SchlüchtemerMung
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^ 98. Mittwoch, den 9. Dezember 1891.
schießt, wie ein Duell, und wenn Jemand einen „Blutigen" weg hat, so geht er zum Verbandplätze. Infolge der größeren Tragfähigkeit d.s Projektils werden künftig auch die Verbandplätze weiter zurückgelegt werden müssen. Wenn nun jeder Verwundetenträger 400 Schritte mechr machen muß und wenn man weiß, was es heißt, einen schweren Mann sammt Gebäck zu tragen, dann begreift man, daß der Verwundetentransport in großen Massen und lange Zeit hintereinander absolut undurchführbar sein werde. Die Verbandplätze werden bei den schnelleren Truppenbewegungen ebenfalls öfter gewechselt werden müssen. Man kann ja einen Verbandplatz nicht überall errichten. Man muß dazu ein Haus, einen Wald oder einen Graben oder eine gedeckte Scheuer suchen. Die Zahl der Träger, die ohnedies sehr gering ist, wird daher bedeutend vermehrt werden müssen, ja es wird die Nothwendigkeit eintreten, eine große Anzahl von Wagen unmittelbar hinter der Schlacht ordnung aufzustellen, um die Verwundeten fortzuführen.
Redner bespricht sodann den Einfluß des rauchlosen Pulvers auf die zukünftige Kriegführung. Er verweist darauf, daß die Erstürmurg von festen Punkten nur mit der größten Aufopferung des Militärs gemacht werden könne, hier komm n wahre Heldenthaten, besonders bei Offizieren, vor. Wenn in solchen Füllen, wie z. B. bei der Erstürmung des Gaisberges in der Schlacht von Weißenburg, die Offiziere nicht zuerst an fangen, die Truppe fängt nicht an. Bei der Erstürmung des Gaisberges fiel zuerst der Oberst, dann der Hauptmann, und endlich hat ein junger Secondelieutenant die Fabne genommen. Bei der Vertheidigung haben sich die Franzosen in gleicher Weise benommen. Da sieht man geradezu einen furor patrioticus; des sind auch die Fälle, wo die kolossale Masse von Verletzungen Vorkommen. „Ich erinnere mich noch," sagte Hofrath Billroth, „au einen Pariser jungen Secondelieutenant von 18 Jahren, welcher 14 Schüsse hatte, und erst als ihm durch den letzten der Oberschenkel zerschmettert wurde, hinstürzte; so lange hatte er seinen Degen und seine Fahne gehalten. (Bewegung). In diesem Falle wird das rauchschwache Pulver für die bedienende Mannschaft der Kanonen sehr gefährlich sein.
Endlich ist noch eine Art des Kampfes die gräßlichste von allen, die Menschenjagd. Dos ist die Kampfesweise gegen die Vorposten, wo auf den Soldaten wie auf ein Thier geschossen wird. Die gutmüthigsten Menschen werden dabei von einer Rohheit erfaßt, und wenn man solche Erzählungen mit anhört, erstarrt einem das Blut in den Adern. „Jetzt endlich! Wie ein Hase, drei Mal hat er sich überkugelt!" Durch das rauchlose Pulver wird dieses Hin- und Herschießen der Vorposten noch rascher als bisher erfolgen. Es wird jedenfalls die Folge sein, daß die Anstalten zum Transporte der Verwundeten vermehrt werden müssen. Wir haben da von freiwilligen Anstalten nur den Deutschen Orden. Das vorhandene Material wird aber nicht ausreichcn. Von Seite aller Kciegs-Ver- waltungen wild immer gesagt, große Schlachten seien wie ein Natur-Ereigniß; es sei unmöglich für alle Fälle vorzusorgen. Das ist aber nicht ganz richtig. Es ist nicht so ein Natur-Ereigniß, wie z. B. in Japan, wo durch ein großes Erdbeben auf einmal 5000 Menschen verschwanden. Man kann jetzt schon ziemlich genaue Berechnungen anstellen, was man eventuell braucht. Nehmen wir zum Beispiel an Gravelotte und St. Privat Das war eine der größten Fronten, die sich gegenüber standen. Die Schlacht begann um 12 Uhr und war um 8 Uhr zu Ende. In diesen acht Stunden gab es an ca. 5000 Todte und 15,000 Verwundete. Von den letzteren waren zwei Drittel Leicht- und ein Drittel Schmer-Verwundete, die zurückbehaltm wurden. Für alle Leicht-Verwundeten waren die Eisenbahnen und die Sanitätszüge, mit welchen sie weg transportirt wurden. Wenn man nun annimmt, daß zwei Träger mit einer Trage auf eine Distanz von fünf-, sechs oder siebenhundert Schritten in diesen acht Stunden zehnmal hin und hergehen können, so kommen wir darauf, daß für die obgenannte Schlacht für die Seite der Deutschen fünfhundert Tragen und tausend Träger nothwendig gewesen waren. Da nun die Schlacht siegreich war m d die Deutschen alle Schwer-Verwundeten üb rnehmen mußten — etwa 10,000 Verwundete — so hätte man dafür tausend Tragen und zweitausend Träger haben
Hofratl) Billrotb über den Krieg.
