SchlüchternerAitung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. .Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
^ 96, Mittwoch, den 2. Dezember 1891.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser und Prinz Heinrich sind von der Jagd zurückgekehrt und werden Ende dieser Woche sich nach Göhrde zur Jagd begeüen. — Die Kaiserin Friedrich und die Prinzessin Margaretha sind von ihrer längeren Reise nach Berlin zurückgekebrt. — Der König von Dänemark ist in Potsdam zum Besuch des Kaiserlichen Hofes eingetroffen und gedachte bereits am Abend wieder abzureisen.
*— 27. November Eine Localkorrespondenz meldet: Die Zahl der an Influenza erkrankten Personen in Berlin beträgt nach ärztlicher Schätzung etwa 40,000 Personen, welche innerhalb der letzten vier Wochen darnieder- gelegen haben. Die Influenza läßt sich diesmal weit bösartiger an als vor zwei Jahren; in den letzten acht Tagen sind, wie die standesamtlichen Listen ausweisen, etwa 30 Personen der Krankheit und deren Folgen erlegen Nach Beobachtungen der Aerzte tritt diese Krankheit nur dann so heftig auf, wenn Patienten, die an der Influenza leiden, das Zimmer verlassen und sich in's Freie begeben; Lungenentzündung ist dann fast unvermeidlich. Aerztlicher- seits empfiehlt man neuerdings das Tragen warmer Kleidung auch bei wärmerer Witterung.
* — Die Sozialdemokratie hat in Berlin massenhaft Vereine aller Art: politische, freireligiöse, Lehr-, Kranken, Bildungs-, Landsmannschastliche, an 60 Gesang-, 60 Vergnügungs-, 20 Musik-, 15 Turn-, 10 Kegel-, 30 Theater-, 30 Rauchvereine und sogar einen Touristen- verein.
München. Wie die „Landh. Zeitung" hört, soll am Freitag auf den Führer des Nachts 10 Uhr 40 Min. hier fälligen Münchener Zuges zwischen Gündlkofeu und Landshut geschossen worden sein. Die Kugel
durchschlug beide Fenster des Schutzdaches. Eine Hand
breite tiefer und die Kugel hätte den Tod des Führers L »k mit Ende d. Js, auch ihre Geltung als einfache Schuld- und möglicherweise ein unabsehbares Unglück für alle f scheine verlieren. Das Gleiche gilt von den 100 Marknoten Passagiere zur Folge haben müssen. Die Gendarmerie der Bremer Bank; bis zum Ablauf jener Frist werden beide
Passagiere zur Folge haben müssen. Die Gendarmerie
wurde noch in derselben Nacht verständigt und fahndet auf den Attentäter. Es soll ein Racheakt vorliegen.
Das Schwurgericht in Coblenz Verurteilte die 41 Jahre alte Ehefrau Anna Barth aus Kreuznach, welche angeklagt war, ihr Kind vorsätzlich derart körperlich mißhandelt zu haben, daß dasselbe starb, zu fünf Jahren Zuchthaus. Die Section der Leiche ergab 104 Verletzungen.
Ein Tüncher in Kiedrich, welcher kein Unterkömmen mehr finden konnte, verließ mit seiner Frau den Ort unter Zurücklassung von 5 unmündigen Kindern.
In Pirmasenz beabsichtigen zahlreiche Handwerker, Arbeiter und kleine Beamte, um den abermals gestiegenen Brodpreisen in etwas begegnen zu können, eine Genossenschaftsbäckerei zu gründen.
Saalseld, 27. Nov. Als Fehlbetrag im Konkurse der „Vereinsbank" wird jetzt bereits die enorme Summe von 312 323 Mk. genannt Viele angesehene Firmen erleiden erhebliche Verluste.
Auf dem Zollamte Borke« sind seit einigen Tagen fünf Fleischbeschauer damit beschäftigt, eine Sendung von 10,000 Kilo amerikanischem Speck zu untersuchen. In mehreren Stücken wurden bereits lebende Trichinen gefunden. Mit der Behauptung des Professors der Hygiene in der „Frankfurter Zeitung", daß die amerikanischen Trichinen stets in abgestorbenem Zustande bei uns anlangen, scheint es demnach nicht so ganz zu stimmen. Auf das End- Ergebniß der Untersuchung darf man mit Recht gespannt sein.
Creseld, 26. November. Heute Morgen gegen 6 Uhr wurde hier ein starkes Erdbeben wahrgenommmen. In dem Hause eines Wirlhs wurde die Zimmerdecke in ihrer ganzen Länge zerrissen. Nach übereinstimmenden Berichten war es eine kurze wellenförmige, von Westen nach Osten gehende Bewegung. In einem Hause der Lindenstraße war die Erschütterung so groß, daß eine schwere Uhr von der Wand herunterfiel. Das Erdbeben dauerte 2—3 Secunden. Aus den vielen Zuschriften über das Erdbeben veröffentlicht die Zeitung folgende: Heute früh vor 6 Uhr wurde ich durch heftiges Schwanken des Bettes aus dem Schlummer gerissen, zugleich vollführten die Gegenstände auf dem Waschtische einen klirrenden Tanz. Es war ein förmliches Rütteln des Bettes, und zwar in der Richtung von Westen nach Ostur. Die Erscheinung, unzweifelhaft ein Erdbeben, hielt mehrere Secunden an. Für mich, der ich noch nie ein Erdbeben erlebt hatte, war die Empfindung eine sehr unheimliche.
