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Samstag, den 23. Januar

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Der Himmel auf Erden" betitelt sich eine soeben im Verlage von F. W. Grunow in Leipzig erschienene eigenartige Schrift von Emil Gregorovius (Preis 1 Mk.) Es ist ein Buch für Männer, deren Pflicht es ist, weiterem Uebel vorzu- beugen und die zu dem Ende die Folgen der social­demokratischen Irrlehren sich recht klar machen wollen. In anschaulicher Weise ist darin die Unmöglichkeit einer dauernden Durchführung der socialdemokratischen Ideen dargelegt. Besonders das Spiel der verschiedenen menschlichen Leidenschaften und deren Einfluß auf die Gestaltung derneuen Ordnung" drastisch und plastisch zu schildern, ist dem Verfasser in psychologisch meister­hafter Weise gelungen. Wo aber die Leidenschaft herrscht, dort kann der Himmel nickt sein, und ist der Titel der Schrift ironisch zu nehmen. Auch nimmt der Verfasser keinen irdischen Himmel von unbegrenzter Dauer an, sondern er sucht nur denHimmel auf Erden" in den Jahren 19011912 zu schildern.

Und welchen Himmel! Die Socialdemokraten stellen ja die Umgestaltung des irdischen Jammerthales zu einem Paradiese als das Ziel ihres Strebens hin; Gregorovius meint nun, wenn man einmal annehmen wollte, daß die Socialdemokratie bis zum Beginne des nächsten Jahrhunderts in Deutschland zum allgemeinen Siege gelangen würde, daß die dadurch herausbeschworene Mißwirthschaft in wenigen Jahren bereits ein Ende finden werde. Die Schrift nachträglich alskurzer Abriß einer Geschichte der soc aldemokratischen Schreckens­herrschaft im Jahre 1912" ausgeschrieben versucht an einer Reihe lebendig gemalter Bilder besonders zu zeigen, wie die Menschen auch unter den nach socia­listischer Anweisung gestalteten Verhältnissen Menschen bleiben, nur mit dem Unterschiede, daß die niedrigen Leidenschaften jetzt erst recht die Erde zu einer Hölle machen. Den Schluß bildet eine Unterhaltung zwischen einem älteren und einem jüngeren Arbeiter, welche einen zusammenfassenden Rückblick über das ganze Büchlein bietet.

Ich habe schon oft gefragt und nie eine genügende Antwort erhalten können", sagt der Jüngere:wie ist es denn möglich gewesen, daß Menschen an den social­demokratischen Zukunfts-Himmel in der Zeit der alten j Ordnung glauben konnten".Woher es kam", antwort der Alte,woher es kam? Heute weiß ich, was ich vor Jahren nicht wußte, als ich mich fortreißen ließ von ihren unseligen, wahnwitzigen und erlogenen Phrasen. Es war eine geistige Krankheit, die die Menschen ergriffen hatte, ein schwerer, alles Denken, alles Fühlen, alles Wollen beherrschender Wahnsinn war es, ein Fieber, viel schrecklicher, als das Fieber, das den Leib zerstö t. Aerzte gab es genug, die hätten heilen können und auch heilen wollten; aber wer von uns Arbeitern hörte auf ihre Stimme, wer von uns glaubte, daß sie es gut mit uns meinten, wer hörte von uns auf die Stimme der Wahrheit? Niemand, Niemand, denn die Lüge herrschte allein, ihr allein glaubten wir, ihr allein folgten wir, als sie uns ins Verderben führte. Und doch war unter den Führern Anfangs mancher redliche Mann, mancher, der es wirk­lich und wahrhaftig ehrlich mit dem ganzen Wahnwitz meinte, die Wahrheit in den Händen festzuhalten glaubte, ob es gleich die Lüge war. Und es wäre ja vielleicht auch Alles gut geworden und der Himmel auf Erden, mit dem sie uns arme Arbeiter immer und immer wieder gelockt hatten, der socialdemokratische Hmmel auf Erde--, er wäre vielleicht doch gekommen, wenn in der Berechnung der Führer und Gefährten nicht ein Fehler, ein einziger Fehler gewesen wäre".

Und der war?" rief gespannt der Jüngere.

Wir nahmen an, daß, wenn Alles gleich gemacht würde, wenn Keinem etwas, Allen aber Alles gehören würde, daß alsdann sich jedermann als ein Glied der ganzen Menschheit fühlen und in ihrem Dienste willig arbeiten würde, daß dann alle Selbstsucht, aller Eigennutz aufhören, daß Jeder, ob Mann, ob Weib, ob alt, ob jung, alle seine Wünsche, Hoffnungen, Begehrungen und Leidenschaften dem Wohle Aller unterordnen würde, daß niemand mehr für sich allein, sondern für alle

Anderen leben, schaffen, wirken, handeln, leiden und dulden würde. Es war Wahnwitz, so etwas zu glauben! Als ob. der Mensch aus seiner Haut heraus könnte, als ob einer so ohne Weiteres ein vollkommenes Wesen werden könnte, selbst wenn er eins werden wollte! Kann man aus einem Wolf ein Lamm und aus einem Habicht eine Taube machen? Wahnwitz war ein solcher Glaube, aber wir hatten ihn alle, bis uns die Augen aufgingen und wir gewahrten, daß die neue Ordnung der Dinge nur das Unvollkommene, das Bcstienhafte im Menschen zur Entfaltung brächte."

