SchlüchternerMung
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14. Mittwoch den 17. Februar 1892.
Die Zustände in Rußland.
Daß der russische Finanzminister die Verhältnisse des Zmenreiches nicht düsterer färbt, als sie sind, bedarf nicht des Beweises. Aber selbst nach seiner Darstellung schließt der Haushalt mit einem ungeheueren Fehlbeträge. Den Blättern des Nachbarreiches ist verboten worden, thatsächliche Mittheilungen über die Ausbreitung der Hungersnoth zu veröffentlichen. Allein aus anderen Quellen weiß man zur Genüge, wie viel Taulende im Elend umkoinmen, wie große Strecken Landes unbebaut geblieben sind, und wie in ganzen Provinzen die Bauern nicht ein Stück Vieh besitzen, sondern ihre Arbeitskraft für die nächste Ernte bereits an Großgrundbesitzer verkauft haben.
Man fürchtet in Rußland, daß der nächste Herbst nicht eine Besserung, sondern eine Verschlimmerung der wirthschaftlichen und finanziellen Lage bringen werde. Und diese Besorgniß erscheint einstweilen begründet. Nach mäßigen Schätzungen bereitet die jüngste Mißernte dem Zarenreiche — Ausfälle und Opfer zukammenge- rechnet — mindesten 500 Millionen Mark Kosten. Diese Summe muß sich vervielfachen, wenn der Nothstand im nächsten Winter eine Verschärfung erfährt. In jenen Kreisen, welche man in Rußland Gesellschaft nennt, beginnt sich bereits ein gewisses Angstgefühl bemerkbar zu machen, welches nicht beschwichtigt, sondern bestärkt wird, wenn die panslavistischen Blätter gegen Männer hetzen, die gleich dem Grafen Leo Tolstoi das Herz auf den Lippen tragen und der Wahrheit die Ehre geben.
Herr Wyschnegradski sieht seine sorgsam angesammelten Schätze schwinden. Von seinen Guthaben in Berlin hat er bereits 25 Millionen zurückziehen müssen. Er hätte auch den Rest erhoben, wenn er nicht immer noch die Hoffnung festhielte, durch schöne Worte und scheinbare Zugeständnisse den deutschen Markt für russische Anleihen wieder zu gewinnen. Seine offiziösen Blätter werden nicht müde, die Fabel von einer „Annäherung" Rußlands an Deutschland zu verbreiten. Sie könnten sich diese Mühe sparen. Denn kein Mensch im Deutschen Reich denkt ernstlich an eine solche Annäherung, und, wenn sie erfolgte, an ihre Bezahlung mit baarem Gelde. Dauern die heutigen Zustände im Zarenreiche noch ein Jahre an, so werden die russischen Werthe um nichts besser erscheinen als die portugiesischen oder argentinischen Papiere.
Diese Sorge scheint man nachgerade auch in Frankreich zu hegen. Zwar verhandelt die russische Finanzverwaltung abermals durch das Medium der Eisenbahn- direktionen in Paris über die Aufnahme einer neuen Anleihe. Es sollen, wie die „Voss. Ztg." erfährt, 240 Mill. Prioritäten der Eisenbahnen Moskau-Rjäsan, Rjäsan-Koslow und Kursk-Kiew ausgegeben werden, und das Bankhaus Hotlinger u Co, das sich schon an der Ausgabe der Schuldverschreibungen der Nikolai- Eisenbahn betheiligt hat, soll wenigstens vierprozentige Prioritäten der Kursk-Kiew Bahn in Höhe von 80 Millionen Francs zu einem Kurse von etwa 85 Prozent steuerfrei übernehmen wollen. Aber ob der französische Markt auch nur für diese Summe empfangsfähig wäre, ist in hohem Maße zweifelhaft. Denn die Pariser Finanzwelt und noch mehr das Privatkapital beginnt immer stärker, russische Werthe abzustoßen.
Es ist ein bemerkenswerthes Zeichen der Zeit, daß der Credit Lyonnais, eine der größten französischen Banken, seinen Kunden durch ein vertrauliches Rundschreiben zum allmählichen Verkauf russischer Werthe gerathen hat. Vorläufig nimmt Herr Wyschnegradski die auf den Markt kommenden Stücke auf, um den KurS zu halten. Wie lange aber wird er diese Käufe fortsetzen können? Die Zurückziehung eines Theils der russ. Guthaben beweist, daß seine Mittel zu Ende gehen. Wie er in Zukunft den wachsenden Bedürfnissen genügen soll, ist selbst gewiegten Finanzmännern ein Räthsel. Es wird auch behauptet, daß ein großer Theil des im Schnee stecken gebliebenen Eisenbahnmaterials als ruinirt gelte. Schon ist die Finanznoth in Rußland so groß, daß man den Plan eines baldigen Baues der sibirischen Eisenbahn notgedrungen aufgegeben hat.
