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Jf 12« Mittwoch, teil 10. Februar 1892.

Deutsche- Reich.

Berlin. Am Freitag begab sich der Kaiser nach der Schorshaide, um dort eine Pürschjagd abzuhalten. Der Akonarch übernachtete im Jagdschloß Hubertusstock und kehrte dann nach Berlin zurück. Der Kaiser und die Kaiserin haben Sonnabend Abend die erste große Hof­festlichkeit verunstaltet; es war die Kour der Königin. Der Kaiser hatte die große Galauniform mit dem Bande des Schwarzen Adlerordens und sämmtlichen inländischen Orden angelegt; die Kaiserin in weißem mit Goldspitzen besetztem Atlaskleide trug die Kron-Diamanten und hatte gleichfalls Band und Stern des Schwarzen Adlerordens, den Louisenorden und sämmtliche Verdienstorden angelegt.

Die Budgetkommission des Reichstages hat am Freitag über die Soldatenmißhandlungen in der Armee verhandelt und mit 16 gegen 10 Stimmen folgende Anträge angenommen: 1. Die Militärstrafprozeßordnung baldigst einer Reform, namentlich in der Richtung einer größeren Oeffentlichkeit des Verfahrens zu unterwerfen, 2. Die Bestimmungen über das Beschwerderecht der Militärpersonen namentlich in der Richtung einer Er­leichterung dieses Beschwerderechts einer Revision zu unterziehen, 3. auf die Pflege religiösen Sinnes unter den Angehörigen des Heeres, sowie im gesummten Volksleben, insbesondere bei der Erziehung der Jugend thunlichst hinzuwirken. Die Debatte war stellenweise recht interessant. So gab der sächsische Militärbevoll­mächtigte in dieser Debatte sofort zu, daß der Erlaß des Prinzen Georg, so wie er veröffentlicht worden ist, existirt; die darin mitgetheilten Fälle erstreckten sich auf mehrere Jahre. Von allen Seiten wurde die Tendenz dieses Erlasses rühmend anerkannt. General von Goß- ler und der bayerische Militärbevollmächtigte General von Haugk sprachen sich sehr entschieden für die strengste Unterdrückung der Mißhandlungen der Soldaten aus.

An der Berliner Börse waren in den letzten Tagen wieder allerlei Gerüchte verbreitet, die offenbar den Zweck hatten, auf dem deutschen Markt Stimmung für russische Werthe zu machen. Man merkt immer mehr, daß man in Rußland anfängt, die Sperre des deutschen Geldes unangenehm zu empfinden. Die Aufnahmefähigkeit der Pariser Börse hat sich neuerdings merklich abgeschwächt, England nimmt bekanntlich schon seit geraumer Zeit keine Russenwerthe mehr auf und die Holländer sind neuerdings ebenfalls stutzig geworden. Daß in Rußland selbst gegenwärtig kein Geld für eine Anleihe flüssig ist, wird auch von russischer Seite offen zugestanden. So ist es kein Wunder, daß der in tausend Nöten befindliche russische Finanzminister alle Hebel in Bewegung setzt, um die Schranken, die heute den russischen Finanz­operationen in Deutschland gezogen sind, wieder zu be­seitigen. Hoffentlich bleiben dieselben aber so lange bestehen, bis die Russen den Werth guter, loyaler Be­ziehungen zum deutschen Nachbarreich schätzen lernen und ihre Politik dieser Erkenntnis entsprechend einrichten.