Gießen, 25. November. Die Untersuchung gegen eine hier entdeckte Diebesgesellschaft, die aus fünfzehnund sechzehnjährigen Söhnen gutsituirter Familien bestand, fördert immer neues Belastungsmaterial zu Tage. Die von den jugendlichen Dieben gewählte Form der Schülerverbindung mit Farben u. s. w war offenbar nur der relativ harmlose Deckmantel für eine raffinirte verbrecherische Thätigkeit, die ausschließlich die Herbeischaffung von Mitteln zur Befriedigung einer kaum glaublichen wüsten Genußsucht bezweckte. Die Ladendichstähle, die von den jugendlichen Dieben ganz systematisch betrieben wurden, sind noch nicht das schlimmste. Viel bedenklicher sind die Entwendungen von Geldsummen aus verschlossenen Schränken, die mittelst Dietrichen erfolgten.
Ausland.
London. Auf Veranlassung einer alten Jüdin, welche sich partout nach dem Tode verbrennen lassen wollte, traten, als sie starb, der Oberrabhiner von London und die Rabbiner von London. Liverpool und Manchester zu einer Conferenz zusammen und entschieden, eine Leichen- Verbrennung sei bei den Juden durchaus unstatthaft.
Aus China kommen fortgesetzt recht böse Nachrichten. Ein an 10000 Mann starker Haufe von Aufständische zieht auf Peking, wo es an Truppen zur Bekämpfung fehlt. In Kingschu sind die gesammten Chinesen-Christen von dem wüthenden Pöbel erschlagen worden. Die Schiffe der fremden Mächte haben Befehl erhalten, zum Schutze der Europäer in den Hafenstädten sich bereit zu halten.
Lokales unb Provinzielles.
Schluchtern, 1. Dezember.
* — Auf dem Gebiete der Banknoten ist darauf aufmerksam zu machen, daß die 100 Marknoten derHannoverschen
Scheinsorten noch an den Kassen der genannten Bank eingelöst
* — Unterbringung taubstummer Kinder. Das Bundesamt für das Heimatswesen hat unlängst eine wichtige Entscheidung getroffen, wonach die Unterbringung eines armen taubstummen Kindes in eine Taubstummen-Anstalt nicht in das Gebiet der Armenpflege gehört. Einem Hülfsbedürftigen stehe nur Obdach, unentbehrlicher Lebeusunte-halt, Pflege in Krankheitsfällen und ein angemessenes Begräbniß zu. Hierunter falle die Unterbringung in eine Taubstummen-Anstalt, die regelmäßig die Erziehung und nicht die Heilung von einer Krankheit zum Zwecke habe, nicht. Auch der Fall, daß die Pflege des taubstummen Kindes im Elternhause mangelhaft sei, würde das Eintreten der öffentlichen Armenpflege nicht rechtfertigen. Die Entscheidung ist deshalb besonders beachtenswerth, da bislang wohl durchweg die Armenverbände die Unterhaltung eines Taubstummen in einer Anstalt als Armenunterstützung angesehen haben.
* — Milder Winter. Aus verschiedenen Anzeichen will man auf einen milden Winter schließen. Eine alte Wetterregel sagt: „Trägt der Baum das Laub gar lang, wird's vor dem Winter nicht sehr bang." Dieses Jahr aber haben trotz des letzten Frostes noch viele Bäume ihr Laub. Wenn der Ameisenhaufen um die jetzige Zeit noch nicht völlig zur Ruhe gekommen ist, sollen Eis und Schnee nicht gar zu lange dauern; in den Ameisenhaufen aber herrscht noch Leben. Ein alter Förster w.ll aus dem dünnen Pelz und der dünnen Fettschicht der Dachse auf einen gelinden Winter schließen. Mögen diese Prophezeibungen sich nur bewahrheiten, das ist der Wunsch eines Jeden, besonders aber der Armen, die ob der theueren Zeiten mit Bangen dem Winter entgegensehen.
In Kassel wird eine neue Stadtanleihe von 83M Millionen Mk ausgenommen. Schon jetzt hat die Residenz eine Schuldenlast von 11,205,000 Mk. Nach Frankfurt a. M. und Wiesbaden kommen auf Kassel im ganzen Reich die meisten Schulden, nämlich 154 Mk. auf den Kopf der Bevölkerung.
