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Winter in Sibirien.

Freitag, den 3. Januar 1886, verließen Georg Kennan und der Zeichner Frost die Hauptstadt von Ost-Sibirien, Jrkutsk, um eine Reise von etwa 4000 Meilen nach S. Petersburg anzutreten. Der Weg führte über Minusinsk und Tobolsk. Die Ausrüstung der Reisenden bestand in einem Reiseschlirten ohne Sitzbänke, mit niedrigen Kufen, breiten Spreizen und einer Art Wagenverdeck, das bei stürmischem Wetter durch einen Ledervorhang geschlossen werden konnte; ferner aus einem sehr schweren, mit Schaf­pelz gefütterten Sack von 6 Fuß Breite und 9 Fuß Länge, in welchem beide dicht bei einander, ihrer vollen Länge nach liegen konnten; acht oder zehn Kissen und Polstern von verschiedener Größe, um die Hohlräume zwischen dem Gepäck auszufüllen und die Kraft der Stöße auf unebenen Straßen zu brechen, drei Ueberröcken für jeden aus weichem, langwolligem Schafpelz, Umfang und Gewicht derart ab­gestuft, daß sie sich jeder Temperatur vom Gefrierpunkt bis 80 Grad darunter anpassen konnten; in sehr langen und schweren Filzstiefeln, Pelzmützen, Fausthandschuhen und ein wenig Proviant, der hauptsächlich in Thee, Zucker, Brot, kvndensirter Milch, gekochtem Schinken, Bouillontafeln und einem Paar gebratener Birkhühner bestand.

Eine Temperatur von 40 Grad unter Null würde einen gekochten Schinken in eine Masse verwandeln, die sich ebenso wenig zum Essen eignet, wie ein Sandstein- Klotz.Da wir diese Thatsache durch traurige Erfahrungen genugsam kennen gelernt hatten, so waren Herr Frost und ich zu der löblichen Gewohnheit gekommen, Lebensmittel, die Feuchtigkeit enthielten, entweder unter uns oder in den Schafpelz zwischen uns zu legen, wo sie nicht so stark einfrieren konnten."

Als wir uns Donnerstag, den 14. Januar, der Stadt Kansk näherten, fiel das Thermometer bis auf 30 Grad unter Null und in der folgenden bis auf 40. Wir litten heftig von der Kälte, besonders in der langen Zeit zwischen Mitternacht und Tagesanbruch, wo es unmöglich war, auf den Paststationen irgend etwas Warmes zu erlangen, und unsere sämtlichen Lebensgeister herabsanken. Mehr als einmal waren wir trotz der Schwere und Wärme unserer Kleidung so steif und kalt zwischen den einzelnen Stationen geworden, daß wir kaum aus unserem Schlitten herauskriechen konnten.

Durch die vereinte Wirkung eines Dutzend nordischer Schneestürme und 4000 oder 5000 schwerer Frachtschlitten war der tiefe Schnee auf diesem Theil der Landstraße zu einer Reihe mächtiger Querwälle zusammengetrieben und festgestaut worden, die dem sibirischen Reisenden als Ukhabi" bekannt sind. Diese verhärteten Schneewellen maßen 4 bis 5 Fuß in der Höhe und 15 bis 20 Fuß in der Breite von einem Kamm zum anderen, und das Stoßen und Schütteln unseres schweren Schlitten, wenn er den einen Wellenberg hinanklomm, um sogleich wieder im nächsten Wellenthal zu versinken, rüttelte jedes Glied durch und zerrte an jeder einzelnen Nervenfaser im Leibe. Durch die Kälte, die Schlaflosigkeit und die Stöße war ich schließlich so erschöpft, daß ich mich auf jeder Post­station, besonders des Nachts, ohne Decke oder Kissen hätte auf den Fußboden werfen mögen, um nur, während die Pferde angeschirrt wurden, fünf bis zehn Minuten zu schlafen.

