MüchternerMmg
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. »Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf
B 16
Mittwoch den 24. Februar
Die Hungersnoth in Rußland.
Die deutsche „St. Petersburger Zeitung" veröffentlicht einen aus Saratow vom 3. d. M. datierten Bericht über die Hungersnoth in den Wolga-Kolonien, dem wir Folgendes entnehmen:
Bei der Unterhaltung mit dem Wetter zu beginnen, gilt im Allgemeinen nicht als besonders geistreich, unter den Verhältnissen aber, in denen sich die Masse der hiesigen Kolonisten befindet, spielt das Wetter eine Rolle, die nicht unberücksichtigt bleiben kann. Die furchtbare Kälte vom 18. bis 27. v. M., die fast in ganz Rußland bis zu 30 und mehr Grad stieg, hat zum Glück fast ebenso schroff abgebrochen, als sie eingesetzt hatte. Für Leute, die mit dem Nöthigen versehen sind, hat dieses Wechseln der Temperatur sehr wenig zu sagen, wer aber, wie die hiesigen Nothleidenden, weder ausreichendes, oder, wie dies in Tausenden von Häusern der Fall ist, gar kein Brennmaterial besitzt und dabei auch so gut wie nichts in und auf dem Leibe hat, sieht mit Furcht und Grauen jedem Steigen der Kälte entgegen. In der letzten Zeit bin ich wiederholt gefragt worden, weshalb man für die Notleidenden nicht auch Brennmaterial kaufe? Regelmäßig wird bei dieser Frage vergessen, daß, besonders im Osten der Wolga, Hunderte von Werst weit weder Wälder noch Holz, noch Kohlen und Torf vorhanden sind und das einzige Feuerungsmaterial aller Kolonisten und russischen Bauern aus getrocknetem Dünger besteht. Klar ist hierbei aber sofort, daß wenn weder Stroh noch Futter gewachsen ist, auch kein Dünger, also auch kein Brennmaterial vorhanden sein kann. Hier stehen wir nun wieder vor einer Frage von unabsehbarer Tragweite. Bis jetzt ist es noch nicht möglich gewesen, auf die Frage von den Ursachen der f"'achtbaren Hungersnoth einzugehen; es kann dies auch wohl erst nach einiger Zeit geschehen. Aber schon Lei flüch- tiger Betrachtung zeigt sich sogleich, daß der thierische Dünger in den hiesigen Steppen zur Verbesserung der Felder erst dann verwendet werden kann, wenn in anderer Weise für Feuerungs Material gesorgt worden ist.
Für den Augenblick beschäftigt alle am meisten die Sorge um die Ernährung der Hungernden, vorläufig wenigstens bis zum Frühjahr, und die Besämung der Felder. An Liebesgaben, besonders für die Wolga- Kolonisten, ist erfreulicherweise während des letzten Monals weit mehr eingegangen, als früher; aber das Mißverhältnis zwischen den zur Verfügung stehenden Mitteln und der in Folge der Aufzehrung der vorhandenen Vorräthe mit jeder Stunde wachsenden Anzahl der Hilfsbedürftigen ist heute fast größer als vor einem Monat, und die schlimmste Zeit steht erst vorder Thür. Gelingt es nicht, bis spätesten Ende Februar so viele Mitttel herbeizuschaffen, daß die allernöthigsten Lebensmittel und neben diesen auch noch riesige Massen von Saatgetreide gekauft und angeführt werden können, so weiß man nicht, was innerhalb der Zeit von Mitte März bis Ende April, also vom Verderben der Winterwege bis zur Eröffnung der Sch'ffahrt auf der Wolga, auf den Steppen östlich der letzteren, wo weder Eisenbahnen noch Chausseen existiren, eigentlich werden soll. Ungemein schwer lastet auf allen namentlich die Sorge wegen der nächsten Ernte, einestheils wegen der ungünstigen Aussichten für die nächste Roggen-Ernte, anderntheils, trotz der günstigsten Aussichten für das Sommergetreide in Folge der gefallenen Schneemassen, wegen der Aussicht auf einen ungünstigen Ausfall auch der letzteren, seitdem bekannt geworden ist, wie gering das von der Regierung bewilligte Quantum an Saatgetreide sein wird. Was nützen die besten Aussichten und selbst das günstigste Wetter, wenn die Felder nicht oder nur in beschränktem Maße besäet werden können; in diesem Fall ist dann die Noth im nächsten Winter und Jahre nicht nur die gleiche wie heute, sondern entschieden weit größer. An dieser Thatsache können auch die günstigsten Wi-terungsverhältnisse nichts ändern, falls nicht gesäet und geerntet werden kann. Es mag ja sein, daß auf einigen Stellen der von Mißernte betroffenen Gouvernements hinreichend Saatgetreide vorhanden ist. Aber was haben solche Gegenden, wo noch drei Viertel des eigentlich nöthigen Saatgetreides fehlen, von den Aufschneidereien einzelner russischer Zeitungen, daß für Saatgetreide überall in ausreichendem Maß gesorgt worden ist? Noch vor einer Stunde sagte mir
ein Geistlicher mit schwer bekümmerter Miene: „Könnten Sie nicht in Petersburg Mittel und Wege ausfindig machen, um meiner Gemeinde wenigstens den größeren Theil des noch fehlenden Saatgetreides, also circa 10000 Pud, zu verschaffen?" Das ist eine Gemeinde; was geschieht aber mit den übrigen? Im nächsten Augenblick sagte mir ein Zweiter: „Wollten wir unsere Bauern nur einigermaßen wieder auf die Füße stellen, so brauchte ich für mein Kirchspiel allein zu Saatgetreide wenigstens dieselbe Summe, die alle Kolonien zusammen an Liebesgabe erhalten dürften."
