Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt* u. .Jllustrirtem Familienfreund" vicrteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf
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4 3« Samstag, den 9. Januar 1892.
QUf dle „Schlüchterner Zeitung" jPlpllLUuilyi H werden noch fortwährend von allen ------------ — —■ Postanstalten und Landbriefträgern owie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsche- Reich.
Berlin, 5. Januar. Die in ausländischen Blättern wiederholt aufgetauchte Nachricht, der Kaiser beabsichtige zu der goldenen Hochzeit des dänischen Königspaares nach Kopenhagen zu reisen, wird jetzt von offiziöser Seite entschieden für falsch erklärt.
* — S. M. der deutsche Kaiser soll auch an II den Papst zu Neujahr ein sehr freundliches Glückwunsch- ' Telegramm gesandt haben. Die Antwort des Papstes habe der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die Beziehungen Deutschlands zum Vatikan immer gute sein mögen und daß der Kaiser erfolgreich sei im Kampf gegen den Sozialismus, den Feind jeder Religion und des Reiches. Der Pariser „Temps" will in Erfahrung gebracht haben, daß sich in dem Telegramm des deutschen KaisersfolgcnderSatz befinde: „Ich bitte den Allmächtigen, daß er ein Leben erhalten möge, das so kostbar ist für die Interessen der Religion wie die Bewahrung freundschaftlicher Beziehungen zum Reiche."
* — Die Berliner „National-Zeitung" schreibt in ihrer am Dienstag Abend hier eingetroffenen Nummer wörtlich, was folgt: Aus dem Koch'schen Institut für Infektionskrankheiten kommt die Kunde, daß die längst vermutete Entstehungsursache der Influenza in einem
- besonders gearteten Bazillus gefunden ist. Bald nach dem Wiederauftreten der Influenza in Berlin im No-
l vember v. I. begann der Vorsteher der wissenschaftlichen Abteilung am Koch'schen Institut, Privatdozent Dr. Richard Pfeiffer, dort und in der Krankenabteilung . des Instituts experimentelle Studien über die Influenza Erreger und auf Grund dieser combinierten Methode gelang es ihm in verhältnismäßig kurzer Zeit, festzu- steüen, daß die Influenza eine einfache Infektionskrankheit ist, welche durch einen Bazillus von außerordentlich kleiner Stäbchenform verursacht und auf dem Wege der Atmung übertragen wird. Dr. Pfeiffer hat seine Arbeiten bereits abgeschlossen und wird das Ergebnis derselben demnächst in einer medizinischen Fachzeitschrift veröffentlichen. Also wieder ein entdeckter Bazillus! Hoffentlich ist Herr Dr. Pfeiffer mit seinem Jnfluenza- Bazillus glücklicher als sein Schwiegervater Koch mit seinem Tuberkel-Bazillus.
* — Die Fcsitagsbratcn und sonstigen Leckerbissen, welche bei der Berliner Post als unbestellbar zurückgeblieben waren, find jetzt versteigert. Hasen, von welchen sich ein ganzer Berg angesammelt hatte, wurden bis zwei Mark bezahlt pio Stück, Butter konnte man drei Pfund für 60 Pf. haben und Kuchen gab es fast umsonst.
* — Dem amerikanischen Mais steht iuDeutschland eine weitere bedeutende Verwendung bevor. Er sollnämlich bei der Seifenfabrikation benutzt werden. Bisher haben die Seifen- sabrikanten in Deutschland Leinöl benutzt, dassie aus Rußland bezogen,wegen der dort stattgefundenen Mitzernteabermußten sie sich nach eineranderen Bezugsquelle umsehen. Sie versuchten
p es mit ostindischemOel, doch bewährte es sich nicht. Einhervor ragender Chemiker entschied nach vielen Versuchen, daß das aus Mais gewonnene Oel ambesten verwendbar für die Fabrikanten sei, und jetzt beziehen sie ihren Bedarf von Chicago. Man nimmt an, daß dieses Geschäft jährlich 30 bis 40 Millionen Bushel Mais benöthigen dürfte. Dieser Industriezweig verspricht eine ungeheure Ausdehnung zu erlangen und dem amerikanischen Mais einen neuen bedeutenden Absatz zu sichern.
* — Die überseeische Auswanderung aus dem ' deutschen Reiche über deutsche Häfen, Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam war nach dem letzten Monatshefte zur Statistik des deutschen Reichs im November abermals größer als in einem der entsprechenden Monate der acht Vorjahre. Es wanderten nämlich auf dem angegebenen Wege aus 8835 Personen gegen 7345 im November 1890, 5622 im November 1889, 6108 im November 1888, 6691, 6140, 4889, 6183 und 8683 im Nov. der Jahre bis 1883 zurück. Seit Beginn 1891 bis Ende November sind im Ganzen 111,714 Personen ausgewandert, gegen 89,303, 87,402, 95,819, 97,247, 76,981 und 104,920 im entsprechenden Zeitraum der Jahre bis 1885 zurück. Woher kommt die zunehmende Flucht aus bet Heimath?
