Einzelbild herunterladen
 

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u.Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf

Samstag, den 30. Januar

1892.

£3

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Jan. Der Geburtstag unseres Kaisers ist, wie im Inland, so auch im Ausland allenthalben von den Deutschen festlich begangen. In Paris, Wien, Petersburg, Moskau, Bukarest, Konstantinopel, Rom und in vielen anderen Orten fanden Festtafeln statt, auch die deutschen Vertreter im Auslande hielten die üblichen Feiern ab. Am österreichischen Hofe fand Galatafel statt, bei welcher Kaiser Franz Joseph auf die Gesundheit seines Verbündeten trank. König Humbert sandte einen überaus herzlichen Glückwunsch; ein recht sympathischer Wunsch ging auch vom Kaiser Alexander ein. Anläßlich des Geburtstages des Kaisers fand ein Festmahl im Rittersaal des Schlosses statt. Es nahmen daran: Kaiser und Kaiserin, die Könige von Sachsen und Württemberg, die Großherzoge von Baden und Hessen, sowie andere Fürstlichkeiten. Abends 7 Uhr war Galavorstellung im Opernhause.

25. Januar. Der König und die Königin von Württemberg sind gestern Abend um 8 Uhr hier eingetroffen und vom Kaiser und dem Prinzregenten Albrecht, sowie dem Erbprinzen von Baden und der Prinzessin Friedrich Karl am Bahnhof begrüßt worden: auch die General- Adjutanten, sowie der Staatsminister Dr. v. Mittnacht und der Staatssekretär v. Marschall waren anwesend. Der Kaiser umarmte den König und begrüßte die Königin in herzlichster Weise. Vom Bahnhof bis zum Schloß bildete die Garnison Spalier, das Publikum begrüßte die Herrschaften, deren Wagen von Garde-Kürassieren eskortiert wurden, mit freudigen Zurufen. Im Schloß begrüßte die Kaiserin die hohen Gäste, worauf ein ge­meinsames Mahl stattfand. Der König von Württem­berg hat am Montag Vormittag in Berlin die dort weilenden württembergischen Offiziere, sowie die aus Württemberg stammenden Zöglinge der Haupt-Kadetten- Anstalt, den württembergischen Minister-Präsidenten Dr. v. Mittnacht und zahlreiche andere Herren empfangen. Um 12'/- Uhr begaben sich der Königin und die Königin von Württemberg, einer Einladung des württembergischen Gesandten zum Frühstück entsprechend, nad), dem württembergischen Gesandtschaftshotel in der Voßstraße. Auf der Fahrt dorthin statteten dieselben der Kaiserin- Königin Friedrich einen Besuch ab. Am Abend um 7 Uhr hat im Weißen Saal des Schlosses ein Gala­diner von 190 Gedecken stattgefuuden. Auch derGroß- Herzog und der Prinz Heinrichvon Hessen sind in Berlin eingetroffen und haben im Schloß Wohnung genommen.

Prinz Heinrich, der am Sonntag mit seinem gesammten Hofstaat von Kiel nach Berlin überzusiedeln beab­sichtigte, hat wegen einer leichten Erkältung seine Ab­reise verschoben. In dem Befinden des an einer Er­kältungleidenden Prinzen ist inzwischen, wie gemeldet, eine wesentliche Besserung eingetreten. Der Prinz ist fieberfrei. Heute beabsichtigen nun der Prinz und die Prinzessin mit dem Prinzen Waldemar nach Berlin ab zureisen. Der Prinz wird im Sommer das Commando eines Panzerschiffes übernehmen; im Winter nächsten Jahres soll seine Beförderung zum Admiral erfolgen. Der Kaiser beabsichtigt im Sommer mit seiner Ge­mahlin zwei Monate in Kiel zu residiren.

* DieKöln. Ztg." wollte von zulässiger Seite gehört haben, daß der Finanzminister Miguel wegen seiner Bedenken gegen das Volksschulgesetz sein Abschieds­gesuch eingereicht habe, daß der Kaiser ihn jedoch gebeten, seinen Rücktrittsentschluß aufzuschieben, bis das Ergebniß der Kommissionsberathungen vorläge. DerNardd. Allg. Ztg." wird von zuständiger Seite versichert, daß die Angaben derKöln. Ztg." über ein Entlassungsgesuch des Finanzministers in wesentlichen Punkten irrig sei. Wie man hört, hat der Herr Finanzminister kein formelles Entlassungsgesuch eingereicht. Dagegen scheint es festzu- stehen, daß er abgeht,sobald das Volksschulgesetz .ohne wesentliche Abänderungen angenommen wird.

