SchlüchternerMlMß Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisbtatt" u. »Jllustrirtem Familienfreuud" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf, ^ 6. Mittwoch, den 20. Januar 1892.
^ofNhwfl^ll "Uf die „Schüchterner Zeitung« werden noch fortwährend von allen
- ---------------" Postanstalten undLandbriefträgern owic von der Expedition entgegen genommen.
Brieftauben.
Wie feil dem deutsch-französischen Krieg der Luft- schisffahrt seitens aller Heeresleitungen ein reges Inten sie g-widmet wird, um in einem zukünftigen Krieg sich derselben zu Erkundigungszwecken zu bedienen, ist auch dar Brieftaubenwesen, das früher in der Hauptsache nur als Sport betrieben wurde, in das Bereich der KriegthilfSmittel gezogen worden. Die Brieftauden- zucht hat in dem letzten Jahrzehnt einen so großen Aufschwung genommen, daß die Heeresleitungen in der Entwickelung di.seS ursprünglich unschuldigen Sportes anfangett, eine G fahr zu sehen, gegen die es einen gesetzmäßigen Schutz aufzurichten wohl nothwendig wird. Zunächst ist das französische Kriegsministerium in der Sache vorgegangen, indem es einen Gesetzentwurf der Armeekommission vorgelegt hat, der, auf dem Umstand fußend, daß u. a. in Belgien im Jahr 1890 drei Millionen Brieftauben eingeführt und für Flüge nach Paris, Bordeaux und Bayonne angelernt wurden, das Biieftaubenwesen gesetzlich regeln soll. Es liegt auf der Hand, daß durch Einrichtung geheimer Korrespondenz- tüüen durch Brieftauben dem Staat schon im Fall innerer Unruhen, namentlich aber im Kriegsfall, erheblicher Schaden zugefügt werden kann, und die französische Regierung erfüllt demnach nur ein Gebot der Vorsicht, wenn sie, dem Beispiel Rußlands folgend, darangeht, den Betrieb der Bneftaubcupost unter staatliche Aufsicht zu nehmen. Auch dem deutschen Reichstag soll demnächst ein Gesetzentwurf, das Brieftaubenwesen betreffend, zugehen , dessen wesentlichste Bestimmungen sich dem französischer« Muster anschließen dürften. Dieses gipfelt, wie wir in der „Reichswehr" erschienenen Uebersetzung desselben entnehmen, darin, daß alljährlich Zählungen der Brieftauben durch die Maires vorzunehnnn sind, denen die Eigenthümer unbedingt alle bezüglichen Angaben, bei Strafe von 100—2000 Frk. im UmgehungS- fall zu machen haben. Jeder Besitzer von Brieftauben, der im Lauf des Jahres einen neuen Schlag eröffnet, sowie Jedermann, der ständig oder vorübergehend Brieftauben empfängt, ist unter Androhung derselben Strafe im UingehungSfall gehalten, binnen zwei Tagen dem Maire Anzeige zuzustellen und die Herkunft seiner Tauben anzugeben. Mit Gefängnis von 3 Monaten bis zu 2 Jahren wird nächstdem Jedermann bestraft, der innerhalb der Grenzen der französischen Republik heimlich einen Taubenschlag anlegt oder Tauben ständig oder vorübergehend hätt, um Verbindung mit dem Aus land hcrzustellen. Auch soll die Regierung ermächtigt werden, durch Dekret jede Einfuhr fremder Tauben nach Frankreich zu verbieten und ebenso jedes Hin- und Hersenden von Brieftauben innerhalb des Landes zu untersagen.
Deutsche- Reich.
Berlin. Mit üblichem Prunk hat Montag Vormittag der Kaiser, als Oberhaupt des Ordens vom Schwarzen Adler, im hiesigen königlichen Schlosse die Investitur bei Prinzen Adolf zu Schaumburg-Lippe, des Fürsten Karl v Lich- nowski, des Herzogs zu Sagan, des Generals v. Albe- dyll und des Generals Freiherrn v. Meerscheidt-Hüllessem vollzöge» und sodann ein Kapitel abgehalten.
