SchlüchternerMung
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Jf 15. Samstag den 20. Februar 1892.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat am Dienstag im Reichs- kanzleipalais mit dem Reichskanzler Grafen V. Caprivi konfertirt und im Schlosse den Generalfeldmarschall Grafen d. Blum-nthal empfangen, der nach längerer Krankheit sich wieder gesund meldete.
— Die Kaiserin dürfte in ganz kurzer Zeit wieder hergestellt sein.
* — Zar Einkommensteuer Freiheit der Standes Herren wird offiziös geschrieben, es haben wohl gelegentlich Einzel-Besprechungen, aber keine Verhandlungen von Seiten der Regierung mit den Standesherren stattgefunden. Den Standesherren, die vor einiger Zeit in Kassel versammelt waren, ist nur die Höhe des vom Finanzministerium in Aussicht genommenen Maßstabes für ne Kapitalisirung der Steuer mitgetheill worden. Dieser Maßstab dürfte allerdings um ein Drittel hinter den Wünschen der Standcsheiren zurückbleiben, die nach einer Mittheilung der „Köln. Ztg." einen Zinsfuß von 5 pCt. der Berechnung zu Grunde gelegt wissen wollen. Darnach will also die Regierung den 13 '/2 fadjen Betrag der Einkommensteuer als Entschädigung des Kapitals zahlen, während die Slandcs- Herren bisher den 20fachen Betrag verlangten.
* — Aus Deutschostafrika sollen in Berlin Nachrichten vom Kilimandscharo angekommen sein, wonach Dr. Karl Peters gewaltige Salpeterlager zwischen dem Kilimandscharo und dem Vulkan Donjo Ngai (am sog. Natronsee) und zu gleicher Zeit auch Quellen mit Brom, Chlor und Schwefelwasserstoffgas entdeckt hat Es soll hier auch eine Sendung von einen Natron bicarbonicum avisirt sein. Das ganze weite Gebiet zwischen Kilimandscharo und Donjo Ngai soll ein einziges großes Salpeterlager darstellen. Der.Hannov. Cour.", dem wir diese Nachricht entnehmen, bemerkt dazu: Diese Nachricht würde, wenn sie sich in vollem Umfange bestätigen sollte, für die Entwickelung unserer vstafri- kanischen Kolonie von ungeheurer Tragweite sein. Der weitaus meiste Salpeter wurde bisher im nördlichen Chile gewonnen, und der Handel mit Chilijalpeter ist von London aus vollständig monopolisirt. Eine Durchbrechung jenes britischen Monopols würde für Deutsch- Ostafrika einemenvrmen wirthschaftlichen Aufschwung mit sich bringen, und hoffentlich wird das deutsche Kapital sich die Ausbeutung jener anscheinend so werthvollen deutsch ostafrikanischen Salpeteriger nicht durch britische Erwerbsgesellschaften aus der Hand nehmen lassen. Eine Eisenbahn von der Küste (Tango) zum Kilimandscharo hinauf wird gegenwärtig bekanntlich bereits tracirt.
— Gegen einen Dr, Helmsen aus Friedenau bei Berlin ist ein Proceß aus Anlaß einer Brochüre: „Geheime Winke für Frauen" eingeleitet, der ein großartiger Skaubalproceß werden wird, da Hunderte von deutschen Frauen in denselben verwickelt werden. Ueber 100 Amtsgerichte sind bereits mit dem Proceß beschäftigt, bei dem die „fromme demsche Sitte" — wieder schön unter die Wägen kommt!
Aus Ostpreußen D r Lan'rath Müller des ost- preußischen Grenzkreises Johannisburg hat unter dem 9. Februar einen Aufruf versandt, in welchem er um milde Gaben bittet zur Bekämpfung des in seinem Kreise herrschenden Nothstandes. Von der Armuth, welche hier auch in nicht schlechten Jahren herrsche, könne man sich keine Vorstellung machen, und er, der Landrath, könne versichern, daß er nicht geglaubt habe, daß in Preußen derartige Zustände überhaupt möglich _ sind. Weiter heißt es in dem Cirkular wörtlich, wie folgt: „Schon die Ernte des Jahres 1889 war in einem großen Theile des an sich so armen Masuren ungünstig ausgefallen und im Kreise Johannisburg derart, daß nachher für 1019 kleine Besitzer Saatgetreide von der Verwaltung angekauft werden mußte. Die letzte Ernte hat ein noch schlechteres Ergebniß gehabt: insonderheit sind in Folge anhaltend, n Regens die Kartoffeln zumeist gänzlich mißrathen. Als Durchschnittsernte wurde die 2>/-fache Saat festgestcllt. Das Unglück ist um so schwerer, als der größte Theil der Bevölkerung nur von Kartoffeln lebt. Der Centner, für welchen sonst 70 Pfennige bis 1 Mark bezahlt wurde, kostet gegenwärtig 3 Mark, der Centner Roggen 11 ,‘20 Mark gegen 6,40 Mark früher, und Erbsen 8,90 Mark gegen 6,10 Mk. Bei der Unmöglichkeit, solche Preise zu bezahlen, herrschtj j^on jetzt in manchen Orten Noth und sie wird halb:
worden war. Dieselbe hatte als Hirtin gelebt. — Im Hof des Gebäudes der Großherzogl. Bezirksdirektion zu Apolda ertönten dieser Tage lustige und traurige Weisen, die dort eine sog. Präger Musikbande auf ihren Blechinstrumenten so unmuthig, als eS ihr nur möglich war, hervorzauberte. Die Erklärung für dieses sonderbare Konzert ist die, daß seit Anfang dieses JahreS dergleichen im zweiten weimorischen Verwaltungsbezirk umherziehende Musikkapellen gewissermaßen eine Probe zu bestehen haben, damit das Publikum vor allzu zweifelhaften musikalischen Genüssen verschont bleibt. Auch die Drehorgeln werden jetzt auf ihren Wohllaut geprüft, eine Maßregel, die jedenfalls allgemeinen An- klang finden wird. — In schlimmer Weise hat dieser Tage der Druckfehlerteufel einer in Coburg erscheinenden Zeitung mitgespielt. Er brächte es fertig, daß Mozarts Werk „Figaros Hochzeits" als Oper in vier „Saufzügen" bezeichnet wurde. — Seit Einführung des Maisbrodes sind die Bäckermeister in Gotha um 3 und auch 4 Pfennige per Pfund im Preis für Roggenbrod zmückgegangcn und kostet dieses jetzt fast überall nur noch 12 oder 13 Pfennig.