Wie schon mitgetheilt, ist in den letzten Tagen den Erben Küntzels, der mit acht Deutschen im Sommer 1890 kurz nach dem Jnkraftreten des deutsch-englischen Vertrages in dem an England abgetretenen Wituland ermordet wurde, eine beträchtliche Summe als Ent­schädigung seitens des Reiches ausgezahlt worden. Auch den Erben der übrigen Mitglieder der Küntzelschen Expedition sollen ansehnliche Entschädigungen zugehen. Daß diese Gelder, zu deren Zahlung das Reich sich für zwar nicht rechtlich, aher doch moralisch verpflichtet hielt, zur Vertheilung gelangen konnten und können ist, so hieß es in der Presse, einem hochherzigen Colonial- politiker zu danken, der zu dem im Rede stehenden Zwecke die Summe von 100,000 Mk. spendete. Wohl wollte der Geber nicht ganz genannt sein; aus zuver­lässiger Quelle verlautet aber, daß man allen Grund zu der Annahme hat, daß kein Geringerer es war als Kaiser Wilhelm, der die reiche Gabe auS keiner Privat- schatulle spendete.

* Aus Sparsamkeitsrücksichten wurden letzthin bekanntlich auf den preußischen Staatsbahnen eine ganze Anzahl von Arbeiterentlassungen vorgenommen. Wie aus BreSlau berichtet wird, sind jetzt auf Grund höherer Weisung jene Entlassungen eingestellt.

* Die Bewaldung des deutschen Bodens beträgt heute noch mehr als ein Viertel der Gesammtfläche. Von den rund 54 Millionen Hektaren Land, welche das deutsche Reich umfaßt, sind nach dem Forst- und Jagd­

kalender des Geheimen Oberforstraths Dr. Judeich 14 Mill. Hektare Waldboden. Von dem deutschen Walde sind 32,7 pCt. Staatsforsten, 15,2 pCt. Gemeindeforsten, 1,3 pCt. Stiftungsforsten, 2,5 pCt. Genossenschaftsforsten,

48,3 pCt. Privatforstcn. Die waldreichsten deutschen Länder sind Schwarzburg-Rudolstadt, in welchem der Wald 44pCt. des Bodens bedeckt, und Sachsen-Meiningm. Am wenigsten Wald hat Oldenburg, nämlich nur 9,2 pCt. seiner Fläche. Preußen bleibt mit 23,4 pCt. etwas unter dem Durchschnitt.

* Von dem Maisbrod ist es, seit Herr Murphy, der Beauftragte des nordamerikanischen Ministeriums, zuerst nach Berlin kam, um hier für die Eirführung des Mais zu wirken, ziemlich still geworden. Aber eingeschlafen ist diese sehr wichtige Angelegenheit nicht. Es ist bekannt, daß sowohl das Kciegsministerium wie das Reichsgesund­heitsamt in sehr eingehender Prüfung des gesummten einschlägigen Materials eingetreten sind. Wie man hört, sind diese Untersuchungen noch nicht abgeschlossen, lassen aber schon jetzt erkennen, daß bie Resultate im Sinne des Antragstellers günstige sein werden. Inzwischen ist jedoch die Einführung des Mais von Herrn Murphy mit Eifer betrieben worden. Es hat vielfacher Versuche bedurft, um hiesige Bäcker mit der Behandlung des Mais, der für unsern Geschmack und unsere Gewohnheiten besten Art der Mischung vertraut zu machen. Aber der Erfolg ist nicht ausgeblieben. In einer Anzahl von Berliner Bäckereien wird das Maisbrod oder wie eS genannt wird das Murphybrod nun gebacken und verkauft, fast ausschließlich bis jetzt im Südosten und Süden der Stadt, in den Arbeitervierteln, in denen selbstverständlich der größte Werth auf billiger Brod gelegt wird, so in der Admiralstraße, Driefenerstraße, Skalitzerstraße, Oranien- und Kanonierstrabe. Große rothe Plakate in den Schaufenstern kündigen hieran:Murphy-Brod, circa 5 Pfund für 60 Pfennig." Bisher kostete ein Roggen­brod von ca. 3'/- Pfund 50 Pfennig. Fünf Pfund würden also 75 Pfennig gekostet haben. Die Ercharniß würde somit auf 5 Pfund 15 Pfennig oder 20 Prozent betragen.