Berlin, 15. Januar. Da» Dienstmädchen Machu», welches wegen Ermordung ihrer Herrin, des Fiäulein Adler, angeklagt war, wurde von den Geschworenen des TodtschlagS unter erschwerenden Umständen schuldig befunden und zu lebenslänglichem Zuchthaus verurtheilt
Berlin, 14. Januar. Der preußische Landtag ist heute im Weißen Saal des kgl. Schlosse» durch den Reichskanzler und M nisterpräsidenten Grafen Caprivi nad) Vorlesung einer Thronrede e> öffnet worden. Dieselbe besagt, was folgt: Es fei nicht ausgeschlossen, daß sich in Folge der Steigerung der Ausgaben namentlich bei den Staatseiscnbahnen für das laufende Jahr ein den Ueberschuß des Jahres 1890/91 übersteigender Fehlbetrag herausstellen werde. Demgemäß habe auch die Aufbesserung der Befolgungen der Staatsbeamten noch nicht in der wünscbenswerthen Weise weitergeführt werden könren. Nur für die Verbesserung der äußeren Lage der höheren Lehrer seien die erforderlichen Beträge
in das Budget eingestellt worden. Die Thronrede kündigt dann die Einbringung einer Borlage betr. die Gewährung einer Entschädigung an die reichsunmittel baren Familien wegen Aufhebung der Befreiung von Personalsteuern, sowie eine Vorlage betr. die Verwendung des Welfenfonds an und betont, daß eine Vorlage betr. die Grundsätze für eine zentrale Staatshaushaltung in Vorbereitung fei. Der Entwurf eines Volksschulgesetzes werde wieder vorgelegt werden; für die Gewährung staatlicher Beihilfen zur Beseitigung der Stollgebühren würden Mittel eingestellt werden, eine Abänderung für da» Polizei-Kostengesetz werde vorgelegt und die Ueber- tragung der Wohlfahrtspolizei an die Gemeindebehörden in den Städten werde eingeteitet werden. Angekündigt werden ferner: Vorlagen betr. die Rechtsverhältnisse der nicht unter das Gesetz vom Jahr 1838 fallenden Eisenbahnen , sowie betr. die Erweiterung und bessere Ausrüstung der Staatsbahnen und betr. die Durchführung der Novelle zur Gewerbeordnung beim Bergbau. Die äußere Lage, sowie die auswärtige Politik sind in der Thronrede nicht berührt.
. P«sc«, den 16. Januar. DaS hiesige Schwurgericht verurtheilte heute den Arbeiter Hofsmann wegen Ermordung bei zehnjährigen Sohne» des Schriftsetzers Berner wiederum zum Tode, nachdem das Reichsgericht das TodeSurtheil eines früheren Schwurgericht-Hofes aufgehoben und nochmalige Verhandlung des Prozesses angeordnet hatte. — Hoffmann ist übrigens schon von einem andern Schwurgericht rechtskräftig zum Tode verurtheilt worden, und zwar in Magdeburg wegen Ermordung eine- zehnjährigen Knaben.
Einen eigenartigen Selbstmord vollsührte ein junges Mädchen aus Ehdtktlhxei». Schwermüthig aus unglücklicher Liebe, begab sie sich dieser Tage unbemerkt zu der im vollen Gange befindlicher Windmühle der nahe gelegenen Dorfes I. und trat unter den Windmühlflügel. Mit furchtbarer Gewalt traf er das Mädchen gegen die Schläfe, so daß die Bedauern-werthe blutüberströmt eine Strecke fortgeschleudert wurde. Die herbeieilenden Müllerknappen fanden da» Mädchen todt vor.
®UgM, 16. Januar. Unter Anklage, seine Ehefrau auf deren au»drückliche» und ernster Verlangen getödtet zu haben, stand heule der Bahnarbeiter Friedrich Schwabe aus ObenLeschcn, Kreis Sprottau, vor der Strafkammer bei hiesigen Landgerichts. Nachdem Schwabe mit seiner Frau 42 Jahre in guter Ehe gelebt hatte, erlitt die Frau im September v. I. einen Schlaganfall und mußte da« Bett hüten. Da sie große Schmerzen hatte und eine Besserung ihres Zustandes nicht zu erwarten war, bat sie ihren Mann, daß er sie todten solle. Schwabe ergriff einen Stiefelknecht und versetzte damit seiner Frau einen derartigen Schlag auf den Kopf, daß der Tod sofort eintrat. Da» Urtheil des Gerichtshofes lautete auf fünf Jahre Gefängniß.
Zena, 13. Januar. Am Freitag v. W. hatte ein Fleischermeister von einem Dorf bei Großschwabhausen 8 Hammel geholt. Unterweg» gelang er dreien der Thiere, zu entspringen; zwei wurden wieden eingefangen, während die» bei dem dritten nicht gelungen ist. In der Nacht auf den Sonnabend war frischer Schnee gefallen, infolgedessen der Jagdpächter vor R. in sein Revier ging, um auf dem Neuschnee nach Wildspuren zu suchen. DaS Glück war ihm hold, bald hatte er eine Spur gefunden, die nur von einem Rehbock herrühren konnte! Schnell wurden die Jagdfreunde in den benachbarten Orten G. und M. davon benachrichtigt und bald befanden sich 6 Weidmänner auf der Suche nach dem „Rehbock". Die Spur, die in ein niedere» Gehölz führte, wurde verfolgt und richtig, man stieß auf den „Rehbock". Ein Schuß krachte und tödlich getroffen stürzte der „Rehbock" mit einem lauten „Mäh" zusammen. Die 7 Jäger sollen mit ihrer Beute durchaus nicht stolz den Heimweg angetreten haben. — Große Not herrscht gegenwärtig in dem fast ausschließlich von Protestanten bevölkerten fränkischen Pfarrdorf Schwarzenbach a. W. Das dortige Pfarramt veröffentlicht einen eindringlichen Hülferuf, in welchem gesagt ist, daß die ohnehin armen Bewohner, fast durchgehendes Handwerker, seit biei Monaten ohne Beschäftigung sind und infolge dessen ihr Leben in der kläglichsten Weise fristen. Der Pfarrer ist Zeuge davon, daß eine Familie von 8 Köpfen Tag für Tag 10 Pfg. Mehl mit Wasser zu einem Brei anrührt und in der Ofenröhre dörrt, als Tagesnahrung für 8 Personen. — In einem
thüringischen Walddorf war eine Frau ihres Lebens überdrüssig und hatte den Entschluß gefaßt, durch Erschießen demselben ein Ende zu machen. Zu diesem Behuf nahm sie ein Quantum Pulver, häufte dasselbe in ihrer Stube auf ein großes Stück Papier und legte eine Bleikugel darauf. Nachdem die Vorbereitungen so beendet waren unb sie mit einem letzten Stoßgebet Abschied vom Leben genommen hatte, setzte sie sich ungefähr Handhoch über den Haufen und emfachte ein Streichholz, um das todbringende Schießpulver zu entzünden. Das Pulver verpuffte zwar allerdings ohne die gewünschte Wirkung auszuüben, doch hat die Frau an der Kehrseite ihres lebensmüden Körpers böse Brandwunden davongetragen.
