, Frankreich 3198, Italien 1608. Dazu kommen noch an schwerem Be­lagerungsgeschütz in Oesterreich 70, Deutschland 200, Rußland 72 und Frankreich 192 Stück. Im Ganzen würden also bei einem Kriege zwischen Oesterreich, Deutschland und Italien auf der einen, und Frankreich und Rußland auf der anderen Seite 13960 Geschütze in's Feld geführt werden können, die sich auf beide Parteien ziemlich gleichmäßig vertheilen, indem der Dreibund über 7052, Frankreich und Rußland zusammen über 6908 Kanonen verfügen.

Von Eugen Richters höchst interessanter Broschüre Sozialdemokratische Zukunftsbilder" ist soeben 4 Monate nach ihrem ersten Erscheinen das zwei- hundertste Tausend im Buchhandel verschickt worden, was für eine deutsche Schrift ein geradezu fabelhafter Erfolg ist. Dabei sind die Abdrücke in 36 Zeitungen und die Uebersetzung in 5 fremde Sprachen nicht ein­mal mitgerechnet.

Zahlreiche Arbeitslose Berlin s haben sich wft der Kriegsruf meldet an das Hauptquartier der Heilsarmee" um Unterstützung gewendet, dezw. haben sie,der Noth gehorchend, nicht dem eigenen Triebe," um Aufnahme in das Berliner Corps nachgesucht, um alsbesoldete" Soldaten in die Reihen der Heilstruppe einzutreten. Da aber dem Hauptquartier die erforder­lichen Mittel nicht zur Verfügung stehen, so wird

| gegenwärtig unter den Anhängen; derHeilsarmee" eine Geldsamm'uug verunstaltet.

Die Zahl der ungetanst bleibenden Kinder ist in Berlin wieder im Steigen begriffen. Nach der neuesten kirchlichen Statistik bett ägt der Prozentsatz der Unge- tauften schon wieder l4pCt-, nachdem er bereits auf 10 pEt. hcrnntergegangcn war. Ungetraut bleiben in Berlin 36 pCt. der Ehepaare, ein Prozentsatz der sich schon seit 11 Jahren auf gleicher Höhe erhalten hat.

Die Nachrichten ans Darmstadt lassen den Zustand des Großherzogs von Hessen als hoffnungslos erscheinen. Ein am Montag Morgen ausgegebenes Bulletin besait: Im Befinden des Großherzogs ist keine Besserung ein getreten. DaS am Sonnabend eingetretene AthmungS- phänomen besteht mit zeitweise,; Schwankungen in der Länge der Alhmungspausen fort. Es wird allgemein angenommen, daß der Anfall mit einem Herzleiden zu- sammenhängt, daß sich bei dem Fürsten allmählich eub wickelt hatte und im Spätherbst v. I. gelegentlich einer Jagd bei dem Fürsten von Leiningen in ihren Folgen sich zum ersten Mal bemerkbar machte. Bis jetzt ist das Bewußtsein nur in geringem Maß zurückgekehrt; die Sprachfähigkeit ist auf die Hervorbringung einzelner Laute beschränkt, die rechte Körperseite ist gelähmt.

Nordhausen, 6. März. Heiterkeit erregte in der letzten Stadtverordnetenversammlung die Mittheilung, daß man auf hiesiger Natural-Verpflegungsstation für arme Reisende zur Aufrechterhaltung des Arbeitsmangels bei mangelnder Arbeit einmal Holzwellchen von einem Boden zum anderen und später wieder zurück habe tragen lassen.

Wie nachträglich bekannt wird, hat in Görlitz ein sechsjähriges Mädchen Namens Martha Reinmann bei einem am 19. Januar in der Löbauerstraßc aus- gebrochenen Stubenbrand vier Kinder vom Tod des Erstickens gerettet. Das Mädchen kletterte, das acht Monate alte Brüderchen unter dem Arm, aus dem Dachfenster auf das nur 40 Zentimeter breite Haupt- gesims und erregte durch laute Hülferufe die Aufmerk­samkeit von Personen, welche sodann die Kinder retteten. Die städtischen Behörden haben nun in der Meinung, daß die opfermutige und unter größter Lebensgefahr aus­geführte That der Martha Reinmann eine öffentliche Anerkennung verdient, beschlossen, 300 Mark in einem Sparkassenbuch anzulegen und dasselbe dem Mädchen bei erreichtem 18. Lebensjahr einzuhändigen.

Breslau, 8. März. In Königshütle ordnete die Regierung in Folge der Pockeneinschleppung die sofortige Zurückweisung aller russischen Auswanderer an der Grenze an. Die Zahl der Pockenkranken auf preußischer Seite wächst.

Mannheim, 6. März. Der hiesige Stadtrath hat beschlossen, facultative Kinderkochkurse einzurichten und zu diesem Behufe zunächst zwei Lehrerinnen nach Carls ruhe zu entsenden, welche sich daselbst als Kochlehrerinnen ausbilden sollen.

Vom Main 6. März. Der fortwährende Rückgang der Getreidepreise bringt den Händlern großen Verlust. Dieselben haben im Spätherbst größere Lager in Weizen, Roggen, Gerste und Hafer aufgespeichert, die heute per Doppelzentner 2 bis 3 Mk. billiger sind. Auch in Mehl und Kleie haben die Preise bedeutend abgeschlagen. Norddeutsche Weizenmehle sind zu 2730 Mk. im Verband zu haben; Kleie zu 5-6 Mk. Die Mehl- händler der kleinen Orte klagen über Mangel an Ab­satz, einzelne suchen sich zu helfen, indem sie auswärts von Haus zu Haus gehen und Aufträge sammeln.

Ausland.

