ZchlüchternerMung
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^F 97« Samstag, den 5. Dezember 1891.
Deutsche- Reich.
Berlin, 2. Dezember. Der Kaiser empfing heute im neuen Palais den Gouverneur von Kamerun, Zimmerer, sowie den Chef der Victoria-See-Expcdition, Oscar Bor- chert, und lud dieselben sodann zur Frühstückstafel. Die Herren Zimmerer und Borchert werden in den nächsten Tagen von Berlin nach Afrika abreisen. — Die Verlobung der Prinzessin Margarethe vor Preußen, jüngster Schwester des Kaisers, mit dem Prinzen Christian von Dänemark, Enkel des Königs, soll beschlossene Sache sein.
* — Naturalienpreve bei der Trnppenvcrpflegung. Der Militäretat' für 1892/93 enthält im Ordinarium einen Mehrbedarf für fortlaufende Ausgaben in Hohe von 14,3 Millionen Mark. Diese Mehrausgabe ist zum großen Theil durch die Steigerung der Preise für die Naturalienverpflegung der Truppen veranlaßt. Allein für das preußische Kontingent vertheuert sich der Posten Brot- und Fourageverpflegung um 4,8 Millionen Mark. Die Berechnung geschieht so, daß für den Bedarf von April bis 1. October 1892 die im Oktober 1891 wirklich gezahlten Preise angesetzt und für die zweite Hälfte des Jahresbedarfs, für den die künftige Ernte (1892) mit maßgebend ist, die Durchschnittspreise für einen längeren Zeitraum zu Grunde gelegt werden. Der Bedarf an Naturalien für die preußische Armee beträgt: 2802 Centner Weizen, 1830 932 Centner Roggen, 3 470 241 Centner Hafer, 1 641570 Centner Heu, 2 250 918 Centner Stroh. Wir lassen hier die Preise folgen, die im Oktober 1891 wirklich gezahlt wurden und die sich (in Klammern) nach dem zehnjährigen Durchschnitt mit 1881/90 unter Weg- lassung des theuersten und des billigsten Jahres ergeben; für den Zentner: Weizen 11,82 (9,22), Roggen 11,94 (7,58), .Hafer 7,95 (7,23), Heu 2,72 (3,05), Stroh 2,33 (2,72) Mark.
* — Ernteerträgr 1891. Die auf Anregung des Reichskanzlers für das Reichsgebiet angeordneten Erhebungen über die diesjährige Ernte sind für Weizen und Roggen beendet Die Zahlen beruhen auf Schätzungeu sachverständiger Körperschaften und Behörden. Nach den vom Reichsanzeiger mitgethcilten Tabellen beträgt der Ernteertrag im Reiche für 1891: Roggen 6,3 Millionen Tonnen, Weizen 3,3 Millionen Tonnen. Für 1890 waren ermittelt an Roggen vorläufig 6,9 Millionen, definitiv 5,8 Millionen Tonnen, an Weizen vorläufig 3,5, definitiv 3,2 Millionen Tonnen. Im Durchschnitt des Jahrzehnts 1881/90 wurden jährlich geerntet: 5,8 Millionen Tonnen Roggen, 2,9 Millionen Tonnen Weizen. Die Ernte 1891 ist also für beide Fruchtarten und für das Reichsgebiet keineswegs besonders schlecht ausgefallen.
— Auf eine Anfrage des Abg. v. Frege im Reichstage über die Erfahrungen mit der Aufhebung des Schweineeinfuhrverbots erwiderte Staatssekretär von Bötticher, daß nach längeren Verhandlungen mit der Unionsregierung und nach eingehender Darlegung der in Amerika angeordneten Untersuchung man die Ueberzeugung gewonnen habe, daß ohne Gefahr die Zulassung amerikanischer Schweine beschlossen werden könne. Nun sei der Import zuerst sehr bedeutend gewesen, darunter auch Sendungen ohne legales Attest. Da sehr erhebliche Vermögensinteressen deutscher Reichsangehöriger auf dem Spiel standen, wurden solche Sendungen nicht zurückgewiesen, sondern nochmals untersucht. Hereingelassen wurde nur, was geprüft war. Die Zeitungsberichte über Trichinen in amerikanischem Schweinefleisch haben eingehende Untersuchungen veranlaßt, die noch nicht abgeschlossen sind. Die Gesundheit der Reichsangehörigen werde keinenfalls leichtsinnig aufs Spiel gesetzt werden. Jedenfalls werde die Sache auf das Sorgfältigste verfolgt. Abg. Fritzen bestätigt, baß in Düsseldorf die Trichinose in Folge des Genusses von amerikanischem Schweinefleisches tonftatirt sei, und fragt an, ob die Behauptung eines Artikels der „Franks. Ztg." daß Räuchern die Trichinen tödte, richtig sei. Letzteres wird durch Staatssekretär v. Boetticher lebhaft verneint. Der betreffende Artikel sei durchaus unwissenschaftlich, es sei vielmehr konstatirt, daß die Trichine durch Räuchern des Fleisches nicht getötet werde.