Ein eigenartiger Rechtsstreit ist in Spandau entbrannt. Ein Rentner hatte ein Baugeschäft beauftragt, für ihn an der Potsdamer Chaussee ein Wohnhaus im Villenstil zu errichten. Um für dasselbe ein Muster zu haben, fuhr der Bauherr mit dem Meister nach einem Berliner Vorort, der eine Villa aufzuweisen hat, vie dem Auftraggeber besonders gefiel. Genau nach dem Vorbild sollte nun das Landhaus ausgeführt werden. Der Bau wurde in Angriff genommen und vollendet. Als er fertig war, stellte es sich heraus, daß wohl die Form dieselbe war, ober nicht die Größe. Das neue Haus war kleiner als jenes Vorbild. Der Erbauer erklärt, daß er für den ausbedungenen Preis ein umfangreicheres Gebäude nicht hätte herstellen sönnen; der Bauherr meinte aber, daß ihn dies nichts anginge, denn er habe ein Haus verlangt, welches in jeder Hinsicht dem Muster gleiche. Er will das Gebäude nun nicht abuehmcn. Auf den Ausgong des Streites kann man gespannt sein.
Posen. Arm und verlassen ist im Alter von 90 Jahren der Adjutant des polnischen Revolutionsgenerals Gielgud, Stanislaus v. Kakzynski, gestorben. Er nahm an allen Gefechten des Jahres 1831 Theil, floh dann in's Ausland und lebte dürftig in Südamerika lange Jahre, bis er zurückkehren durfte. Sein Vermögen, über 500,000 Thaler, war eingezogen worden. Als Tagelöhner fristete er sein Leben.
Freiwaldau, 4. Jan. In dem höchsten Sudeten- borfe, dem in schauerlicher Einsamkeit gelegenen Reih- Wiesen, ist eine ganze Häuslerfamilie an Entkräftung durch Hunger gestorben, nachdem die einzelnen Glieder an Influenza und Lungenentzündung erkrankt', ohne daß ihnen in ihrer Verlassenheit Hilfe nahte. Erst nach einigen Tagen fand man die Leichen.
Oschatz, 4. Januar. Um seinen Vetter zu besuchen, ist ein von hier gebürtiger Hauowerksbnrsche, der Schuhmacher Karl Dietrich, zu Fuß durch die Türkei, Mittel- asien, China nach der Halbinsel Korea gewandert, wo der zu besuchende Vetter in Söul vor zwei Jahren als Monteur weilte. Das deutsche Konsulat in der genannten chinesischen Stadt meldet das Eintreffen des unternehmungslustigen Handwerksburschen nach hier. Derselbe hat zur seiner Wanderung etwa zwei Jahre gebraucht.
SchneiSemühl, 24. Dezember. Hier hat man ein großes Diebes- und Hehlernest ausgenommen. Schon seit Jahren waren die von hier aus Abends nachBeiliu abgeyenden Güterzüge bestohlen worden. Vergeblich aber fahndete die Bahnverwaltung auf die Thäter. Jetzt hat es sich herausgestellt, daß ein Bahnwärter, Namens Zarcmba, mit Genossen die Diebstähle ausgeführt hat. Lei einer Haussuchung bei Z. fand man ein ganzes Magazin von allerlei Gegenständen, Tuchen, Kleiderballen und Galauteriewaaren. Z. hatte seine ganze Verwandtschaft bei dem „Geschäfte" betheiligt. Der Hauptspitzbube ist der Schwiegersohn des Z. gcweien, der als Hülfsbremser immer die betreffenden Güter auf der Strecke seines Schwiegervaters hinaus^e- worfen hat.
Aus Schwelm wird zur Warnung für andere ge- schrieben: Ein hiesiger Herr hatte die Bezeichnung „Fabrikarbeiterin" auf der Alters- und Juvaliditäts-Versiche- rungs-Qnittungskarte seines Dienstmädchens durchstrichen und darüber „Dienstmädchen" geschrieben. Die Folge dieser im vollen Rechtsbewutztsein geschehenen Handlung ist nun die, daß sich derselbe demnächst vor der Strafkammer wegen Urkundenfälschung zu verantworten haben wird. Dieser Fall klinzt wie ein Märchen, ist aber, wie die dortige Zeitung versichert, der Wahrheit entsprechend. Es kann daher nur dringend geraten werden, nicht die gerinafte Aenderung an einer Quitlungskarte vorzunehmen.
