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ZchlüchtemerMung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u.Jllustrirtem Familieufreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf

20. Mittwoch, den 9. März 1892.

soll nämlich der Fall eingetreten sein, daß, nachdem Haze- mann auf einem Brett festgeschnallt und mit diesem unter das Beil der Guillotine gelegt war, letzteres, ehe der Kopf des Delinquenten völlig abgeschnitten war, stehen blieb. Die Gehilfen versuchten durch gleichzeitiges Rucken an dem Körper, den Kopf vollends abzureißen. Erst als dieser Versuch sich als fruchtlos herausstellte, kletterte einer der Gehilfen auf die Maschine und versuchte vergeblich das Beil wieder in die Höhe zu ziehen. Endlich gelang es durch Reißen und durch Ziehen und Drücken am Beil, den Kopf völlig vom Rumpfe zu trennen. Es hieß nach­her, eine Schraube sei gebrochen.

Kiel, 4. März. EineUnschuld vom Lande" als Brandstifterin. Die Dienstmagd Johanna Drummer, 18 Jahre alt, war der Brandstiftung angeklagt. Nach dem die Person fünf Tage auf Kuhteich bei Rothkamp, dem Besitze des Kammerherrn v. Bülow, gedient, zündete sie ihrem Dienstherrn das Wohn- und Wirth- schaftsgebüude über dem Kopfe an; das Gewese bräunte völlig nieder; der betagte Vater des Pächters wurde durch das herabstürzende brennende Dach schwer verletzt, sechs Schweine kamen in den Flammen um. Die Singe klagte, die ihre Unthat mit großer Ruhe erzählte, gab, nach Kieler Blättern, als Grund an, daß es ihr auf dem Hofe zu einsam gewesen; es habe ihr anmänn­licher Gesellschaft" gefehlt. Die Brandstifterin wurde vom Schwurgericht zu 2 Jahren und 6 Monaten Zucht­haus verurtheilt; als der Urtheilsspruch verlesen wurde, brach die jugendliche Verbrecherin in lautes Lachen aus!

Im rheinisch-westphiüischen Kohlenrevier wächst die Zahl der Arbeitslosen von Tag zu Tag und belauft sich bereits auf viele Tausende, was nicht nur eine Steigerung der gemeindlichen Armenlasten, sondern auch elfte wachsende Gefahr für die öffentlich? Sicherheit be­deutet. Daneben aber' werden an die Actionäre der großen Bergbaugesellschaften Dividenden von 2080 Prozent vertheilt!

Lünen, 1. März. Gestern fanden kleine Kinder, die auf dem Schult eines abgebrochenen Hauses an der Sangen« straße spielten, eine im Keller vergrabene irdene Urne. Als die Knaben sie zerschlugen, fielen mehrere gelbe Stücke heraus. Ein kleiner Knabe nahm sich eine Hand voll und machte sich ein Vergnügen daraus, die gelben Stein« chen über die Wasserfläche hin in die Lippe zu werfen. Unterdeß waren aber größere Kinder hinzugekommen, die den Fund in Sicherheit brachten. Die Urne, welche die Glasur noch besaß, war voll von Goldstücken und über dieselben war Lehm gepreßt. Sie haben die Größe eines Zwanzizmarkstückes; es ist pfälzisches Geld und stammt aus dem Jahre 1469. Ohne Zweifel ist die Urne, inte das in alter Zeit häufig geschah, zur Kriegszeit vergraben worden. Dieselbe befindet sich jetzt natürlich im Besitz des Bürgermeisteramtes, um das Weitere über den Fund zu veranlassen.

Suhl. Zwei Gymnasiasten hatten kürzlich die Monu- meutaljungfrau aus dem Marktbrunnen mit Theer be- strichen. Die Väter der jn endlichen Uebelthäter wurden zu 500 M. Buße verurtheilt und hatten außerdem für Reinigung der Jungfrau noch 100 M. zu zahlen.

Außerordentliche Befriedigung hat ein dieser Tage vom Schöffengericht zu Themsr gefälltes Urtheil beim Publikum hervorgerufen. Die Korbmacher P aff aus Dreißigacker und Gernert (Hebig) aus Siegritz haben nämlich, da sie an Straße von vier Bäumen die Kronen abgebrochen und vier weitere Bäume beschädigt hatten, je eine Gefängnisstrafe von 2 Monaten erhalten. Der herzogliche Amtsanwalt hatte sogar 3 Monate beantragt.

Aus Schlesien. Von billigen Verkäufen berichten schlesische Blätter. Ein BraunkohlenbergwerkAgenia" bei Stroppen, bisher einem Rittergutsbesitzer von Pritt- witz gehörig, wurde in der Zwangsversteigerung von einem Kaufmann für eine halbe Mark erstanden, und fünf bis sieben Mark werden als Erlös für einen ganzen Morgen junger von Raubenfraß heimgesuchter Kicfcrnbcstände in der Herrschaft Schlawa angegeben, welche achthundert Morgen Kiefernwald wegen Rauben- fraßes abholzen lassen muß.