* — Der Gemahlin des deutschen Botschafters in Madrid, Baronin Stumm, wurde am Sonntag von der Königin-Regentin Christine von Spanien der Maria Luisa Orden verliehen. Die Königin befestigte eigenhändig an der Brust der Baronin die weiße Schleife des Ordensbandes.
— Weibliche Seherinnen sind in Berliner Buchdruckereien in Folge des Setzer - Ausstandes vielfach eingestellt worden und bewähren sich gut. Namentlich stellt von diesen Süddeutschland eine große Zahl, wo schon seit Jahren weibliches Setzer- und Lehrlingspersonal beschäftigt wird. Für je zwei männliche Setzer arbeiten drei Seherinnen, die natürlich auch geringere Arbeitslöhne erhalten.
Bei Leuschentin in der Nähe Demmins befindet sich eine mehrere Meter tiefe Sandgrube, in der sich dieser Sage acht Kinder befanden, um Sand zu holen. Plötzlich stürzten große Sandmengen herab und begruben sämmtliche Kinder unter sich. Sofort nach Bekanntwerden des Unfalls wurde mit den Rettungsarbeiten begonnen, doch war es für fünf Kinder, drei Knaben und zwei Mädchen, bereits zu spät. Der Jammer der armen Eltern, von denen zwei Familien das einzige Kind verloren haben, war unbeschreiblich.
* — In einem Dorfe des Kreises Gleiwitz ist ein Kind an der neuen rätselhaften Krankheit, welche man die „schwarze Zunge" nennt, erkrankt. Die Aerzte erklären Rettung für ausgeschlossen.
Weimar, 28. November. In der jetzigen Aera der „Konkurse ohne Aktiva" sei als Kuriosum erwähnt, daß ein hiesiger Anwalt in einem Konkursverfahren bekannt giebt, daß die Passiva über 7000 Mk. betragen, während an Aktiven 62 Mk. 38 Pfg. zur Vertheilung verfügbar sind. Letzterer Betrag wird aber von 62 Mk. 38 Pfg. vorberechtigten Forderungen absorbiert. Hiernach ist der Vertheilungsplan der Gläubiger ein höchst einfacher, soweit nämlich nicht noch von diesen ein Kostenbetrag an den Fiskus abzuführen ist.
Würzburg, 29. November. Wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz wurde heute der Bier- brauereibesitzer Heinrich Krämer von Kleinlangheim von der Strafkammer des hiesigen Landgerichts zu 1 Monat 15 Tagen Gefängniß und Tragung der Kosten verur- theilt. Er hatte am 5. Mai d. Js. in seiner Schenk- wirthschaft am Viehmarktplatz zu Kleinlangheim seinem Schenken Schcller mehrere Fäßchen verdorbenes Bier zum Ausschank gesandt, und als dieser eines davon retournirte, weil es die Gäste nicht trinken konnten, sandte er ein neues, gleichfalls mit schlechtem Bier gefülltes Fäßchen. Die Untersuchung ergab, daß das Bier hefentrüb und schlecht zubereitet war. Eine in dem Keller des Krämer vorgenommene Visitation ergab, daß bis auf wenige Fässer der ganze Biervorrath sich in trübem Zustande befand. Der Staatsanwalt hatte 6 Monate Gefängniß und 1 Jahr Ehrverlust beantragt. — Der Bürgermeister von Reith bei Hammelburg, ein reicher und im Bezirk angesehener Mann, ist am Mittwoch wegen dringenden Verdachts, vor ca. 5 Jahren den Forstaufseher Schmidt erschossen zu haben, verhaftet worden.
Mainz, 27. November. Gegen hiesige ausstäudige Buchdruckergehilfen ist Untersuchung wegen Bedrohung solcher Gehilfen, welche die Arbeit nicht niedergelegt haben, eingeleitet worden. In einer gestern Nachmittag abgehaltenen Sitzung des Gewerbegerichts wurde ein Buchdruckergehilfe, der während des Ausstandes Arbeit genommen, aber ohne zu kündigen die Arbeit wieder verlassen hatte, zu einer Entschädigungssumme von 50 Mk. verurtheilt.
Ausland,
Wien, 30. November (W. D-B ) Erzherzog Heinrich von Oesterreich, dessen Gemahlin gestern Abend an der Lungenentzündung gestorben ist, ist heute früh um 8 ’/2 Uhr derselben Krankheit erlegen.
Frankreich. Das neue französischr Spionagegesetz hat so strenge Strafvorschriften, wie kein anderes Reich der Erde. Es bedroht nicht nur die eigentliche Spionage, sondern Alles, was damit auch nur entfernt in Beziehung steht, mit der Todesstrafe.
Lokale- und Provinzielle-, Schluchtern, 4. Dezember.
* — Am 2. Dezember starb zu Steinau an den Folgen eines Schlaganfalls der Kgl. Baurath Herr A. Span gen berg, eine sehr geachtete und weitbekannte Persönlichkeit.
* — Bestätigt wurde die Wiederwahl des Bürgermeisters Schneider in Salmünster auf die Dauer von 12 Jahren.