Da ich auf die eröffneten Volksküchen gekommen bin, so sei der Besuch einer Anzahl dieser Küchen hier in Saratow erwähnt. Von Seite der hiesigen evangelisch- lutherischen Gemeinde werden hier täglich 4- bis 500 Menschen gespeist und fast ebensoviel in dem östlich der Wolga liegenden Protowsk, weiter die Küche des Kaufmannes und Kirchenvorstehers Johann Seifert, der aus eigenen Mitteln täglich circa 150 bis 200 Kinder und nur alte Leute speist; diese Küche ist überhaupt die erste, die hier eröffnet worden ist. Ferner die erst ganz vor Kurzem eröffnete Küche der katholischen Gemeinde mit circa 200 bis 250 Kostgängern und schließlich vier Küchen der russischen Gesellschaft des heiligen Alexei, die täglich 1800 bis 2000 Menschen speisen. Die Suppe mit Fleisch ist in allen diesen Küchen thatsächlich gut; was diesen Küchen aber einen so bedeutenden Vorzug von denen auf dem Lande verleiht, das ist die Verabreichung von 1 '/* Pfund wirklich guten Brodes an jeden Esser. In der Küche der lutherischen Gemeinde erhalten die Kinder so viel Brod, als sie essen wollen, wodurch vom Lande, wo der beschränkten Mittel wegen kein Brot gegeben werden kann, viele hierher gezogen werden. Zwischen den Küchen der ei wähnten russischen Gesellschaft und den übrigen besteht nur der Unterschied, daß in den ersteren drei Kopeken für die Portion bezahlt werden müssen, eigentlich nur für Brod, da sie die Suppe bis zur vollen Sättigung erhalten, und in den anderen gratis verabreicht wird, was übrigens auch in den russischen, genau genommen, der Fall ist, da reiche Leute täglich eine Masse Billette zu drei Kopeken kaufen und sie dann unter die Armen vertheilen.
So erfreulich das eben Berichtete aber auch sein mag, so darf doch nicht verschwiegen werden, daß hier alle die Gleichgiltigkeit und der Mangel an Sorge für ihre hungernden Glaubensgenossen von Seiten der Katholiken äußerst peinlich beriihrt. Etwa 1000 Katholiken sind hier allein in Saratow vorhanden, die ernährt werden müßten; läßt sich aber bei den so außerordentlich beschränkten Mitteln der katholischen Küche, zehn Rubel pro Tage, überhaupt mehr thun, als 200 bis 250 mit einem ordentlichen Mittagstisch versehen? Allerdings findet noch eine größere Anzahl von ihnen Brod und Suppe in den lutherischen Küchen. Was g schieht aber mit den übrigen? Von den Letzteren antworteten verschiedene, daß sie erst alle 4 Tage etwas erhalten könnten und nach Mittheilung der zuverlässigsten Personen ist in den katholischen Kolonien eigentlich für nichts gesorgt, worüber die dortigen Patres in reiner Verzweiflung sind. So soll unter Anderm der lutherische Kaufmann Müller von Priwalnaja in einigen benachbarten katholischen Kolonien auf eigene Kosten öffentliche Küchen eröffnet haben.
Nachschrift. Wie mir der Kirchenvorsteher sagte, der mit mir die Runde durch die Küchen machte, werden Deutsche, namentlich Kinder, in denjenigea russischen Küchen, die unentgeltlich speisen, mit der Motivierung zurückgewiesen, daß Deutsche nichts erhalten können. In den deutschen Küchen werden dagegen auch viele Russen gespeist. ________ __
Deutsche- Reich.
Berlin, 22. Febr. Am Freitag Abend fand beim Finanzminister Miguel in Berlin ein zwangloser Herren- Abend statt. Die Einladungen waren zu einem Glase Bier auf 9 Uhr Abends erfolgt. Bereits 'Z vor 9 Uhr erschien der Kaiser in Begleitung des Prinzen Heinrich. Die Gesellschaft bestand aus - etwa 24 Personen. Der Kaiser unterhielt sich lebhaft mit vielen der Anwesenden Die Unterhaltung war außerordentlich angeregt. Erst gegen 1 Uhr verließ Se. Majestät die Gesellschaft.