Breslau, 4. Februar. Nach derSchlesischen Zeitung" wurde bei dem gestern Abend eingetretenen Eisgang ein leerer 8000 Centnerkahn von dem Eise losgerissen und gegen die Eisenbahnbrücke geschleudert. Verschiedene andere Fahrzeuge wurden ebenfalls losgc- rissen und beschädigt. Auf einem befanden sich ein Mann, eine Frau und zwei Kinder, die bei dem Brücken­anprall in den Strom geschleudert wurden, sofort unter Eis geriethen und verschwanden. Für die Nacht wurde der Verkehr auf der Brücke von Breslau nach Tarno- witz gänzlich gesperrt. Aus Ohlau wird berichtet, daß der Strom die Dämme überfluthet und anscheinend an mehreren Stellen zerrissen habe. Aus Brieg wird ge­meldet, daß die Oder Vorstadt gänzlich unter Wasser sei. Das Wasser habe jetzt eine Höhe, wie sie in diesem Jabrhundert noch nicht erreicht war.

Aus Schlesien, 3. Februar. Unsere Provinz wird schon wieder vom Hochwasser heimgesucht. Infolge der bedeutenden Schneeschmelze sind die GebirgSflüsse Bober, Zacken, Lomnitz, Schwarzbach bedeutend angeschwollen, an mehreren Stellen bereits aus den Ufern getreten und richten im Verein mit den Eisstaunungen großen Schaden an. Am schlimmsten wüthen die Wasser der Oder, namentlich bei Brieg und haben eine Wasserhöhe von 7 Metern, eine Höhe, die kaum jemals von einem Hochwasser in diesem Jahrhundert bei uns erreicht ist. Die Niederungen gleichen Seen, der Schaden ist be- deutend. Der Oderdamm bei Ohlau zwischen den Ziegeleien Sottau und Neumann ist vollständig wegge­rissen und die Fluchen ergießen sich über die Ottager Fluren, überschwemmen Alles und führen mächtige Eisschollen mit. Viel Oderuferbewohner sind geschädigt. Militärische Hilfe wurde reqnirirt und trafen 50 Mann Pioniere unter Führung eines Offiziers ein.

Dem Handarbeiter Menge in Lehndorf bei Alten­burg wurden Vierlinge geboren, zwei Knaben und zwei Mädchen. Vor sechs Jahren wurde Menge bereits Vater von Drillingen.

Eisenach, L Februar. ES ist der Versuch unter­nommen worden, die im Thüringerwalde 1 2 Stunden von hier gelegenen Kupferschieferschächte bei Eppicheullen, die in den fündiger Jahren verlassen wurden, wieder zugänglich zu machen. Die bereits vorgenommene

Untersuchung der Kupferschiefers hat das Vorhandensein recht ansehnlicher Mengen Kupfer und auch etwa» Silber ergeben. Früher war der Bergbau auf Kobalt, Kupfer 20. in dortiger Gegend sehr ergiebig; hoffentlich nimmt diese Angelegenheit einen guten Verlauf.

Ueber die Verhaftung eines Technikers wegen Spionage in Kiel, wird von dort u. a. berichtet: Der verhaftete Techniker der Germaniawerft heißt Ahlrot. Derselbe soll Pläne und Zeichnungen neuerer Kriegsschiffe über Kopenhagen nach Paris befördert haben. Ahlrot ist ein Schwede.

