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Mittwoch, den 23. Dezember
1891
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Schlächtern, im Dezember 1891.
Die geringeren Leistungen d» freien Hilfskaffen im Vergleich zu den Zwangskassen gehen deutlich aus der Krankeukassenstatistik hervor, auf die sich Minister v. Vötticher während der letzten Reichstagsverhandlungen zur Krankenkassennovelle berief.
Die Krankheitsdauer ist bei den Mitgliedern der freien Hülfskassen länger als die Krankheitsdauer bei den Mitgliedern der Zwangskasscn. Bei der ersteren dauert ein Krankheitsfall im Durchschnitt 18,3 Tage, bei letzteren schwankt er zwischen 14,2 und 16,7 Tagen; die Durchschnittsdauer bei allen Kassenarten übersteigt die Krankheitsdauer bei den eingeschriebenen Hülfskassen um etwa 12 pEt. Das kommt daher, weil eben der Arzt nicht so häufig und nicht so zeitig zu dem Patienten, der der freien Hülfskasse a« gehört, kommt, wie das der Fall ist bei den Patienten der Zwangskassen. Ein ähnliches Ergebniß liefert die Betrachtung der Zahl der Krankentage, welche auf das einzelne Kassenmitglied entfallen. Diese beträgt pro Mitglied bei der Gemeinde- krankenversicherung 3,86, bei den Ortskrankenkassen 5,40,
bei den Betriebskrankenkassen 5,85, bei den Baukrankenkassen , die wegen des krankheitsgefährlichen Betriebs hier besonders hervortrete», 8,20, und bei den Juuungs- krankenkassen 4,18; sie beträgt aber bei den eingeschriebenen Hülfskassen 6,60 und bei den landesrechtlichen Hülfs- kassen 6,31. Dabei sind noch die Hülfskassen in Bezug auf die Auswahl ihrer Mitglieder bekanntlich sehr viel günstiger gestellt als die Zwangskassen, weil sie nicht, wie die letzteren, Jeden nehmen müssen ohne Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand.
Die Vertreter der Hilfskaffen berufen sich immer darauf, daß sich, wenn man ihre Aufwendungen auf die Zahl der Mitglieder vercheile, eine höhere Aufwendung auf das einzelne Mitglied, als für den Durchschnitt aller Kassen ergebe. Viel richtiger aber ist es, wenn man die Rechnung so aufmacht, daß man ausrechnet, wieviel Aufwendungen kommen bei jeder Kassenart auf den einzelnen Krankentag? Daraus kann man einen zutreffenden Schluß ziehen, welche Kassenkategorie mehr leistet, und namentlich nach der Richtung, daß die ärztliche Behandlung gesichert ist. Da ergibt sich denn, daß auf einen Krankentag Krankheitskosten entfallen bei der Gemeindekrankenversicherung 1,77, bei der Ortskrankenkasse 2,01, bei den Betriebskrankenkassen 2,56, bei den Baukrankenkassen 2,37, bei den Jnnungskranken- kassen 2,10, bei den eingeschriebenen Hülfskassen 1,95 und bei den landesrechtlichen Hülfskassen 1,98. Im Durchschnitt aller dieser Kassenarten kostet der Krankentag 2,12 Mark. Hinter diesem Durchschnitt bleiben die eingeschriebenen Hülfskassen nicht unerheblich zurück, sie leisten also für den Krankentag weniger als den Durchschnitt.
Endlich, ein dritter Beweis dafür, daß die Vortheile bei den eingeschriebenen Hülfskassen im Gesammtdurch- schnitt gelinget sind, möchte sich daraus entnehmen lassen, daß, während im Jahre 1889 bei den Gemeinde- Krankenversicherungen die Krankheitskosten 7 Millionen betragen haben und die Beiträge der Arbeitnehmer 4 Millionen — bei den Ortskrankenkassen belaufen sich diese Beträge auf 27 und 23 Millionen — bei den eingeschriebenen Hülfskassen 10 Millionen Krankheitskosten erwachsen sind und dagegen von den Mitgliedern der freien Hülfskassen über 12 Millionen an Beiträgen und Eintrittsgeldern aufgewendet worden sind. Die Mitglieder der freien Hülfskassen haben also 2 Millionen und etwas darüber mehr gezahlt, als ihnen an Krankenunterstützung und ärztlicher Fürsorge zugewendet worden ist.