In Würzburg beschloß eine von 150 Syrern besuchte Lehrerversammlung, unzufrieden, daß die Lehrer nur mit 40— 60 M aufgebessert werden sollen, hie Regierung zu bitten, von einer Gehaltsanfbessnng der Volksschullehrer abzusehen, bis ihr genügend Mittel zur Verfügung stehen, die Lehrergehalte in angemessener Weise zu erhöhen. — Stolz lieb' ich den Spanier — nicht immer.
Würzburg, 10. Febr. Ein origineller Fall wurde heute vor dem Militärgerichte verhandelt. Der Gemeine des 17. Infanterie Regiments in Germersheim Friedr. Stark machte sich im September v. I. das Vergnügen, als Bedienter des Secondelieutenants d'Ahleur in Begleitung eines Schreinergesellen Schedel aus Belgien in der vollständigen Uniform seines Herrn auszugehen, die Posten am Zeughaus, an der Zeller- kaserne, am Weißenburger Thore, am Holzhof und an der Commandantur zu visitiren, sich die Ehrenbezeugungen erweisen zu lassen, die Leute über ihre Jnstruction zu befragen und dem Posten am Zeughaus sogar unter einer Belehrung über das Gewehr und die Jnstruction das Gewehr abzunehmen. Die Frechheit des Stark ging sogar so weit, daß er am Ludwigsthor den Wach- kommandanten herankommen ließ und ihm mittheilte, der Posten am Zeughaus kenne seine Jnstruction nicht und habe sich sogar sein Gewehr abnehmen lassen. Bei allen diesen Visitationen ti ug Stark den Betreffenden auf, nichts zu melden, seinerseits werde auch nichts gemeldet, die Visitation geschehe auf höheren Befehl. Nach dieser Rande gingen die Pseudo-Qffiziere in die Wohnung des Lieutenants d'Ahleur, zogen dessen Civil- kleider an, gingen in eine Wirthschaft und machten sich über ihre Abenteuer lustig. Stork machte, als Untersuchung eingeleitet wurde, einen Selbstmordversuch, indem er sich mit einer Platzpatrone in die Brust schoß, wobei er sich nicht lebensgefährlich verletzte. Das Urtheil lautete auf ein Jahr 9 Monate Gefängniß und 8 milchige Haft.
einen erheblichen Umfang onnchmen. Arbeitsverdienst ist zumal in der jetzigen Jahreszeit nicht überall gegeben : die kleineren Besitzer haben selbst nichts und schicken ihre Leute weg oder bezahlen sie mit 30 und 40 Pfg. ohne Essen auf den Tag und der Kreisverwaltung fehlen bet der unglaublich geringen Steuerkraft — von 49,000 Einwohnern zahlen außer den Beamten nur 1000 Klassen- und Einkommensteuer — die Mittel, um alle Bedürftigen beschäftigen und ausreichend lohnen zu können."
Könizsberg, 13. Febr. Vergangene Nacht ist die See in die Strandfeldstrecke der Bernsteingruben bei Palnicken eingebrochen. Innerhalb 20 Minuten war der Grubenbau voll Wasser. Sechs Mann der Belegschaft im südlichen Strandfelderbecken werden vermißt; sie dürften ertrunken sein.