Der Kultusminister Graf Zedlitz ist am Sonn­abend Nachmittag, wie diePost" mittheilt, vom Kaiser zum Vornag empfangen worden. An demselben Abend gegen 9 Uhr ist dann der Kaiser unangemeldet in der Wohnung des GrafenZedlitz erschienen; alsbald wurden auf Wunsch des Kaisers der Finanzminister Dr. Miguel und die Abgg. Graf Douglas und v. Benda geladen und erschienen auch nach kurzer Zeit. In der Unter« Haltung mit diesen Herren verweilte der Kaiser bis nach Mitternacht, obwohl sein Wagen bereits für U Uhr

bestellt war, und es wird versichert, daß die Unter­haltung sich auf das Volksschulgesetz bezogen habe, und man glaubt, daß die Aussichten für den Entwurf da­durch besser geworden seien. Der Kultusminister sei zur Zeit der einflußreichste Mann. Wie dieKölnische Zeitung" mittheilt, habe der Finanzminister Dr. Miguel um die Mitte der vorigen Woche sein Abschiedsgesuch eingereicht, der Kaiser habe dasselbe aber abgelehnt. Dr. Miguel hätte gegen wesentliche Bestimmungen des Schulgesetzentwurfs erhebliche Bedenken geltend gemacht. Der Kaiser habe ihn jedoch gebeten, den Entschluß zum Rücktritt mindesten so lange aufzuschieben, bis es über­sehbar sei, zu welchem Resultat die Kommissionsbc- rathungen führen würden.

In derZeitschrift für Hygiene und Infektions­krankheiten" veröffentlicht Stabsarzt Dr. Pfuhl, der Assistent und Schwiegersohn des Geh. Rath Professor Dr. Koch seine Erfahrungen, welche er mit demge­reinigten Tuberkulin" erzielt. Darnach ist dies Mittel ganz unwirksam gegen Lungentuberkulose; nur bei Leber- und Milztuberkulose ergaben sichheilende Wirkungen"'Eine Jmmunisirung der Versuchstiere durch Tuberkulin findet nicht statt." Mit dieser Erklärung des Herrn Dr. Pfuhl, welcher die Versuche mit Tuberkulin von Anfang an mitgemacht und geraume Zeit damit auch an Thieren experimentirt hat, sind alle Hoffnungen begraben, welche man rroch an die Koch'sche Entdeckung knüpfte. Ein wahrhaft trauriges Ende eines über alle Begriffesensationellen, welter- schlitternden" Anfanges!! Oberstabsarzt Renvers wies im Berliner Verein für innere Medizin nach, daß, wie der Heil-, so auch der diagnostische Werth des Tuber- kulins in Frage zu stellen sei. Eine Frau hatte man zu Tode gespritzt und glaubte nun wegen dertypischen Reaktion" bei der Obdukktion b estimmt Tuberkulose zu finden. Und was fand man ? Im ganzen Körper auch nicht eine Spur von Tuberkulose!!! Das ist leider noch mehr als ein trauriges, das ist geradezu ein klägliches Ende, das seine vernichtende Kritik in sich selber trägt.

Gutem Vernehmen nach erfolgt eine Emission preußischer Consols und deutscher Reichsanleihe im Be­trage von 300 Millionen in nicht ferner Zeit.

25. Januar. In der gestrigen sozialistischen Protestversammlung gegen die Parteileistung wurde der Metallgießer Bernhard wegen Majestätsbeleidigung und Aufforderung zum Landesverrath verhaftet.

26. Jannar. Der hiesige Centralviehhof wurde durch polizeiliche Verfügung wegen Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche für jeglichen Verkehr geschloffen.

Was die Influenza den Krankenkassen kostet, zeigen zwei Beispiele: Der Kranken- und Sterbekassen- VereinZukunft" in Berlin hatte im November und Dezember durch die Influenza 894 Krankenanmeldungen und mußte in beiden Monaten zusammen 3 339 057 Mk. an Krankenunterstützungen zahlen. Die Leipziger Orts­krankenkasse hat infolge der übermäßigen Anforderungen ein Defizit von 75 000 Mk.

Nach dem Oktoberheft der amtlichen Statistik des Deutschen Reiches ist in den letzten 18 Jahren der Bierverbrauch nur in Bayern und in Württemberg und zwar um lO°/o und 23% gesunken, sonst aber überall in bedenklicher Weise gestiegen. Diese Steigerung be­trägt im Brausteuergebiet des Reiches 33%, in Baden 47"/g, in Elsaß-Lothringen 73% und endlich im Deutschen Reich 29%. Es ist dies eine Zunahme, die durchaus nicht mit Vergnügen zu beobachten ist. In dem Etat des Reiches für 1892/93 ist für die Brausteuer und Uebergangsabgabe von Bier ein Mehr von 1,168,000 Mk. und im Ganzen der Betrag von fast 24 Millionen Mk. angenommen.

München, 26. Januar. Die Herzogin Max in Bayern ist heute Nacht gestorben. Die Verstorbene, eine Schwester Königs Ludwig I., ist die Mutter der Kaiserin vou Oesterreich und Tante des. Prinzregenten Luitpold. Sie war am 30. August 1808 geboren, stand somit im 84. Lebensjahre. Seit dem 15. November 1888 war sie Wittwe. Vorgestern erkrankte die greife Herzogin an Influenza mit Lungenentzündung. Durch den Todesfall ist das österreichische Kaiserhaus aber­mals in tiefe Trauer versetzt worden.