Bartenstein. Infolge einer Annonce imBarten- steiner Anzeiger", in der eine Frau davor warnte, ihrem Mann auf ihren Namen etwas zu borgen, da sie für nichts aufkomme, ist gegen den Redakteur des Bartensteiner Anzeigers", der gleichzeitig der Verleger

Deutsche- Reich.

Berli". Es kann nicht überraschen, daß der neue Entwurf eines Reichsgesetzes über die Auswanderung auch Bestimmungen enthält mit der offenbaren Tendenz, die Auswanderung zu erschweren, um sie zu beschränkn Stellt man das Agenturwesen unter strengere Aufsicht und sorgt man für die angemessene Beförderung Der­jenigen, die entschlossen sind, ihr Vaterland zu verlassen, so leistet man der Neigung zur Auswanderung, indem man ihr möglichst günstige Bedingungen schafft, unzweifel­haft gewissen Vorschub. Da nun mit dem Grundrecht der Auswanderungsfreiheit nicht gebrochen werden soll, Auswanderungs-Verbote nach bestimmten Länder aber sich als unzweckmäßig und unwirksam erwiesen haben, so war man genöthigt, auf neuen eigenartigen Wegen die Erschwerung der Auswanderung zu versuchen und man chat sich zur Annahme einer Art von Aufgebots verfahren entschlossen. Wer auswandern will, so be­stimmt der neue Entwurf, hat bei Strafe (bis 150 Mk. oder Haft) vorher der Ortspolizei-Behörde davon An zeige zu machen. Diese Behörde veranlaßt darauf eine öffentliche Bekanntmachung, d. h. sie leitet das Aufgebots verfahren ein und gewährt dadurch Allen, welche an den Auswanderungslustigen Ansprüche oder Forderungen habcN, die Möglichkeit, solche geltend zu machen. Auf diese Weise ist festzustellen, ob der Auswanderungslustige all^lt^fnnen Verpflichtungen genügt hat, gegenüber rein Staat in Bezug auf Heer und Rechtspflege, gegenüber der Gemeinde und ihrer Steuer- und Armenverwaltung, endlich gegenüber den Privatbctheiligten. Erst nach Ab­lauf von vier Wochen nach Eröffnung dieses Aufgebots- verfahrens erhält der Auswanderungslustige eine Be­scheinigung darüber, daß seiner Auswanderung nichts im Weg steht. Aehnliche Vorschläge hat vor einigen Jahren der Zentralverein westpreußischer Landwirthe gemacht.

3. März. DieNorddeutsche" beginnt eine Reihe von officiösen Artikeln, betitelt:Zur Reform des Militairgerichtswesens" und bezeichnet das bayerische Recht, wenn es auch im Frieden manche Vorzüge be­sitze, weder für die Marine noch für den Kriegsfall paffend, während die preußische Einrichtung für Kriegs­zeiten in der Verknüpfung der Gerichte mit der Truppen- formation auch in der einfacheren Zusammensetzung der erkennenden Gerichte manchen Vorzug aufweise.

* Eisenbahnminister Thielen hat angeordnet, daß Besteller von Eisenbahnwagen zum Versandt industrieller und landwüthschaftlicher Erzeugnisse auf Wunsch eine rechtzeitige telegraphische Benachrichtigung darüber erhalten, an welchem Tage He bestellten Wagen auf den betreffenden Stationen eintreffen werden. Bisher ist das nicht ge­schehen , wodurch mitunter erhebliche Weiterungen und Kosten entstanden sind.

Ein geriebener Wucherer wurde dieser Tage in Berlin in der Person des PfandleiherS Jonas Siegmann zu einem Jahr Gefängniß und 500 Mk. Geldstrafe ver- urtheilt. Er hatte kleinen Leuten, die in d.r Noth bei ihm versetzten, gezwungen, für einen Theil des Pfandgeldes schlechte Seife und Cigarren zu nehmen.

* DieKreuz-Zeitung" rechnet Liebknecht ein jährliches Einkommen aus der sozialdemokratischen Be­wegung von 9000 bis 10,000 Mark nach. Das läßt sich hören und wird jedenfalls vielenGenossen" zu denken geben.

Danzig, 4. März. Der Magistrat ließ heute früh, um Arbeit für die Arbeitslosen zu schaffen, die Arbeit auf den Rieselfeldern beginnen. 220 Arbeiter sollten mittelst Dampfers befördert werden, es erschienen aber 800 an der Landungsstelle des Dampfers. Die Zurück­gebliebenen begingen Ausschreitungen, namentlich gegen Bäckerläden und .Brodträger. Ein Wagen mit Fleisch wurde geplündert.

Hamburg. Drei Offiziere des Packelfahrt-Dampfers Colonia" wurden in der Nacht zum Freitag in Hamburg aus Antrag der Direktion verhaftet, weil sie Kontrebande nach Westindien mitzunehmen versuchten. Es handelt sich um viele hunderttausend Patronen, zahlreiche Gewehre und Pulver.