Oldenburg, 3. Januar. Das gestern Abend statt- gefunbene, bereits telegraphisch gemeldete Bahn Unglück fand in der Nähe der Station Wüstmg, auf der Strecke Oldenburg-Bremen, und zwar auf einer Blockstation bei dem Reiherholze, wo in der Regel wegen des auf dieser Strecke herrschenden starken Verkehrs der zuerst anlangende Zug auf den zunächst fälligen zu warten hat, statt. Eine an dieser Stelle von Bremen einge-- troffene leere Lokomotive hatte nun auf den von hier um 848 Uhr abführenden Personenzug zu warten, jedoch hatte dieselbe, aus welcher Ursache, hat noch nicht fest- gestellt werden können, die Station früher verlassen, als zulässig war, und fuhr so dem unterwegs befindlichen
P rsonenzuge entgegen. Glücklicherweise erspähte der Lokomotivführer des Personenzuges die Gefahr frühzeitig genug und gab sofort das Signal zum Halten. Der Zug war schon beinahe zum Stehen gebracht, da fuhr die leere Lokomotive mit voller Kraft auf diesen los und so erfolgte die Katastrophe. Die leere Lokomotive wurde von dem heftigen Anprall fast ganz zertrümmert, mehrere Meter zurückgeschleudert, und begrub unter den Trümmern den Lokomotivführer und den Heizer, welche gleich darauf todt darunter hervorgezogen wurden. Der Lokomotivführer und der Heizer des Personenzuges wurden schwer verletzt, ebenfalls ein Bremser, während die Passagiere des Zuges nur mit dem Schrecken davongekommen sind.
Wilhelmshafen, 2. Januar. Ein sonderbarer Sylvesterscherz ist hier in der Neujahrsnacht gewagt worden. Während ein Theil der Besatzung des in der hiesigen Werft liegenden Panzerschiffs „Oldenburg" das Schiff verlassen hatte, wurde das Dampfbeiboot im Wasserbassin versenkt und war bis heute Morgen noch nicht wieder gehoben. Eine solche That muß von langer Hand vorbereitet gewesen sein. Daß sozialdemokratische Elemente dabei ihre Hände im Spiel gehabt haben, dürfte daraus hervorgehen, daß am Neujahrsmorgen an Stelle der Kriegsflagge eine rothe Fahne am Hock gehißt war. Uebrigens fand sich eine solche auch an den Fahnenstangen verschiedener als Gegner der Sozialdemokratin bekannter Bürger. Die Untersuchung ist eingeleitet.
In Herfard erschlug die Ehefrau des Arbeiters Formel den Taglöhner Twiesbrock, mit dem sie Abends in ihrer Wohnung Schnaps gezecht hatte, mit einem Küchenbeil. Der Schädel war in der ganzen Länge gespalten. DaS gefährliche Weib ist sofort verhaftet worden.
Schreckliche Blutthaten hat am Neujahrstag in Kreuz-ach ein Wahnsinniger verübt. Derselbe, ein Zimmermann Namens Mann, drang in die Wohnung eines Nachbars ein, schoß dessen kranken Sohn nieder, schlug die Tochter zu Boden, kehrte dann in die eigene Wohnung zurück und verwundete zwei seiner Kinder schwer. Als endlich die Polizei kam, zerschmetterte sich der Rasende durch eine mit Wasser geladene Pistole den Kopf.
Nürnberg, 3. Januar. Vierzehn hiesige Brauereien, darunter die größten Firmen, haben folgende Erklärung erlassen: „Die unterzeichneten Brauereifirmen geben, um vielfachen Mißverständnissen über den ausgebrochenen Streik zu begegnen, hiermit bekannt, daß bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von höchstens 12 bis 14 Stunden die Lohnsätze für unsere Brauburschen sich zwischen 80—150 Mark baar pro Monat bewegen. Außerdem gewährt jede Brauerei ihren Burschen mindestens 7 Liter Bier pro Tag in der Qualität, wie es unsere Abnehmer zugeführt erhalten, sowie freies Quartier. In allen Brauereien werden überdies noch Gratifikationen und Weihnachtsgeschenke gegeben. Der ausgebrochene Streik ist nur ein künstlich erzeugter, was beweist, daß von hier beschäftigten 500 Gehilfen nur 112 die Arbeit niedergelegt haben."
Augsburg, 31. Dez. Die hiesige Lebensmittelpolizei beschäftigt sich gegenwärtig vorzugsweise mit der Untersuchung des amerikanischen Schweinefetts. Die diesbezügliche chemische Untersuchung hat schon sehr schlimme Resultate zu Tage gefördert, indem die meisten Proben, abgesehen von Fetten aus thierischen Abfällen, hauptsächlich mit großen Quantitäten von dem in Amerika massenhaft gewonnenen Baumwoll-Samenöl vermischt, demnach gefälscht sind, und dieses Produkt ist kaum die Hälfte unseres guten Schweinefetts werth. Man sollte überhaupt Bedenken tragen, ein solch' gefälschtes Fett als Nahrungsmittel zu verwenden, der Verwendung zu gewerblichen Zwecken steht natürlich nichts int Wege. Die staatliche Untersuchungsanstalt in München hat in jüngster Zeit von 110 Proben amerikanischen Schweinefetts nicht weniger als 77 gefälscht befunden, wovon die meisten Proben im Regierungsbezirke Schwaben und Neuburg fcilgehalten wurden.
Aus Bamberg wird gemeldet, daß der seiner Zeit von dein Unteroffizier Gutgesell durch Begießen mit faltem Wasser arg mißhandelte Soldat, der infolgedessen die Sprache verloren hat, jetzt mit 40 Mark Pension per Monat aus dem Heer entlassen worden ist!
Im Berliner Vorort Lichtenberg hat sich ein bedauerlicher Vorfall ^getragen. Ein dort wohnhafter Maler