Zwischen Kuskunskaja und Krasnojarsk hatte Kennan die niedrigste Temperatur des Winters durch,zumachen 45 Grad unter Null. Dampfwolken erhoben sich die ganze Zeit über von den Leibern der Pferde: die Frachtwagen- Karawanen waren beständig in Nebel gehüllt, und häufig, nachdem wir an einer derselben vorübergekommen waren, konnten wir die Straße eine Viertelmeile lang dicht mit gefrorenem Dunstniederschlag bedeckt finden. Wenn wir die Thür eines Stationshauses öffneten, so schien eine große Menge Dampf vor uns her hineinzudringen; kleine Punstwölkchen spielten um die Vertiefungen und Spalten

der Fenster und Thüren, und in einem warmen Zimmer sammelte sich an den inneren Enden der eisernen Bolzen, die durch die Fensterverkleidung ins Freie reichten, weißer Reif in beinahe halbzölliger Dicke an. Den ganzen Frei­tag und Sonnabend, den 15. und 16. Januar, hielten wir fast an jeder Poststation, um Thee zu trinken, und trotz­dem konnten wir uns nicht erwärmen. Das rührte zum Theil von der außerordentlichen Strenge der Witterung und zum Theil davon her, daß wir alle fünf bis zehn Minuten aus unserem Schlitten heransklettern mußten, um dem Kutscher beizustehen, die Pferde durch den tiefen, weichen Schnee auf der Seite der Straße zu ziehen, auf die wir hatten hinübermüssen, um einen langen Zug von Frachtschlitten vorbeizulassen. Sonntag, bcn' 17. Januar, neun Tage nach unserer Abreise von Jrkutsk, fuhren wir in die Provinzialstadt Krasnojarsk ein, nachdem wir mit 43 Haltepunkten eine Reise von gegen 700 englischen Meilen gemacht hatten. E. A.

Erfahrung eines Heizers.

Ein Seemann berichtet:Seit drei Jahren bin ich Feuermann auf deutschen Dampfern; doppelt so lange habe ich als Matrose auf verschiedenen Schiffen gefahren. Wie ich dazu kam, meinen Beruf zu wechseln, kennzeichnet unsere Verhältnisse und giebt einen Wink, inwiefern Besse­rung dringend nothwendig ist. Auf dem Hamburger Dampfer A., auf welchem ich als Matrose gemustert hatte, wurde ich von meinem Vorgesetzten, dem ersten Steuer­mann, gefragt, ob ich willens sei, im Heizraum zu helfen, da die an Bord befindlichen Heizer nicht imstande wären, genügend Dampf zu halten. Es wurde mir gleichzeitig eine Sondervergütung in Aussicht gestellt, und ich willigte deshalb, auf meine Gesundheit und Körperkräfte vertrauend, ein. Als freudig begrüßte Hilfe wurde ich während meiner ersten Wache von meinen Kollegen im Heizraum fleißig mit Branntwein bewirthet. Der Fusel that dann bei der Hitze auch bald seine Wirkung, und ich sah, als meine Wache vorbei war, ein, das; ein Feuermann sein Brot wirklich sauer verdienen muß. Nur um den Sticheleien meiner Kameraden zu entgehen, ging ich wieder in den Heizraum. Diesmal arbeitete ich aber, ohne Branntwein zu trinken, und so halte ich es noch bis auf den heutigen Tag. Die Arbeit fällt mir nicht übermäßig sauer, obgleich ich in der Zwischenzeit schon schwere Schiffe gehabt habe.

Chinefrfche Handlungsgehilfen.

In China wohnt auch der verheiratete Handlungs­gehilfe durchgehends im Geschäftshanse. Dreimal im Monat erhält er die Erlaubniß, nach seiner Wohnung zurückzUkehren, um dort einen Tag bei seiner Frau und Familie zuzubringen. Den Rest seines Lebens bringt er vollständig im Geschäftsräume zu. Hier arbeitet, ißt und trinkt, schläft und ruht er. Er empfängt auch seine Freunde daselbst, raucht und liest Zeitungen. Gegen 11 Uhr abends erfolgt gewöhnlich der Schluß des Geschäftes. Dann bringen die Hausdiener das hölzerne Bett für jeden der Gehilfen in den Laden hinein und rollen sein Bettzeug auf. Am folgenden Morgen wird alles wieder wegge­räumt. Ein regelmäßiges Frühstück wird den Gehilfen nicht verabreicht. Von den in den Straßen umherwandern­den Bäckern kaufen sie eine Art Pasteten, die mit Thee verzehrt werden. Gegen 11 bis 12 Uhr wird im Laden zu Mittag gegessen. Die Gehilfen sitzen mit den Geschäfts­führern und etwaigen guten Kunden, die sich gerade im Hause befinden, zusammen. Die Mahlzeit besteht meist aus Reis und drei anderen Gerichten. Nach Tisch wird Wasser zum Mundausspülen herumgereicht. Dann wird geraucht, Thee getrunken und einige Stunden geschlafen. Nach dem Abendessen werden die Kunden mit ihren Laternen immer seltener. Die Gehilfen schlafen auf Stühlen, bis ihnen um 11 oder 12 Uhr das Bett bereitet ist.