Mit Recht hat der Verfasser in der Gottentfremdung den letzten Grund der Socialdemokratie entdeckt und Rettung von dem Uebel kann uns nur werden, wenn die weiten Schichten des Volkes wieder ein werkthätiges Verständniß gewonnen für die in Heiliger Gottesliebe wurzelnde mystische Ascesc der Entsagung und des Opfers. Der Himmel auf Erden ist ein Unsinn! Nur wenn wir dieses Erdenleben als Vorbereitungszeit auf ein jenseitiges, ewiges Leben betrachten, werden wir die Räthsel des gegenwärtigen Lebens zu lösen und uns mit den Leiden dieser Zeitlichkeit abzufinden vermögen; sie verbannen wollen ist ein wahnwitziger Titauenkampf.

Deutsches Reich.

Berlin, 2O.v5muar. Wie aus Kiel gemeldet wird, ist der Kaiser gestern dort ganz plötzl ch und unerwartet eingetroffen, selbst das Eisenbahnbetriebsamt hat keine Ahnung von der Ankunft des Kaiserlichen Sonderzuges gehabt. Auf dem Bahnhöfe war Niemand zum Empfange anwesend. Der Kaiser verließ mit seinen Adjutanten zu Fuß den Bahnhof, ging am Eisenbahndamm und Wall entlang, gab der Schloßwache Befehl, General' marsch zu schlagen, und fuhr dann auf einer Dampf- pinasse an Bord des PanzerschiffesFriedrich der Große", welches in der Nähe der Barbarossabrücke vertäut lag. Bei der Vereidigung derMarincrekruten in Kiel betonte der Kaiser, die Matrosen seien besonders berufen, deutsche Ehre ins Ausland zu tragen, und er­mähnte dieselben zur Treue gegen Kaiser, Reich und Religion. Daran schloß sich eine militärische Feier im Exerzierschuppen der Marine. Später folgte der Kaiser einer Einladung des Offizierkorps zum Frühstück im Kasino.

In der Budget-Kommission des Reichstags ist am Dienstag der Reichseisenbayn-Etat beraten worden. Bei dieser Gelegenheit hat der Minister Thielen eine längere Rede gehalten und in derselbe sich gegen die Ermäßigung des Personentarifs für den Fernverkehr und gegen den Zonentarif ausgesprochen; nur im Uebermuth oder in der Verzweiflung könne man den Zonentarif einführen.

* Ein dem Bundesrath vorliegender Gesetzent­wurf bezweckt die Kuppelei und das Zuhälterwesen im Strafi echt schärfer zu treffen. Für die einfache Kuppelei soll das Strafminimum erhöht, der Kuppler, wenn er der Ehemann der verkuppelten Person ist, mit Zucht­hausstrafe, der gewerbsmäßige Zuhälter, der bisher straflos war, mit Gefängnißstrafe nicht unter einem Monat und, falls er der Ehemann ist oder die Weibs­person durch Gewaltthätigkeit zur Unzucht anhielt, nicht unter einem Jahre bestraft werden. Desgleichen soll gegen das Feilhalten, Anpreisen rc. von unzüchtigen Schriften und Bildwerken mit dem Strafgesetz etngc« schritten werdm. Auch mit den Raufbolden, Messer­helden rc. befaßt sich der Entwurf.

* Neuerungen im Schulaufauge. Zur Ver­meidung von Unzuttäglichkeiten ist vom preußischen Unterrichtsminister bestimmt worden, daß, soweit nicht besondere Verhältnisse, z. B. der Eintritt der beweglichen Feste, eine andere Anordnung nöthig machen, für die Rückreise der Schüler zum Schulort j desmal der erste Wochentag unmittelbar nach dem betreffenden Sonn- oter Festtag freigelassen und der Unterricht erst am nächstfolgenden Wochentag Morgens um die regelmäßige Stunde eröffnet w rde. Demgemäß soll also nach einem Sonntag jedesmal der Montag als Reisetag und der Dienstag als Schulanfang festgesetzt werden. An der Gesammtdauer der Ferien soll hierdurch nichts ge­ändert werden.