* — Wer ist ein „Hergelaffener" ? Viele Städte und Städtchen rühmen sich, Leute dieses Namens zu besitzen; sie haben ein ehrwürdiges Vorbild in der freien Reichsstadt des ehemaligen heiligen römischen Reiches, Speyer. Diese hatte den Begriff und Umfang des Wortes sogar staatsrechtlich f.frgestellt. Sie theilte nämlich ihre Bürger in fünf Classen: die erste und angesehenste war die der „All da hiesigen," d. h. der
Nachkommen der uralten Geschlechter, es folgten die „Allhiesigen", deren Familien nahe an jene heran- ragten; hatten schon die Großeltern zu Speier gewohnt, so hießen die Enkel „Hiesige", die vierte Classe der Einwohner waren die der „Fremden", welchemindestens zehn Jahre ansäßig waren; zuletzt kamen die unglücklichen „Hergelaufenen", welche noch nicht zehn Jahre in der Stadt gewohnt hatten; sie hatten wenigstens die Aussicht, noch in die Classe der Fremden einzurücken, die der Hiesigen blieb ihnen verschlossen.--
* Uebersicht der Einwohnerzähl der 65 Städte im Regierungsbezirk Cassel. Es haben Einwohner:
Cassel
72.461
Hünfeld
1,716
Hanau
25,027
Rodenberg
1,644
Marburg
14,520
Oldendorf
1,643
Fulda
13,124
Karlshafen
1,64()
Eschwege
9,795
Spangenberg
1,607
Schmalkalden
7,243
Windecken
1,537
Hersfeld
6,681
Neukirchen
1,515
Hofgeismar
4,452
Zierenberg
1,456
Rinteln
4,010
Gersfeld
1,417
Gelnhanseu
3,923
Jmmenhausen
1,360
Melsungen
3,660
Helmarshausen
1,325
Homberg
3,418
Borken
1,302
Orb
3,323
Lichtenau
1,300
Steinbach' Hallenberg 3,260
Gemünden a. W.
1,277
Fritzlar
3,214
Naumburg
1,258
Witzenhausen
3,182
Wetter
1,224
Rotenburg
2,935
Salmünster
1,215
Brotterode
2,830
Rauschenberg
1,148
Allendorf a. W.
2,770
Rosenthal
1,129
Wolfhagen
2,691
Wächtersbach
1,127
Frankenberg
2,659
Waldkappel
1,116
Schluchtern
2,651
Tann
1,109
Großali.wrode
2,465
Frankens«
990
Treysa
2,277
Amöneburg
955
Wanfried
2,252
Schwarzenborn
920
Volkmarsen
2,250
Felsberg
906
Grebenstein
2,152
Soden (Stolzenberg) 890
St ein au
2,138
Sachsenhagen
862
Neustadt
2,071
Schweiusberg
858
Sontra
1,958
Trendelburg
784
Kirchhain
1,836
Liebenau
627
Gudensberg
1,802
Niedenstein
611
Ziegenhain
1,783
Vom Kasseler Schwurgericht wurde dieser Tage gegen 3 Lehrlinge aus Eschwege verhandelt, die unter Anklage standen, einen Mordversuch gegen ihren Lehrherrn, den Schneidermeister Karl R . . . ., unternommen zu haben. Der Lehrling Rullberg erhielt 2 Jahre Gefängniß, Peter 9 Monate Gefängniß, Lang wurde freigesprochen.
Weisungen, 28. November. Durch die Untersuchung ist jetzt fest gestellt, daß die Frau des Schreiners Köhler sich nicht selbst ermordet, sondern von ihrem Manne mit einem Knüppel erschlagen worden ist. D-n Strick hat der Mörder seinem Opfer um den Hals geschlungen, um den Anschein zu erwecken, als habe die Frau sich erhängt.
Die chirurgische Klinik zu Marburg, welche durch einen Anbau eine nennenswerthe Vergrößerung erfahren hat, nimmt Kranke unter folgenden Bedingungen auf: 1. Klasse (Einzelzimmer) täglich 6 Mk., 2. Klasse (2 bis 3 Kranke in einem Zimmer) täglich 4 Mk., 3. Klasse täglich 1,50 Mk. Zählende Kranken finden ohne weiteres Aufnahme, ebenso Arme aus den Kreisen: Marburg, Kirchhain, Ziegenhain und Frankenberg, welche mit einem Armenschein versehen sind. Bei allen übrigen Kranken, welche eine Erleichterung oder ein Freibett be« anspruchen, bedarf es einer vorhergehenden Anfrage.
In Weiler bei Monzingen ereignete sich dieser Tage das überaus seltene Vorkommniß, daß eine zum ersten Male kalbende Kuh ein nicht weniger als 81 Pfund wiegendes Kalb lebend zur Welt brächte. Das ungewöhnlich große neugeborene Thier verendete alsbald.
Das Schwurgericht in.Limburg verurtheilte den 28 jähriger Elementarlehrer Wilhelm Boediger von Offheim wegen Sittlichkeitsverbrechens in vier Fällen und Sittlichkeitsvergehens in sechs Fällen zu einer Zuchthausstrafe von 2 Jahren und sechs Monaten.
Steuern in alter und neuer Zeit.
Bei den Steuerreformen, welche die Gegenwart so mächtig bewegen, dürfte es sich verlohnen, einen flüchtigen Blick auf die Entstehung und Entwickelung der Steuern in der Vergangenheit zu werfen. In dem