Trotz Fehlbetrages und trotz Hungersnoth aber kürzt Rußland sein Heeresbudget nicht um einen Rubel und zieht es nicht ein Bataillon von der Grenze zurück. Diese Thatsache muß bei den unbefangenen Beobachtern
den Verdacht erwecken, daß nicht mehr lange Zeit verstreichen wird, bis das Zarenreich dort steht, wo Argentinien und Portugal bereits angelangt sind, nämlich bei dem offenen Staatsbankrott.
Die schönen Tage sind vorüber, in denen Rußland die Zinsen seiner Staatsschulden herabsetzen und der Bank von England aus der Geldnoth helfen konnte. Wie einst ein Sturm die stolze Armada vernichtet, so stürzt ein anderes Naturereigniß den nordischen Nachbarn von seiner Höhe. Mit Sorge, mit Furcht blickt die russische Gesellschaft in die Zukunft. In den Massen gährt es; die nihilistischen Anschläge mehren sich; verzweifelte Bauern greifen zu der Brandfackel; die höheren Klassen aber sind voller Entrüstung über die Sitten- verderbniß und Habsucht des Tschin, des ganzen Be- amtenthums, aller Staatslieferanten, welche auch mit den Spenden für alle Nothleidenden ihre Taschen füllen.
Zur Milderung der Hungersnoth sind dem russischen Ministerium des Innern für das Finanzjahr 1892 vorläufig 60 Millionen Rubel ausgeworfen worden. Von dieser Summe hat der Minister im Vorjahre be reits 30 Millionen erhoben. Der Rest ist in der vergangenen Woche auf Grund eines Beschlusses des Ministerraths zur Auszahlung bereit gestellt worden. Im Ganzen belaufen sich die Ausgaben zur Bekämpfung des Nothstandes bisher auf 7'/, Millionen Rubel aus dem Reichsverpflegungsfonds, 70 Millionen Zuschuß zu letzterem für 1891 und die oben verzeichneten 60 Millionen, mithin zusammen 137*/2 Millionen Rube'.
Da ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Von der ersten Million Loose der Nothstandslotterie sind noch rund 30,000 unverkauft in den Reichskassen; gleichwohl ist man genöthigt, neue sechs Millionen auf den Markt zu bringen. Die Regierung hatte gewünscht, daß die russischen Bankhäuser die Loose übernehmen. Aber die Bankwelt im Zarenreiche hat Sorge genug und verstand sich nur zu dem Vertrieb auf Rechnung des Staates. Die Steuererträge vermindern sich in demselben Maße, in dem die Bedürfnisse der Finanz- verwaltung wachsen. Das Bündniß mit Frankreich läßt sich nicht mehr „fruktifiziren"; denn die Pariser Geldgeber haben das Vertrauen auf Rußlands Zahlungsfähigkeit verloren. Was wird der Finanzminister Herr Wyschnegradski nun beginnen? Vorerst beabsichtigt er, eine innere Anleihe im Betrage von hundert Millionen Rubel aufzunehmen. Frankreich gibt kein Geld mehr, und Deutschland läßt sich nicht ködern. Der englische Markt ist dem Moskowiterthum längst verschlossen, weil es die britische Nation trotz ihres viel verspotteten „Krämersinnes" mit ihrer Würde unverträglich findet, eine Regierung finanziell zu u terstützen, welche überall eine dem Juselreiche feindliche Politik verfolgt. Herr Wyschnegradski hat also keine Wahl; er muß sich an seine Landsleute wenden. Aber soll die Anleihe nicht eine Zwangsanleihe sein, die den Staatskredit vollends vernichtet, so ist an ihre Unterbringung in Rußland bei der heutigen Wirthschaftslage nicht zu denken.
Die weitere Marschroute ist dem Minister dann vorgeschrieben. Er zieht seine Guthaben im Auslande, die letzte thatsächliche Stütze des russischen Kredits, zurück, womit er bereits begonnen hat, greift das Gold an, welches als Deckung für die Noten dienen sollte, und läßt geduldiges Papier mit dem Staatsstempel bedrucken und als Geld in Umlauf setzen. Das ist der Zusammenbruch der russischen Finanzen, der von unabsehbaren wirthschaftlichen Wirkungen sein muß. Wie weit steht das mächtige, riesenhafte Zarenreich noch von dem Wege, welchen Argentini n und Portugal betreten haben? Und wie lange noch wird sich Herr Wyschnegradski sträuben, den Verpflichtungen gegen die Staatsgläubiger die exceptio caesarea eutgegenzuhatten, den Einwand, daß, wo nichts ist, selbst der Kaiser sein Recht verloren hat?
Deutsches Reich.