Der lekannte Chirurg Hofrath Professor Dr. Billroth in Wien hat am vorigen Mittwoch in der österreichischen Delegation eine Aufsehen erregende Rede gehalten. Diese Rede, die sich mit den Voikehrungen beschäftigte, die die Militärverwaltungen treffen müssen, um den Verheerungen eines künftigen Krieges, die insbesondere durch die neuen Geschosse und infolge des rauchlosen Pulvers sehr umfangreich zu werden drohen, entgegen zutreten, hat nach einem Bericht der „Wiener Allgemeinen Zeitung" nachstehenden Wortlaut gehabt:
Hofrath Billroth erwähnt zunächst, daß er vor einiger Zeit von einem praktischen Falle eines Knochenbruches seinen Hörern demonstrirt habe, daß die betreffende Wunde genau so aussah, wie eine Schußwunde, und daß er hierbei eine Anzahl von Knochenbrüchen, die er noch aus dem Jahre 1870 aufbewahrt hatte, herbei - holen ließ und daran einige Erörterungen über die Wirkungen des Projektils des neuen Mannlicher-Ge- wehres geknüpft habe. Diese Mitthcilunaen seien in die hiesigen Zeitungen und von da in ausländische Zeitschriften übergegangen, so daß ihm gegenwärtig aus England, Frankreich, Italien und Rußland fortwährend Aufforderungen zugehen, über seinen Vertrag Näheres zu veröffenilichen. Er habe aber keinen Vertrag ge- halten, sondern nur in der Klinik eine gelegentliche Bemerkung gemacht und nur zufällig einen Gedanken ausgesprochen , mit welchem die Welt sich schon lange beschäftigte, die Frage nämlich, ob unsere Vorrichtungen der stärkeren Zerstörung, welche die neue Bewaffnung mit sich bringe, sich gewachsen zeigen werden. Die militärische Erfahrung lehre, daß die Verwundungen infolge von Kanonen- und Granatkugeln außerordentlich gering seien im Verhältniß zu den Verwundungen durch die Gewehrprojektile. In dem Treffen von Weißenburg und Wörth habe Redner Gelegenheit gehabt, die Verwundungen zu sehen, und auch anderwärts habe er die Beobachtung gemacht, daß die wenigsten Verwundungen von der Artillerie herrühren, von der Kavallerie nicht zu reden. In Ziffern ausgedrückt: 80 pCt. Verwundete durch Gewehrprojektile, 15 pCt. grobes Geschütz, 5 pCt. durch Hieb und Stich. Dabei ist natürlich nur von der Feldschlacht die Rede und nicht von den Verletzungen durch Belagerungsgeschütze. Man sagt, es liege das daran, daß die von Kanonenkugeln und großen Granatstücken Getroffenen meist entweder gleich todt sind, oder so schwerverletzt werden, daß sie alsbald sterben Man hat aber im Siebziger-Krieqe auch Listen über die in Massengräber Hineingeworfenen geführt und gefunden, daß die Zahl der durch große Geschütze Verletzten eine sehr kleine ist. Es muß also die militärärztliche Auf. merksamkeit thatsächlich vorwiegend auf das Projektil gerichtet sein.
Ueber die Wirkung des neuen Projektils habe man allerdings keine Erfahrungen, sondern nur Vorstellungen. Die Einen meinen allerdings, es werde nicht so arg werden; man werde künftig aus so großen Entfernungen schießen, daß man entweder gar nicht oder nur wenig treffen oder über die Linie hinwegschießen werde, und man werde überhaupt mehr auf das Hinausmanövcrireu aus den Stellungen sich beschränken und weniger auf die eigentliche Massentödtung. Mit diesem Hinausmanöveriren hat es auch seine Grenzen. Es gehören dazu die Terainbedingungen und auch eine gewisse lokale Uebermacht. Der Siebziger Krieg wurde ja im Großen und Ganzen nach diesen Prinzipien geführt; aber man kann doch nur so lange hinausmanöversten, bis man den Feind in die Festungen hineinmanöverirt hat, und hätten die Franzosen noch genügendes Material gehabt, um von Außen anzugreifen, dann wäre es vielleicht anders gekommen. Endlich muß es doch einmal zum Klappen kommen.