Oldenburg, 11. Febr. Die ersten Gerüchte von den Wechselbetrügereien des verhafteten Maschinen- fabrikanten Büsing stießen überall auf Zweifel. Leider bestätigte es sich, daß eine ganze Reihe von Leute um sauer erworbenes Geld betrogen worden sind. Büsing hat an Landleute und kleinere Händler landwirthschaft- liche Maschinen verkauft. Er verlangte stets Accepte, wenn er auch Haares Geld hät'e bekommen können. In ihrer Vertrauensseligkeit dachten sich die Betreffenden nichts Arges dabei, wenn auf den Wechseln nur die Stelle für die Summe in Ziffern ausgefüllt war, nicht aber die Stelle für den in Buchstaben zu schreibenden Betrag. Auch seine schwer geschädigte Mutter hatte acccptirt. Büsing vergrößerte die Zahlen nach Belieben, so machte er aus 2f>0 z. B. 3250 Mk. Einige Leute sind bis zu 8000 Mk- geschädigt. Da die Baukcn, welche die Wechsel discontirten, die vollgültigen Unterschriften der Betrogenen besitzen, so müssen diese die von Büsing gefälschten Summen einfach bezahlen. Die Höhe der Fälschungen ist noch nicht sicher festgestellt.
Wetter a. d. Ruhr, 11. Febr. Ein erschütternder Vorfall regt alle Gemüther unseres Oltes auf. Zwei junge Männer, 16 und 17 Jahre alt, unbescholten in jeder Beziehung, Arbeiier in einer Maschinenfabrik, beide von ihren Meistern gelobt als strebsame junge Leute, beide Söhne braver Eltern, gingen nach dem Mittagessen statt zur Arbeit in den Wald in die Nähe des Harkortdenkmals und erhängten sich an einem Strick an einem Baumast. Kurz nachher wurden die Leichen gefunden. Sie hatten den Strick über einen Ast geworfen und dessen beide Enden je zu einer Schlinge gemacht. Man steht vor einem Räthsel und Niemand kann den Grund der grauenvollen That auch nur vermuthen.
* — Zum Xantener Knabenmorde meldet die „Kreuzztg." daß der Untersuchungsrichter Brixius, der Schwiegervater des Rechtsanwalts Fleischhauer (Vertheidiger des Schächters Buschoff) um seinen Abschied eingekommen sei. Nach anderen Meldungen wäre Brixius vom Amt suspendirt worden.
Berneastcl. Einer selsamen Einkapselung kam man dieser Tage im hiesigen Kasino auf die Spur. Beim Wechseln fiel ein Zehnpfennigstück durch seine Klang- losigkeit auf; man probierte es auf seine Echtheit. Nachdem ein Riß an dem Geldstück festgestellt und bi-fer mit einem Messer erweitert worden war, spaltete sich das Geldstück in zwei Theile, und es entfiel ihm ein Fünfmarkstück in Gold, das in seinem säuberlich ausgehöhlten Innern ft.ckte. Jedenfalls das Werk eines reichen Sonderlings, der auch auf der Drehbank gut Bescheid wußte.
Aus Thüringen. Das Sonneberger „Tageblatt" schreibt: Wie wir von fachkundiger Seite erfahren, steht gegenwärtig hier der Handel mit Singvögeln und anderen kleinen Vögeln, Meisen, Finken, überhaupt mit allem, was das nahende Frühjahr angekündigt und der gefiederten Schar angehört, in voller Blüte. Es sollen ganz beträchtliche Postsendungen dieses „Handelsartikels" von hier abgehen. Wenn man bedenkt, wie äußerst nützlich die meisten dieser Vögel für den Gartenbau u. s. w sind, so wird man nicht bestreiten, daß dieser schwunghafte Handel eine Gefahr für jeden Gartenbesitzer bedeutet. Kürzlich soll es gar vorgekommen sein, daß eine Sendung wieder hier antam, weil die Annahme der unterwegs verendeten Thiere verweigert wurde. — In G r a t l st a d t bei Koburg starb eine Greisin, Namens Dorothee Muther, die 1806 im Feldlager bei Jena geboren und daselbst aus einer Trommel getauft
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 16. Febr.
* — Auf die im heutigen „Kreisblatt" abgedruckte „Schulordnung für die hiesige Fortbildungsschule" machen wir die daran interessierten Leser hiermit aufmerksam und empfehlen deren sorgsame Aufbewahrung für spätere Fälle zwecks Darnachachtung.
* — Der Präsident des Oderlandesgerichts hat den Beginn der I. Sitzung des Schwurgerichts Hanau für dieses Jahr auf Montag, den 7. März bestimmt und bereit Leitung dem Landrichter Dr. Brandt übertragen. Den Hauptgegenstand der Verhandlung wird das schwerste Verbrechen bilden, indem die Anklage gegen zwei Frauen von Salmünster auf Mord, bezw. Beihilfe dazu sich richtet und darauf stützt, daß dort im Herbst 1887 eine alleinstehende Witiwe Heil in ihrem Häuschen, anscheinend in Folge eines Sturzes von der Treppe, todt aufgefunden wurde.
* — Am Dunstag, den 1. März, findet der alljährliche sog. große Viehmarkt statt, worauf wir bie Interessenten aufmerksam machen.
* — Auszug aus dem Plan über die Neueintheilung der Forstinspectivus-Bezirke im Regierungsbezirk Casses