Oesterreich. Imurgemüthlichen" Wien ist jetzt der Hunger Trumpf. Seit 8 Tagen finden in ver­schiedenen Theilen der Stadt Vertheilungen von Brod und anderen Lebensrnitteln an die sich massenhaft hin­zudrängenden arbeitslosen Männer und Frauen statt, welch' letztere mit Kindern an der Hand und Säug­lingen auf dem Arm ei scheinen. Nicht selten kommt es vor, daß durch Hunger geschwächte Frauen im Ge­dränge ohnmächtig werden.

Rußland. Zur Charakterisirung russischer Soldaten zwei neue Beiträge: Aus Lemberg 5. März, wird be­richtet: In der Grenzortschaft Milnica drängten sich zwei russische Grenz-Soldaten in eine Hochzeits-Gesell-

schaft ein und insultirten die Frauen, worauf ein Gens­darm herbeigeholt wurde, der jene Beiden für verhaftet erklärte; diese griffen den Gensdarmeu an, der in der Nothwehr den einen erstach; der andere flüchtete über den Tnjepcr und ertrank, da die Eisdecke einbrach. Auf dem Bodenraum der Kaserne deS Garde-Regiments zu Pferde (ein Elite-Regiment, D. R.) zu Petersburg wurde die Leiche der seit Sommer verschwundenen englischen Gouvernante Margarethe Harper gefunden. Wahr­scheinlich liegt Raubmord vor, da 50 Rubel, welche die Ermordete, als sie ihre Wohnung verließ, bei sich hatte, fehlten. Die sofort eingeleitete Untersuchung wird auf's Geheimste geführt; den Petersburger Zeitungen ist verboten worden, irgend welche Mittheilungen über die Mordaffaire zu machen. (Bekanntlich wurde auch der Ehw kower Buchhalter Conrad von den Mannschaften des Regiments ermordet und beraubt.)

New ^ark, 1. März. Auf Anordnung der Behörden wurden 13 von Wohlthät'gkeitsanstalten hierher gesandte europäische mittellose und arbeitsunfähige Auswanderer nach Europa zurückgesandt.

Lokale» und Provinzielle».

Schluchteru, 11. März.

* Das Reichsbank-Präsidium hat an daS Publi­kum eine Warnung gerichtet, Banknoten nicht mehr mit irgend welchen Aufschriften zu versehen. Die Mahnung ist deshalb für nöthig befunden, weilBankuoten-Fälscher es liehen, fehlerhafte Stellen ihrer Fabrikate mit solchen Notizen zu verdecken.

* Die Zoll- und Steuer-Behörden sind jetzt amtlich darauf aufmerksam gemacht, daß schriftliche Lehr-Verträge, mit Ausnahme derjenigen Verträge, welche die Annahme von Lehrlingen in Apotheken ober in Handels-Geschäften betreffen, stempelfrei sind. Diese Bestimmung tritt am 1. April d. I. in Kraft.

* Communal-Steuerpflicht der Gymnasien. DaS Ober-Verwaltungsgericht hat am 26. Februar 1892 eine wichtige Entscheidung gefällt. Es hat die Stadt Oels für berechtigt erklärt, das dortige königliche Gymnasium zur Gemeinde Einkommensteuer heranzu- ziehen, und zwar für den Miethswerth des Gymnasial- gebäudes in Höhe von 3000 Mk. Dieser Miethswerth ist berechnet nach Maßgabe der sämmtlichen Räume des Gymnasiums, einschließlich der Wohnungen des Direktors und des Schuldieners. Das Ober-Ver- waltungsgericht hat erkannt, daß Gymnasien zu den juristischen Personen gehören, deren Einkommen aus Grundbesitz von der Gemeinde besteuert werden kann. Unerheblich sei, daß das Gymnasium vom Staat einen Zuschluß erhalte und daß es nicht zu einer ander- weiten Verwendung der Räume wie jetzt verfügungsbe­rechtigt sei. Die Entscheidung des Ober-VerwaltungS- gerichts ist von Bedeutung auch für die Universitäten und andere fiskalische Gebäude solcher Anstalten, welche eine besondere juristische Person darstellen.

* Wir machen darauf aufmerksam, daß, um daS gleichzeitige Dienen zweier Söhne einer hilfsbedürftigen Familie beim Militär zu Der« jindern, die Angehörigen ihren Antrag auf Zurückstellung des jüngsten Sohnes rechtzeitig anzubringen haben.

* Das Jahr 1892 wird nach dem 100jährigen Kalender im Allgemeinen ein mehr feuchtes als trockenes, auch schwüles und ziemlich warmes sein. Einem an« genehmen späten Frühling folgt ein warmen Sommer, und es wird viel und mastes Gras und Getreide geben. Der Herbst ist anfangs warm und schön. Viel Unge­ziefer, Mäuse, Maulwürfe tc. werden sich bemerkbar machen. Krankheiten der Leber, der Brust und des Magens, sowie Seitenstechen u. a. sollen in diesem Jahre vorherrschen. Der eine Trost bleibt uns wenigstens, daß sich der Kalendermann des Hundertjährigen schon sehr oft geirrt hat.

* Mit dem 1. März ist bekanntlich die Schon­zeit für männliches Roth- und Damwild und Rehböcke eingetreten. Es dürfen fortan nur noch geschossen werden: Wildenten bis Ende März; Trappen, Schnepfen, wilde Schwäne rc. bis Ende April; Wild­schweine und Kaninchen das ganze Jahr hindurch. Der Jäger soll aber nicht allein an den Abschuß des Wildes denken, sondern er muß sein Wild auch in der Schonzeit vor dem Raubzeug schützen und diesem eifrig zu Leibe gehen. Gerade jetzt im März, wo der erste