* — Die Dampfziegelei in der Nähe des Bahnhofs, welche vor Kurzem in andere Hände überging, fertigt jetzt Falzziegel nach französischer Art, welche ungefärbt eine hochrothe Farbe haben und 1'/, Pfund leichter als jedes andere Fabrikat sind. Ebenso hat die Ziegelei die Fabrikation von gebrannten Backsteinen sowie gelben und rothen Verblendsteinen in ihr Bereich gezogen. Es steht mithin zu erwarten, daß das Unternehmen mit nächstem Frühjahr in flotten Betrieb kommt und seinen Besitzern die aufgewendeten Kosten auch bezahlt macht. Bei dieser Gelegenheit ist es wohl am Platze, unternehmungslustige Leute auf die Bodenschätze aufmerksam zu machen, welche in der Umgegend Schlüchterns vorkommen. Da sind vor allem die mächtigen Basaltstein- tager, welche von Jahr zu Jahr mehr ausgebeutet werden und deren vorzügliches Material bereits weit verschickt wird; sogar in Paris legt man jetzt Pflastersteine aus Schlüchtern. Dann sind da die stellenweise recht mächtigen Lager verschiedenartiger Thonerden, von denen zu erwähnen sind die schneeweiße Porzellanerde von Weiperz, welche in ganzen Wagenladungen von einer Porzellanfabrik in Würzburg verarbeitet wird, die seinen weißgrauen Thone von Ahlersbach, Hohenzell und Steinau, die seit langem schon auf Töpferwaaren und auf sog. Tuffsteine verarbeitet werden und nur einer intensiveren Ausbeute harren. Der feinste Gold-Ocker ist am Bernhardswald zu finden, Braunkohlen liefert eine Grube bei Elm, und die Kalköfen bei Steinau erfreuen sich stetig steigenden Absatzes in Nah und Fern mit verschiedenen Kalksorten. Dies alles sind aber nur die Anfänge einer Industrie, die noch ein sehr ergiebig Feld hier fände, wenn sich Personen mit Kapital, Intelligenz und Unternehmungsgeist daran machen würden, die hier gebotenen Gelegenheiten auszunutzen. Groß- Almerode am kleißner in Niederhessen und Klingenberg am Main in Muerfranken verdanken ihre Wohlhabenheit um nicht zu sagen Reichthum fast nur allein den vorhandenen Thonlagern. Und was dort möglich ist kann wohl auch hier gemacht werden.
* — Ein von dem Bauer Heinrich Sperzel zu Mottgers am vorigen Donnerstag geschlachtetes Schwein von 266 Pfnnd wurde durch den Tlichinenbe- schauer Limpert und durch Revision vom Kreisthierarzt Remy für trichinös befunden. Das Schwein ist bei der Kreisviehversicherungs-Anstalt versichert und erhält Herr Sperzel volle Entschädigung. Uebrigens ist diese» feit ganz kurzer Zeit der dritte Fall, wo Trichinen fest- gestellt wurden, deshalb: Um sich vor Schaden zu bewahren, Versichere man mit Haut und Haaren!
* — Bezahlt die Rechnungen an die Handwerker Diese Mahnung richten wir jetzt wieder, da es in den! Weihnachtsmonat hineingeht, an alle Diejenigen, die lediglich aus Nachlässigkeit ihre Rechnungen anstehen lassen. Manch ein Handwerksmann ist dadurch schon ungemein geschädigt worden, daß seine Kunden aus Vergeßlichkeit oder Bequemlichkeit ihre Rechnungen unbezahlt ließen. Nicht allein, daß der Gläubiger dadurch ' womöglich selbst Zahlungsschwierigkeiten hat, wird ihm auch oft das ganze Geschäft vor Weihnachten, das ihn für die ganze Geschäftsstille im Jahre entschädigen soll, verdorben. Er wagt es nicht, seine Kundynzu mahnen, weil er fürchtet, sie gar zu beleidigen und dann wohl ihre Kundschaft zu verlieren. Die RüHcht hierauf zwingt ihn dann, manches Geschäft, zu dem^r flüssiges Geld braucht, von der Hand zu weisen. Dem Keinen Handwerker wird ja nur selten Credit geboten. Aber um so weniger soll man auch von ihm Credit verlangen. Dem Handwerker den Lohn schuldig bleiben, heißt in vielen Fällen, ihn um den Lohn seiner Arbeit bringen. Also: Bezahlt vor dem Beginn des Weihnachtsgeschäfts die Handwerker-Rechnungen, wenn ihr es eben machen könnt.
* — Der Kultusminister hat die Provinzialschul- Kollegien angewiesen, dafür Sorge zu tragen, daß bei den Prüfungen behufs Aufnahme in die Schullehrer- seminare auch die Fertigkeit im Turnen gebührend geprüft und berücksichtigt wird.
* — Eine neue Schwierigkeit stellte sich bei dem neuen Alters-Versicherungs-Gesetz heraus. So zählt dieses Kalenderzahr 53 Beitragswochen, da die 52. Woche mit dem 26. Dezember abgelaufen und Montag den 28. Dezember eine 53. Woche beginnt. Nun steht aber im Gesetz, daß für die Rente niemals mehr als 52 Wochen