Landrath Stubenrauch ausgebrachten Trinkspruchs: „Sie erwähnten der beiden Hanptelemente, der Luft und des Lichts, der Gaben unseres allgütigen Gottes, dieser Grundelemente, die für den Landwirth, wie er hier hauptsächlich vertreten ist, nöthig sind. Ich möchte glauben, daß der Geber von Luft und Licht diejenigen, die berufen sind, unter ihnen zu verweilen, in ihnen zu arbeiten und ihr Lebtag darin sich zu bewegen, die gerne Luft und Licht als ihr Eigen betrachten wollen, auch mit einem weiteren Horizont geschaffen hat. Ich habe das Gefühl, und ich hege keinen Zweifel, daß nicht nur die Landwirthe speziell dieser Provinz, sondern meines gesammten Reiches die Empfindung haben werden, daß nach wie vor wir zusammengehören, wir miteinander arbeiten, miteinander fühlen, und daß stets das alte Hohenzollernsche Wort „Suum cuiqueiC auch im höchsten Maße auf die Landwirthschaft in Anwendung zu bringe» ist. Ich hege die Ueberzeugung, daß dieses Wort bei Ihnen fest im Herzen sitzt trotz aller Versuche, wie sie von verschiedenen Seiten her zur Erzielung des Gegentheils bei Ihnen gemacht werden."
Der Herausgeber.
DeutscheS Reich.
Berlin, 21. Dez. Bei der am Freitag stattgehabten
Einweihung des Teltower Kreishauses in Berlin sprach
der Kaiser auch über die Landwirthschaft. Er sagte n hem Reichsanzeiger zufolge in Erwiderung eines vomsc
* — Dem Reichskanzler von Caprivi wurde vom Kaiser der Grafentitel verliehen.
* — 17. Dezember. Dem „Rhein. Kurier" zufolge bringt die preußische Regierung ganz unzweifelhaft binnen kurzer Zeit einen Gesetzentwurf ein, durch welchen die Erbschaftsauflegung in allen Fällen, auch wenn überlebende Gatten und Kinder erben, verfügt wird, so daß dann alle Steuerhinterziehungen ans Licht kommen.
* — Es steht leider fest, daß neuerdings in Berlin wieder Verhandlungen über eine neue russische Anleihe im Gang sind. Nach der „Kreuz-Zeitung" meldet die „Post", daß die Berliner Handelsgesellschaft mit der Eisenbahn Kursk Kiew unterhandelt über einen bedeutenden Vorschuß auf Prioritäts-Akien, welche die genannte russische Eisenbahn zunächst in Pfand geben will, um sie später im geeigneten Moment auf den deutschen Markt bringen zu lassen. Diese Prioritäts-Aktien sollen, was sehr bemerkenswerth ist und bish-r nur bei russischen Staatsanleihen der Fall war, in Gold verzinslich sein. Die Thatsache, daß es nicht der Staat, sondern ein Privat-Jnftitut ist, welches das Geschäft abzuschließen gedenkt, darf die Presse nicht abhalten, der Sache ihre volle Aufmerksamkeit zu widmen. Wie die „Post" sehr richtig bemerkt, ist das Verhältniß der russischen Eisenbahnen zur dortigen Regierung bekannt genug, um außer Zweifel zu stellen, daß es sich hier nur um eine versteckte Staatsanleihe handelt. Man kann daher das deutsche Publikum nur vor jeder Betheiligung an derartigen Geschäften auf das Eindringlichste warnen. Es handelt sich darum, das deutsche Geld einer Macht in die Hände zu spielen, die, während Millionen ihrer Unterthanen hungern, keinen Augenblick aufhört, die Kriegsrüstung gegen Deutschland zu verstärken, und die, wenn sie eines Tages eine Unterscheidung zwischen ihren Gläubigern zu machen genöthigt sein sollte, uns Deutsche gewiß nicht bevorzugen wird.
Hamburg, 17. Dezember. Wegen des in Brasilien (besonders in Santos) herrschenden gelben Fiebers ist hier die Desinfektion aller von dort einlaufenden Schiffe angeordnet worden. Mehrere Hamburger Dampfer, welche von dort ausliefen, hatten unterwegs Todesfälle aufzuweisen, welche durch das gelbe Fieber veranlaßt wurden. Die durch europäische Schiffe hierher gebrachten Schilderungen von der in Santos wüthenden Epidemie klingen furchtbar.
Dresden, 15. Dezember. In der vorigen Woche wurde hier ein ausständiger BuchdruÄergehülfe verhaftet, der eine geheime Druckerei betrieb und einen großen Vorrath verbotener sozialdemokratischer Schriften besaß. Weitere Verhaftungen von Helfern sind erfolgt. Die Polizei hat hier und in der Umgebung gestern 13 be-
kannte Mitglieder der sozialdemokratischen Partei fest-
genommen.