Berlin, 14. Februar. Ein parlamentarisches Essen beim Staatssekretär von Bötticher fand Sonnabend 6 Uhr statt. Der Kaiser kam, in den grauen Militärmantel gehüllt, in geschlossener zweispäuniger Hofequipage pünktlich 6 Uhr an und wurde vom Gastgeber empfangen und in die Festräume geleitet. Der Kaiser unterhielt sich, ehe man sich zu Tisch setzte, mit verschiedenen
<Herren. Weiter betonte Seine Majestät in einem Gespräche, wie segensreich der Abschluß derHandelverträge für die allgemeine friedliche Situation sei. Ueber die Sozialistendebatte im Reichstage unterhielt sich der Monarch längere Zeit mit dem Abgeordneten Freiherrn von Stumm. Mit Freiherrn von Hüne besprach der Kaiser die Chancen des Volksschulgesetzes. Erst um halb 12 Uhr verließ der Kaiser das gastliche HauS.
— Das Befinden der Kaiserin hat das Verschieben des kleinen Hofballes vom 17. auf den 25. d. M. nöthig gemacht.
— Die Prinzessin Friedrich Karl muß das Zimmer hüten.
* — Der Eisenbahnminister Thielen empfing eine Deputation des Generalraths der Gewerkvereine der Maschinenbau- und Metallarbeiter, die ihn wegen der Arbeiterentlassungen und Lohnreduktionen in den Werkstätten der Eisenbahnen interpellirten. Der Minister erklärte, daß die Anweisungen zu Entlassungen und Herabminderung der Arbeitszeit und des Lohnes nicht von ihm ausgegangen seien, sondern sich von selbst ergeben hätten, weil weniger zu thun sei. Es sei auch keine Aussicht vorhanden, daß die Entlassenen in kurzer Zeit wieder eingestellt werden. Es stehen 30,000 Wagen außer Betrieb , da der Verkehr geringer geworden ist. Da an diesen Wagen Reparaturen nicht zu machen, sei natürlich bedeutend weniger Arbeit vorhanden.
— 13. Februar. Nach dem heute veröffentlichten definitiven Resultat betragen die Zeichnungen auf die neue 3°/o Rüchsanleihe 541, die Zeichnungen auf Preußische KonsolS 440 Millionen. Zeichnungen bis zu 5000 Mk. werden voll, höhere mit 10 bis 20°/, berücksichtigt.
* — Ein Gesetz über die Entschädigung für an Milzbrand erkrankte Thiere liegt jetzt dem preußischen Landtage vor. Es ist darin auch dem Kommunalver- bande Kassel das Recht verliehen, für an Milzbrand oder Rauschbrand gefallene Pferde, Rindvieh oder für getödtete Thiere dieser Gattung eine Entschädigung bis vier Fünftel des Werthe? zu bezahlen. Die Kosten sollen durch die Besitzer von Pferden und Rindvieh aufgebracht werden.
* — Die Ausbildung von Mannschaften der Ersatzreserve und der Landwehr I. Aufgebots mit dem neuen Gewehr Modell 1888 ist auch jetzt noch nicht völlig abgeschlossen. In den ersten Monaten dieses JahreS finden zu diesem Zweck noch bei verschiedenen Truppentheilen lOtügige Uebungen statt.
— Wenn eS zu konfessionellen Truppentheilen kommt im Verfolg der Bestrebungen des Abg. LingenS, con- fessionellc Unteroffizierschulen zu gründen, so müßte, wie die „Kölnische Zeitung" ausführt, die amtliche Bezeichnung dann etwa lauten: „1. Pommerisches (evangelisches) Feld-Artillerie-Regiment Nr. 2, oder 1. Westfälisches (katholisches) Husaren-Negiment Nr. 8, und da jedenfalls dann auch Kirchenfesten Chefs von Regimentern würden, so kämen vielleicht die alten Armeewitze von „Papst Kürassiren" und „Bischofs-Husaren" wieder zur Geltung. Bisher haben die preußischen Soldaten sich nicht darum gekümmert, ob ihr Nebenmann im Glied in der evangeilschen oder katholischen Kirche die Taufe empfangen hatte, wenn er nur seine Pflicht that und ein guter Kamerad war. Und wenn vor dem Eintreten in die Gefechtslinie ein Geistlicher noch einmal die Truppen anredete, war eS dem Soldaten auch einerlei, ob nun ein Priester der römischen Kirche ober ein lutherischer zu ihm sprach, wenn er nur die Herzen zu packen verstand. Darin, daß alle Unterschiede der Geburt und des Standes vor der allen gemeinsamen Pflicht verschwinden, liegt der ungeheure Segen der allgemeinen Wehrpflicht, und deshalb muß man auch solchen Bestrebungen, wie sie jetzt auftauchen, möglichst scharf entgegentreten, denn sie treiben nur einen Keil in das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Einheit."
* — Ueber die Soldatenmißhandluugen schreibt man der „Germ." aus dem Auslande: Im Auslande hat mau oft Gelegenheit, mit Fahnenflüchtigen zu ver- kehren. Fast ohne Ausnahme versichern alle, daß die Mißhandlungen Seitens der Unteroffiziere und Gefreiten die erste und Hauplursache ihres oft bereuten Entweichens gewesen sind. Aus dem Tagesbefehl des Prinzen Georg muß man schließen, daß die Unteroffiziere eine ungemein weitgehende Gewalt über ihre Leute haben,