Posen Aus Lodz wird gemeldet: In der Wohnung der Privathebamme Josefa Bednarek, die sich mit der

Pflege von Kindern befaßte, wurden von der Polizei gestern 15 Kinderleichen, zum Theil ganz verwest, auf« gefunden. Die Engelmacherin wurde verhaftet. Die Polizei ist in energischer Thätigkeit, um die Helsers- helferinnen und etwaige weitere Kinderlcichen zu entdecken.

Am Sonntag starb in Breslau in Folge eines Schlaganfalls der Oberlandesgerichtsrath Friedrich Hassenpflug, ein Sohn des früheren hessischen Ministers.

In Bensen (Hannover) sind mehrere Schafe von einem großen Thiere zerrissen worden, wie dies in letzter Zeit schon aus manchen (anderen Orten dortiger Gegend berichtet ist. Man nahm bisher an, daß bös­artige Hunde die Thäter seien; doch will sich allmälig fast die Vermuthung aufdrängen, daß ein Wolf in die dortige Gegend verschlagen sein muß.

Ein an der Ronsdorfer Chaussee bei Barmen wohnender 18jähriger Schäferknecht trieb am Mittwoch Abend seine Schafheerde nach dem Lichtenplatz. Plötz­lich sauste ein der Heerde entgegenkommender Schlitten .in dieselbe hinein, wodurch die Schafe zersprengt wurden. In der Wuth darüber versetzte, wie dieBarm. Ztg." berichtet, der Schäferknecht dem auf dem Schlitten sitzenden 20jährigen Bandwirker Sch. aus Ronsdorf mit seinem schweren Stocke einen so wuchtigen Schlag auf den Kopf, daß Sch. vom Schlitten herab zu Boden stürzte. Durch den Schlag wurde eine Zertrümmerung des Schädels und noch in derselben Nacht der Tod des Verletzten h:rbeigeführt. Der Thäter wurde verhaftet.

Osterfeld (Wests.) 25. Januar. Der neue riesige Sammelbahnhof, welcher neben unserm Orte angelegt wird, geht seiner Vollendung immer mehr entgegen. Zum Theil ist derselbe schon in Betrieb genommen. Der Bahnhof wird der größte sein, den das ausge­dehnte Netz der preußischen Staalsbahnen, wenn nicht ganz Deutschland, ja sogar das europäische Festland aufzuweisen hat. Von einem Ende bis zum anderen ist er etwa 4 Km. lang und die Zahl der Geleise wird an der breitesten Stelle mehr als 70 betragen. Die Länge der Bahnhofsgeleise wird weit über 200 Km. ausmachen, ein Maß, von dem man sich erst die rechte Vorstellung machen kann, wenn man erwägt, daß die Entfernung zwischen Köln und Bielefeld 217 Km. be­trägt, eine Strecke, welche der Expreßzug in 4 Stunden, ein Personenzug aber in mehr als 8 Stunden zurück- legt. Der Sammelbahnhof soll die ihm von den ver­schiedenen dort einlaufenden Eisenbahnstrecken zugeführten beladenen und unbeladenen Wagen aufnehmen, so daß dieselben zu ganzen Zügen, die geschloffen auf weitere Strecken versandt werden, zusammengestellt werden können. Zu den schon jetzt in den Sammelbahnhof einmündenden Bahnlinien wird sich demnächst noch eine fernere ge- feilen, die zwar schon vor einer langen Reihe von Jahren gebaut, aber außer Betrieb gesetzt ist. Es handelt sich um ein Stück der Westfälischen Staatsbahn Dortmund-Steckrade, welches an den Sammelbahnhof anschließt. Die Strecke soll nun als Endstrecke für die neue geplante Eisenbahn dienen, welche über Glad- beck, Buer, Recklinghausen, Datteln, Lünen, Werne nach Hamm führen soll und welche.früher vom Bahn- Hofe Bottrop ausgehen sollte. Die Eisenbahn, deren große Wichtigkeit schon daraus erhellt, daß sie das näher der Lippe liegende Industriegebiet, dem die Zu- kuiift angehört, aufschließt, verbindet den großen Sammelbahnhof Osterfeld mit dem zu Hamm unter Umgehung des ganzen mit Eisenbahnen dicht besetzten Jndustrievezirks, wird also für den Eisenbahnbetrieb von größter Bedeutung.

Ueber wunderbare Wirkungen des Einkommensteuer­gesetzes wird aus Duisburg .geschrieben: Bisher waren hier nur zwei Millionäre bekannt. Nachdem jedoch das oben genannte Gesetz die Seibsteinschätzung herbeigeführt hat, sind jetzt zweiunddreißig Millionäre vorhanden!

Mainz, 27. Januar. Ein Soldat vom 118. Regi­ment Namens Riß wollte sich vorgestern ertränken. Ein Mann, der ihn beobachtet hatte, brächte ihn zum Obersten des Regiments, woselbst der Soldat erklärte, daß furchtbare Mißhandlungen, welche er erlitten, zuletzt noch am Sonnabend, die Schuld an seinem Zustande trügen. Hoffentlich wird eine Untersuchung Lichr in die Sache bringen-