Die Hinrichtung des Mörders Hagemann, welche am 1. März in Stade vollzogen worden ist, soll sich, wie der Hann. Cour, auf Grund eines ihm zur Verfügung gestellten Privatbriefes mittheilt, überaus schauervoll ge­staltet haben. Nach der Darstellung des genannten Blattes

ist, die Voruntersuchung wegen Beleidigung und groben Unfug eingeleitet worden.

Darmstadt, 5. März. Der Großherzog ist gestern Nachmittag drei Uhr von einem Schlaganfall getroffen worden. Die rechte Körperhälfte ist gelähmt, das Be­wußtsein erhalten. Der Zustand des Großherzogs ist äußerst bedenklich, er kann nicht sprechen, das Bewußtsein ist bereits getrübt, auch leidet er an starker Athemnoth, für die Nacht wird das Schlimmste befürchtet! Prinz und Prinzesst i Heinrich von Preußen sind soeben hier eingetroffen. Der Erbgroßherzog wird morgen von Nizza erwartet. Der Großherzog war noch gestern bei der Tafel recht heiter und bei bestem Appetit; zum Dessert er noch kandirte Kastanien. Flügeladjutant von Röder be­merkte dann plötzlich eine Veränderung im Gesicht des Großherzogs, als ob derselbe heftigen Zahnschmerz hätte; der Großherzog äußerte:Ich kann nicht mehr sitzen", worauf der Adjutant ihn auffing. Die herbeigeholten Aerzte erklärten sofort seinen Zustand für sehr bedenklich, worauf der Erbgroßherzog, Großfürst Sergius, Prinz Heinrich von Preußen, Kaiser Wilhelm und die Königin von England telegraphisch benachrichtigt wurden.

Gießen, 27. Febr. Gegen das Erkenntniß der hiesigen Strafkammer in Sachen der Schülervergehen hat die größere Hälfte der Verurtheillen durch ihre Anwälte Revision an des Reichsgericht beantragt.

Aus Nnterfrankcn wird geschrieben: Mehrere Reisende einer größeren Holzschneiderei in Hessen, welche die Lieferung von ca. 3 Millionen Gewehr­schäften für die russische Regierung übernommen hat, suchen auch in Unterfranken und den angrenzenden Ge­bieten Nußbäume aufzukaufen. Da für den einzelnen Stamm 6080 Mk. bezahlt werden, dürften die an und für fiel) noch wenigen Bäume der Axt zum Opfer fallen. Leider glauben die Verkäufer ein gutes Geschäft zu machen, was jedoch nicht der Fall ist, da ein ge­sunder Nußbaum, wie die Erfahrung lehrt, durchschnitt­lich jährlich 50 Mk. einbringt. Dieser Ertrag entspricht aber bei 5 pCt. Verzinsung einem Werth von 1000 Mk., so daß mit dem Niederlegen der gesunden Nuß­bäume ein erheblicher pekuniärer Nachtheil für die Be­treffenden verbunden ist.

In Pflochsbach i. Fk. wurden dieser Tage die Vor­bereitungen zur Beerdigung einer ledigen Frauensperson getroffen. Als man ihr das Sterbckleid anziehen wollte, gab sie Lebenszeichen von sich und sie erholte sich so schnell wieder, daß sie schon andern Tags auSgehen konnte. Auf die Anrede eines erstaunten Nachbars: Ich glaubte, Du seist gestorben?" antwortete sie trocken: Ja, das leit mer uf 1"

In Fürth wird nach Beschluß der Kirchenvorstände an den beiden dortigen protestantischen Kirchen daS PrädikatJungfrau" keiner Braut mehr beigelegt.

Ausland.

Paris, 3. März. DerMatin" macht sensationelle skandalöse Mittheilungen über Vorgänge bei den Lieferungen für die Armee. Vor 11 Monaten seien 800,000 Paar Schuhe, die geliefert wurden, als voll­ständig unbrauchbar für den Fall einer Mobilisirung scstgestcllt worden. Die Sohlen der Stiefel seien halb aus Papier gefertigt gewesen und sofort zerfallen. Bisher haben die Verwaltungsbeamten es verhindert, daß der Kriegsminister die schlechten Vorräthe durch bessere ersetze. Freycinet, bemerkt derMatin", sei gegenüber dem Widerstände der Velwa tung ohnmächtig und daher entschlossen, diese bei einer Mobilisirung sehr gefährlichen Zustände vor die Kammer zu bringen.

Das gelbe Fieber hat in Brasilien, wie den letzten von dort uach London gelangten Berichten zu entnehmen ist, eine erschreckende Ausbreitung gewonnen; insbesondere in Santos richtet die furchtbare Seuche die traurigsten Verheerungen an. Nach einem telegraphischen Berichte des englischen Konsuls an Lord Salisvury sind in den letzten vier Monaten achtzehn Schiffskapitäne dem gelbe» Fieber erlegen. Die Zahl der Opfer aus den Mann­schaften belauft sich auf Hunderte und in einzelnen Fällen ist die ganze Bemannung eines Schiffes vom gelben Fieber hinwcggerafft worden. In Rio de Janeiro selbst hat die Seuche keine Fortschritte gemacht, aber sie hat einen überaus heftigen Charakter angenommen, so daß dort fast alle Erkrankungsfälle tödtlich verlaufen.