— Die Schwester Kaiser Wilhelms I. und Großtante des regierenden Kaisers, die verwiitwete Großherzogin
Alexandrine von Mecklenburg, begann gestern ihr neunzigstes Lebensjahr. Als Tochter der Königin Luise ist diese ehrwürdige Seniorin des Hohenzollernhauses am 23. Februar 1803 geboren. Mit 19 Jahren vermählte sie sich mit dem Großherzog Paul Friedrich von Mecklenburg-Schwerin, dem Großvater des regierenden Fürsten, und ist Wittwe seit 1843. Großherzogin Alexandrine ist die älteste aller fürstlichen Frauen.
— Die Ergebnisse des neuen preußischen Einkommensteuergesetzes lassen sich begreiflicherweise auch jetzt noch nicht genau übersehen. Doch wird, wie die „Mgd. Z." hört, an maßgebenden Stellen der Mehrertrag, der ganz vorzugsweise aus den großen Städten eintomtne.it wird, auf etwa die Hälfte des bisherigen Aufkommen) geschätzt.
* — Der dem Bundesrathe jetzt zugegangene Gesetzentwurf über das Auswanderungswesen regelt die ganze Materie einheitlich. Die Auswanderungsfreiheit wird zwar nicht beschränkt, d.r Entwurf enthält aber Vorkehrungen, daß die Auswanderer vorher ihre öffentlichen und rechtlichen Verpflichtigungen erfüllen müssen, und scharfe Bestimmungen gegen die Verlockungen zur Auswanderung. Etwas schwerer als jetzt wird aber das Auswandern doch gemacht. Der Geschäftsbetrieb der Auswanderungsunternehmer und die Beförderung der Auswanderer wird unter genaue Kontrolle gestellt.
— Eine seltene Dienstherrin scheint die KaufmannS- Ehefrau Mariana Silberstein in Berlin zu sein. Sie wurde wegen Beleidigung und Mißhandlung ihres Dienstmädchens zu einer Geldstrafe von 100 Mk. »er» urtheilt. Die Behauptung der Angeklagten, daß die Magd der Inbegriff aller Untugenden gewesen sei, hielt der Gerichtshof deshalb nicht für glaubwürdig, weil die Zeugin aus ihren früheren Stellungen mit guten Zeugnissen geschieden war und weil nach Auskunft des Polizei-Reviers die Angeklagte innerhalb I'/? Jahren nicht weniger als 47 Dienstmädchen gehabt hatte. — Jüngst enthielt ein Berliner Blatt folgende Anzeige: „Für einen Prinzen wird eine Dame aus bürgerlicher Familie, nicht über 40 Jahre alt, mit entsprechender Mitgift zur Ehe gesucht. Achtbare Zuschrift sub „Cavalier", Hauptpostlagernd, Wieu." — (Kurz nnd bündig!)
Hamburg. In der Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure hebt Prof. Busley die Thatsache hervor, daß der Hamburger Schnelldampfer „Fürst Bismarck" neuerdings selbst die schnellste» englischen Dampfer schlägt, und daß das neue französische Schiff „La Touraine", dessen Maschinen in Frankreich gebaut wurden, nicht im Entferntesten an diese Dampfer heranreicht. Er bringe es nur auf etwa 18 Knoten. Der Genannte macht bei dem Anlaß darauf aufmerksam, daß die Ausreise gewöhnlich weniger Zeit beansprucht, als die Heimreise. Bei den herrschenden Westwinden sollte man meinen, es würde das Gegentheil der Fall sein. Das treffe aber nicht zu. Der Gegenwind bringt Zug in den Kesseln hervor und daher eine bessere Dampfentwickelung; bei der Heimreise dagegen fahren die Schiffe weit schneller als der Wind und es fehlt daher die Anfachung des Feuers.
Dortmund, 19. Febr. Einen Frevel sonder Gleichen hatte die hiesige Strafkammer gestern zu ahnden. Der Zeitungsbote Tülle aus Kirchlinde hatte von einem Bergmann für 27 M. eine kranke Kuh gekauft, deren Fleisch zum menschlichen Genusse thierärztlich verboten war. Gleichwohl verkaufte der gewissenlose Mensch das Fleisch zu dem Preise von 25 bis 30 Pfg. das Pfund an zahlreiche Familien. Die Folgen waren entsetzliche; dreißig bis vierzig Personen erkrankten unter Vergiftungserscheinungen; eine Wöchnerin mußte den Genuß der giftigen Fleischbrühe mit dem Leben bezahlen. Und das Alles wegen ein paar lumpiger Mark! Dar Gericht erkannte auf eine Gefängnißstrafe von 15 Monaten.
In einem Civilprozeß war ein Kaufmann in Zstrlrhn zur Zahlung verurtheilt worden und er hatte die Summe eingesandt, jedoch es unterlassen, das Bestellgeld von fünf Pfennig beizufügen. Der Gläubiger streugte einen neuen Prozeß an, und nun hat der Schuldner nicht nur die 5 Pfg., sondern auch noch 13 Mk. 35 Pfg. Kosten zu zahlen.
Bielefeld. Der siebzehnte Knabe wurde dieser Tage den Karl Tönsmann'schen Eheleuten daselbst geboren. Sämmtliche siebzehn Jungens sind am Leben.
Saarbrücken, 13. Febr. Im Hofraume des Arrest- Hauses wurde heute früh der 2bjährige Heinrich Lux