Görlitz, 19. Dezember. Heute Morgen 8 Uhr fand die Hinrichtung des vom hiesigen Schwurgericht wegen Raubmordes an der Schlächtcrwittwe Topolinski in Burg- hammer zum Tode verurtheilten Schlossers Wilhelm Klein aus Burghammer durch den Scharfrichter Reindel aus Magdeburg statt.
BreSla«, 19. Dezember. In Görlitz wurde der Raubmörder Klein heute von dem Scharfrichter Reindel enthauptet.
München, 12. Dezember. Eine vom Kreidebruchbesitzer Bcrtsch in Tölz entdeckte und von einer Kommanditgesellschaft Kurmäßig auSgebeuteie Jodquelle sKaiser, quelle) hat sich als Schwindel, als ein durch einen chemisch gefüllten Mischkessel geleitetes Büchlein erwiesen. Bcrtsch ist flüchtig, sein Vermögen wegen Betrugs beschlagnahmt. Die Gesellschaft „Kaiserquelle" hat in diesem ersten Jahre 12,000 M. Gewinn gehabt. Ein hiesiger Bankier verliert 45,000 Mark. Bertsch hatte eigenhändig die Quellenfassung hergestellt und bereitete Nachts die Mischung. Die Geschichte dauerte ein oder zwei Jahre. Bei der Haussuchung fand sich eine Quelle überhaupt nicht. Ein hiesiger Arzt soll der „Quelle" nahestehen. Die Entdeckung erfolgte auf die Denuncitaion eines TölzerS.
Im „Lauterbacher Anzeiger" liest man: Ein junger Zimmermanu vom benachbarten Angersbach hat die Zeichnung eines von ihm erfundenen Repetir - Gewehres bei d r hessischen Regierung eingereicht. Das Gewehr soll wie bisher eine Blechkapsel mit 11 Patronen aufnehmen und durch einen Druck mit dem Daumen, ohne Absetzen des Gewehres, die neue Patrone vorgeschoben werden. Das Absetzen nach jedem Schuß, Auf- und Zumachen der Kammer, und Ansspringen der Patronenhülse soll vermieden werden. Nach 11 Schuß wird die Blechkapsel mit den Hülsen durch eine andere ergängt. Die Idee ist gut; bezüglich der praktischen Verwerthung müssen wir das Gutachten der Techniker abwarten.
Augsburg, 19. Dez. Der Raubmörder Tremmel wurde heute Vormittags hier hingerichtet. Der Mörder starb gefaßt.
Wie aus Mannheim geschrieben wird, sind in jünster Zeit badische Fünfmarkstücke in Silber vom Jahre 1891 im Umlauf, deren Prägung viel zu wünschen übrig läßt. So fehlt in her Umschrift Friedrich Grossherzog von Baden in dem E in Friedrich der untere Berbindungsstrich , im H der obere nach der Mitte hin. In dem Worte Grossherzog fehlt ein 8, in Baden fehlt der mittlere Verbindungsstrich im A, so daß das Wort, so wie eS geprägt ist, überhaupt nicht auszusprechen ist, ganz abgesehen davon, daß das letzte N vollständig fehlerhaft ist.
Baden Baden, 17. Dezember. Hier hat man mitten in der Stadt eine Höhle entdeckt. Den Weg hierzu fand man durch den Neubau des Rathhauses, unter welchem sich die Höhle 10 Meter tief befindet und in den Berg hinein führt. Dieselbe ist Jahrhunderte alt; die Fundgegenstände, die man herausholte, gehören der römischen und vorrömischen Zeit an; man hofft, noch mehrere werthvollere Gegenstände zu erhalten. Bei der Entdeckung war die Höhle mit Wasser gefüllt, das man auspumpte und welches muthmaßlich mit den heißen Quellen nicht in Verbindung steht, obwohl hierauf bezügliche Substanzen darin gefunden wurden. Die Größe der Höhle ist noch nicht genau anzugeben; die Höhe beträgt zwischen 3 bis 10 Mkr., die Breite zwischen 3 bis 5 Mtr.
Vom Schöffengericht zu Trier wurde ein Lehrer, welcher einem Schüler 2 leichte Ohrfeigen versetzt hatte, zu 10 Mark Geldstrafe verurtheilt, da dem Lehrer nur ein Züchtigungsrecht in seiner Familie znstehe!
In BoPPard wollte, angeregt durch Wirthshausgespräche über Selbstmorde, ein Küferlehrling nur des Scherzes halber es einmal probiren, sich zu erhängen, da dies der sanfteste Tod sei. Der untergestellte Gegenstand glitt aus und so ist denn die frevelhafte Probe leider vollständig gelungen. Als der Küfermeister dazu kam, war es bereits zur Rettung zu spät.
Dcs hl. Wcihaachtsscstes Wegen erscheint nächsten Samstag kein Blatt.