Was nun die Wirkung des neuen Projektils betrifft, so wird dieselbe infolge der größeren Tragfähigkeit und der stärkeren Perkussionskraft eine bedeutendere sein, und es wird die Kugel, die früher nur einen Knochen zerschmetterte, vielleicht noch zwei oder drei Knochen durchschlagen. Die Tragweite der neuen Geschosse soll bis auf 1 ^ Kilometer gehen. Die Zahl der Schwer- Verwundeten wird daher jedenfalls eine viel größere sein und die Armee rasch verkleinert werden. Die Soldaten betrachten diese Art von Kampf, wo man seine Gegner kaum sieht, wo man also auf den „Begriff" Feind
müssen. Die ganze Trägerei im Kriege ist absolut undurchführbar. Nach der Schlacht bei Wörth habe er einen Transport von Verwundeten auf einem Bauern- wazen gesehen; die Wagen waren vollgepfropft mit Verwundeten und auf beiden Seiten hingen die Waffen und die Czakos der Verwundeten herunter — das habe ihn an unsere Wildwägen erinnert, in welchen das größere Wild im Wagen aufgespeichert liege, während die Hasen zu beiden Seiten aufgehängt werden. Diese Verwundeten waren die ganze Nacht und noch ein
Theil des andern Tages auf dem Schlachtfelde gelegen; man hatte sie zuletzt gefunden und man halte zum Glücke noch einen Wagen gefunden. Das sei aber keineswegs ein Zufall, denn der Bauer verstecke den Wagen, weil er nicht wisse, ob er ihn wieder bekomme. Warum soll man gerade bei der Sorge für die Verwundeten von der Vermehrung des Trainwesens absehen? Wenn die Aeronautik solche Fortschritte gemacht haben wird, daß man von oben herunter sümpfen wird, oder wenn man Sprengkugeln haben wird, die von Oben herunter geworfen werden, oder wenn die Elektrizität so weit gediehen sein wird, daß man elektrische Batterien in Luftballons hinaufführt und Blitze herunterfallen läßt — daS seien nickst übertriebene Phantasien. Warum also nicht die Vorsorge für die Verwundeten, entsprechend der vergrößerten Wirkung der Geschosse?
Redner bespricht hierauf die Nothwendigkeit der Klärung der Schlachtfelder bei einbrechender Nacht. Wir besitzen leider die nothwendigen elektrischen Reflektoren noch immer nicht. England, Frankreich hat bereit» diese Apparate, nur wir noch nicht. Der Redner plaidirt zum Schlüsse aus politischen und militärischen Gründen für die Wiedererrichtung des Jofephinums, des mrlitär- ärztlichen Instituts, in Wien.
Der Rede Billroth's folgte anhaltender Beifall und Händeklatschen.
Deutsche- Reich.
Berlin. Der Kaiser ist von der Göhrde, wo er mit dem Prinzen Heinrich, dem Prinzen Leopold und anderen disiinguirlen Personen, unter denen sich der Oberpräsident von Benningsen befand, Hofjagden abgehalten hat, nach dem neuen Palais bei Potsdam zurückgekehrt. — Prinz und Prinzessin Heinrich reisen Dienstag nach Kiel zurück. — Prinz Georg kommt von seiner größeren Reise in den nächsten Tagen zum Wimer- aufenthalt nach Berlin, ebenso die Prinzessin Friedrich Karl, welche mehrere Wochen in Dessau verweilte.
* — Die überseeische Auswanderung aus dem deutschen Reiche über deutsche Häfen, Antwerpen, Amsterdam und Rotterdam betrug in der Zeit vom 1. Januar bis incl. Oktober 192,679 Personen (gegen 81958 in dem gleichen Zutraum von 1890, 81780 in 1889, 80711 in 1888 und 90556 in 1887).
Trebbilt, 2. Dezember. Den Bock zum Gärtner machte unsere Gemeinde, als sie den Polizei-Sergeanten Hoff zum Hüter des Gesetzes in ihren Stauern einsetzte. Schon seit längerer Zeit hatte sich in den benachbarten Wildgehegen ein Wilddieb unangenehm bemerkbar gemacht, so daß die Jagdpächter eine Belohnung von 200 Mk. auf seine Ergreifung setzten. Dieser Tage endlich gelang es einem Waldhüter, den Wilderer in Person des Hoff festzunehmen. Nach einigem Widerstand übergab er sein Gewehr, das er auseinandergenommen unter seinem Rocke verborgen hatte.
Bielefeld, 2. Dezember. Unter der Anklage, daS Eisenbahnunglück in Kirchlengern, bei welchem der CircuS Carrö verunglückte, verschuldet zu haben, standen heute der Stationsaufseher Lange, der Lokomotivführer Büne- mann, welcher den Personenzug führte, und der StationS- diätar Grundmann vor der Sirafkammer. Lange erhielt 1 Jahr, Bünemann 6 Monate Gefängniß, unter Anrechnung der Untersuchungshaft. Grundmann wurde freigesprochen. Eine Reihe Gutachten bekundeten, daß die mangelhaften Bahnhofsanlagen die Hauptschuld trügen: besonders sei die Weiche viel zu kurz. Nicht einmal eine Fahne zum Signalangeben sei vorhanden.
Paderborn, 29. November. Zwei Räuber, die eine zeitlang der Schrecken der hiesigen Gegen» waren, der Andreas Biermann aus Dahl und der Ackerknecht Gerhardt Krischbach aus Büren wutden gestern vom Schwurgericht zu 13'/, bezw. 143/< Jahren Zuchthaus verur- theilt. Beide waren im vergangenen Juni aus dem