Bochum. Zu dem SchienenstempelfälschungSprozeß veröffentlicht dieWests. Volksztg." deS Herrn Fus- angel ein am 10. Dezember in seinem Bureau in Gegenwart zweier Zeugen und eines Sekretär aufge- nommencS Protokoll mit dem früher auf dem Bochumer Werk beschäftigt gewesenen Vorarbeiter H. Quantiu» in Alten-Bochum. Der Letztere ist von 1874 bis 1880 und dann nach kurzer Unterbrechung bis 1882 auf dem Werke des Bochumer Vereins thätig gewesen. Er sagt aus, daß er von einem Obermeister Rosendahl und dem Ingenieur Bering fortgesetzt zu Schienenstcmpelfälsch. im gen angehalten sei. Als Quantius mit noch einem Arbeiter wegen Trunkenheit entlassen wurde, nahmen dieselben vier falsche Stempel mit und versteckten sie. Hierauf sandte Herr Baare wiederholt Boten zu Quan­tius, um die Stempel zurückzuerhalten. Schließlich ließ Herr Baare den Quantius nach seinem Bureau kommen. Er verfügte dessen Wiederanstellung in einer besseren Stellung mit 5 Mark Schichtlohn gegen 3,50 Mark, die er früher verdient hatte. Der andere ent­lassene Arbeiter, Namens Lüning, hat erzählt, daß er von Herrn Baare eine größere Geldsumme als Schweige­geld und eine Empfehlung an das Osnabrücker Stahl­werk erhalten habe. Die Aussagen hat nach derWestfäl. Volksztg." Quantinus auch vor dem Untersuchungs­richter zu Protokoll gegeben. Die Anklageschrift in der Stempelaffaire ist den Angeklagten zugestellt worden. Angeklagt sind Meister und Beamte; Geheim- rathBaare und d i e I n g e n i e u r e sind .nicht a n g e k l a g t. Die Anklage umfaßt die Ze't von 1876 bis 1891.

Auf der Henrichshütte bei Hattingen waren der Walzmeister Conrads und der Vorarbeiter Gremm damit beschäftigt, Stahlblöcke im Gewicht von 7000 Kilogramm mittelst eines eisernen Handwagen» nach einer entfernten Betriebsstelle zu stellen. Als sie auf diesem Wege einen mit Eisenplatten überdeckten Aschenkanal passiren wollten, löste sich eine der Platten und die beiden Männer stürzten mit den schweren Stahlblöcken in die Tiefe. Erst nach langer und mühe­voller Arbeit gelang es, die Verunglückten als gräßlich zugerichtete Leichen hervorzuzichen. Die mächtigen Blöcke hatten sie vollständig zerdrückt.

Haltern in Westfalen, 5. Februar. Durch Explosion einer Dynamitpatrone trug sich hier heute folgender Un- glückSfall zu: Der Bergmann Joseph Klaus, welcher in Begleitung zweier anderer Personen mit einer Schiebkarre in den Wald fahren wollte, um sein Holz zu holen, hatte sich, um die Wurzel des gekauften Baume» ausroden zu können, von der Zeche eine Dynamitpatrone mitgebracht. Beim Fahren stieß derselbe mit der Schiebkarre gegen die Tasche, in welcher er die Patrone trug; sofort explodirte dieselbe und riß dem K. ein Bein und einen Arm ab, umb außerdem trug der Unglückliche im Gesichte so schwere Verletzungen davon, daß er auch sein Augenlicht verloren hat. Die zwei Anderen wurden glücklicherweise nur leicht verletzt.

Herford, 3. Februar. Die Selbsteinschätzung hat in unserem Kreise einen Mann zum Selbstmord getrieben. V., so hieß der Unglückliche, konnte es nicht über sich gewinnen, sein ganzes Vermögen zur Besteuerung an- zumelden. Schon seit längerer Zeit fand er dieserhalb Tag und Nacht keine Ruhe. Mehrere Male stand er um Mitternacht auf, beklagte seine beiden blühenden Kinder, daß er der Steuern wegen fort von ihnen müsse. Man fand den V. vor einigen Tagen erhängt vor. Die Vermögensverhältnisse des V. werden als vorzüglich geschildert; man fand in einer wohlver­schlossenen Truhe über 50,000 Mark in baarem Gelde vor.

Gießen, 6. Februar. Aus mehreren pfälzischen und hessischen Orten kommt die Nachricht, daß in Folge