* Ueber den Werth der Heere. In Nr. 1, 2 und 3 desMil.-Woch." veröffentlicht General.Lieutenant v. Bo^uslawski einen höchst interessanten Aufsatz über die j

Schlacht bei Wörth, in welchem er ausführt, daß die Eigenschaften der großen Nationen bezw. der Raren Europa's zwar verschieden seien, daß dieselben sich jedoch in Bezug auf ihren militärischen Werth ausglichen, so daß man nicht behaupten könne, die eine Armee würde die andere durch ein höheres Maß kriegerischer Eigen­schaften besiegen können. Wollte man z B. deu Franzosen eilten grossem Ungestüm beim Angriff zugestehen, so könnte man dem die größere Zähigkeit der Deutschen im Heran- riitgen, die Standhafligkeit im Ertragen von Unglücksfällen, schärfere Manneszucht der Genügsamkeit des Südländers die größere Körperkraft und Abhärtung des Nordländers entgegenstellen. General Lieutenant v. BoguSlawski führt ferner aus, daß er in den von ihm mitgemachten Gefechten niemals eine größere Findigkeit der Franzosen als der Deutschen zu bemerken im Stande war. Es sei ein Irr­thum, zu glauben, daß der deutsche Soldat im Schützen­gefecht weniger Geschick für die Benutzung des Geländes habe, im Schießen aber sei der Deutsche dem Franzosen seiner größeren Ruhe wegen von jeher überlegen gewesen. Der so oft wiederholte Satz von der größeren Gewandt­heit des Franzosen in diesem Punkte halte er für Legende, die wie so viele andere nicht nur von der Menge, sondern schließlich auch von Männern der Wissenschaft geglaubt und angenommen worden sei. Man solle nur den Rekruten nicht erst steif drillen, sondern ihn so ausbilden, wie er unser jetziges Exerzir-Reglement fordere, so werde man sehen, wie schnell er im zerstreuten Gefecht gewandt sein könne.

* In Berlin starb der Braumeister von Patzen- Hofer, Adolf Enders, ein richtiger Braumeister der alten Art, der in Pantinen über die Straße ging. Sein Ge­halt betrug 60,000 Mark, von jeder Tonne hatte er 00 Pfennig. Im Ganzen berechnete man seine Einnahme auf 150,000 Mark,

Posen. Der Schlossergeselle Johann Bissen, ein alter Zuchthäusler, der im Polener Gerichtsgefängniß in Untersuchung war, hat den Gefangenaufseher Frankowski, als derselbe um 1 Uhr Nachts die Zelle revidirte, mit einer Eisenstange vor den Kopf geschlagen. Er eignete sich dessen Dienstmütze, Paletot, Kontrolluhr und Schlüssel an, wurde vom Militärposten, der ihn für den Aufseher hielt, aus dem Gefängnißthor durchgelassen, und ver­schwand spurlos. Frankowski starb nach zwei Stunden.

Der Besitzer derSchlesischen Ztg.", v. Korn in Breslau hat anläßlich des lstOjährigen Jubiläums der­selben jeder der beiden von ihm begründeten Kassen, der Korn'schen Buchdrucker Unterstützungs- und der Äornfdjen Pensionskasse 50 000 Mark zugewendet.

Aus Schleswig, 15. Januar. Von den vor einem Jahre aus unserer Gegend nach Brasilien Ausgewanderten sind briefliche Nachrichten eingetroffen, die das Schicksal derselben als ein überaus trauriges und beklagenswertheS erscheinen lassen. Die Leute erhalten dort für ihre schwere Arbeit kein Geld, sondern nur kümmerliches Essen und eine Vergütung zur Anschaffung der nothwendigsten Kleidungsstücke; dabei ist die Behandlung seitens der Arbeitgeber eine höchst unwürdige. Der Mangel an Baargeld macht die Rückkehr in die Heimath unmöglich.

Münster, 20. Januar. In dem Proceß gegen die Bergleute Nick und Genossen aus Buer wurde Nick wegen Landfriedensbruchs und Todtschlags zu 15, Conrad Lang zu 15, Mortensohn zu 14, Nolte, Ludwig Lang und Hartmann zu je lO'/a Jahren Zuchthaus oer- urtheilt.

Arolsen, 18. Januar. Vor einiger Zeit erließ ein gewisser M. Schmitt in Karthaus bei Trier in einem Fachblatt eine Anzeige, daß unter günstigen Bedingungen Schuhwaarei abzugeben seien. Unter Anderen wandte sich der Schuhmacher Vesper aus Corbach in Folge der verlockenden Anpreisung an den Schmitt, erhielt aber keine Antwort. Dagegen kam zu Weihnachten ein mit der Namensunterschrift des Vesper versehener acceptirter Wechsel im Betrage von 425 Mark hier an. Die gefälschte Unterschrift des Wechsels war derjenigen, welche auf der Postkarte stand, die der Schuhmacher an Schmitt sandte, täuschend ähnlich uachgemacht. Der Wechsel ging selbstverständlich uneingelöst wieder zurück; auch wurde bei der königlichen Staatsanwa.'t eine dies­bezügliche Anzeige erstattet. Vor wenigen Tagen lief nun ein zweiter Wechsel in Corbach ein, dieses Mal in Höhe von 290 Mark; auch dieser Wechsel war gefälscht. Am Freitag lief ein dritter falscher Wechsel über 448 Mark ein. Schmitt ist nach hierher gelangten