Trier, U. Jan. Die diesjährigen Kaisermanöver werden bei Trier abzchalten werden. Das 8. (Rheinische) Korps wird gegen das 16. (Metzer) Korps manöverircn.
Ausland
L-Ndsn, 13, Januar. Einer Depesche des „Lloyd" aus Hongkong vom 13. Januar zufolge, ist der Dampfer „Nanchow", welcher in den chinesischen Gewässern den Dienst besorgte, bei den Kupcho-Spitzen untergegangen. 414 Menschen sind dabei umgekommen, darunter die ganze europäische Mannschaft. Das Unglück wurde durch einen Bruch des Schraubenschaftes veranlaßt.
In Amsterdam wurden die Raubthiere im Zoologischen Garten, aber nur die aus den Tropen stammenden, von der Influenza ergriffen. Bis jetzt hat der Garten neun Exemplare. Tiger und Leoparden, darunter einen prachtvollen Königstiger, verloren; am ersten Tage geberben sich die Thiere wie rasend, am zweiten sind sie matt und stumpfsinnig und verenden dann am dritten Tage.
Afit». Meldungen aus Teheran bezeichnen die Lage der Christen in Persten als schr gefährdet. Die Erregung gegen die Engländer wegen des Tabaksmonopols habe sich auch anf andere Europäer ausgedehnt. Es wird eine Christen-Verfolgung befürchtet. In Kaswin und Kamon (Kerman? Red.) hätten die Einwohner die Gouverneure mißhandelt. JnTeheranseienProklamationcu angeschlagen, die jedem Perser, der die Tramway benutzt, mit der englischen Bank Geschäfte eingeht oder mit Tabak handelt, mit dem Tode bedrohen. Wie verlautet, ist eine große Verschwörung zum Sturze des Großveziers entdeckt. Die Regierung scheint nicht in der Lage, der Bewegung Herr zu werden.
Lokales uud Provinzielles.
Schlüchtern, 19. Jau.
* — Bei dem jetzt stattfindenden Umtausch der Quittungskarten werden vielfach Karten vorgelegt, in denen die Marken seitens derArbeitgeber durch Durchstreichen entwerlhet sind. Im Interesse der Arbeitgeber, Dienstherrschaften rc. wird darauf aufmerksam gemacht, daß Marken nur in der Weise entwerthet werden dürfen, daß der Entwerthungslag entweder mit Tinte oder mit einem Stempel auf den Marken eingetragen wird z. B. „15. 1. 9Q» Hierbei ist zu beobachten, daß die Loh .- klaffe und Versicherungsanstalt nicht unleserlich werden. Eine anderweitige Entwerthung ist unzulässig. Eine Verpflichtung zur Entwerthung der Marken besteht für die Arbeitgeber rc. nicht.
*— Wir nehmen Veranlassung, an dieser Stelle auf die morgen, Mitwoch Abend im Theater stattfindende Benefizvorstellung für Frl. Elise Dietrich aufmerksam zu machen. Zur Aufführung kommt das Lustspiel „Er muß aufs Land".
* — Der „Reichanzeiger" schreibt: „Die neuerdings in der Presse verbreiteten Nachrichten, daß die Einziehung der silbernen 20-Pfenuizstücke beabsichtigt wäre oder sogar unmittelbar bevorstehe, entbehren jeder Begründung.
* — Aus der Verloosung der Frankfurter elektrotechnischen Ausstellung ist, wie wir schon dieser Tage meldeten, ein Hauptgewinn von rwauzigtausend Mack unerhoben geblieben. Ilebr den Verbleib des Gewinn- looses ist nun in Nürnberg ein eigenthümliches Gerücht im Umlauf. Ein dortiger Schlosser, der während der Ausstellung in Frankfurt gearbeitet, soll das Loos gekauft haben. Vor der Ziehung, heißt es weiter, sei er gestorben. In der Tasche des Gewandes, in dem er beerdigt worden, befände sich das Glücksvocument, und die Wittwe des Verstorbenen, welche die Nummer des Looses sich notirt hatte, gehe nun mit der Absicht um.